No. 71
Wiesbadener Tagblatt
Seite 24
umher und fürchten un8 nicht, denn stehen wir nicht allezeit in Gotte» Hand? Wo un» ein hübsche» Mäd-l in dm Weg läuft, halten wir e» i fest nnb küssen er herzhaft, und die Dirne ist un» gar nicht böse, sondern lacht, daß die Perlen,ähne glitzer«.
Freilich, nicht immer lächelt un» so da» Glück Die fröhlich'« Wandertage nehmen ein Ende, daheim sitzen wir im engen Stübchen, rastlo» unserer Arbeit pfl gmd, ärgern uns hernm mit Dicklöpsen nnb Philistern, nnb nur bei Segen Gotte», bie Liebe unserer guten Wetbe», ba» süße Lallen unsere» Kinbe» trösten un» erfceulich über bie Dtbe unserer engen Umgebung. Aber auch schwere Piüsungm bleiben nicht au». Unser einzige» Kind, den kleinen, süßen Engel nimmt der Herr zu fich. Wir weinen, wir wollen ve> zweifeln — aber nein, wir wollen auch hier auf ben Herrn vertrauen, tr wirb t» wohl machen. Wand lt ba» herz-ge Ting doch j tzt obm auf ltchtgiünem Plan, zwei Flügel am Rücken nnb lächelt un» milde zu und an» ben Augen spricht bei Glanz höherer, überseliger Wonne.
So lebt nnb tönt und zittert e» uns au» Eichendorfs'» Bedichten entgegm, so windet sich der Bach seiner Poesie beständig zwischen grünen Büschen und Auen dahin, nur bisweilen eine milde, düstere Schlucht durchbrausend. Ein wenig zu lang zieht fich sein Lauf hin, und e» wird un» zuletzt ein bischen zu viel der Fahrt, der Friedfertigkeit, de» blauen Himmel» und der Gottergebung. Es ist eine alte Gefahr der rügend, langweilig zu werden, wenn man fie zu streng übt, nnb wir Menschen sind nun einmal au» gut und böse gemischt. Aber wahrhaftig, guter Joseph Eichendorff, Niemand soll Dir darob zürnm, denn Du brauchtest nicht zu lügen und Dich besser zu schm nkm, als Du in Wirklichkeit auS- sahft, um bei Poet de» BottvertraueuS, bei stillen Lälber nnb der harmlosen Wanderlust z« werden, tote so mancher Deiner Geuoss-n. der e» Dir gern nachthun wollte; so lieb, so neckisch und harmlos, so kindlich rein, und doch so ernst und frei und beständig und gottesfürchtig wie Deine Muse warst auch Du selber Dein Leben lang, nie hast Du das Elend des Magens kennen gelernt, nie den Jammer de« Herzen», nie die Empörung de» Geistes, und Du warst zu unschuldig, mit nie erlebten Schmerzen zu prunken, Dir Blut in'» Antlitz zu schmiere«, daß die Welt meine, Du habest Dir Wunden im Kampfe geholt, tote eS heute wohl Mode geworden ist. Schlicht und ruhig, wie Deine Poesie, ging Dein Leben dahin und warst Du nie Dichter auch keiner von de« .Großen', so wird die Mensch» beit Dich doch stets zu ihren .Besten' rechnen.
Als Eprößlmg eines alten katholischen Adelrhauses, da» in Schl sie» und Mähren reich begütert war, wurde Jos pH von Eichendo ff am 10. März 1788 auf Lubowitz, dem Schloß seines Later», bei Raiibor geboren. Der Baier war ein Mann von gediegener, Prak.sich« Bldung, stramm, ehrbar, verständig und weitgereist, die Mutter eine Schönheit, Weltdame und künstlerisch veranlagt. Die erste Erziehung Josep j» und seine» älteren Bruder» Wilhelm leitete ein würdiger Geistlicher; Reise» beschreibungen, Romane und vor Allem die Bibel bildeten seine Jugend» Literatur. So war in den Eltern, in seinen ersten Eindrücken schon der Charakter de» Manne» fast völlig fertig. Wanderungen durch Wald nnb Berg waren Joseph» liebste Thälrgkeit, bi» er mit seinem Bruder auf da» katholische Gymnasium in Brellan zu methodischer Ausbildung tarn. Dann bezogen Beide die Universität Halle, wo Wolf, der Philolog, Schleier» wacher und der Natarphtlosoph Steffen» fie ganz besonder» anregten. Zahlreiche Ferienwanderungen unterbrachen auch die Eintönigkeit de» Aufenthalt» rm Hörsaale, bi» die Ueberstedelung nach Heidelberg seinem Leben, Denken, Dichten endlich die entscheidende Richtung »ab.
