Seite 24
Wiesbadener Tagblatt
No. 8»
fctu Kopf schoß, trat gleichzeitig die Erinnerung an jene bc^imtl in dr Verzweiflung auraesioßene Verwünschung vor meine Seele: Möchte Dir Deine Trompete hä Halse flecken kleiden, Du abscheuliche kleine Range!... Il überlief mich heiß nnd kalt. Die Arbeit, der „Königshos- - Alles war vergessen, außer dem Einen, daß so schnell als möglich Hülfe 6t l bei» geschafft werden mußte. Zu« Glück wohnte «in junger Arzt, mit dem ich derzeit fludirt, nicht sehr fern; ich durste auch hoffen, ihn daheim zu treten, da er sich ganz i« Begin» seiner Praxis befand. Mei» versuch gelang. Binnen Kurzem stand Doctor Hubert am Bett der Kinde«. Sofort erkannte «r die Höhe der Gefahr und — daß hier nur die bekannt» Operati >n helfe» könne. Aber ging e« au, in Abwesenheit der Eltern handelnd einzugreisen? Durften wir die Verantwortung allein aus «nr nehmen? Es war unmöglich, die Leute schnell genug herbeizuschaffen, selbst wen« e8 mir gelungen wäre, ihren Aufenthaltsort aus findig zu machen. Das Kind röchelte heftiger; krampfhafte Zuckung«« durchliefen btn kleine« Körper. Doelor Hubert begann feine Instrumente auszupacken. «Ich kann das nicht mehr mit anfdjen," sagte er. .Ich muß thuu, was ich für meine Pflicht halte. Möge mich, wen« ich irrte, die Strafe treffen.--Reiche mir jene
Schöffel mit Waffer herüber, Heinz. D» wirst mich doch unterstütze« können."
.Wen« e» fei» muß — gewiß."
.Zu Gotte» Nameu denn!" sagte er. .In Gotte» Namm wiederholte ich und faltete die Hönde, al» sei ich wieder der Knabe, der betend am Krankenbett der Mutter gekniet. — Hier konnte «nr Gott helfe«. ,Nu« bedarf ich Deine» Beistandes, Hein,. Sei so gut." Doetor Hubert ging an'» Werk! ... War für Augenblicke waren da»! Noch heute vermag ich mich ihrer nicht ohne lebhafte Bewegung zu erinnern l... Auf dem in Gotte» Name« vollzogenen Werke ruhte Gotte» Segen. Die Operation gelang. Bubi war gerettet. Hubert'« ernste« Gestcht strahlte vor Glück» feligkett. .Sieh nur, wie die Züge fich geglättet haben — wie friedlich er nun daliegt," fetzte er — leiser hinzuseyend: .Mein erster Patient!" Zn diesem Augenblick ging die Thür auf; Frau Heise erschien auf der Schwelle und stürzte beim Anblick der befremdliche« Scene mit lautem Auflchrei zum Belte de» Kinde« hi«. .Mei« Kindl Mein Bubi. Allmächtiger! wa» hat man mit unserem Kinde gemacht!?" Nur mit größter Mühe uud ganz allmählich gelang e» «n», die erschrockene und fassungslose Fra« dahin zu bringen, daß sie unsere Erklärungen «nhöite und begriff. Dan« aller» diug» kannte ihre Dankbarkett kein« Grenzen.
