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Wiesbadener Tagblatt.

No. m

* Schiffs-Nachricht. Dampfer „Köln", am 5. November vi Bremen abgegangen, ist am 22. November in Baltimore angekomnn

Knast rrnd Wissenschaft.

* (Repertoir-Entwurf des Mainzer Stadttheaters.) Miitwoch den 24.: „Aida". Donnerstag den 2ö.: „Das Nachtlager in Granada". Freitag den 26.: Shmphonie-Concert. Samstag den 27.: „Die Grafen Eckardstein". Sonntag den 25.: Oper. Montag den 26.: „Boccaccio".

Ans dens Meichs.

* (Der Kaiser) hat am 20. Nov. im besten Wohlsein den Jagden in Springe beigewohnt und ist an demselben Tage nach Berlin zurück- gekehrt. In Hannover fand festlicher Empfang statt.

* Preußisches Abgeordnetenhaus. (13. Sitzung vom 22. Nov.) Präsident v. Köller eröffnet die Sitzung um lO'/i Uhr. Am Ministertische: v. Kamecke, Bitter, v. Bötticher, v. Puttkamer, Graf Eulenburg, Dr. Friedberg. Der Gegenstand der Tagesordnung ist die Fortsetzung der Besprechung der Interpellation deS Abg. tzäncl, betr. die Agitation gegen die jüdischen Staatsbürger. Abg. Dr. Meyer (Breslau) klärt zunächst den Fall mit Dr.Fechner in Breslau auf, der in Disciplinar- untersnchung gezogen sei, weil er ein Circular zur Anschirrung der anti- femstischen Agitation unterschrieben habe; er characterisirt dann die Agi­tation, welche sich durch Plakate, Anschläge und Briefe kenntlich mache und verdächtigt die Regierung, daß sie fordernd hinter der Sache steht, tritt dann gegen die Judencinwanderung ein und hofft eine baldige Beseitigung der Bewegung. — Abg. Bachem nennt die Interpellation eine inopportune und hält sie für wesentlich aus den antisemitischen Centren (Berlin, Breslau) ausgehend nnd hält den Agitatoren der Bewegung Lucas 6 entgegen. Er hält in der Judenfrage nicht die Racenfrags für maßgebend, sondern die socialpolitisch-wirthschaftliche Beziehung. Er constatirt, daß ein großer Theil der Juden die Träger deS unsoliden Geschäftes sind, einer unehrlichen, das solide Gewebe zu Grunde richtenden Concurrenz. Dagegen muß entweder das Gesetz einschreiten oder, wie die Bevölkerung im Osten es thut, Selbst- hülfe angewandt werden. Er weist dann auf die religiös-sittliche Seite hin und führt ben Uebermulh und Cynismus der Berliner Blätter aus und wendet sich speciell gegen den „Kladderadatsch" als Feind der Katholiken und Jesuiten. Er spricht seine stärkste Sympathie mit der gegenwärtigen Bewegung und deren Leitern seine vollste Bewunderung aus. — Abg. Richter meint, diese Centrumsrede habe sich unvortheilhaft gegen die letzte des Abg. Windthorst abgehoben. Ein Jude gerade (Lasker) habe im Hause den Gründungsschwindel unbarmherzig aufgedeckt, ein Jude (Straßmann) sei an der Spitze einer Bank gegen Wucher. Er erklärt, man wende sich gegen die jüdische Presse, weil man die liberale Presse nicht angreifen könne und streite

und stellt ihnen in Aussicht, daß sie durch dieselbe ihren Sitz verlieren würden. — Abg. Rickert behauptet, daß Stöcker die Tribüne gemiß- braucht habe, da er Unwahrheiten vorgeführt habe. Der Eindruck der Debatten sei für Deutschland beschämend und die „Times" halte dieselben für eine Satyre auf die deutsche Cultur. — Abg. Srrosser erklärt, daß er von jüdischer Seite wenig Dcmuth und Toleranz gesehen habe, die aber von den Christen gefordert würden. Er beleuchtet ben Fall Kantorowicz näher unb bedauert, daß der Stadtverordnete Hermes sich des frechen Juden angenommen habe. — Abg. Virchow vertheidigt sich persönlich gegen Angriffe des Vorredners. — Abg. v. Minnigerode ist der Ansicht daß die Discussion zum Schaden der Interpellanten ausfallen werde Darauf wird die Besprechung geschlossen nnd nach einer Fluth persönlicher Bemerkungen vertagt sich das Haus auf Mittwoch 11 Uhr. Schluß 5^2 Uh:

Vermischtes.

