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G-tte 1«
Brandstifters Dore.
tot hessische Dorfgeschichte von E. Mentzel.
(14. Forts.) --
doch noch seh'n und mir endlich gram drüber werden, daß mi^ unser Herrgott immer dazu führt, wenn ein absunderlich Gescheh, niß an Lieb und Leid tief in ihr jung Herz emschnelden thut! —
Nach dieser Bitte hob der Einarmige schnell bte aus den Rasen gelegte Mappe auf und folgte dem voranschreltenden Alten, der jetzt den Weg zwischen den Tannen wieder auswärts ging, —
Bis zu der Stelle, wo vSn demselben ein anderer Waldweg abbog, der nach der jenseits am Fuße der Anhöhe herlaufende« Landstraße führte, gingen die Beiden stumm hinter' ewander her. Dann trat jedoch Heiner an die Seite des Alten und sagte: „£«0« habt Euch im Rühmen nit überthan, Vetter, das ist ein Weibsbild, wie ich all mein Lebtag kein zweites erschaut Han!" — Er blickte wehmüthig nach der Seite, wo ihm der Arm fehlte und fügte mit einem leisen Anflug von Bitterkeit noch hinzu: „Wer doch auch ein stolzer, schöner Jungherr von einem reichen Gehöft und so kein arm krüppelichter Schlucker wär, was für em Glück könnt' ihm dann vielleicht blühen!"
Es ist ein gar gut, ja ein unschätzbar Drng, wenn Emen unser Herrgott Nach seiner schönen Menschenform richtig gebrld' bat!" entgegnete ruhig der Alte. „Bei uns allbeid hat er s mt aethan, und das bin ich sicher aus wohlweisem Grund. — Sö lang Du mein Helfer bist, Heiner, han ich Dir schon oft gesagt und sag' Dir's auch jetzo wieder: es kriegt halt Jeder lernt« Dux Der Eine bringt chn mit auf die Welt, der Andere schafft ibn sich trotzig selbst und dem Dritten versetzt ihn ein arg' Geschick, — Schau', was nützt der Dore ihr stolzer Wuchs und chr rat' Gesicht? Dem Grenzbauer seine Fahrt versetzt ihr heut einen Treff der sie, wann der Verspruch wirklich zu Stand kommt, für's'Leben elender macht als uns allbeid unser Manko* nimmer
VIII.
AIS Dore die Begegnung mit den Grenzbauern gehabt hatte und die Anhöhe hinabgeschritten war, verkündete die Glocke der nahen Dorfkirche, daß eben am Schlüsse des Frühgottesdienstes das „Vater Unser" gebetet wurde. Ein Gefühl von Rührung kam über ihre von Trauer und Schmerz erfüllte Seele, sie nahm das Bündel Tannenzweige von ihrem Kopfe, setzte sich auf eine nahe Steinbünk und weinte lange und bitterlich. Sie gestand es sich selbst nicht, was sich Alles in diesen Thränen von ihrem Herzen loslösen wollte, aber sie wußte doch, daß es nicht allein der Schmerz um den Verlust der heißgeliebten Großmutter war. Wie hatte sie schon bei Tag und Nacht gekämpft gegen diese Neigung, welche sie mit Gewalt aus dem Herzen reißen wollte und doch nicht wieder los werden konnte!
Immer und immer, auch in diesem Augenblicke wieder erfüllte sie eine verzehrende Sehnsucht nach dem einzigen Sohne des harten Mannes, desien Gabe sie vorhin so stolz und trotzig abgewiesen hatte. — Es that ihr wohl, daß sie ihn an eine alte Schuld gemahnen und damit der Großmutter noch im Tod eine Wohlthat erweisen durfte, jedoch nichtsdestoweniger saßen seine Worte: „Heute wird meinem Hause Heil widerfahren!" wie ein zweischneidiges Schwert in ihrem Herzen.
Obgleich Dore schon vor ein paar Tagen gehört hatte, was zwischen der Lenetraud vom Klosterhofe und dem Hanjust im Werk war, vermochte sie doch das heimlich quälende Gefühl nicht niederzukämpfen, welches seit jener Miltheilung, und jetzt mit verstärkter Gewalt, gleich einem räuberischen Feind, auf sie eindrang. Und warum krampfte sich ihr ohnehin aus schwerer Wunde blutendes Herz bei dieser Kunde wieder in wildem Schmerz zusammen?! — War es denn nicht mehr als begreiflich, daß sich Gleich und Gleich zueinander gesellte, daß der Hanjust nichts nach dem bösen Gerede fragte, was sicher nur der Neid über die schöne und reiche Lenetraud in der ganzen Gegend verbreitet hatte. Ja, und mußte sie sich denn nicht freuen über diese Brautschast, da auch ihr einziges Gut, ihre Ehre, seit jener nächtlichen Begegnung im Walde von bösen Menschen hart angegriffen worden war? Das stand Alles fest und noch mehr dabei, doch diese Vorstellungen konnten nichts ausrichten gegen ein Gefühl, das nun einmal da war und sich weder durch Trotz noch Einsicht ver- Nichten ließ.
