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Wiesbadener Tagblatt.
No. 11
Ans dem MsLche.
* (Prinz Wilhelm von Preutzen) ist von seinem kürzlichen Unfälle wieder ganz genesen.
* Preußisches Abgeordnetenhaus. (84. Sitzung vom 12. Jan.) Präsident v. Köller eröffnet die Sitzung um H’/j Uhr. Am Ministertische: Graf zu Eulenburg, Bitter, von Puttkamer und mehrere Commisiare. Der erste Gegenstand der Tagesordnung ist die erste Bcrathnng ves Gesetzentwurfs, betreffend die Bewilligung von Staatsmitteln zur Bekämpfung des Nothstandes in Oberschlesien. Es melden sich zwölf Redner für die Vorlage zum Wort, gegen dieselbe Niemand. Abgeordneter von Hüne hält die Vorlage für im Allgemeinen ganz zweckentsprechend. Der Nothstand sei in erster Reche durch das Miß- rathen der Kartoffeln hervorgerufen und trete stellenweise auch noch in einigen anderen oberschlesischen Kreisen als den in der Vorlage genannten auf. Die beginnende Hebung der Montau-Industrie in Oberschlesien erklärt Redner für eine Folge der neuen Wirthschaftspolitik und wendet sich dann zu den einzelnen Bestimmungen des vorliegenden Gesetzentwurfes. Redner tadelt es, daß in einigen Kreisen die katholischen Geistlichen von den Behörden aus den Noihstauds-Comites ausgeschlossen seien und hofft, daß diese „grobe Verirrung" corrigirt werde. Die Gewährung von Staatgut gegen die Verpflichtung der Wertheserstattung werde sich nicht überall als durchführbar erweisen, denn nur der besser situirte Theil der ackerbauenden Bevölkerung werde später in der Lage sein, das Staatgut zu bezahlen. Redner stellt zu dem betreffenden §. 2 einen Abänderungsantrag in Aussicht. Gegenüber den in Oberschlesien auftretendcn Krankheiten mangele es schon jetzt an Krankenpflegern, da leider die bestehenden Gesetze die krankenpflegenden katholischen Orden verdrängten und beschränkten; dieselben Gesetze machten es auch zum Theil unmöglich, daß den armen Sterbenden die Tröstungen der Religion gespendet würden. Der geistige Nothstand der preußischen Katholiken müsse durch Beendigung des Kulturkampfes ein Ende finden. Das Volk in Oberschlesien könne in den Schulen nur mit Hilfe der Kirche erzogen werden. Redner geht auf die Wucherfrage ein, die in Oberschlesien die größte Krankheit sei, und die Bevölkerung gehe daran zu Grunde. Die Centrumsfraction habe stets auf Gesetze gegen den Wucher gedrungen und es wäre zu wünschen, daß die Regierung den aus der Mitte dieser Fraction hervorgehenden Anregungen überhaupt ein willigeres Ohr schenke, als das bisher geschehen sei. Die vom Finanzminister in Aussicht gestellten Boden-Meliorationen würden zweifellos eine segensreiche Wirkung ausübeu. — Der Finanzminister Bitter erwidert zunächst, daß es nicht in der Absicht der Regierung liege, die Nothstandsmaßregeln auf das Platte Land zu beschränken. Bezüglich der Eisenbahnfrage werde eine wohlwollende Beachtung aller localen Verhältnisse eintreten und es werde geschehen, was nöthig sei, um die Kreise, um welche es sich handle, dem großen Verkehr anznschließen. Die Regierung werde es an der nöthigen Aufmerksamkeit nicht fehlen lassen, denn es werde ihr nach Bewilligung der Vorlage an Mitteln nicht fehlen, und was die Rückzahlung der Darlehen anlange, so werde von Seiten der Regierung keine Schwierigkeit gemacht werden; diejenigen Grundstücke, deren Besitzer Darlehen erhalten, sollen auf die Dauer in einen leistungsfähigen Zustand versetzt werden. Bezüglich des Ausschlusses katholischer Geistlichen von den Nöthstands-Comits's erkläre er, daß dies seiner Absicht nicht entspreche (Beifall), gerade in dieser Beziehung solle Versöhnlichkeit nach allen Seiten hin geübt werden. — DerCultuSministcr v.Puttkamer erläutert zunächst die Sanitätsverhältnisse in Oberschlesien. Wenn der Vorredner die Befürchtung ausgesprochen, daß mit dem Witterungsumschlage der Gesundheitszustand sich wesentlich verschlechtern