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aber wenn er nun selbst? Nein! Ernestine wies mit einem Male wunderbar getröstet jeden derartigen Gedanken entschieden zurück, dazu waren diese Augen, mochten dieselben auf sie herniederblicken wie sie wollten, nicht im Stande, das sagte ihr auch der, jenem Geständniß der Verachtung dennoch so männlich freimüthig beigefügte, volle Name des Schreibers, nein, noch einmal, das fürchtete sie nicht! Jetzt galt es nur eins, muthig die Strrn bieten dem Schicksal, das sie selber heraufbeschwor, und dieser Gedanke gab ihr Muth, Kraft und Fassung und die ganze Summe ihres weiblichen Stolzes zurück.

Es war ein Glück für Ernestinens erregte Gefühle, daß ihre Obliegenheiten und Thätigkeit sie meist fern von der Gesellschaft hielt, das Schulzimmer war ihr hauptsächlicher Aufenthalt, und nur selten hatte sie Gelegenheit, mit Gretchen in den Fa»ilien- räumen anwesend zu sein. Geschah dies, und die Commerzienräthin gestattete es nicht oft, so konnte sie Augenzeuge des anscheinend heitersten Verkehrs zwischen dem Professor und seiner Cousine sein. Elfriede hatte für den Vetter zu allen Zeiten ein neckendes Thema bereit, und je weniger "ber ernste Gelehrte zugänglich schien, desto mehr reizte es die durch Huldigungen aller Art verwöhnte, junge Dame, ihn derartig hinein zu verflechten, daß es ihm, ohne un­gezogen zu sein, nicht möglich war, sich ihr zu entziehen. Und die Commerzienräthin unterließ es bei diesen Gelegenheiten nie, ihren Neffen zu versichern, Elfriede sei ein unartiges, verwöhntes Kind, das er entschuldigen müsse, wenn es allzusehr quäle, aber sie unterhalte sich mit dem lange entbehrten Vetter viel zu gern, um sich,vielleicht zu seinem Besten/ fügte sie mit einem lächelnden Blick auf ihre schöne Tochter hinzu,Zwang anzu- thun."

Ernestine war es, nachdem sie das erste, peinvolle Gegenüber­treten mit aller Kraft der Anstrengung überwunden, stets eine Qual, bei solchen Anlässen gegenwärtig zu sein, Elfriedens Betragen gegen sie war dann noch unendlich geringschätzender wie sonst, und ob sie es auch schweigend und klagelos entgegennahm, sie fühlte dennoch, daß sie noch größere Demüthigung, als sie durch ihn schon erlitten, in der Gegenwart dieses Mannes kaum ertrug. Dann aber sagte sie sich auch wieder, wenn bei derartigen Gelegenheiten kein einziger, auch nur der geringfügigste Ausdruck seiner Züge zu ihren Gunsten sprach, ja er es gewiß nicht einmal bemerkte, wenn Elfriede ihr ost tiefverletzend begegnete, daß sie keinerlei Anspruch auf irgend eine Art der Beachtung habe, es war ja so natürlich, wenn er Alles, wenn auch stillschweigend, gut hieß,, was seine junge und schöne Cousine sagte und that, mochte sie sein wie sie wollte, etwas derartigem, wie Ernestine verschuldet, hatte sie sich denn doch nicht anzuklagen. Und doch warf das junge Mädchen oft fast verächtlich die Lippe auf, denn es wollte ihr scheinen, als ob in manchem Blicke Elfriedens mehr geschrieben stand, als sie dereinst mit zitternder Hand dem unseligen Papier vertraut aber sie wußte es, das wusch ihre Schmach nicht ab. iFortsetzuug folta.)

Plaudereien aus der Reichshauptstadt.*)

Berlin, 26. August.

Worüber ich heute schreiben solle, fragte ich vorhin einen Bekannten. Er meinte, darüber könne ich mir. beim Correspondenten des Pariser Gaulois" den besten Rath holen, denn der habe schon zweimal seinem Blatte mangels eines Stoffes den Ausbruch der Cholera in Berlin berichtet, wovon wir selbst hier nichts wissen.

