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Die Wraulfahrl.
Novellette von E. Härtner.
(4. Forts.) -------
Sie sah ihn mit den großen Kinderaugen fast bestürzt an, als verstände sie ihn nicht. „Ach so, Sie meinen Mama's Krankheit und Tod! — Ja, es war sehr traurig und sehr — schrecklich. — Aber jetzt habe ich das häßliche, schwarze Kleid wieder ablegen dürfen," und ein frohes Lächeln überstrahlte ihr Gesichtchen, „und wenn ich nur erst Lisbeth so weit habe, daß sie ihr abscheuliches Trauerkleid in den Schrank hängt, dann wollen wir uns wieder recht, recht des Lebens freuen! Nicht wahr, Lisbeth?"
„Du weißt, ich habe Dir versprochen, die Trauer abzulegen, wenn Besuch da ist," sagte Lisbeth sanft, aber Erich bemerkte ein schmerzliches Zucken um ihren Mund. „Ich will es heute thun, wenn es Dir lieber ist."
„Ach ja, liebe, gute Lisbeth, komm heute in einem anderen Kleide zu Tisch!" bat Nelly schmeichelnd. „O Vetter Erich, ich werde den Tag Ihrer Ankunft roth im Kalender anstreichen, wenn er meine Lisbeth dem Leben zurückgibt! — Und Du wirst auch tanzen, wenn wir jetzt Besuch haben?"
Es war schwer, den schelmisch bittenden Augen zu widerstehen. Lisbeth entzog sich sanft der stürmischen Umarmung. „Ich muß ja zum Tanz spielen," sagte sie ausweichend. „Ohne Musik geht es doch nicht."
„Freilich nicht, da hast Du recht," sagte Nelly niedergeschlagen. „Und den Vetter können wir auch nicht entbehren, denn es fehlt uns an Tänzern. Aber da ist der Pfirsichspalier! Machen Sie sich nützlich, Vetter, und halten Sie uns den Korb!"
Erich gehorchte, er lachte und scherzte, aber in seinem Herzen blieb ein geheimer Mißklang. Er hatte die Tante aufrichtig betrauert. Sie war eine strenge Frau gewesen, das wußte er wohl, aber ihm hatte sie nichts als Liebe und Güte erwiesen. Sie hatte dem verwaisten Knaben alle jene kleinen Liebesdienste erwiesen, die sonst der Mutter und den Schwestern zufallen, und wenn sie ihn von Schönau verbannt hatte, so mochte ihr Verfahren ein hartes gewesen sein, aber er war überzeugt, daß sie es gut gemeint hatte. Wieviel Liebe hatte die herbe Frau aber nicht erst dem Kinde erwiesen, das es in hilfloser Kindheit ausgenommen und wie ihr eigenes gehalten! Und nun lag sie ein kurzes Jahr in der alten Familiengruft der Koberwitz und das Kind, dem sie die frühverstorbene Mutter ersetzt, mochte nicht mehr an sie erinnert sein. Hatte sie die Pflegerin nicht geliebt — oder scheute ihr leichtes und heiteres Temperament überhaupt vor der Berührung ernster Dinge zurück?
„Er ist kein solches Kind, wie ich dachte," meinte Lisbeth, als sie mit flüchtigem Blick sein Antlitz streifte, während er Nelly gehorsam den sich rasch füllenden Obstkorb hielt. „Er hat einen angenehmen, gedankenvollen Ausdruck und sein Anzug ist gar nicht stutzerhaft. Ich glaube, meine liebe Nelly wird sich mit ihm etwas zusammen nehmen müssen."
Lisbeth mochte denken, was sie wollte, für jetzt handelte Nelly und Alle, Erich eingeschlossen, fügten sich ihren Wünschen und Anordnungen. Als die Tischglocke ertönte, erschien Lisbeth in einem dunkelblauen Anzuge, das Trauerkleid war abgelegt. Herr von Koberwitz äußerte seine große Befriedigung über ihre bereitwillige Gefälligkeit, die von Nelly mit einem stürmischen Kuß belohnt wurde. Am Nachmittage beschloß man, daß es zu Hause am Schönsten sei, allein Nelly erklärte, sie habe bereits befohlen, daß der große Wagen angespannt werde, sie wolle nach Tannenberg fahren. Natürlich wurde nach Tannenberg gefahren, Erich wäre zwar lieber geritten, aber er fand keine Gelegenheit, seine Wünsche zu äußern — mit einem Wort, Nelly ordnete an, und die Anderen fügten sich.
„Bin ich nun eigentlich verlobt?" fragte Erich sich, als er an diesem Abende endlich sein einsames Zimmer erreichte. Es war sehr spät. Die traumhafte Empfindung war gewichen, dafür hämmerten ihm die Schläfen und seine Pulse schlugen fieberhaft. War es von dem reichlich genossenen Wein, den der Oheim ihm förmlich aufgedrungen? Er öffnete das Fenster. Der weite Garten lag still und schweigend unter dem nächtlichen Himmel, das Wasser des Teiches glitzerte schwach, ringsum kein Laut. Die absolute Ruhe wirkte fast beängstigend auf seine erregten, an Stadtleben und Stadtlärm gewöhnten Nerven. Er schloß das Fenster wieder, und begann ruhelos im Zimmer auf- und abzugehen.
Wie oft, wie oft, seit die schmähliche Flucht des Mannes, den er für seinen Freund gehalten, ihn in Verlegenheiten und Verwickelungen aller Art gestürzt hatte, war er so gewandert, stundenlang, rastlos, ost bis der graue Tag ihn fröstelnd auf's Lager trieb, und immer hatte ihm als Letztes Onkel Willibald's gut- müthigcs Gesicht vorgeschwebt. Mit Aufbietung allen Stolzes hatte er sich dagegen gesträubt, seine Hilse anzurufen, er war ohne sein Verschulden verstoßen worden, er wollte fern bleiben.
Nun war mit einem Schlage Alles anders gekommen. Nicht er hatte sich hilfeflehcnd genaht, der Onkel hatte ihm ungebeten die Hand geboten. Er brauchte die Höhe der fälligen Wechsel nur zu nennen und seine Schulden waren getilgt. Und nicht das allein. Der Onkel selber führte ihm das reizende Mädchen zu, von dessen Besitz auch nur zu träumen er sich seit Jahren streng versagt hatte. War er nicht ein glücklicher, ein beneidens- werth glücklicher Mensch! Wie sonderbar, daß ihm das Herz fast ebenso schwer in der Brust lag, wie in den Tagen, in denen er von einer nicht zu tilgenden Schuldenlast gedrückt wurde und keine reizende Braut sein eigen nannte!
Braut? — Erich schrack zusammen. War er denn wirklich schon verlobt? Nein, noch nicht — aber morgen — morgen mußte er sprechen! — (Forts, folgt.)