— (Ueber die neuesten Pariser Moden) liegen weitere Mit theilungen vor.' Den Reigen eröffnet eine der jüngsten Straßen-Toiletten Sie bestand aus dunkellorbeergrünem drap de T hi bet (einem der neueste« einfarbigen Winterstoffe von starker, weicher Qualität) und war mit matt heliotrop lila Sur ah merveillenx garnirt. Rings um den runden Rot lief ein breit gefalteter Volant, über welchem Draperien aus lila Sura! ruhten, die sich vorn kreuzten und hinten zu Schärpen durcheinander ge schlungen waren. Die Taille besteht aus einer eng anschließenden hohen Unter Taille aus dunkelgrüner Seide mit eng anschließenden, langen Ellenbogen- Aermeln, darüber wird eine lange, hinten geschnürte seidene Jersey-Taille getragen, die mit heliotrop Kragen, Aufschlägen und kleinen Hüft-Panierl garnirt ist. Ein kleiner grüner Tuch-Capuchon in langer, spitzer Form ijj mit heliotrop Surah gefüttert und auf eine starke seidene heliotropfarbm Schnur gezogen, deren Enden mit großen seidenen Quasten geschmückt sind. Als Confiction dazu war ein Mantelet aus dunkellila Sarah merveilleui bestimmt, innen mit lorbeergrünem Peluche gefüttert nnd außen n? breiter Guirlande aus lila schattirten Atlasperlen gestickt. Eine reto breite, seidene Grasfranse ist mit schattirten Perlenreihen durcharbeit und garnirt den Rand des Mäntelchens, welches das Eleganteste dies Genres repräsentirt. Der zu diesem Costüme bestimmte Hut war eti hohe Faxon Charles IX., mit lorbeergrünem Peluche in breiten Falb bedeckt. Um den Kopf lief ein einfaches heliotrop Atlasband unb bei war am Kopf ein Bouquet aus heliotrop Straußenfedern befestigt. D Rand war gleichfalls mit bunklem Peluche gefüttert. Besondere Au merksamkeit ist auf die jetzigen Perlenstickereien zu verwenben. Dieselbe imitiren bie Blumen mit künstlerischer Vollendung und besonders sin Fuchsien beliebt, die in hohen Reliefs aufliegen unb deren ©taubfäbe graziös hin unb her wanken. Diese Perlstickereien werden meist auf Stei tüll-Untergrund ausgeführt und später anfgenäht. Sehr hübsch sind d nach den Sommer-Fonlarbs copirten wollenen Satins für Hans- ui Promenadenkleider mit großen Atlas-Pnnkten in contraftirenben Färb« Die aus biesen Stoffen hergestellten Anzüge, mit Allas in der Farbe b Punkte reich garnirt, empfehlen sich besonders für junge Mädchen. Au ganze Attas-Spenser sind zu derartigen Toiletten noch immer beliebt w kleidsam. Ein gleichfalls hübscher Stoff für Herbst- und Winterklei! ist Vieogne de finde, bie in allen dunkelgrünen, braunen, grauen u mobefarbenen Nuancen vorräthig _ift. Das Gewebe ist weniger werihb als cüchemire de finde, aber stärker und billiger als bieser. Als Gl nirung dazu eignen sich am besten die vielfachen Pelzimitationen in Peluc Man hat darin Seal in hell unb bunkel, Chinchilla und geschorenen Hm Die Imitationen sind weich und fein und verarbeiten sich leicht. A denselben werden denn auch die unvermeidlichen kleinen Muffe gearbeii bie ja zu keiner Promenaben-Toilctte mehr fehlen bürfen. Elegant Besuchs- und Empfangs-Toiletten garnirt man toieber vielfach mit Schwl ber von jcher ein bei allen jungen Damen beliebter Aufputz war. M sieht jetzt besonbers viele Halsausschnitte mit Schwan becorirt, hini welchem hervor sich eine feine OZpvlisss-Rüsche drängt. Eine toei Atlasband-Schleife schließt die Garnitur, welche auch am Aermelschli verwendet werden kann. Seit einigen Tagen sieht man in Paris auf bi Muffen, ben Hüten, den Manschetten-Knöpfen unb Ohrringen nichts a Fledermaus- und Nachteulen-Köpfe. Auf den Muffen macht sich ein lei hastiger Flebermauskopf inmitten eines Fächers aus schwarzen Spitz breit; gemalte kleine Nachteulen, so niedlich wie jene von La Fontair pressen sich auf einem Aste und in ber Ecke eines roscnrothen ober ebe holzschwarzen Himmels eine gegen die andere. Diese kleinen Nachteil! dienen zur Verzierung eines Fächers oder eines sackförmigen Muffes ui werden selbst auf ber Rückseite von Kleibern a la regence angebrad Auch gemalte Fasane auf großen Jagdhüten ans Filz, kleine golbt Hähne an ben Ohren, große seibene Knöpfe mit gemalten Hähnen hab großen Erfolg.