Ich ziehe es indetz einstweilen vor, über Thatsächliches zu plaudern und dazu bietet mir diesmal das Theater reiche Ausbeute.

Zum ersten Male erschienen heute an den neuen Anschlagsäulen die Zettel des königlichen Theaters, das seine Vorstellungen mit demFidelio" beginnt und zwar nicht im Opern-, sondern im Schauspielhause. An jenem werden bauliche Veränderungen vorgenommen, die vor Mitte September schwerlich beendigt sind. Unsere Opernbühne hat nämlich nach oben wie nach unten hin viel weniger Raum, als die meisten großen Theater. Der Vorhang und die Decorationen können nicht anders aufgezogen werden, als indem sie sich in der Mitte umlegen, was nicht nur die Geschwindigkeit und Sicherheit der Verwandlungen beeinträchtigt, sondern wodurch die ge­malte Leinwand sich auch schneller abnutzt. Unterhalb der Bühne stößt man so bald auf Grundwasser, daß sich ein großer Mann nur zur Roth stehend mit der Versenkung herablassen kann. Leute, die sich auf das

Technische des Theaterwesens verstehen, bewundern es, wie wir bei dem beschrankten Raume doch den Forderungen der größten Opern und der reichsten Ballete bezugs der Massenentwickelung und der Maschinenwunder gerecht werden. Der Leiter des Maschinenwesens, Herr Brandt, versicherte mtcy, er wolle mit dem vorhandenen Raume denRibelungenring" dennoch vortrefflich msceniren, wie er nur auf der umfangreichsten Bühne gegeben werden könne; Pläne und Maschinenmodelle habe er schon angefertigt aber die Kosten würden zehnmal höher werden als bei anderen Theatern

Daß man die bisher mangelnde Höhe nunmehr durch Aufsetzen eines neuen Daches herstellt, ist vielleicht das erste Anzeichen für die Vorbe- reltungen zur Nibelungen-Trilogie. Sollte unsere königliche Bühne sich derselben fernerhin verschlossen halten wollen, so gedenkt man sie im nächsten I ^"Ire m dem dazu in räumlicher Beziehung vortrefflichen Victoria-Theater aufzufuhren.

_ Von unseren ersten Damen sind Frau Mallinger, Fräulein Brandt und Fraulein Tagliana noch beurlaubt. Als krank hat sich die so talentvolle lugendüche Tänzerin Dell Era gemeldet. Sie wird vor Ablauf des Jahres schwerlich zurückkommen. Es ist ihr ergangen, wie ihrer Vorgängerin Zucchi d,e auch im vorigen Herbst nicht zu rechter Zeit erscheinen konnte und darum durch die Andere ersetzt wurde.

Auch das Schauspiel, welches heute beginnt, führt sein Personal zu­nächst mit Lücken in's Treffen, da die Herren Ludwig und Liedtcke wegen Krankheit einstweilen fehlen. Drei Mitglieder haben sich während der Ferien in die Fesseln des Ehestandes begeben, denn außer Fräulein Keßler die sich mit Herrn Kahle verheirathete, hat noch Fräulein Martini einen i Mann genommen, der aber nicht dem Theater angehört. Seltsamer Weise ftnb während derselben Zeit, wo im Kreise der Schauspieler Freudenfeste gefeiert wurden, die Kreise der Sänger durch Trauerfälle heimgesucbt worden. .Zuerst starb der Vater des Herrn Betz, dann die Gattin des Capellmeisters Radecke und dann verloren die Sängerinnen Horina und Brandt, sowie der Capellmeister Kahl ganz kurz nach einander ihre Mütter.

