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Stehende Heere oder Miliztruppen.*)
i.
Während sich i« der Republik Frankreich kürzlich die emporsteigende Socialdemokratie auf ihrem Marseiller Congrefle für Abschaffung des stehenden Heeres aussprach, regte sich in der nord amerikanischen Republik zu gleicher Zeit die öffentliche Meinung in umgekehrter Richtung, nämlich zu Gunsten einer Vermehrung des stehenden Heeres.
WaS Deutschland betrifft, so existiren auch bei uns noch Parteien, welche in den großen Berufsarmeen eine Gefahr für Freiheit und Wohlstand erblicken. Nicht minder macht sich diese Auffassung in Oesterreich geltend und zwar in diesem Lande augenblicklich mit acuter Heftigkeit, indem ein starker Bruchtheil deS Wiener Abgeordnetenhauses Anstand nimmt, die von der Regierung beantragte Verlängerung des WehrgesctzeS auf zehn Jahre zu genehmigen, so daß das von einer Zweidrittelmajorität abhängige Schicksal dieses, auch für den Werth unseres Bündnisses mit Oesterreich hochbedeutsamen Gesetzes sehr zweifelhaft erscheint, i
Da man angesichts dieser Thatsachen also behaupten kann, daß die große Streitfrage einmal wieder auf der Tagesordnung steht, so wird es für unsere Leser nicht uninteressant sein, wenn wir ihnen die merkwürdigen Debatten ins Gedächtniß zurückrufen, welche über die Vorzüge und Gefahren beider Militärsysteme vor ungefähr 200 Jahren in England geführt wurden. Wir folgen bei diesen unseren Mittheilungen dem größten Historiker Englands, dem Thomas B. Lord Macaulay, welchen wir außer seiner allgemeinen Autorstät für diese Frage noch speziell um deswillen wählten, weil er zur liberalen Partei gehörte und den Liberalen Deutschlands und Oesterreichs also nicht verdächtig erscheinen wird.
Im Herbst 1696 begann in England ein literarischer Streit über das sichende Heer. Der König Wilhelm war ein Soldatenkönig. Er stand an der Spitze einer europäischen Coalition gegen Frankreich und hatte für seine geniale und kühne Politik ein starkes Heer nöthig. Als geborener Holländer (Dränier) hatte er in England wenig persönliche Sympathien. Die Jakobiten haßten ihn als Thronräuber. Selbst bei den Whigs war er persönlich nicht beliebt; er wurde von ihnen unterstützt, weil er als Repräsentant und Vollender der englischen Revolution galt und weil seine großen Eigenschaften den intelligentesten Whigshäuptern imponirten. Um das genannte Jahr war die Presse frei. Die Mißvergnügten konnten sich ungenirt aussprcchen. Die Folge war, daß die Heeresfrage sehr heftig, aber gleichwohl mit Anstand erörtert wurde. Die TorieS betheiligten sich an diesem Streite übrigens wenig, obwohl sie dabei auf das Lebhafteste lnteressirt waren. Der Federkrieg wurde fast ausschließlich zwischen zwei Abthellungen der Whigpartei geführt.
Diejenigen, welche eine sofortige und vollständige Auflösung der Armee empfahlen, hatten eine leichte Arbeit. Die Verfasser dieser Artikel nahmen e» als ein Grundprinzip der StaatSwcirhcit an, daß ein stehendes Heer und eine freie Verfassung nicht zusammen bestehen können. Sie fragten, was die berühmten Staaten Griechenlands zu Grunde gerichtet habe? War das mächtige Römervolk zu Sklaven gemacht habe? War die italienischen Republiken des Mittelalters in Herrschaften und Herzog- thümer verwandelt? Wie eS gekommen, daß so viele Königreiche deS modernen Europa'» von beschränkten Monarchien in absolute umgewandelt worden seien? WaS für die Generalstaaten Frankreichs, die Cortes von Castilien, den Groß-JustitiariuS von Arragonien, waS für sie Alle verderblich gewesen sei?
Die Geschichte wurde durchstöbert nach Beispielen von Abenteuern, welche mit Hülfe von Miethtruppen freie Nationen unterjocht und legitime Herrscher abgesetzt hatten, und solche Beispiele waren leicht gefunden. Viel wurde gesagt von Pisistratus, Timophanes, Dionysius, Agathokles, Manus und Sulla, Julius Cäsar und Augustus Cäsar, über Karthago, welches
*) Unberechtigter Nachdruck verboten.
______________________________No. 2S» von seinen eigenen Söldnem belagert, über Rom, welcher von " seinen eigenen prätorianischen Cohorten feilgeboten wurde, über den Sultan Osman, welcher von seinen eigenen Janitscharen geschlachtet, Louir Sforza, welcher von seinen eigenen Schweizern in die Gefangenschaft verkauft wurde.
