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No. Ä1

Wiesbadener LsMaLS.

Sette 1«

Bianca war aufgestanden und an das Fenster getreten. Ein Zug von tiesem Schmerz und Bitterkeit lag um ihren Mund, als sie langsam erwiederte: . .

„Dich unglücklich zu machen, wäre wohl eine schwierige Auf­gabe, "der ich mich nicht unterziehen möchte, und für das, was ich unter ... Unglück begreife, fehlt Dir di- Fähigkeit des Verständnisses."

Mit Mühe bekämpfte Werner noch seinen Zorn.

„Meinst Du? Und was versteht Du unter Unglück? Habe die Güte, mich darüber zu belehren . . . vielleicht besitze ich doch die Fähigkeit, die Du in Zweifel ziehst."

Bianca zauderte eine Secunde; sie begegnete seinem glühenden Blcke fest und unerschrocken.

„Das Einzige, was mir nach dem Verluste, den ich erlitten, noch als solches erscheinen könnte, wäre ..."

„Nun? . . . Das wäre?"

„Deine Frau zu sein."

Sie standen sich dicht gegenüber, Bianca mit keinem äußeren Zeichen der Erregung, Werner nur mit gewaltiger Anstrengung seine Aufregung bemeisternd. Jede Muskel seines Gesichtes zuckte und seine Augen hasteten auf Bianca's unbewegten Zügen mit dämonischem Ausdruck. Seine Hand umklammerte so fest die zier­lich gearbeitete Lehne die Sessels, an den er sich gelehnt, daß ein Theil des Schnitzwerkes unter diesem eisernen Griffe zerbrach; er schleuderte es weit von sich, so daß es Bianca's Gewand streifte ... der Stuhl wurde der zerbrochenen Lehne nachgesandt und stog auf seinen Rollen durch das Gemach.

Bianca's Auge ruhte sest und unverwandt auf Werner's zorn- geröhtetem Gesicht. Sie erwartete jeden Augenblick, daß dem Stuhl- diverse Vasen, Flacons oder Bücher folgen würden; sie hatte ost genug von dergleichen Scene» und rohen Zornesanisbrüchen gehört und die arme Tante Susanne tief bemitleidet, deren Nervosität dadurch den höchsten Grad erreichte.

Sie wandte langsam das Haupt und richtete den Blick auf des Vaters Bild, welches über dem Schreibtische hing und ihr Muth und Trost zuzulächeln schien.

Werner verstand die stumme Mahnung und beherrschte sich mühsam, aber seine Stimme klang drohend gepreßt, als er her­vorstieß:

„Hüte Dich, Bianca, und sei weniger . . . ausrichtig, sonst werde ich Dir zeigen, daß ich mich nicht ungestraft also beleidigen lasse! Weil ich bis heute stets geduldig und thöricht genug Deine Launen, Deinen Spott, Deinen verletzenden Hochmuth ertrug, glaubtest Du Dich berechtigt, mich bei Seite zu schieben und wie eine lästige Zugabe der Loffow'schen Familie entweder, als gar nicht vorhanden, zu übersehen, oder auf das Empfindlichste zu verletzen. Aber das ist nun vorbei. . . Noch ein Mal: hüte Dich! Sonst wirst Du die Erfahrung machen, daß ich ebenso glühend zu . . . hassen wie leidenschaftlich zu lieben vermag, und o wahr ich Dir mit meiner Liebe den Himmel auf Erden bereitet haben würde, so wahr wird mein Haß Dir das Leben an meiner Seite in der That zu einem Unglück machen."

(Fortsetzung folgt.)

Räthsel.

Du siehst der Erde Eingeweide

In meinem Worte auf den ersten Blick;

Doch steht ein H chm links zur Seite, So wird's von Deinem Eingeweide, Wie wunderbar! ein wesentliches Stück.

Auflösung des RäthselS in No. 15: Regen, Regent. Die erste richtige Auflösung sandte Franziska Lemp.

Plaudereien aus der Reichshauptstadt. *)

Berlin, 23. Januar.

Mehr als über Diejenigen, welche bei dem diesmaligen Ordensfeste mit Ehrenzeichen geschmückt wurden, spricht man über einen vornehmen Herrn, dessen Name kurz vor dem Feste von der Liste gestrichen wurde. Hat er sich dies- schmerzliche Zurücksetzung auch zuuächst selbst zuzuschreiben, so mag er sich doch bet einem hiesigen kleinen, aber in gewissen Kreisen vielgelesenen Blatte bedanken, welches zu lener Ausschlietzung den Anstoß gab. Dies Blatt ist gut bedient und pikant geschrieben, auch der Neid mu z ihm das zugestehen. Aber es weiß viel zu erzählen, was besser verschwiegen bliebe, und nicht die Grenze zu ziehen, welche zwischen unterhaltenden Neuig­keiten und scandalowm oder tendenziösem Klatsch liegen muß. Um zu zeigen daß bei „vorurtheilsfreicn" Leuten kein Unterschied mehr zwischen Jude und Christ, zwischen dem Baron der Börse und dem Grafen von Geburt gemacht werde, erzählte es von einem nächtlichen Gelage, welches reiche Bankiers und vornehme Adelige in einem feinen Restaurant unter den Linden mit Reiterinnen und Tänzerinnen de» Circus Renz gefeiert hätten.

*) Unberechtigter Nachdruck verboten.

