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adgewiesen, weil die Zünfte der Comödienmehr als gut zugelvsser." seien. Man wählte für die Abweisung die diplomatische Form einer Verweisung an denBürgerausschuß".*

Gegenüber diesen politischen Motiven, die für eine Feinfühligkeit des Patnzstrthums sprechen, steht dann -ein Curiosum beim Beginn des 30jährigen Krieges. Im Jahre 1620 wird einemalten" (viel bekannten) Comödianten das Gesuch um Erlaubniß zu Vorstellungen abgeschlagen, trotzdem er in den schweren ZeitenVielen" ein höchliches Oblectamentum itnb denen Melancholicis eine gute Recreation mit seinen Actionen bereiten wolle. Als aber die Wittwe des GastwiithsZum Krachbein" supplicirt, man möge doch ihr und ihren kleinen Kindern denso nöthigen Metz- nutzen" nicht Entziehen, wird dem Gesuche willfahret.

Was aber in dem einen Fall uns curios erscheint, wird allmählich Tendenz. Die Rücksicht auf die Geschäfte der Bürger, die während der Messe das beste Theil im Jahre verdienen, gibt dem Rath das Motiv zur Gewährung der Spielerlaubniß. Nach dem 30jähri;en Krieg kommt ein Magister Velth en hierher, der eine wohldisc'plinirte Truppe miibrachte, dazu alskurfürstlich sächsischer Hof-Comödiant" aus's Beste empfohlen war. Er wird hier wiederholt zum Spiele zugelassen; seine Schauspieler werden so züchtiglich befunden, datz selbst die fremden Gesandten und vor­nehmen Cavaliere sie besuchen und die Frankfurter Rathsfreunde hierdurch veranlatzt werden, mit ihren Frauen dem Beispiel zu folgen.

Trotzdem wird er, auf Anregung vom geistlichen Rath S Pen er dem Begründer des Frankfurter Mhsticismus fort und fort gehindert und er mutz anstatt seine Ideale in den Vordergrund zu stellen, den Raih mit finanziellen Vorstellungen packen.Das wenige Geld, so ich etwa von hohen Herrschaften und Standespersonen, auch andren fremde» Kavalieren und Frauenzimmern aus Zuschauern verdienen möchte, mutz ich mit meinen Leuthen und agenten (Schauspielern) wegen notwendigen Lebensmittel und anderer unvermeidlicher Unkosten allhier wieder verzehre», und also gemeiner Stadt nicht der geringste Schaden oder Abruch dadurch entsteht."

Derselbe Mann, der hier genöthigt wird, in so niedriger Weise auf den Säckel der Stadt hinzuweisen, dem Hospital 50 Reichsthaler zu zahlen und m-hrere Komödien zum Besten der Stadtarmen aufzuführen, wird nebst seiner Frau vom Kurfürst von Sachsen zumwürkiichcn Hof- Comödianten" angestellt; beide erhalten jährlich lOO THaler Gage und die Erlaubniß, autzer Dresden auch in anderen deutsche»Städten zu agiren und die schöne Schauspielkunst zu Rutz und Frommen der deutschen Nation aller Orten zu zeigen.

Nach dem Tode des verdienten Mannes führt Frau Velthen die Direction weiter. Sie kommt hierher und spielt zu solcher Zufriedenheit der gebildeten Bewohner dieser Stadt, daß ein Schriftsteller jener Zeit von diesen Darstellungen sagt:Es ist Schade, daß solche Komödien nicht in der Barfüßerkirche gehalten werden, maßen solche mehr Erbauung brächten, als die Predigten." Trotzdem wird von der Geistlichkeit gegen sie agfiirt und die Direction muß sich erbieten, ihre Komödien den Herren Prädicanten (Predigern) Morgens vor der Aufführung zur Ceusur vorzulegen.

Die Herren vom Rath glaubten damit ihr Gewissen entlastet und nahmen das Anerbieten an. Noch mehr wie die Censur scheint aber das materielle Anerbieten gegolten zu haben, alle Woche autzer dem Stand­geld eineernsthafte Komödie" zum Besten der Armen zu geben und am Ende der Vorstellungen eine Summe in den Hospital- und Almosen- kast.n zu zahlen. Das war da Sonntags nicht gespielt werden durfte eine Steuer von mehr als zwanzig pro Cent von der Brutto- Einnahme.

Es war indeh nicht das schlimmste, was hier zur Hemmung der Schauspielkunst geleistet wurde. Im Jahre 1711, zur Krönung Kaiser Karls VI , kamen zwei Schauspieler-Gesellschaften hierher. Die eine wird von der Wittwe eines MecklenburgerPrinzipals", Madame Elenson, dir andere von Madame Velthen geleitet. Jene einwundervoll reizbar Weibsbild von einer Prinzipalin" wird von dem Kurfürsten von Mainz durch einen eigenen Gesandten empfohlen. Dieser überbringt dem Rath einen Brief, in dem Seine Kurfürstliche Gnaden versichern, datz erad instantiam des fürstlichen Frauenzimmers, auf Bitten der Frauen der Fürsten und Herren, die zur Krönung kommen,** gerne sehen möchte.

* Die Verweisunga Pontio ad Piiatum ward indessen von den Zeitgenossen als eine Art von Unmännlichkeit gekennzeichmt. Dre Ab­gesandten von Straßburg, Speier und Worms die mit dem Rath zur Bekämpfung der bürgerlichen Unruhen verbündet waren warfen in offener Sitzung dem Rath dies als eineVerkleinlicherung" seiner selber vor.

