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tiidjt ßiibvaud) machen mödjic. Die Zeitungen gebrauchen nur etwas tauge Zeit, um bis zu uns zu gelangen. Als ich den Fall von Antwerpen durch dienstliche Bekanntmachung erfuhr, las ich an demselben Tage in der Zeitung (am 30, 9.), daß die Beschießung der Forts von Antwerpen begonnen habe. Unsere Mörser arbeiten eben schneller als die Feldpost, was für letztere kein Vorwurf sein soll. Wenn Du diese Zeilen erhältst, ist hoffentlich hier eine Entscheidung eingetreten. ^)b ich sie selbst erlebe, wer kann das wissen? Hier wartet alles sehnsüchtig auf den Befehl zum.allgemeinen Angriff. Er wird schon kommen, und hoffentlich nicht zu knapp. Über das, tvas ich in zwei Monaten erlebt habe, könnte ich wirklich Bücher schreiben. Ich führe Tagebuch, doch nur kurze Notizen, die zum großen Teil ein anderer kaum verstehen würde. Sollte ich wirklich mit heiler Haut davonkommen, so will ich später meine Erinnerungen danach aufzeichnen. Es ist unbe­schreiblich, was alles auf einen fast gleichzeitig einstürmt. Siegesjubel und tiefftes Elend, glänzende Nachrichten und Todeskunden von nahen Freunden. Und nie im Leben tritt die eigene Persönlichkeit, das eigene Ich so zurück wie im Kriege. Man merkt oft gar nicht, daß man seit 24 Stunden nichts mehr gegessen hat. Die eigene Tätigkeit läßt einem alles andere vergessen. Deshalb kann man zeitweise auch ganz gleichgültig sein gegen Eindrücke, die einem sonst den Schlaf rauben würden."

Kaiser Wilhelm in Donchery. Kaiser Wilhelm II. be­fand sich, wie derNat.-Ztg." zufolge Mailänder Blättern be­richtet wird, am 10. Oktober in Donchery bei Sedan und be­suchte das Haus, wo am Morgen des 2. September 1870 Bismarck mit Napoleon III. zusammenkam. Die Besitzerin des Hauses war damals 27 Jahre alt, jetzt ist sie 71. Sie er­zählte einem Journalisten: Damals wußte ich, wer die beiden Besucher waren, diesmal, da Kaiser Wilhelm kam, merkte ich erst nach einer Viertelstunde, wer mit so großer Liebens­würdigkeit sich mit mir unterhielt. Ich spv.'ch harmlos, wie ich es mit jedermann tue, und er erzählte mir, daß die Fran­zosen Marokkaner, Senegalesen und andere Wilde gegen die Deutschen schickten. Dabei erkannte ich an einem Wort eines Offiziers, wer mir gegenüberstand." Der Kaiser hinterließ der Frau vier Goldstücke und sein Bildnis. Aus der Rückseite einer Visitenkarte, die im Zimmer lag, schrieb er:Wilhelm I. R." Prinz Waldemar schrieb auf eine andere Karte: Waldemar, Sohn von Prinz Heinrich von Preußen, Admiral, Bruder des Kaisers." Auch der Kmizler hinterließ ein Gold­stück.Er ist sehr groß," berichtete die Frau,und er hat nicht so böse Augen wie Bismarck."

Brüsseler Brief. Der nachstehende Brief wurde uns zu­gestellt.Brüffel, den 22. Oktober 1914. Am 3. 3. Ich kam nach Antwerpen da wurde gerade der Belagerungs­zustand proklamiert, es herrschte eine unglaubliche Auf­regung, und so machte ich, als ich alles erledigt hatte, daß ich wieder nach Brüffel kam. Ich hätte beinahe in Antwerpen bleiben müssen, weil es der letzte garantierte Zug war. Als ich hier cmkam, sah ich einen ungeheuren Bolksauflauf, alle Geschäfte waren geschlossen, und der Pöbel mit dem Zer­trümmern sämtlicher deutscher Läden und Geschäfte beschäf­tigt. Wie die Vandalen haben die Menschen gehaust- Bei Tietz wurden sämtliche Scheiben eingeschlagen. Das ganze Personal samt der Direktion war weg. Dann waren wir gezwungen, 14 Tage im Hause zu bleiben, weil es lebensge­fährlich war, auf die Straße zu gehen. Beschreiben läßt sich das garnicht. Zwei Tage, bevor die Deutschen hier ankamen, wurde das Geschäft von Tietz mit 200 Personen sonst 1200 eröffnet und Plakate angeklebtPersonelle beige, Societe "Anonyme beige". Später wurden sie durch das deutsche Gouverneinent gezwungen, diese Plakate abzunehmen. Ich sah die Truvpen einziehen und habe mich von ganzem Herzen gefreut. War das ein Anblick! Sauber und adrett wie zur Parade. Am Nachmittag gab es im Park von Kockelberg Konzert von der Militärkapelle. Die Belgier standen mit Fäusten in der Tasche, mit Zähneknirschen dabei. Nun durfte jeder auf die Straße. Wir hatten auch Einguartierung. Sechs Leute, alle verheiratet, und die Anständigkeit selbst. Abends haben sie die Stiesel ausgezogen, damit sie uns nicht tm Schlafe störten. Wir gaben ihnen Effen und Trinken, geschlafen haben sie auf der ersten Etage, die gerade leer stand. Meine Frau gab ihnen Kiffen und Matratzen, obgleich die Soldaten auf bloßem Fußboden schlafen wollten. Dann

