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Sette 32 Wiesbadener TagvlaLt» No. 37g

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ie. 21037

mein großes Möbel

WM" Einige Gs!s«-- Speise- und SchlafztWMer» Giurichtnsge«, sowie einzelne Bette« und Warüiturer, billig zu verkaufen. B. Schmitt, Friedrichstraße 13. 21

Ke *. Stimmttngsöikder.

------- Nachdruck verboten.

Der Herr Reichstags-Abgeordnete" trift nun wieder in Berlin erschienen, wo er ein gern gesehener Gast ist und stets das herzlichste Willkommen findet. Die Vermiether und Vermietherinnen der möblirten Wohnungen, die Hausbesitzer, die Inhaber der vornehmen Restaurants, die Veranstalter von WohlthätigkeitS-Soiröen, die Hausfrauen, welche ihre Salons bald heiterer Geselligkeit öffnen wollen, und nicht zuletzt die in Berlin weilenden Fremden sie alle sahen dem Kommen des Volksbote» mit Freude» entgegen.Der Herr Reichstags-Abgeordnete" das klingt so inhaltreich, so vielvermögend, und der Mehrzahl nach brauchen ja auch nicht die Herren jeden Thaler, bevor sie ihn ausgeben, umzudrehen, den Gesellschaften gibt der Reichstags-Abgeordnete eine gewisse Frische, und mit besouderem Vergnügen bemächtigen sich wohlthätige Anstalten zu ihren Aufrufen seines Namens und Titels, und die Fremden, nun, sie finden es überhaupt ungehörig, daß nicht das ganze liebe Jahr hindurch der Reichstag in Berlin seine Sitzungen hält - das müßte man doch als Fremder, der redlich seine Steuern bezahlt und bei der letzten Wahl tapfer seine Stimme abgegeben hat, verlangen können. Was ist für die aus der Provinz zum Besuch hier eintrcff-nden eifrigen Politiker Berlin ohne den Reichstag ein Nichts, ein Schemen, eine große, lärmende Stadt, wie es deren noch mehr gibt. Für sie, die eifrigen Wortführer am heimath- lichen Stammtische, existirt die Reichshauptstadt nur durch oder wegen des Reichstages. Welch' hohe Empfindungen schwellen die Brust, wenn man, das durch den freundlichen Abgeordneten besorgte Billet in der Tasche, die Leipzigerstraße entlang geht, wenn man mit ihnen denselben Weg wandelt, mit den Erwählte» des Volkes, die gewissenhaft große Aktenbündel unter dem Arm tragen, wenn man, von den neidischen Blicken den vergeblich Harrenden gefolgt, den Gang zur Tribüne beschreitet und alsbald den Redeturnieren zuhören kann, behaglich in seinen Sitz zurückgelehnt, und dann nachher erinnerungsreichster Stern des Berliner Aufenthalts womöglich mit dem liebenswürdigen Vertreter der Heimathsstadt in den Couloirs auf- und abwandelt und in dem gemüthlichen Restaurant einen gemeinsamen Imbiß genießt, vis-ä-vis von Eugen Richter und dos-ä-dos von Windthorst, rechts nebenan den Freihcrrn von Stauffenberg und links Bennigsen. Ja, ja,es gibt im Menschenleben Augenblicke wo man dem Weltgeist nah' sich fühlt!"

Doch auch die Reichstags-Abgeordneten selber suchen, wenn uns nicht Alles trögt, gar nicht so ungern den grünen, nun bald weißen Strand der Spree wieder auf. Jetzt schaut ja die Residenz am Verlockendsten aus, ein frisches, fröhliches Leben herrscht überall, an Vergnügungen jeder Art ist kein Mangel und zu den Fractions-Diners geht man ebenso gern wieder hin wie in der vergangenen Saison. Auch die treuen Gattinen und holden Töchterlein werden diesmal nicht so ganz unzufrieden sein, daß der Gatte und Papa dem Rufe nach Berlin folgen mußte Weihnachten steht ja vor der Thür und die Auswahl der Geschenke soll hier eine besonders rei$e sein. Alle also sind zustieden, und der Reichstag, nun er ist diesmal, wenn man von der drückenden Sorge um das theure krouprinzliche Leben absieht, unter günstigen Auspizien eröffnet worden!

Diese ^"ckende Sorge freilich macht sich schwer bemerkbar, sie lahmt Handel und Wandel und breitet fich wie eine bange, schreckensvolle Ahnung über die ganze Restdenz aus, die einem stilleren Winter wie sonfi entgegensieht. Allerdings, trotz des tiefsten Mitgefühls an dem tragischen Schicksal des Thronfolgers könne» nicht alle Lebe»snerven der große»

Stadt unterbunden werden; an täglich wechselndem Amüsement feU^ nicht, und wer Geld und Zeit besitzt, kann stets in dem todtftäbtii*«, Strudel mitschwimmen. Aber die großen, glänzenden Festlichkeiten, Qn denen sich sonst die gesammte Berliner Gesellschaft betheiligt und w'elj, für Viele den Winter in Berlin erst zu einem wahrhaft genußfreudige, machen, sie werde» sich diesmal auf ein Minimum reduziren, wie ja au* auf Veranlassung des Kaisers die Hoffestlichkeiten abgesagt worden sind wie auch der Künstler- und der Presse-Ball fortfallen werden.

