Geir- 16
Wiesbadener Tagülatt.
No. 293
Nassauische Eisenbahn. Fahrplan vom 15. October ab.
Ta«r»«sbahn. Abfahrt: 6.32. — 8.f — 9. — 10.57.+* —
11.55.t — 2.10. — 4.8* — 4.39 (nur bis Mainz). — 5.32.+ — 7.44.+* — 8.56. — 10.1 (nur bis Mainz). - Ankunft: 7.41. — 8.50.+* - 10.19. - 11.26.+ — 1. - 2.50.+* — 3.17 (nur von Mainz). — 5.4. — 6.30 (nur von Mainz). — 7.20.+ — 8.28. — 10.23.+
Rheinbah«. Abfahrt: 7.28 - 8.27* - 11.13. - 2.40. - 4.50. — 8.15 (nur bis Rüdesheim). — Ankunft: 8.13 (nur von Rüdesheim). — 11.13. - 2.26. - 6. 39. — 8* — 9.12.
* Schnellzüge. — + Verbindung nach und von Soden.
Hessische Ludwigsbahn. Fahrplan vom 15. October ab.
Abfahrt von Wiesbaden: 6.37. — 10.5. — 2.25. — 6.36. — 8.50. — Ankunft in Wiesbaden: 6.24. — 8.54. — 11.44. — 4.34. — 8.34.
Abfahrt von Medernhausen nach Limburg: 7.31. — 11.35.— 3.10. - 7.20. — 9.33 (nur bis Idstein). - Ankunft in Medernhause« von Limburg: 8.17. — 11.5. — 3.58. — 7.48.
Abfahrt von Höchst nach Limburg: 6.38. — 10.44. — 2.15. — 6.25. — Ankunft in Höchst von Limburg: 9.2. — 11.45. — 4.45. — 8.33.
Abfahrt von Limburg nach Höchst: 7.5. — 9.55. — 2.45. — 6.35. — Ankunft in Limburg von Höchst: 8.35. — 12.39. — 4.14. - 8.24.
Eilwage«.
Abgang: Morgens 9 Uhr 20 Min. nach Schwalbach und Hahnstätten; Abends 6 Uhr nach Schwalbach und Wehen. Ankunft: Morgens 8 Uhr 25 Mn. von Wehen, Morgens 8 Uhr 35 Min. von Schwalbach; Abends 4 Uhr 35 Min. von Hahnstätten und Schwalbach.
Verlsosrrngen.
(Preußische Clasfen-Lotterie. Ohne Gewähr.) Bei der am 11. December beendigten Ziehung der 3. Classe 161. König!. Preuß. Clasfen-Lotterie fielen: 1 Gewinn von 15,000 M. auf No. 26786, 1 Gewinn von 6000 M. auf No. 78807, 2 Gewinne von 3000 M. auf 29590 und 81152, 3 Gewinne von 1800 M. auf No. 13304 47236 und 73187, 1 Gewinn von 900 M. auf No. 9978, 10 Gewinne von 300 M. auf No. 11034 21357 36112 38775 40424 43997 45379 51659 60688 und 63032.
Frankfurt a. M., 11. December 1879.
G-ld-Eourse.
Holl. Silbergeld 167 Rm. 70 Pf.
Dukaten . . . 9 „ 55—60 „ 20 Frcs.-Stücke. 16 „ 11-15 „
Sovereigns . . 20 „ 28—29 „
Imperiales . . 16 „ 65—69 „
Dollars in Gold 4 „ 17-20 „
Wrchset-Coursr.
Amsterdam 168.50 B. 168.15 G.
London 20.365 B. 320 G.
Paris 80.70 B. 55 G.
Men 173.20 B. 172.80 G.
Frankfurter Bank-Dtsconto 4.
ReichSbank-Disconto 4.
Der moderne französische Roman.
(Schluß.)
Gleichzeittg mit Balzac, doch von ganz anderen Ideen beseelt, vollzog ein anderer Schriftsteller von äußerst feiner Begabung dieselbe Arbeit — Stendhal. Er ist vielleicht noch wissenschaftlicher als Balzac. Er war durchdrungen von den Philosophen des achtzehnten Jahrhunderts. Für ihn ist die menschliche Seele eine Vereinigung von psychologischen Erscheinungen, die sich fortpflanzcn und einander folgen. Ein Mensch ist ihm eine handelnde Jdcen-Association. Darum gefiel er sich in der bis in dar Unendliche gehenden Analyse kleiner äußerer thatsächlicher Verhältnisse. Er suchte sich vor Allem energische Charactere heraus, solche, die den Heroismus der Leidenschaft besitzen: dann decomponirte er diesen Heroismus und diese Leidenschaft; er bewies, daß es nur Resultanten sind. Er legte uns die Elemente derselben vor Augen, wie uns ein Physiologe die einzelnen Muskel-Fasern vorzeigt, die den Torso eines Athleten oder die herrliche Büste der Venus von Milo bewegen.
Er hat uns ein Meisterwerk dieser Art von anatomischer Literatur hinterlaficn, seinen Roman „Le Rouge et le Noir“. Der Held desselben erscheint als eine Art von Bonaparte, als ein Mann von dem Zuschnitte des ersten Konsuls, bestimmt, dar Erstaunen der Welt zu bilden und über die Menschheit wie über einen Teppich hinwegzuschreiten; und doch zeigt unS Stendhal die Werdegeschichte dieser Staunen erregenden Willenskraft, wie sie von Moment zn Moment, von Stunde zu Stunde vorrückt, und setzt uns auseinander, woher jeder einzelne der wunderbaren Entschlüsse stammt, die dieses Geschöpf unseres Gleichen bald zum Erhabenen, bald
zum Verbrechen leiten. Er urtheilt nicht, er beweist, oder besser noch, er analyfirt. Er ist der Uhrmacher, der das Gehäuse einer Uhr öffnet und Feder nach Feder, Rädchen nach Rädchen, das Werk herausnimmt und uns erklärt.
