Gelte 16
Wiesbadener Lagblatt.
No. 301
Warme Beinkleider
1658 Neue Colonnade
in Pique und Barchent empfiehlt billigst
146 F. Lehmann, Goldgasse 4.
Unterwegs?)
Novelle von Karl W. Heinau (Verfasser von „Der tolle HanS").
Gcrichtsfcrien! Himmlische, anbetungswürdige Erfindung unserer modernen Justiz! Wie seufzt man inmitten des heißen, staubigen, langweiligen Berlin, diesen Tagen göttlicher Reisebummelei, behaglichen Naturkneipens entgegen, namentlich, wenn man das Glück hat, „Königlich Preußischer Kammergerichts - Referen- darius" zu sein. Diesen Titel bei dreißig Grad Röaumur mit sich herumschleppen zu müfien, ist keine Kleinigkeit!
„Gerichtsferien!" — Die Sitzung des Senates, dem meine bescheidene Persönlichkeit zugewiesen war, ward eben geschlossen. Meine Collegen, gleich mir „Königlich Preußische re." hatten bei scharfer Beobachtung die Entdeckung gemacht, daß auf den Gesichtern der Herren Räthe sich eine gewisse freudige Unruhe wiederspiegelte. Endlich war der letzte Appellant abgewiescn und in die Kosten verurtheilt, da sprangen die Herren auf; man hörte unterschiedliche „Recht glückliche Reise--auf gesundes Wiedersehen, luber
College!" Wir Referendarien thatcn ein Gleiches, wünschten draußen, ein wenig lärmend, dem Präsidialbotcn, der sich wie so viele Berliner, gern „Herr Gehcimrath" tituliren ließ, ein heiteres „Adieu, Herr Geheimrath" und schossen die steinernen Treppen mit einer Schnelligkeit hinunter, als fürchteten wir, von einigen schleunigen Prozeßsachen noch eingeholt zu werden.
Mein Freund, Arthur von Züttwitz, welcher gehört, daß ich eine Reise auf der „Ostbahn" machen wollte, wünschte mir einen „jlücklichen Eisenbahn-Unfall" und dann trennten wir uns.
Ich suchte, zu Hause angelangt, meine alte Reisetasche hervor, auf der als bedeutungsvolles Omen für die Tour auf der Ostbahn ein „bon voyage“ gestickt war und packte unverdrossen ein, mich indesien mit meinen eigenen Gedanken unterhaltend.
Leichtsinnig war er allerdings, meinen sterblichen Menschen der Ostbahn anzuvertrauen; allein ich wollte einen mir zur Zeit noch unbekannten Onkel in Wcstpreußcn besuchen, dessen Existenz mir eine alte, biedere Cousine verrathen hatte.
Ich stand so ziemlich allein aus der Welt! Jung, ein wenig vermögend, Referendar — mehr bedarf es wohl zu einer Personal- beschrerbung meinerseits nicht; möge sich daher der Leser mit dem angegebenen Signalement begnügen! Wie ich eigentlich auf die Idee kam, einen Verwandten zu besuchen, der sich ebensowenig lemals um mich, wie ich mich um ihn gekümmert hatte, weiß ich selbst nicht; ich hatte — später glaubte ich durch Schicksals Fügung! — diesen Entschluß in einem sentimentalen Augenblicke gefaßt, in welchem ich, vermuthlich in Folge eines kleinen Katers, mir so allerweltS verlassen vorkam. Mein Onkel sollte, wie mir meine Cousine noch mitgetheilt, ein ziemlich bejahrter Herr sein und auf
*) Nachdruck verboten,
einem großen Gute in der Nähe der Kreisstadt C. wohnen, sein Name war „von Grünau", mein eigener Familiennamen. Anfangs wollte ich ihn von meiner Ankunft benachrichtigen, verschob dies von Tag zu Tag und schließlich war es meiner abenteuerlich leichtsinnigen Natur gerade recht, meinem Verwandten einmal so unverhofft ins Haus zu fallen. —
Es war ein schwüler Abend, mitten im Juli, als ich von Berlin abreiste. Ein entsetzliches Gedränge, eine qualvolle Temperatur in den Wartesalons, in den Waggons.
Nicht allzulange dauerte es und die Stadt der Intelligenz lag in dunklen, schweren Rauch gehüllt hinter mir.