werde, so könne er diese Befürchtung nicht verneinend beantworten, aber er könne doch anführen, daß bis zu diesem Augenblicke keine irgendwie in weiterem Umfange bedrohliche Krankheitserscheinung sich in verstärktem Maße gezeigt habe. Es gebe wenige preußische Provinzen, welche )o reich mit Sanitäts- anstalten ausgestattet seien, wie Oberschlesien, und in erster Reihe gehöre dazu die Anstalt des Johanniter-Maltheser-OrdenS in Rybnik. Der befürchtete Mangel an Heilpersonal werde durch eine humane Handhabung der Gesetze leicht befestigt werden,, und die Regierung werde der Bildung, vorübergehender ambulanter Krankenpflege kein Hrndernitz in den Weg legen. Der Minister weist dann darauf hin, daß er die Errichtung von sogenannten Bolksschulküchen angeordnet habe und geht dann zu der vom Vorredner berührten Frage der erschwerten Ausübung der Seelsorge über, die auch er lebhaft bedauert, dabei aber bemerkt, daß die Sache nicht so traurig läge, wie der Vorredner sie dar- gestellt habe. In Oberschlesim finde eine sehr milde Praxis der Staatsanwaltschaft und Gerichte statt und die Organe der Justizverwaltung würden bei der gegenwärtigen Sachlage mit derselben Milde und mit Ver- ständniß Vorgehen. (Beifall.) Auf bte Schulfrage eingehend, erkärt der Minister, daß die Finanzkräfte der Gemeinden burch Neubauten von Schul- häusern keineswegs zu sehr in Anspruch genommen seien. Die Regierung habe stets auf die geringe Leistungsfähigkeit der betreffenden Gegenden Rücksicht genommen. Er habe, soweit die Mittel seines Ressorts es gestatteten, die Fonds zur Unterstützung der Lehrerwittwen im Regierungsbezirk Oppeln vermehrt und werde nach wie vor in dieser Hinsicht thun, was in seinen Kräften stehe. (Bravo!) — Abg. Schellwitz gibt dem Abg. v. Hüne ganz Recht, daß der Wucher in Oberschlcsien mit zu den größten Üebelständen gehöre, will aber doch darauf aufmerksam machen, daß vor der Aushebung der Wuchergesetze dieselbe Ausbeutung der Bevölkerung durch Wucher stattgefunden habe. Redner geht ausführlich auf
die Grundbesitzverhältnisse in Oberschlesien ein und beleuchtet die von einem Vorredner erwähnte Wiedereinführung der Erbpacht und Separation- ' in ablehnendem Sinne. Zur vollständigen Abhilfe der Gründe des Nothstandes gehöre es, daß man höhere Bildung und Intelligenz in die Bevölkerung bringe. (Schluß folgt.)
— (Nebenbeschäftigungen der Beamten.) Bekanntlich ist in Preußen den Beamten die Uebernahme von Nebenämtern, ja, von Nebenbeschäftigungen ohne Genehmigung der vorgesetzten Behörde entschieden untersagt. Diese Disciplinar-Vorschrift sollte auch in einem Falle civil- rechtlich in der Weise zur Geltung kommen, ob ein Vertrag, der in Ausübung eines nicht erlaubten Nebenamtes geschlossen sei und auf einem solchen ruhe, anfechtbar sei. Nach einer Entscheidung des Obertribunals hat ein solcher Vertrag Geltung und gehört in keiner Weise zu den unerlaubten Verträgen.
— (Für Oberschlesien.) Der Betrag einer am Sonntag im König!. Opernhause zu Berlin stattgehabten Malins zum Besten der Nothleidenden in Oberschlcsien beträgt netto 11,000 Mark.
Havdel, Industrie, Statistik.
* (Patent- und Musterschutz-Ausstellung zu Frankfurt a. M.) Zu dieser nächstes Jahr abzuhaltenden Ausstellung hat von deutschen Städten nach Frankfurt bis jetzt, wie aus Frankfurt a. M. geschrieben wird, Berlin die meisten Anmeldungen geliefert, dann kommen die Industriestädte in Rheinland und Westfalen, auch aus Wien liegen Zusagen vor. Fast alle deutsche Staaten und Provinzen sind hereits vertreten; selbst aus dem fernen Schlesien sind schon mehrere Anmeldungen hier eingetroffen. Auch Elsaß-Lothringen wird sich bethciligen; ein Industrieller von dort beabsichtigt, Maschinen für Baumwollspinnerei auf der Ausstellung in Betrieb zu setzen. Da erst seit wenigen Tagen Anmeldungen entgegengenommen werden, ist das Ergebniß schon ein sehr günstiges zn nennen.