Diese beiden Schriftsteller habm den modernen Roman geschaffen. Ihrer Eigenart hat sich aber noch ein Drittes hinzugefügt, ein Agens rein stylistischer Natur, das von Thsophile Gautier seinen Ursprung herleitet. Dieser Dichter hat sich hauptsächlich dar Ziel vorgesetzt, die Gegenstände des uns umgebenden Universums greifbar und fühlbar zu machen.
„Ich bin ein Mensch" — so sagt er von sich selbst — „für den die Außenwelt existirt."
Man hat chm vorgeworfen, daß er die Ideen vernachlässigt habe. Er jedoch setzte seinen Stolz darein, nur Formen malen zu wollen. Daher haben die Romanschriftsteller, die Balzac folgten, in der Prosa von Gautier ein immer bereites Wcrtzeug gefunden, wenn es sich darum handelte, die Atmosphäre zu schildern, in welcher die Personen sich bewegen. Dieser Prosa kommt nur die von Flaubert, den Beiden Goncourt, Zola gleich. Dieselbe Sorge für das plastische Element, dieselbe minutiöse Sorgfalt, den Umriß einer Gebirgsformation, den Abfall einer Farbentons, die Nuance eines Stoffes wiedcrzugeben. Wie gewisse Maler sich bemühen, Figuren zu malen, die von der atmosphärischen Luft umflossen sind, mit allen Abstufungen auch der kleinsten Lichteffecte, welche durch diese Luft bedingt sind, so bemühen sich die modernen Romanschriftsteller, in ihr Bild lebende Wesen zu setzen, die genau alle die Farbenschattirungen Ausweisen, welche durch den Gesammt-To» des Bildes bedingt werden.
Meister in dieser Darstellungsart ist Flaubert. Seine „Madame Bovary“ wird nicht so leicht übertroffen werden. Von grausamer, misan- thropischer Gemüthsart, verabscheut er die menschliche Natur, er hält sie nicht einmal für mittelmäßig, sondern für schlecht und zieht sie mit einem unglaublichen Glanze von Einzelnheiten in den Schmutz. Er erkennt die wissenschaftliche Analyse nicht an, er verabscheut sie, indem er sich ihrer bedient. Wie ein Atheist, der gläubig gewesen ist, feffelt ihn ein gewiffeS Interesse an die prächtigen Idole unserer Eitelkeit: Liebe, Religion und Poesie, wenn sein Hammer sic zertrümmert.
Die beiden Goncourt sind fast noch eifriger als er, aber weniger revoltirend. ES sind höchst zartbesaitete, erregbare Seelen. Wenn sie die nervöse Zerrüttung einer Künstlernatur schildern, wie die des Coriolds in „Monette Salomon“, dann merkt man, daß sie bis zum Wahnsinne jede Lebensregung lieben, die einen Zug nach dem Idealen verräth. Trotzdem aber analysiren sie wie Flaubert. Mit demselben wilden Ungestüm zeigen sie dem Rausche folgende Ernüchterung. Ihr genialer Maler wird verrückt, ihr genialer Schriftsteller Demaillh gleichfalls und 'ihre LieblingSheldm Reuse Maupain stirbt, nachdem sie ihren Bruder hat tobten lassen. Aber was für herrliche Bilder werden dabei entrollt! Mit welchem Kunstverständnisse werden Landschaften hervorgezaubert und mit welcher Feinheit wird das Wort gehandhabt, um der unendlichen Dauer der nur kleinen Erregungen unseres Sensualismus entgegen zu wirken!
Zola und Daudet sind weniger originell. Sie wissen vielleicht mehr, was sie wollen. Der Erstere wirkt vorzugsweise gerne mit großen Massen. Er sucht gleich eine ganze Gesellschaftsklasse zu schildern und nicht diesen oder jenen Typus für sich. ES ist bekannt, daß er in Folge dieser Methode dahin gekommen ist, im „Assommoir“ eine fast vollständige Monographie des Pariser Faubourgs unter dem zweiten Kaiserreich zu schreiben. Der zweite, feiner, schärfer, menschlicher, scheint sich vollständig für daS chronistische Genre entschieden zu haben. Es gibt Schlüssel zu seinen Romanen, wie zu gewissen der La Bruyere'scheu Charactere. Sein „Nabob“ hat auf diese Weise Stoff zu einer ganzen Reche interessanter Deutungen gegeben. Das Gleiche wird mit seinem neuen Romane der Fall sein. Alles in Allem genommen, scheint er sich mehr dem Historiker zu nähern als alle Anderen.
Es ist eine mächtige Schule, die eine ganze literarische Richtung der Wissenschaft entgegenführt. Gleichzeitig ist es aber auch eine sehr bedeutungsvolle Schule, denn sie verleiht einer der characteristtschsten Tendenzen unserer Zeit Ausdruck. Man mag den phantasievollen Romanen eine Thräne des Bedauerns nachweinen, den schönen Chimären und erhabenen Fictionen. Sie haben ihre Zeit gehabt, die schwärmerischen Träume in’8 Blaue hinein. Unser Jahrhundert ist ein anatomistisches. Wahrscheinlich wird daS zwanzigste ein ganz anderes sein. Wie dem airch sei, es ist ein schöner Beruf, der dem unserigen vorgesetzt ist und in dem stolzen Worte „Erkennt- niß" Ausdruck und Norm findet.