Kaum jemals zuvor hat Berlin so schwere, so unheilbrüteude Tage erlebt, nur in gefahrdrohenden Kriegszeite» zeigte sich eine ähnliche Nieder­geschlagenheit und im Gegensatz dazu eine derartig enge Empfindung der Zusammengehörigkeit mit unserem Herrscherhause, wie dies jetzt überall hier hervortritt. Mehr wie je umdrängen Mittags viele Tausende und Abertausende das kaiserliche Palais, aber die Hochrufe, die beim Erscheinen des greise» kaiserlichen Herrn ertönen, sie klingen nicht so jauchzend und jubelnd wie sonst, Wehmuth und Schmerz dämpfen sie zurück, und Manchem unter den Anwesenden mag am Montag der verflossenen Woche die Thrine in das Auge gekommen sein, als der Monarch mit nicht zu verkenneuder Handbewegung die Huldigungen ablehnte, als gleich darauf Prinz Wilhelm Street von San Remo kommend, mit ernsten Mienen die Grüße erwidernd am kaiserlichen Palais vorfuhr, um seinem Großvater mündlichen Berich! abzustatte».

Während schlimme Gerüchte über den Gesundheitszustand der Kaiserin hier in den verflossenen Tagen viel eolportirt wurde», hört man über der Befinden des greisen Monarchen selbst nur Gutes. Von seinem letzten Unwohlsein ist er vollständig genesen und auch die trüben Nachrichten ans San Remo ließen keine» Rückschlag eintreten. In intimen, mit den Hgf- geschichten vertrauten Kreisen wird übrigens aus Anlaß der ernsten Erkrankung des Kronprinzen und der sich stets von Neuem kräftigenden Gesundheit des Kaisers wieder viel einer Prophezeiung gedacht, die vor Jahre» gethan wurde. In einer Gesellschaft im russischen Botschafterpalats, so erzählt man sich, war eine russische Fürstin aufgetaucht, über deren Prophezeiungsgade viele Geschichten und Mittheilungen umliefen. Gerüchte von dieser merkwürdigen Gabe waren auch Kaiser Wilhelm zu Ohren gekommen, und er bat auf jener Soiree die Fürstin, ihm ebenfalls zn weissagen, in liebenswürdigster Weise die Weigerungen der Dame nicht gelten lassend. So dringlich aufgefordert, prophezeite die Fürstin, daß der Kaiser seinen Sohn überleben und sechsundneunzig Jahre alt werden würde. Um den peinlichen Eindruck dieses Ausspruches zu verwischen, soll der hohe Herr lächelnd gemeint haben, daß, wenn er einmal fechsnndneunzig Jahre werde, er es auch auf hundert bringen wolle!--Wie wohl sich übrigens

der Monarch fühlt, geht daraus hervor, daß er auch diesmal wieder, wie sonst, die Weihnachtseinkäufe persönlich machen wird. Täglich wird jetzt bereits ein starker Rappe vor einem einfachen, mit keinerlei Abzeichen ver­sehenen Coupe eingefahren, denn der Kaiser bedient stch bei seinen Ein­käufen stets dieses, nur mit einem Pferde bespannten Wagens, d-ffea Kutscher und Diener bei derartigen Weihnachtsfahrten ebenfalls nicht die kaiserliche Livröe tragen.

Ja, Weihnachten ist schnell nahe gerückt, die Schaufenster in großen Magazine haben schon den verlockendsten Putz angelegt und vor bett Spielwaaren-Läden drängen und drücken stch die Schaaren der staunenbett und jubelnde» Kleinen. Zweierlei kennzeichnet ganz besonders die Wochen vor dem erste» Erklingen der Adventsglocken: Wohlthätigkeits-Bazare und Coneerte. Man muß sich um immer wieder darüber wundern, wer eigentlich die letzten Ladenhüter der genannten Bazare aufkaust uttb wer noch ein Concert besucht. Auf der einen Seite ist ein sehr gewichtiges Portemonnaie, auf der anderen ein Ueberschuß starker Nerve» nöthig. Und Beides findet man doch in Berlin nicht gar zu häufig! Am schlimwst-n kommen vor dem Fest die Theater fort; je näher der heilige Abend rückt, desto gähnender werden die Lücken im Zuschauerraume und desto reichlicher fließen die Freibillets zu den Stamm-Nassauern der einzelnen Bühnen, die sich mit eatonischer Standhaftigkeit Abend für Abend dasselbe Stück ansehen. VieleTreffer" habe» unsere Theater in dieser Saison noch nicht gemacht; sehr großen Anklang fand im Residenz-Theater der übermüthig-pikante Pariser SchwankUnter Kuratel", und freundliche» Beifall im Walhalla-Theater die VolksoperDer Jäger von Soest". Der Operette scheint glücklicherweise unser Publikum keinen rechten Gcsch«»ch mehr abzugewinnen es war uns auch zu viel des Blödsinns geboten worden. In das Kroll'sche Theater istzur Abwechselung" wieder bet Mikado" eingezogen es war eigentlich ein gewagtes Experiment, bett» in Berlin zeigte sich niemals eine besondere Vorliebe für das EngM- und man ist gerade jetzt weniger wie je dazu geneigt, englischem Me» den Hof zu machen!

Saul Lindenöerg.