Es schied aus dem Verbände des Schauspielhauses Frau Bittner welche die Erwartungen nicht erfüllte, welche man in sie setzte, als sie aus dn Meininger Gesellschaft für uns gewonnen wurde. Auch Herr Hellmuth- Bram, eines der beliebtesten Mitglieder der Meininger, kann sich hier nicht mehr halten und wird kaum noch beschäftigt. Desgleichen sucht das Ham­burger Theater augenblicklich einen Heldenspieler, da ihm Herr Nissen vor­dem aud) ein hervorragender Meininger, nicht genügt. Es geht doch aus diesen Thatsachen hervor, daß die Meininger Schauspieler, nur auf wenige Rollen virtuos zugeschnitten, im weiteren Repertoir eines anderen Theaters sich nicht zurechtfinden.

Viel erwartet man von dem neuen jungen Mitgliede Fräulein Conrad, dre als Grille" auftreten soll. Durch die Ursprünglichkeit ihres Spieles versteht sie die Zuschauer lachen und weinen zu machen. Die lieben Colle- glnnen mdeß sollen noch nie über sie gelacht, wohl aber im Sttllen geweint haben, wennschon nicht aus Mitgefühl. Es verlautet auch schon so etwas von einem finsteren Plane, der gegen sie geschmiedet werden soll. Eine gute Freundin wird etwa unwohl werden, so daß deren feine Salonrolle an den Neuling fällt. Fräulein Conrad mit ihrem naturwüchsigen Talente, das aber noch nicht polirt ist und sie überhaupt nicht auf Salondamm hinweist, spielt die Partie dann ungenügend, beweist ihre Unfähigkeit und wird in die Ecke gestellt, wo es ihr natürlich so wenig gefällt, daß sie sich beeilt, von uns fort zu kommen. Ich wünsche aber in diesem Falle ein falscher Prophet zu sein.

Gestern wurde Albert Hofmann begraben, bekannter als Verlags-Buch­händler und Herausgeber, sowie Besitzer desKladderadatsch", denn als Theater-Director, was er auch erst in den letzten Jahren geworden war. Das Friedrich-Wilhelmstädtische Theater hat, während er es besaß, eine bedeutsame Phase durchgemacht. Vorher dem Offenbach-Kultus so ziemlich ausschließlich ergeben, fing es unter seiner Leitung an, anstatt die verblassen­den Karrikaturen der musikalischen Farce, die Werke Lecocq's, Suppo's und Strauß' zu pflegen, die sich theilweise der zwar übermüthigen, aber doch nicht liederlichen früheren Operette zu nähern bemüht waren. Als Verdienst kann man ihm das gerade nicht anrechnen, er folgte demStrome der Zeit", dem Geschmacke des Publikums. Auch die Zeit derAngot", des Carneval in Rom" und derFatinitza" ist vorüber und dieneue Aera" auf dem Gebiete der komischen Oper, die man erhoffen muß, sollte Hof­mann nicht mehr erleben.

Ungeachtet sein Theater meist gut besucht war, setzte er doch jährlich dreißigtausend Mark zu. Und dennoch hinterließ er ein bedeutendes Ver­wögen. Das Capital soll seiner Bestimmung nach einstweilen tat Geschäfte verbleiben, jedes der fünf Kinder aber bekommt jährlich dreizehntausend Thaler von den Zinsen. Das Theater darf jedoch keins derselben über- nehmen. Ein Verwaltungsrath wird es so lange leiten, bis ein zahlungs­fähiger Pachter gefunden ist.

Zwei Männer haben sich bereits um die Pacht beworben, der Director des deutschen Theaters in New-Iork, Neuendorff, und der bisherige Director des Trierer Opernhauses, Jauner. Beide sind geschäftsgewandte, theater- kundige Leute.

__________ B. -dt.

Räthsel.

Fürwahr nicht so geschwind, Als ich, sind Luft und Wind, Ich reis' in Welten, die kein Menschenauge sah, Bin in Minuten dort und in Minuten da.

*) Unberechtigter Nachdruck verboten.

Auflösung des RäthselS in No. 197; Der Ballstaat.