— (Krupp's Etablissement.) Ans Essen schreibt man: „Das Krupp'sche Etablissement hat in den letzten drei Monaten sehr bedeutende Bestellungen sowohl in Friedens- als in Kriegsmaterial erhalten. An den Bestellungen in letzterem participiren namentlich Rußland und Chili. In der Friedensbranche sind die Bestellungen so massenhaft eingelaufen, daß der vollste Betrieb bis Ende 1881 für die Hauptartikel, wie Schienen, Bleche, Bandagen n. s. w., gesichert ist und das Etablissement Aufträge zu - lohnenden Preisen im Werthe von mehreren Millionen ablehnen mußte. Sehr erhebliche Bestellungen sind von Amerika und England gemacht worden. Es steht jetzt auch die Annahme von mehreren hundert Arbeitern in naher Aussicht."
— (Brauindustrielles.) Bei Gelegenheit des vierten deutschen Brauertages in München wird eine Special-Ausstellung der gejammten Brauindnstrie, sowie alle mit ihr arbeitenden Industriezweige stattfinden. Aus den erlassenen Aurschreibungen ist ersichtlich, daß der Anmeldungstermin mit Ende Februar abläuft und alle näheren Aufschlüsse durch daS Generalsecretariat des deutschen Brauertages (München, Neuhaußerstraße 4,1.) ertheilt werden. Die Ausstellung umfaßt nicht nur deutsche Fabrikate und Prodncte, sondern kann auch von ausländischen Interessenten beschick! werden. _________
Vermischtes.
* (Steh ende Brücke zwischen Castel und Mainz.) Von sch zuverlässiger Seite geht dem „M. A." die erfreuliche Nachricht zu, daß bte i großherzogliche Staatsregiernug dem Projecte einer Verbindung von Main; und Castel mit einer stehenden Brücke nahe getreten sei und bereits bie Pläne für eine solche Brücke von der competenten Behörde eingefordert! habe. Wie weiter mitgetheilt wird, habe die Regierung für die Erledigung ihres Auftrages möglichste Eile snbefohlen.
— (Die bekannte Schriftstellerin Fran Gräfin Ide Hahn-Hahn) ist in Mainz am 12. e. Nachmittags gestorben. Halb ei-i blindet und auch sonst körperlich gebrochen, verbrachte Gräfin Hahn-Hahn die letzten Tage chres Lebens in dem von ihr gegründeten Kloster „Zum guten Hirten". 1805 geboren, erreichte die Verstorbene ein Alter von 75 Jahren.
— (Zeichen der Zeit.) In Köln wird kein Caruevals-Rosen- montagszug stattfiudeu. Nachdem der städtische Zuschuß abgelehnt ist, habe» sich die Spitzen der großen CarnevalSgesellschaft einstimmig dahin au8= gesprochen, in diesem Jahre keinen Zug zu veranstalten. Die Zahl bet Mitglieder ist um 220 geringer als im Vorjahre, auch sind die Comite- sitzungen viel weniger zahlreich besucht gewesen als in früheren Jahren.
— (Eine journalistische Großthat) hat abermals bet New-Dorker „Herald" vollbracht. Am 30. Decemöer, am Morgen w dem schauerlichen Unglück auf der Tay-Brücke, enthält er nicht nur eine ihm per Kabel übermittelte, etwa 3000 Worte (d, 4 Mark) lang! Depesche über das Unglück, sondern auch eine Liste der vermuthlich a« „Bord der Trains" verunglückten Passagiere und mehrere treffliche Holzschnitte von der Brücke nach ihrer Vollendung und während des Bank! sowie Auszüge au? den Leitartikeln der bedeutendsten englischen Blätter über das Unglück, die bei der Zeitdifferenz von 5 Stunden zu Gunsten Amerikas dort ebenso früh erscheinen konnten, als in England selbst. All« in Allem aber gibt diese Nummer des New-Iorker „Herald" ein so vollständiges Bild der Katastrophe und des Eindrucks, den sie gemacht, wie « in England selbst unmöglich bester hergestellt werden konnte.
Druck und Verlag der L. Schellenberg'schen Hof-Buchdruckerei in Wiesbaden. — Für die Herausgabe verantwortlich: Louis Schellenberg in Wiesbaden.
iDir heutige Rrrmmer enthält 12 Seiten und 1 Extra-Beilage.)