„Sie — Sie haben da» Entsetzliche verhütet! Haben «n» unser« Bubi gerettet!" rief sie einmal über da» andere und versuchte meine Hände z« tflfien. Selbstredend verwies ich sie auf Hubert'» wett größere Verdienst, um de» Kinde» Lebe« — der aber wollte von Dankerbezeugung,» erst recht nicht» wissen; rr hatte «m Sinn für feinen ersten Patienten uud gebot der aufgeregteu Mutter sehr energisch, sich ruhig zu verhalte«. Gehorsam kauerte sie fich zu Füßm de» Bette» nieder und heftete die verweinten Auge« fest auf da» kleine, jetzt wieder farblose Antlitz de» schlummernde« Kinde». Da» war der Moment, wo ich mich meiner Mission und de» dazu angelegte«! Visiteuanzuge» wieder erinnerte! Wie seltsam müßte sich letzterer für eine« obj-ctive« Zuschauer tn dem Vorgänge der jüngstveifloss-neu Stunden aulgenommen haben! Ich «ahm meinen Eylinder, drückte Hubert die Hand «nd ging. Für die Visite war e» natürlich zu spät geworden.--
Nun ward Bubi täglich bester und täglich machte ich ibm einen Kranken» besuch. Herr Heise jun. behandelte mich mit herablassender Güte uud geruhte, al« er wieder auf der alte« blaue« Jacke am Bode« zu fitzen vermochte, huldvollst einige seinem zarten Alter entsprechende Spielsachen vo« mit entgegeuzunehmen. Eine» vormittag», als ich mich gerade für de» ves»ch im .Königrhos", der nun ernstlich in Angriff genommen werde« mußte, anzukleide« im Begriff stand, tönten zum erste« Male wieder eia paar Laote an mein Ohr, die an den vielverhetßenden .Hawaii- Säuger" vo« ehedem gemahnte«. Ich begrüßte fie mit aufrichtigem Entzücke«, fuhr schnell «och einmal in meine häusliche Leinweindjoppe und eilte hinüber. Frau Heise blickte mich einigermaßen besorgt an.
»Run wird er Sie wieder stören! Aber überutorgen ist ja schon Ihr Umzugrtag."
.Deshalb komme ich nicht, liebe Fran, sonder« ganz im Gegentheil, am diesem kleinere Künstler meine Gratulation zu seiner ersten .Gesang» probe" au»,»sprech«. Wo ist denn aber Bubi'» treu, Gefährtin, die Trompete?"
»Die hab' ich versteckt. Wir wollen fi, ihm nicht mehr geben; Ihret» wegen nicht, Herr Referendar. Sie Haden so Große» für un» getha« —"
.Nicht» da, liebe Frau! Heran» mit der alten Freundin, wenn Sie mich nicht böse mache« wollen!"
Zögernd ging die Fran zu ihrem Wandschränkchen. Bubi, beste«
Airge Aug« ihr gefolgt waren, stieß beim Anblick der Trompete eine, hrlleu Jubelruf aus und blickte sehr enttäuscht, al» da» Wertstück mst eiugebäudigt wurde. Ich knieete mich, all' meiner Würde vergessend, « dem Kinde auf de» Bode« nieder. .Jawohl, mein Söhnchen, Dn logst sie sogleich habe» und mit geschwind noch etwa» zum Beste» geben, bebe, ich in den .Königshof" gehe, wovon Du mich so lang: zurückgehalteu hast Schau, was Du für ein kleiner Hexenmeister bist, Bubi! Jetzt überliefert Dir der chöse Onkel selber die Waffe, mit der Du ihn so erfolgreich b< kämpft und befiegl!" Noch hielt ich die Trompete etwa» hoch, daß da» Kind ff, nicht erreichen konnte, daneben stand Frau Heise, ihrer Arbett vergessend, mtt einem großen Topfe »nd ditto Kochlöffel tn der Hand. Wir muffe« eine hübsche Gruppe abgegeben haben!.. Langsam senkte fich dir Tro«. Pete zu Bubi herab.