Aber dar Lieblingkbeispiel wurde der englischen Geschichte entnommen. Tausende, die noch lebten, hatten den großen Usurpator Cromwell gesehen, welcher, stark durch die Gewalt des Schwertes, über König- thum und Freiheit ttiumphirt hatte. Man erinnerte die Tories daran, daß seine Soldaten dar Schaffst vor dem Banket-Hause geschützt hätten. Man erinnerte die Whig? daran, daß dieselben Soldaten das Scepter vom Tische im Hause der Gemeinen fortgenommen. Vor solchem Unheil, sagte man, könne kein Land sicher sein, welches mit einem stehenden Heere gestraft sei. Und welches denn die Votthcile seien, welche man gegen solches Unheil aufweisen könne? Invasion sei der Popanz, mit welchem der Hof die Nation cinzuschüchtern suche. Aber die Engländer seien keine Kinder, um sich durch Ammenmärchen bange machen zu lassen. Es sei Frieden — und selbst in Knegszeiten würde ein Feind, der es versuchen sollte, England anzugreifen, wahrscheinlich durch die englische Flotte aufgchalten, und wenn er die Küste erreichte, sicherlich durch die Bürgerwehr zurückgetrieben werden. Einige Leute sprächen zwar, als ob eine Bürgerwehr nichts Große» vollführen könnte. Aber diese elende Doctrin werde durch die ganze alte und neuere Geschichte widerlegt. War denn die spartanische Phalanx gewesen sei in den ,letzten Tagen Sparta'S? WaS die römische Legion in Roms besten Tagen? WaS die Armeen, welche bei Eressy, bet Poitiers, bei Agincourt, bei Haliden oder bei Flodden siegten? Was jene Streitmacht, welche Elisabeth bei Tilbury musterte? Im 14., 15. und 16. Jahrhundert hätten Engländer, welche auS dem Kriege kein Handwerk gemacht, mit Erfolg und Ruhm Krieg geführt. Seien denn die Engländer deS 17. Jahrhundert» so entartet, daß man ihnen nicht mehr zutrauen könne, al» Männer zu stehen für ihren Herd und ihre gemeinsame Kirche?
Au» Gründen, wie diese, wurde die Entlassung de» HeereS dringend anempfohlen. Das Parlament, sagte man, dürfte vielleicht aus zarter Rücksicht für die Person Seiner Majestät des Königs ihm eine Leibgarde erlauben, seinen Wagen zu begleiten und vor seinem Palaste Schlldwache zu stehen. Aber dieses sei auch da» Aeußerste, was man ihm rechtmäßig zugestehen könne. Die Vercheidigung des Lande» solle man den Matrose» und der Bürgerwchr anvertrauen. Sogar der Tower (das große Gefängniß) solle keine Besatzung haben, ausgenommen die Bürger-Miliz des Tower- HamletS.
ES mußte jedem einsichtige» und unbefangenen Manne einleuchte», daß diese Schreier sich selbst widersprachen. Wen« ein auS regulären Truppen gebildetes Heer wirklich bei Weitem tüchtiger war, al» eines, dar aus Bauern bestand, die man vom Pfluge und aus Bürgern, die man vom Krämertische geholt hatte, wie konnte das Land ohne andere Vertheidiger als Bürger und Bauern sicher sein, wenn ein großer Herrscher, welcher Englands nächster Nachbar war (Ludwig XIV.), welcher vor ein paar Monaten England» Feind gewesen war und welcher in ein paar Monaten wieder sein Feind sein konnte, nicht weniger als 150,000 reguläre Soldaten auf den Beinen hatte? Wenn auf der anderen Seite der Muth des englischen Volke» so groß war, daß e» mit weniger oder gar keiner DiSciplin der furchtbarsten Streitmacht ausgedienter Krieger auf dem Continent begegnen und sie besiegen wollte, war e» nicht abgeschmackt, zu fürchten, daß solch ein Volk durch ein paar Regimenter der eigenen Landsleute könnte zu Sklaven gemacht werden?
Aber die damaligen Engländer waren gemeiniglich so durch Dor- urtheile geblendet, daß dieser Widerspruch unbemerkt durchging. Sie waren sorglos, wo sic hätten behutsam sein sollen, und ängstlich, wo sie hätten außer Sorge sein dürfen. Er war ihnen nicht zuwider, denselben Mann in demselben Athem sagen zu hören, daß bei einem sichenden Heere von 20,000 regulären Soldaten die Freiheit und das Eigenthum von Millionen von Engländern in der Gewalt der Krone sein würde, und doch, daß jene Millionen von Engländern, kämpfend für Freiheit und Eigenthum, in der Geschwindigkeit eine JnvasionS-Arme von 50,000 oder 60,000 der Sieger bei Steenkirk und Landen vernichten würden. Wer die Wahrheit de» ersteren Satzes leugnete, wurde ein Werkzeug des Hofes genannt; wer die de» letzteren leugnete, wurde der Beleidigung und Beschimpfung der Nation beschuldigt.
Noch characteristtscher für die damalige Zeit al» die Angriffe auf das stehende Heer waren die behutsamen, fast schüchternen Gründe, womit man 1 dasselbe vertheidigt.
Darüber noch Einiges in dem Schlußartikel.
Wiesbadener Lagblatt.
