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11. bis 14. Mai ward ganz England mit Schnee und Regen betroffen und die Stadt Krossen von einem Wirbel- und Hagelsturm zerstört, der wenigstens indirect in dem Winter, d. h. in der ungeheizten Luftkuppel, die über uns schwebt, seinen Ursprung hatte. Ebenso wurden vom 22. bis 24. Mai die Reben von Bordeaux bis Genf, von Paris bis Wiesbaden von furchtbaren Eisstücken vernichtet.
Mit der Sommerwärme nahm die Winterkälte allmählich ab; eine gleichmäßige Sommerwärme trat auf der ganzen Nordhälfte der Erde, d. h. auf beiden Seiten des atlantischen Oceans, ein. Die Stürme wurden minder heftig; der Hagel ward immer dünner. Bei dem Rücktritt der Sonne über die Linie (am 21. September) fiel nur noch Regen, ohne Eis; die electrischen Entladungen wurden seltener und minder heftig. Nach dem astronomischen Sommer entstanden bis zum Schluß des meteorischen noch einige Stürme, die im Ganzen den Charakter der Sommerstürme trugen. Bis in den Beginn der Winterzett, selbst bis zum Ende des November, finden wir noch die starke Nachwirkung der fottgezogenen Sonne.
Am 28. September war ein Wirbel-Sturm über den Golf von Mexiko, über den Rio delNorte (Matamoros) den Missifsippi hinauf gegangen; am 2.-3. October erreichte er New-Iork. Am 14. traf er die Küste von England, von Frankreich; er hatte mit den beiden Armen des Golf-Stromes stch getheilt, war dann über West-Europa gezogen. Am 9. October ging ein zweiter Sturm über Havanna, am 12. über New- Orleans, am 15. und 16. über den Erie-See und New-Jork. Am 26. trifft er Süd-Frankreich und übergießt dieses mit Regenmassen, welche das Rhone-Thal 7 Meter überschwemmten. Am 28. October zieht ein dritter Sturm über New-Jork. Am 8. November trifft er die Küste von Schottland, den Golf von Biscaja und die Küste von Portugal. Gewalttge Regengüsse überschwemmten Süd-Frankreich und Ober-Italien. Im Rhone- Thal stürzten Brücken und Häuser ein, von den Alpen stürzten Felsmassen indieThäler, welche die Eisenbahn zerstören. Anderspanischen, italienischen, griechischen Küste fallen viele Schiffe dem Orkane zum Opfer.
So hausten diese Stürme auf beiden Setten des Ocean. Sie hatten in Nord-Amerika bis zur sechsten Woche nach dem Ende der Sommerzeit gewähtt (28.October). Den Charakter der Sommer-Stürme, Gewitter mtt Regen, doch ohne Hagel, hatten sie beibehaüen. Erst am 8. November tritt ein Winter-Sturm ein, zugleich mtt einer Heftigkeit, die uns erkennen läßt, daß Nord-Amerika dem kalten Polar-Sttom viel näher liegt als Europa. Er kam den Mississippi herauf, den canadischen Seen entlang nach New-Jork. Am ganzen mittleren und oberen Mississippi, wie an den Seen von Canada streute er aber große Schneemassen aus. Die Dämpfe, die er mitbrachte, wurden von der kalten Lust-Strömung, die von der Baffin- und Hudson-Bai herabzog, in Schnee verwandelt und so die ganze Landschaft von den Felsen-Gebirgen bis nach New-Jork in Schnee gehüllt. Fünf Tage währt der Schneesturm; im Staate New- Jork und den New-England-Staaten lag der Schnee einen Fuß hoch.
