Wiesbadener Sagblatt.
Gegründet 1852.
Expedition: Langgosse No. 27.
M «». Samstag de« 22. März 187».
Mutter und SoHn.
10. und 22. WävZ.
Men in der Kraft und Blüthe feiner Jahre Ein unerbittlich waltendes Geschick Jäh hingestreckt hat auf die Todtenbahre, Den preist man wohl, daß vor dem Augenblick Der Sonnenwende feine Bahn gefchlossen, Sein Haupt, von ew'gem Glorienschein umflossen, Geschmückt mit unverwelktem Jugendkranz, Der Menschheit strahlt als Stern von reinstem Glanz.
Doch herrlicher, von Wehmuth nicht umschleiert, Glänzt wie ein unbewölkter Sonnentag Das Loos des Helden, den sein Volk noch feiert, Eh' dem Gesetz er der Natur erlag, Der voll und ganz bis auf die letzte Neige Sein Leben ausgekostet, in dem Reiche Der Welt und Zeit mit ungeschwächter Kraft Bis an das Ziel gewirket und geschafft.
Luise! Wilhelm! Große, heil'ge Namen, Die hochverehrend Mit- und Nachwelt nennt! Der Heldenmutter Heldensohn! Den Samen, Den ste mit Thränen säte, wer erkennt Ihn nicht in dem, was, glorreich aufgegangen, Als reife Saat nun steht in vollem Prangen, Statt Domenkranz des Sieges Ehrenkron' Um's Haupt dem edlen Schnitter, ihrem Sohn.
O Nemesis! In Tilsits bösen Tagen, Als Preußens Stern in Dunkel sank dahin, Trat vor den Welterob'rer, der zum Zagen Die Kühnsten zwang, die schöne Königin. Was Männer nicht gewagt, sie wollt' es wagen, Zur Huld zu beugen seinen harten Sinn, Und einen Preis noch aus dem großen Raube Ihm abzuringen hofft ihr frommer Glaube.
Vergebens! Wohl mocht' er die Makellose Nicht ungerührt von ihrem Reize schau'n. Mit süßen Worten reicht er eine Rose Zur Huldigung der Krone aller Frau'n. Doch an des Schicksals schon geworf'ne Loose Zu rühren soll sich ihre Hand nicht trau'n. „Für Kinder Magdeburg zum Spielzeug? Nein!" Rust er hohnlachend, „Magdeburg bleibt mein!"
Ach, daß der Königin großes Herz gebrochen Im Jammer um des Vaterlandes Noth, Eh' noch die Schmach von Tilsit war gerochen! Doch ihres Glaubens Sieg bezwang den Tod, Und was der Geist ihr ahnungsvoll gesprochen, Ward reich erfüllt in Freiheit-Morgenroth. Umsonst nicht war ihr Märtyrthum und Sterben, Des Opfers Segen blieb bei ihren Erben.
Bei Sedan — Heil dem glorienvollen Tage! — Stand schmählich als Gesang'ner vor dem Sohn Luisens, hingestreckt mit einem Schlage Von seines Ruhmes Höh', Napoleon.
Victoria hielt die ausgeglich'ne Waage Und wog dem Corsenhochmuth richt'gen Lohn. „Hoch Kaiser Wilhelm!" klang's wie Himmelslieder, Wie Geistergruß auf's blut'ge Schlachtfeld nieder.
Dem deutschen Kaiser Heil! Nicht aus den Hallen Des Paulusdoms bei schwarz-roth-gold'nem Weh'n, Nur wo die Donner der Kanonen schallen, Könnt' Karl's des Großen Reich auf's Neu ersteh'n. Seid einig! einig! Wie die Würfel fallen, Das ein'ge Deutschland kann nicht untergeh'n. O, daß der Geist, aus dem es neu geboren, Den Herrschern wie dem Volk bleib' unverloren !
M. 8.