-- (Unter ben größten Bibliotheken ber Welt) nimmt i Nationalbibliothek in Paris bie erste Stelle ein. Dieselbe enthält 2,078,0 Bände unb 86,000 Mamiscripte. Ihr zunächst steht die Bibliothek d British Museum in London mit ca. 1,000,000 Bänden unb 41,000 Man scripten, bann folgen bie Königl. Bibliothek in München mit ca. 800,0 Bänden unb 24,000 Mannscripten und bann erst bie Königl. Bibliothek Berlin mit 700,000 Bänden und 15,000 Mannscripten.

* (Vortrag.) In einigen Tagen wird bei Jnrany L Henscl hierselbst ein am 15. November von Herrn Polizei-Director v. Strauß in der Versammlung der Schuhmacher-Innung gehaltener Vortrag über „Handwerk unb Innung" im Druck erscheinen. Der Reinertrag ist für die Unterstützungs-Kasft ber hiesigen Schuhmacher-Jnnung bestimmt.

* (Tobesfall.) Gestern Mittag verstarb hierselbst ber Geheime Archivratb a. D. Hermann Martins nach längerem Leiden.

+ (Mordversuch.) In Kloppenheirn wurde ein Maurer wegen Mordversuchs — er hatte eine geladene Pistole auf seine Fran abgefeuert — verhaftet unb in's hiesige Lanbgerichtsgefängniß abgeliefert.

(Schulnachricht.) Der provisorische Lehrgehülfe Herr Epp- stein zu Biebrich-Mosbach ist auf Grund der von demselben bestandenen Wieberholungsprüfung vom 1. k. Mts. an definitiv zum Lehrer an ber Elementarschule daselbst von Königl. Regierung ernannt worden.

D (Seuche.) Nach Feststellung des Herrn Departements-Thierarztes S die in Dotzheim plötz'ich gefallene Kuh des Landwirths A. Rossel m Folge von emgetretenem Milzbrand verendet.

nun gegen eine jüdisch-liberale Presse, unb nun ziehe man noch den Racen- haß hinein. Die Interpellation sei inopportun gekommen für die Conser- vativen, da sie deren dunkle Unterminirarbeitcn gebührend beleuchte; es ständen auch einige ber Conservativen so unter bem Druck ber öffentlichen Meinung, daß sie von ber Unterstützung ber Bewegung sich jetzt zurückzögen. Von einem christlichen Staate endlich, ber oft erwähnt fei, wisse er nichts, ba ber Staat nicht ber Executor der Religion fein könne; man würde wohl gar bald beim confesstonellen Staate anlangen. Wenn man sich gegen bie 3uben wende, reifee man die Nation auseinander und die Bewegung sei eine antinationale. Er erklärt die christlich-foziale Bewegung für viel ge­fährlicher als die sozialdemokratische und wendet sich bann mit Erfolg gegen bie christlich-foziale Partei und bereu Leiter (Stöcker). Aber er glaube, ber Kanzler stehe unsichtbar hinter allem dem unb werde erst zur geeigneteren Zeit hervortreten. Die Agitation müsse daher gleich unterdrückt werben zur Ehre des ganzen Landes. — Abg. Dr. Stöcker wendet sich gegen den Vorredner und seine Aenßerungen über die christlich-soziale Partei unb vertheidigt sich entschieden gegen bie Vermischung mit der sozial-demokratischen Partei. Der preußische Staat sei doch ein christlicher Staat und werbe nach christlichem Gesetze verwaltet. Er spricht gegen bie jüdisch-liberale Presse unb ihren Cynismns. Speziell spricht er gegen die sich überhebenbe jüdische Literatur unb schließt: „Die Kirche ist die Lebenskraft und das Volk werd uns beistehen, diese zu erhalten." — Abg. Löwe spricht gegen die Ausführungen des Vorredners und weist ihm Jnconsequenzen nach, warnt vor ber antisemitischen Bewegung und erklärt sie für eine Schaube ber Gegenwart. — Ein Schluß-Antrag wirb abgelehnt. - Ab. v. Kröcher glaubt, bie Liberalen möchten die Petition jetzt gerne ungeschehen machen, ... ..... U1

süb SssJea der 8, ÄtaWteen tzöf-ZmckdmckWei i» WKSH«drm. — Wr die Herausgabe verrmtwoMch; LvuA Schellenberg in Wiesbaden 4SK KMGW MZMMSK EiM 16