Von da ziehen die beiden Ströme fast ohne Unterbrechung einen ganzen Monat, vom 8. November bis 7. December, gegeneinander. Der ganze nördliche Continent, von Texas-Florida, den Felsengebirgen und dem atlantischen Meer entlang, bis zu den canadischen Seen und gegen den Nordpor hin, wird mtt fußhohem, in Canada mit klafterhohem Schnee bedeckt. Viele Menschen büßen dabei ihr Leben; alle Straßen, die Eisenbahnen werden verweht. Auf den Seen gehen allein in den ersten zwei Wochen 15 Barken, 22 Schooner, 3 Dampfer zu Grund. Auf dem Ocean scheitern größere Dampfschiffe: die „Sulina" bei Cap Sable (Nord- Schottland) ; der Bremer Dampfer „Elisabeth" bei Cap Henry (Virginia). Der „Vancouver", der „Westernland", die „Sarnia", „La Bourgogne" u. a. kommen nur mit großem Schaden davon. Kleinere Küstenschiffe werden viele an den Strand geschleudert; von der Fischer-Flotille „Gloucester" der Vereingten Staaten kommen allein 136 Fischer um. Die Barke „Racer" scheitert bei Cap Breton, am nordöstlichen Ende von Nord- Schottland, der Schooner „Edtth", welcher die Insel Miquelon (zwischen Nordschottland und Neufundland) für den Winter mtt Lebensmitteln versehen sollte, nahe bei dieser Insel.
So toben die Schneestürme in der heftigsten Weise auf dem Continent und dem atlantischen Ocean. Jndeß aber die starken Schiffe kaum dem Anprall von Sturm und Wogen widerstehen und alle Capitäne versichern, daß sie in vielen Jahren nicht solche Stürme zu bestehen hatten, machen ein paar kleine, zarte Thierchen die ungeheuere Reise über den Ocean und zwar dem Sturm entgegen. Ende October werden neun Brieftauben von London nach Boston — ihrer Heimath — entlassen. Sie suchen den Weg, den sie vorher mtt einem Dampfer gefahren, durch Nacht und Kälte und Sturm. Drei von ihnen kommen glücklich an daS Festland, eine nach New-Iork, eine nach Pennsylvanim, eine zu ihrem Herrn
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nach Boston — Henry Wagner heißt der Tolle — die anderen enden ihre unsägliche Mühsal in den kalten Wogen.
Die Stürme ziehen nach Europa; wir werden ihren Verlauf dott sehen. In Nord-Amerika haben sie vertobt; gegen die Jahreswende tritt allmählich Windstille, dann Frost ein. Der Zug von Süden ist bekämpft; der Kältestrom, der im Sommer weit über den 50. Grad nördl. Breite hinaufgedrängt war, dringt nun bis über den 40. Grad herab. Die Baffin-Bat, die Hudson-Bai, die Davisstraße sind zugeftoren, die Lorenz- Bai nebst dem ganzen Lorenzostrom und den canadischen Seen sind erstarrt und die Flüsse im Süden sind in eisigen Bann gelegt. Die Farmer sind eingeschneit und wie Dachse in ihren S3au gebannt; Straßen und Eisenbahnen sind verweht, der Verkehr, die Geschäfte sind gehcuimt, aber das Vergnügen bricht sich Bahn.
In Montreal werden aus Eisblöcken hohe Paläste und Burgen erbaut. Eine Eisfestung in Gestalt einer mittelalterlichen Burg, mit Wällen, Gräben und Thürmen wird errichtet. Dreitausend Schlittschuhläufer bekämpfen, vertheidigen die Burg; fünfzehnhundert Neger muffen mit Fackeln das seltsame Schauspiel beleuchten. Von allen Enden au8 Canada und den Vereinigten Staaten fahren die Schlitt- und Schneeschuhläufer, die neugierigen Zuschauer herzu. Von Boston kommt am 5. Februar ein Expreßzug nach Montreal, mit Schaulustigen gefällt. In der Nähe des White River bricht eine Schiene, der Zug fähtt aus dem Geleise und stürzt in den eisbedeckten Fluß hinab. Die mächtige Eisdecke widersteht dem Anprall, das Feuer der Locomotive entzündet die Waggon»; anstatt in den Fluchen, sterben die Passagiere — 50 bis 60 — den grausigen Tod in den entzündeten Trümmerhaufen; fast Keiner von den übrigen kommt ohne größeren Schaden davon. — Nachdem die Eisperiode 5 bis 6 Wochen gewährt, wird sie am 11. Februar durch neuen Sturm aus dem Süden unterbrochen. Er zieht an dem Missifsippi herauf, dem Ohio entlang nach dem atlantischen Ocean, dm gewohnten Gang. In Louis Ville zerstört er mehrere Häuser und Kirchen; auch Menschen büßen ihr Leben. Eisenbahnwagen werden von den Schienen geworfen; in New-Iork und ©taten Island zündet der Blitz und verbrennt u. A. die großen Baumwoll-Docks zu Tempskinville. Ueber den Ocean ziehend, erreicht er u. A. die italienische Barke „Luciario Serra", die von Cuba eine Zuckerladung geholt hatte.
