Sette 16
No. 151
Wiesbadener LagblaLL.
BoUswirthschaft.*)
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und volkswirthschaftlichen Leistungen und Resultaten. Die Gesellschaft hatte ungewöhnlich große Schäden vergütet, also großen sozialen Uebeln gesteuert,
... _ . . I diese wegen ihrer Nachschußforderungen eine heftige Anfechtung zu bestehen
Ern wissenschaftlich vernachlässigter Zwerg der I hatte. Auch hier handelte es sich AM den Unterschied zwischen kaufmännischen
samkeit mit kaufmännischen Schwierigkeiten zu kämpfen hat.
„Wenn gerade die jüngeren Institute — fährt er fort — gegenwärtig mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, so ist es Aufgabe, ihnen über dieselben hinweg zu helfen, nicht aber vernichtend dazwischen zu schlagen. Keine Anstalt wird als eine große in's Leben gerufen, und wer jemals in die Geschichte des deutschen Lebensversicherungswesens geblickt hat, weiß, daß eine jede an den Kinderkrankheiten gelitten hat. Hier heißt es aber fördernd weiter helfen und vor Allem auch das anerkennen, wenn die Anstalt in die niederen Schichten der Bevölkerung hinabsteigt, um auch hier das Verständniß für die Lebensversicherung zu wecken und den Segen zu verbreiten, den sie im Gebiete hat."
Diesen sozialen Maßstab legt auch die Staatsregierung an das Versicherungswesen, wie das Rundschreiben des Reichskanzlers über die reichsgesetzliche Regelung des Versicherungswesens vom 4. August 1879 außer Zweifel stellt. Doch auch die praktischen Aussichtsmaßrcgeln der Behörden bestätigen das, wie noch im vergangenen Jahre der Schutz bewies, den die Regierung einer jüngeren Gesellschaft angedeihen ließ, als
in Folge des Anstoßes, welchen das Vorgehen des Reichskanzlers gab.
So dürfen wir denn wohl von der reichsgesetzlichen Regelung des Versicherungswesens im Interesse der sozialen Aufgaben u. 31. erwarten: die Befestigung der Operationsbafis für diejenigen jüngeren Gesellschaften, welche nicht blos kaufmännische, sondern vorzugsweise volkswirthschaftltche Resultate anstreben. Der Arzt ist auch in sozialer Hinsicht mehr für die Kranken als für die Gesunden. Die ganz sicheren Fälle bedürfen der Vev sicherung weniger als die mehr unsicheren, denn gerade aus der Nichtversicherung der letzteren resulttrte seither der unsere Zeit characterisirende und sozial so gefährliche Mangel an Sicherheitsgefühl in weiten Kreisen unsere? Volkes,
offen bekennt, daß er von seinem Leben nicht lassen könne: „ Wein und Wasser könne er nicht dichten."
(Schluß folgt.)
ganze Umgegend wurde. So erzählt. Cäsar von Heisterbach, der • sicherungsgesellschaft, eine Bank u, s. w. nur nach den Dividenden und der berühmte Verfasser der Wundergespräche (dialogus miraculorum): I kaufmännischen Prosperität beurtheilt, sucht die tiefer dringende Wissenschaft - „In einer schrecklichen Hungersnoth, welcher Unzählige am Rheine I mehr und mehr die sozialen Leistungen, die staatswirthschaftlichen Zu- 1 erlagen, wurde unser Haus, damals noch arm und klein, Vielen I sammenhänge zu erforschen. Und da findet sie sehr häufig, daß ein in wohlthätig. Von denen, welche das Gedränge vor der Klosterpforte I kaufmännischer Hinsicht glänzender Erfolg in sozialer Hinsicht ein be-; | sahen, wird versickert, daß eines Tages 1500 Hilfsbedürftige ein I deutlicher Mißerfolg ist. Speziell auf das Versicherungswesen ange- ' ; Almosen empfingen. Der damalige Abt, Herr Gebbard, ließ in I wandt, so wird man unter Anlegung dieses neuen Maßstabes keineswegs der Zeit vor der Ernte, täglich, wenn es kein Fasttag, in drei I mehr wie früher blos Hochachtung und Entzücken, sondern auch einiges Kesseln einen Ochsen sammt dem hin und wieder zusammengelesenen i soziales Mißtrauen empfinden, wenn man in den Berichten namentlich Gekräute kochen und nebst Brod unter die Armen vertheilen." Ge- I älterer Gesellschaften auf den Ruhm großer Vorsicht in Auswahl - wiß ein rühmenswerthes Zeichen mildthätiger Frömmigkeit! Auch I der Versicherungsnehmer stößt. Der neueren Wissenschaft imponirt ‘ sonst galt das Kloster als Zufluchtsstätte für Unglückliche, Elende, I dies Lob der Solidität durchaus nicht so sehr; sie hält demselben den Ge- ; Heruntergekommene, und gar mancher jener leichtsinnigen und lüder- I fichtspunkt entgegen, daß der Vortheil und die Sicherheit der einzelnen lichen Vaganten oder Goliarden (clerici vagi) mag, wie jener berühmte I Gesellschaft nicht immer gleichbedeutend ist mit dem Vortheil und der Erzpbet Walther, hier Obdach undErquickung von denen empfangen 1 Sicherheit des ganzen Staates. Blos die gefahrlosen Falle zu ver- haben, welche er so oft in seinen leichtfertigen Liedern mitbeißendem I sichern — sagt sie — ist ohne Frage für die betreffende Gesellschaft privat- Spotte verfolgt hatte! Diefer Walther, der Dichter des berühmten I wirthfchaftlich sehr vorthellhaft, aber es ist staatswirthsch aftlich Zechliedes: „Mihi est propositum“, den Boccaz unter dem Namen I bedenklich, ja mit Rücksicht auf die akut gewordenen sozialen Aufgaben Primasso zum Gegenstände einer seiner Decamerone-Novellen ge- | der Gegenwart geradezu verderblich.
