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Wrandstisters Dore.
Eine hessische Dorfgeschichte von E. Mentzel.
(28. Forts.) ' —
XIII.
Im Laufe des Tages war die Wunde des Hanjust von den Aerzten aus der Stadt schon zu wiederholten Malen untersucht und zwar nicht für vollständig ungefährlich, aber für heilbar erklärt worden. Doch in seine vom Fieberwahn umnachtete Seele war während der ganzen Zeit noch kein Lichtstrahl wieder gefallen. Bewußtlos und matt von dem furchtbaren Blutverlust lag er seit gestern auf dem Bette des Brandstifterjost, das man in einem engen Gelaß neben der Küche aufgeschlagen hatte.
Der Grenzbäuerin gab die wunderbare Errettung ihres Einzigen alle entschwundenen Kräfte schnell wieder zurück. Wie eine barmherzige Schwester, die an sich selbst zu denken verlernt hat, stand sie bald am Lager des Sohnes, bald am Bette seiner kühnen Retterin. Sie konnte das ernste, bleiche Antlitz, sie konnte die blutunterlaufenen Hände nicht ansehen, ohne immer wieder auf's Neue heiße Thränen zu vergießen. — Was Alles war an diesem Menschenkinde von jeher gesündigt worden! Sie wußte es nun und dankte Gott dafür, daß er es auch in ihre Hand gelegt hatte, in Zukunft ein großes Theil davon wieder gut machen zu können.
Nicht so leicht als seine Frau vermochte sich Höfer nach der ausgestandenen Todesangst mit der beglückenden Wahrheit zu befremden. Allmälig war ihm zwar die Sprache wieder geworden, aber er konnte sich nur mühsam von einem Ort zum anderen schleppen. Was in ihm vorging, wußte Niemand. Sein Antlitz hatte noch immer dieselbe steinerne Unbeweglichkeit, und wenn es auch nicht mehr so geisterbleich war, erschien es dennoch um Jahre gealtert. Man hatte noch kein Wort über die wunderbare Er- retung des Hanjust von ihm gehört, jedoch die scheuen Blicke, die er zuweilen auf die Schlafende warf, sagten bei ihm mehr als genug. Und in der Nacht, als die Base der Dore einmal die Wohnstube verlassen hatte, um nach ihren beiden auf dem Heuboden ruhenden Zwillingen zu sehen, da erhob er sich leise aus dem Lehnstuhl und schleppte sich mühsam bis an das Lager des Mädchens.
Dort blieb er eine Weile stehen. Dann war es, als zerreiße der auf feinem Herzey liegende Bann, als käme ihm endlich Erlösung aus schwerer innerlicher Noth. Sein ganzer Körper zitterte,
er, der selbst am Grabe seiner Mutter keine Thräne vergösse, hatte, er weinte jetzt so laut, daß es der mittlerweile zurückgekehrte, Base durch Mark und Bein ging. Damit aber Niemand, am wenigsten der reiche Grenzbauer selbst, merken möge, daß sie eine, Einblick in sein Herz gethan, entfernte sich die Base leise wieder von der Thüre und wartete in einer Ecke des Hausflurs so lange, bis sie deutlich vernahm, daß sein schwerer Schritt den Lehnstuhl wieder erreicht hatte. —
Ebenso schnell als das Wasser gestiegen, sank es auch wieder. Am Morgen nach der Errettung des Hanjust sahen die Gebäude vom Grenzhof wieder ein gutes Stück aus den Wellen und am Nachmittage hätte man vom jenseitigen Ufer aus ohne jegliche Gefahr schon wieder bis zum Wohnhaus gelangen können.