**Instantia heißt, nach Georges' lateinischem Wörterbuch,Einem auf dem Nacken sitzen".

wenn dem Gesuch der Mekler burgischen Comödianten baldmöglichst ^ i prochm werde".

Der Rath kann auf solche Fürbitte nicht Nein sagen.Wenn Chursürstlichen Gnaden es gnädig st begehren sollten, wolle man aus unterthänigem Respect und Consideration für dieselbe bettet Supplicauten willfahren" Man wies der Madame Elenson den fürnehmster, Platz in der Stadt den Paradcplatz (heute Schillerplatz) an, wo ft( eine wohleinzurichtende Cvmödienhütte Herstellen solle. Dann verlang!, mau für drei Meßwochen allwöchentlich eine Abgabe von 50 Guide, :ür das Aerarium. Dies wurde erfüllt, dazuvon einem unbekannten Gönner" eine prächtige Hütte auf dem Parad-Platz errichtet, in der Madame mit ihreneigens für die Wahlzeit verschriebenen capablen subjectis" bOt denenHerren Liebhabern" zu großem Ergötzen agirte.

Die Concurrentin, Madame Velthen, toai- -Don derfürir-Wey Königlich Polnischen und Churfürstlich Sächsischen Gesandtschaft" empfohlen, Man grwährte ihr aber erst 14 Tage nachher die schon lang erbetene Erlaubniß und wies ihr einen Platz imlangen Gang" desRömW König" auf der Allerheiligengasse an (in der heutigengoldenen Last' hinter der Judcnmauer, eine Zeit lang der Vichhof von Frankfurt). Dq, setzte man das Standgeld auf 70 Gulden wöchentlich.

Die Frau des vielver-hrten Mannes, selber hier von allen Gebtidlien hochgeschätzt, muß nun einen Kampf durchfcchten, der ohne actemnäbij! Beglaubigung undenkbar wäre. Die Nachbarn schreien und toben über dasComödianten-Gestndel", was den Ruf der Allerheiligengasse gesähck, Die wackere Frau bringt mit Energie und Begütigung den Bau der piti zu Stand. Kaum beginnt das Spiel, so fangen die Nachbarn (tu, btt jeder Vorstellung den Straßenstaub auszukehren und den Zugang zur ®iiiit unmöglich zu machen. Nachts besudeln sie die Hütte derart, daßungech des täglichen Verreucherns weder Cavaliers noch Damen, wie gern sie mH wollten, darinnen sich aufhalten konnten."

Die Directrice bittet, im Hinweis auf ihre und ihres seligen Maum früheren Leistungen, um Schutz und Hülse, sowie um Erlaß der unerschüstU ltchen Abgabe von wöchentlich 70 Gulden. Umsonst, der Rath gibt h kein Gehör; weder Schutz noch Hülfe ward ihr gewährt. Die arme Fm wagt das Aeußerste und spielt weiter. Sie gibt eine Vorstellung zr Ehm des RathS; dann bittet sie nochmals, wenigstens um Ermäßigung btt drückenden Steuer. Auch dies vergeblich. Die Rivalin verlockt ihr itotfi . die besten Schauspieler, welche ihre Hütte verlassen, weil die Directrice sti nicht bezahlen kann. Als sie dann die Steuern nicht zahlt, läßt ihr da Rath unter dem Vorwand, die Hütte zu einem Stall für die kaiseu liehen Pferde zu b.dürfen die Hütte pfänden und gibt su schonungslos der Verfolgung ihrer Gläubiger Preis.

Mit blutendem Herzen verkauft die unglückliche Frau ihre l-tzteM uud verläßt dann wie eine Bettlerin die Stadt, in der sie, als wahre echt! Priesterin der Kunst, einst so viele Anerkennung gefunden hatte. 8« manches mitfühlende Herz mochte ihr Beifall und Trost gewähren; M Hilfe war aber keine Hand stark genug. Obgleich sie und ihr Gatte durch mehrere Jahrzehnte die Bewunderung der Gebildeten errungen, selbst bi: Duldung der Geistlichen genossen hatten, mußte sie fallen, weil sie - bi: Steuer nicht bezahlen konnte!

Ihre Rivalin, daswundervoll reizbare Weibsbild", das mit N subjectis zum Ergötzen dermännlichen Herren Liebhaber" fpielte, »iti mit einer viel geringeren Steuer beauflagt. Sie erhielt auch für ein giW1 Jahr die Erlaubniß zum Spielen; ob mit oder ohne Bewilligung dd geistlichen Ministerii, ist nicht gesagt; sie spielte aber während des gMi5 K-önungsjahres, nicht blos von dcn Rathsfreunden, sondern auch 001 den fürstlichen Cavaliers und selbst dem Kaiser aus's höchlichste honori«- Sie zahlte am Ende 780 Gulden Steuer; sie hatte es aber verstauben, du vornehmen Gesellschaft binnen Jahresfrist vierzigtausend Guldcu abzulocken. Das läßt errathen, daß man höher noch wie die Steuer du Lustbarkeit selber zu schätzen wußte, denn was dem Aerarium waren noch nicht zwei pro Cent.

Doch es findet im Leben Alles seine Ausgleichung. Die arme F»" Velthen hatte sich an anderen Orten wieder so erholt, daß es iv leidlich gut erging. Die Madame Elenson hatte nach zehn Jahren ve« ihren vierzigtausend Gulden keinen Pfennig mehr. Als sie nach Wie> kam und von Kaiser Karl VI. empfangen wurde, fragte der Monarch wie es ihr gehe. Da antwortete sie mit derber Satyre:Gotts erbärmlut l Majestät! ich wünschte nur, eine Kaiserkrönung könnte ich erleben 1"

Frankfurt am Main. Kctmlch

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