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Wiesbadener Tsgblstt.

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M HO. Samstag -en 10. März 1888.

Kaiser Wilhelm «f*.

i^/L^(^)aiser Wilhelm ist tobt, der erste Kaiser des neuen deutschen Reiches ist nicht mehr. Wenn diese Zeilen in die Hände unserer Leser kommen, hat der elektrische Funke die Kunde davon längst in s die entlegensten Länder, in ferne Steppen und Meere getragen. Und überall, allüberall, wo

gesittete Menschen wohnen, werden sie flüstern: Der alte Kaiser Weißbart, der König der Deutschen, der sein Volk von Sieg zu Sieg geführt, der seinen Namen groß gemacht vor allen Völkern, er ist gestorben. Sie Alle fühlen es mit, was unserer Nation für ein Leid widerfahren. Wir Deutschen aber, wir stehen weinend an der Bahre unseres großen Herrschers, und unfaßlich dünkt es uns noch, daß er wirklich von uns geschieden, der befreit schien von den Naturgesetzen, die dem Leben eine Grenze setzen. Wie eine alte knorrige Eiche, die Sturm und Gewitter überdauert, ragte er empor. So weit er auch das biblische Alter überschritten hatte, Niemand dachte an seinen Tod. Es dünkte seinem Volke, daß er die Hundert erreichen würde. Ohne lange Krankheit, ohne Leiden und Qualen schlummerte er hinüber, sein Tod war sanft wie sein Leben. Denn dieser gewaltige Kriegsheld, der sich schier sagenhafte Lorbeeren um sein Haupt geflochten, er war mild und friedlich gesinnt. Aber die Ereignisse forderten Krieg, und er zögerte nicht sein Schwert zu ziehen, um das sich alle Fürsten und Stämme des deutschen Volkes schaarten.

Wie von alte« Sagen umsponnen war schon sein weißes Haupt, als er noch unter uns weilte; jetzt wird die Legende ihre lichte Glorie um ihn weben und unsere Kinder und Enkel werden singen und sagen von dem alten Kaiser Wilhelm, der das deutsche Reich geeinigt und die fremden Völker bezwungen und milde war und gut. Ihren Enkeln werden die Jüngsten unter uns, die ihn noch gesehen, davon erzählen. Und neben seine großen Vorfahren, den großen Kurfürsten und den großen alten Friedrich, wird ihn die Geschichte an einen Ehrenplatz stellen, ihn, Kaiser Wilhelm den Siegreichen. Ein Denkmal wird sich über seinem Grabe wölben, Denkmäler werden in vielen Städten des Reiches von ihm zeugen, aber das schönste Denkmal hat er sich in den trauernden Herzen seines Volkes gesetzt, das ihn nicht nur bewunderte und verehrte, nein, das ihn liebte, wie man ein theures Haupt der eigenen Familie liebt. Wer je Zeuge gewesen, wie es ihm zugejubelt, wenn er an jenem, nun verwaisten Eckfenster feines Palastes erschien, der weiß es. Mit tiefem Schmerz wird sein Sohn und Nachfolger den Thron des Vaters besteigen. Auch um ihn flehen Millionen zum Himmel empor, daß er ihn vom tückischen Uebel erlöse. Ueber unser Volk aber ist eine schwere Prüfungszeit hereingebrochen. Hoffen wir, daß wir sie siegreich bestehen. In seinem Geiste zu herrschen als Friedens für st und Schiedsrichter Europas, das ist das erhabene Vorbild, das der große Tobte seinen Nachfolgern auf absehbare Zeiten gegeben hat. Wenn sie diese Aufgabe erfüllen, dann wird Kaiser Wilhelm fortleben in lebendiger Gegenwart, wie er fortleben wird in den Jahrbüchern der Geschichte.