kamen unzählige Wagen mit Flüchtlingen, ein trauriger An­blick. Langsam fing es an, an Lebensmitteln zu mangeln. Heute brennen nur die Hälfte Gaslaternen, es gab kein Salz mehr, Mehl ist nicht mehr zu haben. Dann keine Kohle, die­selbe fängt jetzt wieder an hereinzukommen. Ganze Bretter­zäune wurden geplündert. Flugzeüge konnte man alle Tage sehen, und was ich nie vergessen werde, ein Kampf in der Luft in unserer nächsten Nähe. Jetzt ist es hier ruhig, nach­dem die Deutschen Ordnung hier hereingebracht haben. Alles ist wie tot. Die Belgier wollen nicht arbeiten und hungern lieber. Ist das Leben in Wiesbaden auch so teuer? Hier gibt es Höchstpreise, und das ist ein Glück. Im Anfang gab es Kämpfe, so wurden Bauern halb totgeschlagen, die die Ware mit 100 bis 200 Proz. anfschlagen wollten. Von sieben Uhr morgens kommen Arme, um ein Butterbrot zu erbetteln, meine Frau hilft, wie sie kann. Seit gestern gibt es kein Brot. Zn Hunderten stehen Menschen an den Bäckereien mit Geld in der Hand, um ein Brot zu bekommen, ein Brot, das den Namen Brot nicht verdient. Schwarz sieht es aus und ist mit Kartoffeln gebacken.-"

Im besetzten Lemberg. Wenn der Zug auf dem Bahn­hof von Lemberg einfährt, dann befindet sich der Reisende so­fort mitten im Bereich des Krieges und seiner Schrecken. Der Bahnhof, von dessen Hauptportal der Name Franz Josephs leuchtet, ist vom russischen Militär völlig in Be­schlag genommen. Ein Berichterstatter derTimes", der das von den Russen besetzte Lemberg besuchte, erzählt, daß er so- , gleich beim Aussteigen von russischen Polizisten in ein scharfes Verhör genommen wurde, die ihn nur auf Grurid seiner besonderen offiziellen Erlaubnis passieren ließen. Der Speisesaal erster Klasse ist in ein Lazarett verwandelt, in dem die Verwundeten solange gebettet werde», bis sie in c>ncn andern Zug oder in die Krankenhäuser der Stadt ge­bracht werden. Aus dem Wartesaal zweiter Klaffe sind olle Bänke entfernt, und nur ein großer Tisch steht noch in der Mitte, der zur Operation benutzt wird. An jeder Tür und an jedem Durchgang stehen Wachtposten mit aufgepflanzwm Bajonett. Nur ein einziger Fleck in dem ganz großen Ge­bäude ist nicht für militärische Zwecke verwendet; das ist der prächtige Cmpfangssaal, in dem der Kaiser bei seinen Be­suchen in Lemberg begrüßt wurde. Der ruffische Bahnhofs­kommandant schloß dem Berichterstatter dieses mit dicken -Teppichen belegte, kostbar eingerichtete und herrlich ge­schmückte Gemach auf, dessen Luxus einen schroffen Gegensatz bot zu dem traurigen Bild der Verwundeten ringsumher, zu all dem Elend und Jammer, der die Räume der Umgebung erfüllt. Jede Straße von Lemberg ist voll von russischen Soldaten, während Kosaken ans ihren mageren Pferdchen überall im Galopp hm- und herreiten. Auf Schritt und Tritt begegnet man Transportwagen, Wagen mit Verwnn- deten und Viehherden, die von Kosaken getrieben werden. Die Bevölkerung hat sich bereits an diesen Anblick gewöhnt, und da die Ruffen nicht allzu schlimm Hausen, so sucht man sich m-l den Horden auf möglichst guten Fuß ,-u stellen. Dir Sympathie für die Österreicher bricht freilich immer wieder durch, und das zeigt sich besonders bei den Gefangenentrans­porten.Ich beobachtete eine Szene, die das klar erkennen ließ. Die Straße hival kam eine Handvoll Kosaken, die etwa 800 müde Österreicher fükrten. Haufen von Einwohnern liefen an den Slraßenseiten mit, drängten sich durch dre Ko­saken durch und drückten den trübselig und verhungert drein­schauenden blangckleideten Österreichern Äpfel und Brot in die Hände; eine elegante Dame verteilte sogar direkt unter der Nase eines Kosakenponhs den ganzen Inhalt eurer großen Zigarrenkiste an die Österreicher. Frauen warfen ans den Fenstern Brot und andere Nahrungsmittel lerab, ine die Ge­fangenen anfhoben. Ein Umstand, der mich besonders merk­würdig kervhrte, ist das Erscheinen einer beträchtlichen An­zahl österreichischerRotes - Kreuz - Gefangener" in den Straßen. Sie bewegen sich völlig frei und grüßen di: russi­schen Offiziere, als wenn es ihre eigenen wären, und arbei- tm mit den russischen Ärzten in den Hosvuälern." Der Be­richterstatter stellt den russischen Lazaretten ein gutes Zeug­nis ans. In Lemberg allein gibt es 42 MMärkranken- hauser. Jedes öffentliche Gebäude und viele Hotels sind mit Verwundeten gefüllt. Aus den Bibliotheken, Museen, Stadt­häusern und vielen andern Palästen flattert neben der russi­schen die Rote - Kreuz - Fahne.

verantwortlich für dir Schristleitung: B. v. vanendors <n Wiesbaden. Druck vnd Verlag der L. Schellenbergschen Hof-Buchdruckerei in Wiesbaden.