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Wiesbadener Tagblatt.
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Der Soyn der Gräfin.
Ein Roman aus dem Schanspielerleben von Clara Pause.
(174. Forts.)
lieber Fräulein Therese lag es seit Ankunft der Damen von Hohenfels wie ein eisiger Hauch. Sie kam zwar nach wie vor gewissenhaft ihren Verpflichtungen als Krankenwärterin nach, ob» gleich sie den größten Theil der Pflege, welche sie Richard bis dahin gewidmet, an die Damen hatte abtreten müssen. Nur noch selten war sie mit dem Kranken allein und dann nur auf wenige Augenblicke; auch wenn sie Nachts bei ihm wachte, leistete ihr entweder die junge Gräfin oder Adele Gesellfchaft. Wohl kam sie sich da zuweilen .recht überflüssig und wie vollständig entbehrlich vor, und doch würde sie um keinen Preis ihren Platz verlassen haben.
Aus dem Munde des Arztes wußte sie, daß der Vertvundete sterben müsse, daß es keine Rettung für ihn gab. Ihr, der verpflichteten Krankenwärterin gegenüber, hatte es der Arzt für seine Pflicht erkannt, nut der Wahrheit nicht znrückzuhalteu.
Wohl tvar sie fast zusammeugebrochen unter der Wucht dieser Mittheiluug, und nur der übermenschlichen Gewalt, die dieses anscheinend so schtvache Geschöpf über sich hatte, war es zuzuschreiben, daß kein Mensch die surchtbaren Qualen ahnte, unter denen sie litt, die an dem innersten Mark ihres Lebens zehrten. Diese Qualen waren um so aufreibender, da sie dieselben schweigend dulden mußte und mit keiner Klage, keiner Thräne ihrem gepreßten Herzen Luft machen durfte. Immer stiller, immer verschlossener war sie geworden, seit die Hände der Mutter und der Geliebten den Verwundeten pflegten; und wie bereit, wie aufmerksam sie war, wenn es eine Handreichung, eine Hülfeleistung galt, welche die Damen von ihr beanspruchten, so that sie doch Alles so mechanisch, so kalt und ruhig, daß sie weit eher einer leblosen Maschine als einem beseelten Wesen glich. Ihre Züge wurden immer starrer, finsterer, die dunklen Augen sanken tiefer in ihre
Höhlen zurück, der bittere Zug um ihren Mund prägte sich schärfer aus, und die Lippen waren so fest geschlossen, als fürchte sie, ei» unbedachtes Wort, eine voreilige Klage könne denselben entschlüpfen und das tiefe Weh verrathen, das täglich, stündlich an ihrem Leben zehrte.
Nur zuweilen, wenn sie Zeugin der hingebenden Liebe und Zärtlichkeit sein mußte, mit welcher die junge Gräfin an dem Krankenlager Richards waltete und wie der Kranke seine Schmerzen zu vergessen schien, wenn die junge Frau in seiner Nähe weilte, wenn ihre Hand in der seinen ruhte, zuckte sie schmerzlich zusammen.
Der jungen Gräfin war das eigenthümliche Wesen der Krankenwärterin aufgefallen.
„Was mag nur dem Fräulein fehlen, liebe Tante?" äußerte sie sich eines Tages gegen diese. „Ihre Art und Weise könnte mir Furcht einflößen."
„Sie scheint krank zu sein," entgegnete der Comtesse, „doch sind es wohl mehr Seelenleiden, welche der Aermsten jede Lebens- sreudigkeit geraubt. Auch scheint sie jedes Mitgefühl, jede Theil- nahme entschieden von sich fern halten zu wollen. Lassen wir sie gewähren, mein Kind; es gibt Wunden im Menschenherzen, die man nicht berühren darf, wenn sie nicht immer von Neuem wieder bluten sollen."
Dem greisen Gutsherrn hatte Adele anbertraut, was ihr Mutterherz mit tiefem, namenlosem Weh erfüllte, daß sie teilte Hoffnung mehr habe, des theuren Sohnes Leben gerettet zu sehen.
Der Greis neigte fein weißes Haupt.
„Ich habe es mir gedacht, gnädige Frau," sagte er. „Die Wunde in der Brust sitzt zu tief, und was dort zerstört worden, vermögen die Aerzte mit allen ihren Salben und Mixturen nicht zu heilen. Aber Sie haben einen großen Trost: Ihr Sohn wird in Ihren Armen sterben. Und kann unser Leben einen schöneren Abschluß finden, als wenn wir es hingeben können für eine große, heilige Idee? Gibt es für den Mann einen schöneren Tod als zu sterben in seinem Beruf, mit dem Bewußtsein treu erfüllter Pflicht? Ihr Sohn kämpfte für sein Vaterland und stirbt als tapferer Soldat den Heldentod für Recht und Freiheit! Darum nicht weinen und klagen, liebe gnädige Frau! Wohl thut es weh, wenn mau sie verlieren muß, die unsere Hoffnung waren und unser Stolz, wenn das junge, blühende Leben sich von unserem verwelkten Dasein losreißt und wir dann allein stehen in der Welt . . . doch wie lange wird es dauern, und auch wir sind angelangt an derselben Stelle. Daun finden wir sie wieder im reinen Lichte der ewigen Gottesliebe, von denen wir uns hier trennen mußte«. Und Wiedersehen werden wir uns. Gott ist ja gütig und gerecht, und wenn wir sie nicht Wiedersehen sollten, die unser höchstes, theuerstes Gut hieuieden waren, die um eines gekrönten Mörders willen in den frühen Tod gehen mußten, Ivo bliebe alsdann die Güte und die Gerechtigkeit Gottes? Nein, nein, es gibt eilt Wiedersehen nach diesem Leben, und ich brauche nicht mehr lange darauf zu warten, gnädige Fran... ich bin neunzig Jahre alt."
Mit Thränen in den Augen drückte Adele dem Greise die Hand; seine Worte, sein fester, heiliger Glaube thaten ihrem Herzen wohl und gossen lindernden Balsam in ihre wunde Seele.
So gingen Tage, Wochen an dem friedlichen Hause des alten Noir vorüber, Tage tiefen Schmerzes und doch auch wieder hohen, reinen Glückes, wie es eben nur die treueste Siebe zu bieten vermag.
Die Schlacht bei Sedan war geschlagen. Frankreich war zur Abwechselung wieder einmal Republik, und der Exkaiser Napoleon wanderte in die deutsche Gefangenschaft nach Wilhelmshöhe, einem der schönsten Fürstenschlösser Deutschlands.
„Dem gekrönten Mörder von Tausenden, der in deni Blute seiner zahllosen Opfer ertrinken mußte, geben sie ein Fürsteuschloß zum Gefängniß, den armen Teufel aber, den sein heißes Blut zur raschen That fortriß, schleppen sie auf das Schaffet . . . Das ist auch Gerechtigket!" grollte bet greise Gutsherr, wie sehr ihn auch der glorreiche Sieg von Sedan begeistert hatte.
Dann und wann wurden Soldaten auf dem einsamen Gute einquartirt, die den unaufhaltsam nach Paris vorrückendcn deutschen Heeren nachfolgten und die oeeupirten Städte und Länderstriche besetzen mußten. Die Soldaten wurden in den Wirthschafts-- gebäuden untergebracht, nur die Offiziere bekamen Zimmer in dem Herreuhause angewiesen und ließen es sich dann gewöhnlich nicht nehmen, den Damen ihre Auswartung zn machen. (Forts, f.)