macht hat, und unstreitig - so urtheilen auch Grimm, Watten- | Auch Dr. Elster laßt sich m seiner erwähnten Schrift nicht durch die bach und Giesebrecht-einer der bedeutendsten Meister seiner Zeit I kaufmännisch glanzenden Re ultate der alten Gesellschaften blenden, sondern gewesen ist, war im abenteuerlichen Zuge durch die Welt gegangen, I dehalt einen klaren Blick für den großen sozialen Nutzen, welchen die er hatte Frankreich, England, Italien gesehen und war trotz seines I jüngeren Gesellschaften stiften. ,
lüderlichen Lebenswandels, seiner Leichtfertigkeit und seines über- | „Wahrend die begüterten Klassen —Jagt er sobald sie eme Ver- müthigen Spottes am Hofe des edlen Erzbischofs Rainald von Gerung wünschen, zu den alteren Gesellschaften gehen, find dle iungeren Dassel, des tapferen Anhängers Friedrich des Rothbarts, ein gern »tute anfangs geradezu gezwungen, tiefer herabzustelgen, um hier Ver- gesehener Gast. Da ergriff ihn eine schwere Krankheit, schon schien I stchernngen abzuschließen. . , ... ,
der Tod nach ihm die dürre Hand auszustrecken, als er an Leib » Dr‘ Rnbet eg natürlich, daß diese sozial viel nützlichere Wirk- und Seele gebrochen an den Thoren des Klosters Heisterbach niedersank und um Aufnahme in den Orden bat. Mild nahm man den kranken und reuigen Sünder auf; aber nicht innerer Beruf hatte ihn in die Einsamkeit der klösterlichen Mauern zurückgeführt, sondern die Noth und die Furcht vor dem Tode. Kaum war er genesen, da warf der ewig durstige Sänger spottend die Kutte von sich und begann — es war im Jahre 1270 — wieder sein lockeres fahrend' Leben. Seine Gedichte sind von der größten Schönheit und zeugen von der vollkommenen Beherrschung der Sprache, seltener Formengewandtheit und hohem poetischen Schwünge. Noch heute singt das Volk sein: Mihi est propositum in taberna morst Verse, die ein Bruchstück seiner Generalbeichte sind, in welcher er den Erzbischof um Verzeihung für seine Sünden bittet, zugleich aber
Der Dozent der Staatswissenschaften an der Universität in Halle, Herr | dabei aber kaufmännisch bedeutende Ausfälle erlitten. Die Aufsichtsbehörde Dr. Ludwig Elster, hat kürzlich über „Die Lebensversicherung I erkannte dies von ihrem höheren staatswirthschaftlichen Standpunkte in Deutschland" eine Schrift publizirt, welche eine große Anzahl ent- j an, während im Publikum vorwiegend der privatwirthschaftliche weder neuer oder doch seither vernachlässigter Gesichtspunkte über diesen I Beurtheilungs-Standpunkt festgehalten wurde.
außerordentlich wichtigen Zweig der Volkswirthschaft enthält und dadurch | Die Presse nahm im Allgemeinen zu der neuen Auffassung noch eine bedauerliche Lücke in unserer Spezial-Literatur ausfüllt. I keine Stellung, und zwar hauptsächlich deßhalb nicht, weil, wie Dr. Elster
Dr. Elster liefert dem deutschen Publikum für die krittsche Würdigung I mit Recht klagt, die deutschen National-Oeconomeu diesen Zweig der des Versicherungswesens im Allgemeinen, sowie der einzelnen Gesellschaften | Volkswirthschaft seither ungebührlich vernachlässigten. „In Bezug aufVer- zu einander, namentlich insofern einen neuen Maßstab, als er der blos i stcherungswesen — sagt Dr. Elster — ist die Wissenschaft zurückgeblieben, kaufmännischen Schätzung der Resultate eine volkswirthschaft- i die Praxis der Theorie vorausgeeilt." Erst neuerdings bemühen sich die lMe und sozialpolitische substitnirt. I Gelehrten, aus diesem Nachtrab herauszukommen, und zwar hauptsächlich
Diese Unterscheidung zwischen kaufmännischen und volkswirthschaftlichen, zwischen privatwirthfchaftlichen und staatswirthschaftlichen Leistungen und Vortheilen trat in den letzten zehn Jahren auch auf anderen Gebieten des Wirtschaftslebens mehr und mehr in den Vordergrund, und zwar hauptsächlich angeregt durch die Kathedersozialisten. Speziell war es Professor Adolf Wagner, welcher sich für die Beleuchtung dieses noih- wendigen Unterschiedes außerordentliche Verdienste erwarb. Während das große Publikum auch heute fast nur den kaufmännischen Maßstab für seine Werthschätzung anlegt, z. B. ein Eisenbahuunternehmen, eine Ver-
*) Unberechtigter Nachdruck verboten.