Ich sah mich im Coupö um; lauter verdrossene, glührothe Gesichter! Dazu Tabaksqualm und das Schreien eines Kindes, das sich vorgenommen, durchaus das Tosen und Klingen der Räder übertönen zu wollen.
Bereits verwünschte ich meinen Reiseplan, nachdem ich kaum die zweite Station hinter Berlin erreicht! Allmählich begann sich, je weiter wir kamen, das Coupö zu leeren, auch das schreiende Kind, von der Erfolglosigkeit seiner Bemühungen überzeugt, war eingeschlummert. —
Es wurde Nacht, draußen stoben die Funken der Locomotive; ich schlief ein, träumte von zerbrochenen Wagenachsen, aufeinander- sahrenden Maschinen, den ellenlangen Zeitungsberichten über die Unfälle der Königlichen Ostbahn und erwachte ziemlich spät am anderen Morgen, der gleich von früh an sich bemühte, den Hitzegrad auf eine ungeahnte Höhe zu bringen.
Ich bestand mich allein im Coupä und begann, meine mitgenommene Fourage zu verzehren; zwei Flaschen Bordeaux befanden sich darunter, da damals gerade die Cholera spukte, und eine derselben leerte ich in einem fast wahnwitzigen Durste allmählich, warf die leere Flasche in einen kleinen See, über den wir gerade hiu- wegfuhren und machte beim Dampf meiner Cigarre Studien über die wenig reizvolle, sturmartig bei mir vorüberfliegcnden Natur.
„Ich E— Esel", hätte ich beinahe gesagt! Meine Zweifel, was ich denn eigentlich bei meinem Onkel wollte, wie ich mich bei ihm einführen, ja wie ich mich überhaupt als Neffe legitimiren sollte, alle diese Zweifel fingen an, ins Riesenhafte zu wachsen!
Dabei wurde die Hitze immer qualvoller, die Gegend immer eintöniger, auf den Stationen herrschte wenig Leben und ich hörte gar zum ersten Male Polnische Laute von Menschen, die, Männlein, wie Weiblein, wenig verlockend aussahen. Mein Coupö blieb leer, der Zug brauste dahin, so daß ich manchen Augenblick glaubte, jetzt müssen mindestens die Achsen in Brand gerathen.
Mir ward ganz dumm im Kopfe und doch ließ mich ein unerklärliches Gefühl nicht umkehren; ich war zu fehr Fatalist, um nicht Alles an mich herankommen zu lassen; ja, ich sah schließlich einem Eisenbahn-Unglück mit einer gewissen, ungeduldigen Spannung entgegen. —
Eben hielt der Zug auf einer kleinen Station. Ich starrte gewohnheitsmäßig zum Fenster hinaus, es gab wenig zu schauen, als plötzlich ein mit zwei feurigen, über und über mit Schweiß bedeckten Rappen bespannter Wagen herangebraust kam und am Bahnhof hielt. Zwei junge Damen sprangen heraus. —
„Adieu, adieu, meine süße Helene," rief die Eine; „adieu, Herzensröschen", die andere; zwei, drei innige Küsse von vier thaufrischen Mädchenlippen, daß mir das Wasser im Munde zusammenlief; ein Ruf des Schaffners, „schnell, mein Fräulein" und die junge „Helene" genannte Dame befand sich in meinem Waggon.
Zum Glück für mich war dieser Waggon so eingerichtet, daß man ihn der Länge nach durchschreiten konnte. Ich machte eilig noch etwas Toilette, d. h. ich fuhr mit den fünf Fingern der rechten Hand durchs Haar und sah gerade nach, wie das auf dem Bahnhof zurückgebliebene „Herzcnsröschcn" mit dem Taschentuche winkte, welchen Gruß meine Begleiterin erwiederte.
Stöhnend, ächzend setzte sich der Zug in Bewegung. Meine Begleiterin lehnte sich, nachdem sie meinen ehrfurchtsvollen Gruß stumm erwiedert, in den Sitz zurück und bemühte sich, einen Schleier über ihr Antlitz zu ziehen. Ach, dies Antlitz! Wo blieben da die Damen von Renz, vom Ballet, von dem Friedrich-Wilhelm- stödtischen! (Fortsetzung folgt.)