«Ohil Ohiiiiil" jauchzte da» Kind, die Arme nach der geliebte« Gefährtin so vieler einsamer Stunden auSstreckend — — da ging leise die Thür auf; ein stattlicher, älterer Herr erschien hn Rahme» derselbe«. „Verzeihung — man sandte mich hier herauf. Ich such, Herr» Referendar v. Echellwitz." Jawohl, der war ich — aber ich hätte mich in diesem Augenblicke gern verleugnet und al» de« ehrenwerthe» Stuben.ualer Jacob Heise ansgegebenl Leider ging da» Vicht. Tief zerknirscht erhob ich mich, zog meine Jacke zu-echi and trat vor: .Ich bin der Gesuchte mein Herr." Mühsam unterbmte bet alt, Herr ein Lächeln. „Mein Name ist v. W.,' sagte er. .Wenn Mnhamed nicht zum Berge f'mmt, muß sich schon der Berg selbst Bewegung setzen. Wir, meine Klara und ich, wollte» Sie, wenn möglich, sogleich,« Tisch in ben .Kaiserhof' mitnehmen. Geht da«?" Z» diesem Augen- dick tauchte hinter dem Presidenten ein liebliche» MSdcheuge .cht, schelmisch unter rosa Gazewolkeu hervorlächelnd, auf. Ich hätte in die Erde finken wöge» vor Scham »nd Verlegenheit. Herr v. W., der meinen Seelen- zustand ettieth, wandte fich zum Gehern .Mache» Sie fich schnell zurecht, Schellwitz. Wir warte» unten im Wagen." .Aber dürfen wir auch Her» v. Schellwitz feinen — Studien entziehen, Papa?" fragte der rosa Back' fisch ein Bischen malitiö» und stellte fich ans die Fußspitzen, um da» Zimm« Mei überblicken zu könne». .Nicht vorwitzig, Clara Also beeilen Sie sich, Schellwrtz."---Ob Ich mich beeilte! Nach flüchtigem Abschiede M«
Bubi, der meinen Entführer» in richtiger Erkeantnlß de» Sachverhalte» ei« wüthende» Krieg!geheut uachsaudte, seine Trompete wie einen g)atagan drohend dazu schwenkend — beendete ich meinen Anzug und teilte bald darauf, der hübschen naseweisen Clara gegenüberfitzmd, ans weichen Kesse» durch die Straßen der Residenz. Während der Fahrt schon erklärte ich den Herrschaften einigermaßen bie Situation, in welcher sie mich getroffen, mußte aber meine kleine Geschichte, bie ihnen ausnehmend zu gefalle« schien, während be» Mittagessen« in alle« Einzelheiten wiederhole«. Fräulein Clara zeigte fich bei dies', «clegenheit s-hr gutherzig und mädchenhaft. .Wir wollen etwa» Hübsche» — vielleicht ein Sommerklttelche« oder ein Hütchen! für Ihren Bubi kaafea, Herr v. Schellwitz," sagte fie — uud ich darf eo ihm dann selbst bringen uud ihn .fingen" hören, nicht wahr! Wenn da» feine Ding nur nicht so belspiello» häßlich wäre!"
.O, damit ist e» wirklich nicht so arg, al« man zuerst meint. Bubi tat» »«weilen sehr niedlich sein," entgegnete ich eifrig. Ja, so wett war e» mit mir gekommen! Seit jenem Tage, da da» schwache junge Leben gewissermaßen in meiner Ha»d gelegen und durch mein Darzuthuu dem Tod« adglkauft worden war, verknüpfte mtch ein besondere», magnetische« Fädeh« mtt demselben. E» war mir auch immer, al» hätte ich dem Kinde tuxt etwa» adzubttten.....
Kittelche« und Hütchen warben gekauft nnb von Fräulein Slar» eigenhändig abgeliefert. Bei dieser «elegenhett zeigte fich Frau Helse ft aufrichtig beglückt und Budi selbst so unwiderstehlich liebmgwürdig, daß der enihufia»mlrte Baastiq, baldigste Wiederkehr versprach. Clara blieb auch immer Bubi'» wohlwollende, allzett hilfsbereite Schutzpatronin und ist e» noch heute, wo die Trompete längst in ben Ruhestand und Bubi ft eine weniger idyllischen Phrase seine« Leben» getreten.
Uebrigen» habe ich mich an klärchen für jene mit derzeit bereite# Verlegenheit in raifinirlester Weise gerächt —; ich habe fie gehelraiheb Eine nachhaltigere Strafe vermochte selbst mein juridisch geschärfter Seift«* nicht zu ersinnen. Sie leibet sehr darunter. Wir leide» beide — gegenwärtig unter ben musikalischen Leistungen unsere« Jüngsten, dessen stimmnug»- volle Solovorträge mich — obschon ihnen jene, Bubi'« Phantasie «ft- zeichnende Kraft und reizende Originalität vollkommen abgehen - im«« wieder lebhaft an die soeben erzählte kleine Episode au» vergangen« Tage» erinnern!
Eme Trompete hab' ich aber nnserem Jung« bi« jetzt «och nicht Verfügung gestellt