Dore dachte darüber nach, wie diese Neigung so mächtig habe werden können, und die Erinnerung an ihre einsame, sonnenarme Kindheit wurde in ihr lebendig. Bild auf Bild zogen im Geiste an ihr vorüber, und die wenigen Lichtblicke nahmen ihre Seele so gefangen, daß sie den alten verwachsenen Mann und seinen einarmigen Begleiter gar nicht bemerkte, welche Beide schon seit einer Weile von dem buschumgebenen Vorsprung der Höhe theil- nahmsvoll auf sie herabsahen.
„Komm', Heiner," sagte endlich der Mappenkasper, „komm', hast sie Dir lang genug angeschaut, um ihr Antlitz schier auswendig zu wissen. Hör' mir!" fügte er dringender hinzu, als er sah, daß der Heiner nicht sofort folgte: „Sie möcht' uns sonst
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gethan hat." — ,
Das ist wahr, Vetter! Wenn man nur immer klar um sch schaun' und And'rer Leid nit so gern durch ein rosig Frühwölb lein erblicken wollt', man könnt' ja still und zufrieden sem- und jeden Morgen das eigene Päcklein viel leichter auf sich lasten lassen!
Der Mappenkasper erwiderte nichts, nickte aber mehrmals bedeutsam mit dem Kopfe. Als sie dann wieder ein Stückchen still nebeneinander hergeschritten waren, fuhr der Hemer fort: „Gelt, Vetter, nun macht ihr Euer Wort auch wahr und erzählt mir Überwegs genau, wie's von jeher kommen, daß die Dore oen Hanjust so fest in's Herz 'schloffen hat?" —
„Ja, Heiner, ich will's jetzo treulich thun. Wirst s ra ni Dich vergraben wie manch' ander' Vertrautes und mmmer bedacht oder unbedacht einen Deut davon fallen laffen!"
„Mich deucht', Ihr kennt mich mittlerweil und wißt, vatz ich mit Euch aus demselbigten Holz gefchnitzt bin Doch weil Ihr auch die Geschichte vom Brandstifterjost mit einflechten wollt, dern'thalb halt ich's für Recht, zuvor über mein sicher Schweige« festen Handschlag zu thun." ..
Er hielt im Gehen inne und reichte dem Mappenkasper bte Rechte. Dann setzten die Beiden ihren Weg durch dre Sannen gemächlich fort, und der Alte begann nach kurzem Sinnen: „Von ihrer frühesten Zeit an, als fie's selbst noch nicht gespürt hat, ist die Dore ein gar arm verstoßen Magdlem gewesen. Wenn zufällig 'mal mit anderen Kinner zusammen troffen ist und em Spiel eben gethan hat, dann sind die Mütter kommen und han ihre Brut schnell heimgelangt, als wenn bte Pest von ber Dore aus ainn In ber Schul' ist bas so weiter gangen. Sie ist vom gesammten Jungvolk im Kirchspiel gemieben »»d °ft ogar wegen ber Unthat bes Vaters mit Schmahworteii unb bitterem Spott überhäuft wor'n. - Eines Tages, beim Heimgang aus ber Wi, sinb bie Buben wieder bis zum Walb h'-'ter ihr brem unb han sie sogar schlagen wollen. Da ist aber plötzlich ber Han-ust, ° selbigmal beinah breizehn Jahr'n, also mehr alsnoch emM !° alt benn bie Dore war, gleich einem Erzengel zwischen ben Ba hersürtreten unb hat bie Verfolger gehörig abgefiraf unb wt J« wie Mücken zerstreut. — Gerab' bin ich ben Waldweg «V kommen, als er ihr über das lockige Haar 'strichen unb in m'ld Ton zu ihr gesagt hat: „Sei ruhig, armes Kmd, es soll Mr,,we J Gott, Niemand mehr ein Leids anthun! — ®rauf J) Dore bei der Hand genommen und ist md ihr gangen die Thür vom Schifferhäuschen." (Forts. fM-
* Gebrechen.