Hier, wo die deutsche Natur dem Beschauer völlig ihre herrlichsten Reize enthüllt, wo so viele Dichter sich unerschöpfliche Erquickung und Begeisterung geholt, unter bim Rauschen der hoqnämmigen Buchen de» Odeuwalde», in dem anregenden Kreise bei Görre», Arnim, Creuzer, Brentano, Soeben nnb aller Jünger der Neuromantik, die fich damal» am Neckarstrand niedergelassen, hier ward auch Elchendorff zum Mitglied jene» großen Dichteibnnde», der in der Rückkehr zu Natur, Einfalt, Glauben, Mittelalter die einzige Rettung der Dichtung sah. Und die nnanSlösch» kicheu Eindrücke, die er in diesem Orte, unter diesen Menschen empfangen, lebten in ihm fort, verstärkten, geftaltcten sich, al» er wieder allein mit fich selbst in bei Heimaih war, formten fich zu Worten, zu töaenbe« Sätzm, zu ben schönsten unb abgerundetste« Lieder«, die wir tijm verbaute«. Doch Jugend bleibt Jugend, auch dem finnigsten Dichtergemüth wird die Stille bc» Landleben» auf die Dauer unerträglich, unser Poet sehnte sich nach einem weiteren Wirkungskreis, nach Thalen unb Erfolgen Zuerst m Berlin, bann, durch die traurigen Zustände der dortige» Fran» zo enherrfchaft adgeschreckt, 1810 in Wien machte er fich mit ben Aufgabe« bei juristischen Staatsdienste» bekannt uns bestand glänzend seine Prüfungen.
Doch trotz aller Fachstudien versäumte er nicht, engen geistige« Der» kchr zu pflege«, bat ihm die Beste« je«« Zett gern gewährte«. Theodor
Körner, Friedrich Schlegel, Gmtz, der Maler Philipp Veit, und mit 8t. Hage« stürzte er fich in ben Strom bet geselligen Vergnügungen Wie». Da stand da» Volk auf, der Sturm brach lo» und nun hielt e» auch ihn nicht wehr, er trat in da» Lützow'sche Fre corp», bann später in bie schlesische Landwehr. Doch weder kriegerische Lorbeeren noch ein Heldentod war ih« beschieden, öder Garnison- und Lazarethdienst war seine ganze Aufgabe bi» zum Frieden Froh der Beendigung der Kriegsgräuel führte et seine Jugendliebe Luise von Larisch.hetm und war eben daran, sich ein trauliche» Rest zu bereiten, al» ihn bie Trompete zum zweiten Male in'» Feld lief. Doch ba» wollte ihm keine kriegerischen Lotbeeren gewähren, eist nach der Schlacht bei Belle-Miance traf er auf dem Kriegsschauplätze ein. Schnell beruhigten sich wieder die empörte« Woge«, eine lauge Zeit des Frieden» folgte und Eichendo.ff stieg im staatliche« Dienste seiner Heiwitih von Stufe zu Stufe.
1816 war et Regierungs-Referendar in Breslau, 1819 Afi.fior, 1820 Schulrath und ein Jahr später Regierungsrath in Danzig. Jnzwischk» hatte sich sein Itterarischn Ruhm gewaltig erhöht; Gedichte, Stomane, Novellen, Dramen in schneller Folge hatten ihm Freunde unb Verehrer verschafft. Seine Amtrgeschä'te versah er mit b<m größten Fleiß; ja erthai viel mehr; so ist die Wiederherstellung de» OrdeuShause» zu Marienburg zum größten Theil fein Verdienst, wen» « auch in fast rührender Se- scheideuhett in seiner Geschichte dieser Wiederhertz lluug seiner ThätiM nicht einmal «wähnt. Und immer höh« stieg Eichendorff in seiner amtlichen Stellung, «st (1824) Obe, Präsidialrath in Königsberg, bann (1831) Rath in bet damals bestehenden katholischen Adtheilung des CullnS- ministttiumS in Berlin, vereinigte « in einziger Weise die ehrenwerthe Strenge der alrpreußischen Bureaukraten mit der naiven Harmlosigkeit und Fröhlichkeit de» Poeten. Während seine» Aufenthalte» in Ostpreußen verlebte er die glücklichsten Tage in zwanglos heiterer Geselligkelt mit Schoa, AuerSwalb, Befiel, Schnaufe nnb den anderen hervorragenden Mitglieder» der Gesellschaft.