Dadurch bewies das Blatt nun durchaus nicht das, was eS wollte — denn die Stimmungen und Ansichten der wirklichen Aristokratie Denen egenüber, welche sich an den Früchten des Giftbaumes gemästet haben, ind ganz anderer Art, als eS glauben machen will — wohl aber beging es eine Taktlosigkeit, indem es einen Bericht über eine geschlossene Gesell- chaft veröffentlichte, in der sicherlich keinerlei Ungehörigkeiten vorkamen und wie sie ähnlich fast täglich sich zusammenfindet, ohne daß davon ge- prochen oder gar darüber in der Zeitung berichtet wird.

Doch man fand an maßgebender Stelle, daß eine Person, der ein hoher Orden zugedacht worden sei, ihres Standes sich stets soweit bewußt bleiben müsse, daß sie nicht in gemischter Gesellschaft in einem öffentlichen Locale ihre Unterhaltung suche, und strich den aristokratischen Herrn von dei ßiftc.

Ob die Erfahrung, welche er bei seinen Festgenossen gemacht hat, ihn wohl veranlassen wird, die Verschmelznng der Stände noch fernerhin zu befördern? . . .

Das Ordensfest wurde übrigens in der herkömmlichen, seit nunmehr iebzig Jahren üblichen Weise begangen. Seinen Abschluß fand es Abends n der Festvorstellung des Opernhauses, zu welcher diesmal ein preußischer Werk, Rellstab's „Feldlager in Schlesien" von Meyerbeer, zum Theil recht wirksam componirt, erwählt war.

Es ist ein prächtiges Bühnenbild, welches die Regimenter des großen Friedrich in ihren treu dargestellten Uniformen bieten, wie sie in der alten Art die Waffen tragen, nach alter Weise salutiren und exerzieren, dazu die1 Musik der Märsche, dieselbe zum Theil, nach welcher die Grenadiere der iebenjährigen Krieges in die Schlacht zogen —das macht einen erhebenden Kindruck.

Der Kosmopolit Meyerbeer hat diese seine einzige vaterländische Oper leider selbst ihres Charakters entkleidet, indem er sie russificirte und dann „Nordstern" nannte. Dieser Nordstern ist die Kaiserin Katharina. Nack den Melodieen des Hohenfriedberger und Dessauer Marsches bewegen sich da die Baschkiren, und der Jubelchor: „Für unfein König unser Blut!", der die helle Begeisterung für den Kriegsherrn ausspricht, ist in der Neu­bearbeitung ein Chor der Verschworenen gegen den Feldherrn geworden. So quillt aus einem Brunnen zugleich süß und sauer!....

In einem kleinen Kreise, der sich nach der Oper zusammenfand, war auch ein Mitglied des Theaters, welches dieselbe noch unter dem Com- ponisten mit einstudirt hatte. Einmal dauerte die Probe von zehn bis gegen drei Uhr Nachmittags und Meyerbeer ging dann mit meinem,Ge- währsmaune in eine nahe gelegene Weinstube, Beide wollten sich durch einen Trunk stärken. Als dem Componisten derselbe vorgesetzt wurde, zog er eine in Papier gewickelte Semmel aus der Tasche und sagte: „Kellner, lassen Sie mir da? durchschneiden und mit Caviar bestreichen." — „Für zwei und einen halben Silbergroschen, Herr General-Musikdirector, nicht wahr?" — „O nein, ich dächte, für zwei Silbergroschen wäre genug." -

Da entsann ich mich auch der Geschichte, welche mir vor Jahren der alte Jnstrumenteuträger der Capelle einmal erzählte:

„Der Herr General-Mufikdirector bestellte mich in sein Haus und hatte eine Menge Gänge für mich. Manchen mußte ich zweimal machen, da er mit dem ersten Bescheide nicht zufrieden war. Nach mehreren Stunden, als ich mich schon vollständig ermattet fühlte, entließ mich Meyer- Beei. — „Nun sollen Sie auch ein ordentliches Trinkgeld bekommen, lieber Schröder," sagte er und suchte dann eine Zeit lang in seinem Gelbe herum, ehe er mir etwas in die Hand steckte. Ich dankte und fühlte unterdeß, daß es wohl nur ein Fünfgroschenstück wäre, hoffte aber, es solle einer von den kleinen halben Gulden sein. Draußen erst sah ich mir's an: „Was meinen Sie, was es war?" — „Nun, ein- Fünfgroschenstück." — „Ja, aber - ein polnisches!"

„Ich lüge Ihnen nichts vor!" fügte der Alte ernsthaft hinzu. Er schien sich noch immer zu ärgern .'.... . .

Eine bcmerkenswerthe Kundgebung fand dieser Tage m einem hiemen Theater statt. Kaum war die Nachricht verbreitet, der Kronprinz habe sich gelegentlich seiner Anwesenheit bei dem Synagoaen-Concerte dahin aus­gesprochen, daß er mit der Bewegung gegen die Juden nicht einverstanden sei, als ein bekannter Possenschriftsteller eine auf diese Aeußerung bezüg­liche Strophe verfaßte und sie einem der beliebtesten Komiker zur Anfügung an ein viel beklatschtes Couplet übergab, das den Refrain hatte: „SieW Lol, des hoste tut dervon." — Wieder wurde lebhaft bei den ersten Strophen applaudirt. Als aber der Schauspieler sang:

„Stöcker will uns gegen Inden Hetzen, Kronprinz sagt, das thäte ihn verletzen. Siehste Stöcker'chen, des hoste nu dervon!"

da entstand ein so großer Lärm seitens des Publikums, daß der Vor­tragende es nicht mehr gewagt hat, diese Strophe noch einmal zu fingen.

B. -bt.