Nachdem Dore in der Dämmerung neu gestärkt und mit dem vollen Bewußtsein des Geschehenen erwacht war, kam eine solche Bangigkeit über sie, daß man eher hätte glauben können, fie habe eine unaustilgbare Schuld auf sich geladen als eine großartige Heldenthat vollbracht. Aber die Grenzbäuerin verstand sich jetzt auf dies scheue, verschlossene Gemüth. Sie ging der Dore nach und führte die Anfangs heftig Widerstrebende in das Gelaß zu ihrem in heißer Sehnsucht harrenden Sohne. Kurz zuvor halte sie demselben die ganze Geschichte seiner wunderbaren Rettung haarklein erzählt.
Um dieselbe Zeit nun, in welcher sich im einsamen Schiffer- Häuschen zwei stolze, unbeugsame Herzen die jahrelang für einander im Stillen gehegte Liebe durch Wort und Kuß gestanden, wurden in dem stromabwärts gelegenen Dörflein zwei Leichen gelandet. In der einen, deren Tod durch einen Schuß mitten in's Herz erfolgt sein mußte, erkannte man den jungen Oberförster aus dem Klostergrunde, in der anderen Martin, den Oberknecht vom Grenzhofe. Der Letztere hielt die Zügel der Pferde, die er hatte erretten wollen, noch in der Hand und verrieth durch sein friedliches, unentstelltes Antlitz, daß ihm in der Erfüllung seiner Pflicht ein guter, sanftseliger Tod zu Theil geworden war. Der Strom hatte ihm also sein höchstes Begehren zu Schanden gemacht, doch man mußte jetzt wohl sagen, um sein treues Herz für immer vor einem noch viel größeren Leid zu bewahren.
Martin wurde in dem stromabwärts gelegenen Dörflein beerdigt, seinen Schicksalsgenossen hingegen wollte man auf dem nicht weit vom Klosterhofe gelegenen kleinen Gottesacker bestatten. Er hatte den Wunsch, dort ruhen zu wollen, brieflich gegen seine einzige, bei einer adeligen Familie in der Hauptstadt als Kindergärtnerin thätige Schwester ausgesprochen.
Es war gegen Abend des dritten Tages nach der lieber» schwemmung, als sich der Leichenzug langsam über die wild zerhackte, von den Wasserfluthen durchwühlte Landstraße hinbewegte. Obgleich der Tobte ein Selbstmörder war und kurz vor seinem Ende noch eine verbrecherische That begangen hatte, war die Betheiligung an seinem Begräbniß doch eine ungewöhnlich starke. Er mußte in der ganzen Gegend sehr beliebt gewesen sein; denn trotz der wenig gangbaren Wege waren junge und alte Leute von nah und fern herbeigekommen, um ihm die letzte Ehre zu erweisen.
Dicht hinter dem mit Blumen und Kränzen fast ganz bedeckten Sarge schritt auch der junge Lehrer. Er war in den letzten Tagen ein ganz Anderer geworden und kam sich vor, als ob er durch ein Wunder plötzlich von einer schweren Krankheit genesen sei. Was er für das unheilvollste Ereigniß in seinem Leben gehalten, sah er jetzt für eine glückliche Wendung an, und was ihm früher nichts als Verachtung und Groll einzuflößen vermocht hatte, das verehrte er jetzt als ein berechtigtes und unantastbares Gefühl.
Wohl hundertmal schon hatte er in Gedanken dem Todten für die an Haß grenzende Abneigung Abbitte gethan, welche er besonders im letzten halben Jahre im Stillen gegen ihn gehegt hatte. Er empfand sogar das Bedürfniß, sein Verschulden an der jetzt ganz allein in der Welt stehenden Schwester des Verstorbenen einigermaßen wieder gut zu machen. In allen Stücken war er dem jungen, unerfahrenen Mädchen behülflich gewesen, er hatte dafür gesorgt, daß der letzte Wille des Försters genau erfüllt wurde und sie selbst in einer ihm befreundeten Familie herzliche Aufnahme fand. — Auch jetzt schritt er wieder in der Nähe der Schwergebeugten, über deren edles, feingeschnittenes Antlitz unaufhaltsam heiße Thränen hinabrannen. (Forts, folgt.)