Anfangs März wird der Südstrom durch entgegmstehenden Nordstrom wieder gestaut. Nebel entsteht längs der Küste, infolge dessen mehrere Schiffe, u. a. der „Rhein" aus Bremen, am 10. März auf die Sandbänke laufen. Am selben Tag, an dem hier WindMe herrscht, fährt der Dampfer „Eagle" mit 260 Mann von St. John (Neufundland) nach der Bai von Bonavista (im NO. der Insel). Kaum ist er in die Davisstraße gelangt, so wird er von einem gewaltigen Sturme gepackt, wider die felsige Funk- Insel geschleudert und mit der gesammten Mannschaft zu Grunde gebracht. Dieser Sturmzug setzt stch über den Ocean fort. Ein franzöfischer Dampfer, „Scotia", der am 20. Februar mit 1000 italienischen Auswanderern Marseille verließ, wird unterwegs von ihm betroffen. Das Schiff wird so stark gerüttelt und geworfen, daß viele Personen Arm- und Beinbrüche erleiden. Endlich läuft es am 25. März bei Fire Island im NO. von New-Iork auf den Stranb. Hilfreiche Leute haben die Vielgeängstetett nach New-Iork gebracht.
■ Abermals ein halbes Vierteljahr hatte der Kampf zwischen Süd- und Nordstrom gewährt, als Ende März von Neuem mit stärkerer Wucht der Kältestrom den Sieg gewann. Am selben Tag, an dem die „Scotta" bei New-Iork auf den Strand lief (25. März), bricht ein großer Schneesturm aus, der sechs Tage lang ganz Canada und die Neu-England- Staaten mtt Schnee bestteut. Straßen und Eisenbahnen sind verschneit, aller Verkehr im Laube ist gehemmt. Auch dieser fuhr über den Ocean.. Zwei amerikanische Dachten haben in der zwetten Hälfte des März eine Wettfahrt nach England gemacht. Die eine kam am 3. Aprll nach 14tägiger stürmischer Fahrt bei Queenstown (Irland) an; von der anderen ist das Schicksal noch zweifelhaft.
So sehen wir in vier Perioden den Sturm über Amerika ziehen. DaS erste Winter-Vierteljchr, October bis December, in zwei Hälften getheilt; in der ersten den Südstrom mit Regen vorherrschend bis gegen die Mttte November, in der zwetten den Nordstrom im Kampfe mit dem Südstrom, gewaltige Schneemassen erzeugend. Das zweite Winter-Vierteljchr, Januar bis März, begiünt in der ersten Hälfte mit dem absoluten Sieg der Kälte, mit starrem Frost und Eise; in der zweiten sehen wir den Südsttom eine Bresche schießen, aber einen abermaligen Rückschlag durch den Nordstrom. Die Sonne beginnt am 21. März über die Linie zu steigen; ihre Macht fängt aber erst vier Wochen später an; dann muß Amerika, das unter dem stärkeren Einfluß des Eis führenden Polarstromes liegt, die längere s Kälte erleiden.
Wiesd«Seser