Aber die Zetten wechselte», neue Männer kamen in Berlin an's Ruder, Eichhorn ward Cullusminister und mit seinen Grundsätze« konnte uusek Dichter fich nicht befreunden. Ruch langen vergeblichen Versuchen der Einigung nahm « 1844 feinen Abschied und lebte von nun ab bald i» Danzig, bald in Berlin, Dresden, zul tzt nach dem Tode seiner Tochter auf feinem Landhaus St. Rochus bei Neiße, neben dem Gute Sedlnitz i» Mähren der eiizige Grundbesitz, der ihm von dem einst fo ausgedehnt« Complex de» Vai«» geblieben war, da derselbe fich nach dem Tode M Letzteren al» fo überschuldet erwiesen hatte, daß er vollständig verlaust werden mußte. Am 26. November 1857 starb er. Sein Leben war feta verlo emS, er hatte es ausgenutzt und auSgekoslet bi» auf ba» Kö.nch«.
De» Dasein» Noth, die fürchterliche« Kämpfe de» Physischen, de» sociale« Dasein» hat Eichendorff nie kennen gelernt, wer e» nicht wüßte, könnte e» au» seine« Schriften «fahren. Die falle Tugend hat e» leicht, die Welt im rosigsten Lichte zu schauen, sie kann rntt billigem Achselzucken auf die irrende«, strebenden Kämpfer heiabseh-n, die sich mit ben wütheude» Wogen herumschlagen. Ab« große, gewaltige Schöpfungen, bie fefiell wie mit glühenden Zangen und den Les« nicht au» ihrem Banne lassen, werde« ihm nicht gelingen. Eichendorff leistete Schöne» und Rühmliches im kleinen Sieb, im eugbegreriztm Kreise, fein Talent versagte aber am der Stelle, sowie et fich an größere Aufgaben, ja nur an g ößere Gattung der Poefle wandte. Von seinen Dramen, seinen Romanen hat fich n«V ei» Stück erhalten, selbst von seinen Novellen höchsten» ba» »Leben eine» Tauchcuicht»'. Unb auch diese» - wie harmlos, unbedeutend, unwahrscheinlich, ja nicht selten kindlich erscheine« un» alle diese ausgeklügelte» Abenteu«, wenn wir fie mtt einem durch da» Farbenglas der Literat«- g schichte nicht beeuflaßtrn Auge betrachte». Und seine krttischen »« Irteraturgeschichtlicheu Schriften vollend» find kaum noch den engu« Fachgeuofien bekannt — denn obwohl nicht ohne Wifien und Iritif*® Blick geschrieben, raubt ihre Tendenz, bie Voreingenommenheit **
Unheil», den wissenschaftlichen Werth.
Eichendorff stiht den Urgrund der Poefle nur in der streng katholisch« Weltauschauung nnb vermtheilt, toa» fich beifdbeh nicht streng unterwirft- In den letzten Jahren fein« Muse beschäftigte er fich viel mtt UtW tragnngen an» der spanischen Dichtung, unb seine Verdeutschungen em« Anzahl g-rstlich« Festspiele Ealderon'« find in d« That sehr verdienstlich- Im Ganze« betrachtet, ist Eichendorff keine jener machtvollen Erscheiurmge«, | welche durch die Gewalt ihrer Persönlichkeit dem Gebiet ihre» 6*afftn» neue, unermeßliche Bahnen eröffnen, ab« er hat mit dazu beigetrai«- : die Bah«, in welch« « n.ben Anderen thätig war, zu «wettern, I“ tiefen, anSzubanen und beliebt zu machen, und sei» Name wird deshalb^; wenn auch nicht mtt de« größte« Seit«« — doch feststehen in ben W*1 fchrchtSbücher« da deutsche« Dichtkunst.
