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Wiesbadener Lagblatt.

sicherte mich, er wäre schon längst gern gekommen, um „mir zu helfen gesund zu werden," leider aber sei er selbst krank gewesen, habe zu Bett gelegen und bittere Medicin schlucken müssen. Während ich mit dem Kind plauderte, konnte ich doch nicht mein Auge ab­wenden von dem schönen, anziehendeu Gesicht des Professors. Er hatte den Arm auf die Lehne seines Stuhles und den Kopf auf die Hand gestützt, wie es seine Gewohnheit war, wenn er sich nicht direct an der Unterhaltung beiheiligte, und seine Augen waren sinnend zu Boden gerichtet. Doch plötzlich blickte er auf und horchte gespannt auf den Gesang der Nonnen, welcher schön und feierlich aus der geöffneten Kirche herüberklang. Sie schienen ein neues Lied einzuüben, denn einige Tacte wurden mehrere Male wieder­holt, und eine wunderschöne Sopranstimme sang dieselben vor.

„Wer singt dort?" fragte der Professor hastig.

„Die Schwestern, welche zu dem bevorstehenden Feiertag ein neues, zweistimmiges Lied einzuüben fcheinen," erwiederte ich, verwundert über die hastige Frage.

„Nein, nein, ich meine diejenige, welche vorsingt!" Und weht m üthig lächelnd setzte er ruhiger hinzu: „Diese Stimme erinner mich so lebhaft an eine andere, die ich lange — lange nicht mehr gehört habe."

„Ah, das wird Schwester Cäcile sein," sagte ich, „haben Sie sie noch nicht gesehen, oder von ihr gehört?"

Er verneinte theilnahmlos.

„Gesehen habe ich sie auch noch nicht," fuhr ich fort, „allein gehört habe ich von ihr um so mehr. Ich freue mich schon jetzt auf den Augenblick, wo ich hinunter in den Garten und in die Kirche gehen darf, nur um sie zu sehen, so lebhaft interessirt sie mich. Lächeln Sie nur nicht so ironisch," fuhr ich fort, als er mich fest verwundert über meinen Eifer anblickte, „meine Neugierde ist wirklich gerechtfertigt, denn so ziemlich jede Frage ist mir hier bis jetzt mit „Schwester Cecile" beantwortet. Ich fragte sie: Wer singt dort so schön? Wer spielt so meisterhaft die Orgel? Wer arrangirt die reizenden Blumensträuße, welche mein Zimmer schmücken? Wer macht die kunstvollen, mühsamen Stickereien, welche die Krankenzimmer so wohnlich machen, daß man sich darin wie zu Hause fühlt? — Und immer heißt es „Schwester Cäcile". Ich Habe meine treue Pflegerin schon gefragt, ob ich diese talentvolle Nonne nicht einmal sehen könnte, aber sie that gcheimnißvoll und schien anzudeuten, daß Schwester Cäcile ein wenig gemülhskrank sei. „Sie ist die Güte und Gewissenhaftigkeit selbst," sagte die Nonne unter Anderem, „und Niemand kann über sie klagen; im Gegentheil, sie ist uns unentbehrlich, da sie alles kann und uner­müdlich bestrebt ist, für Andere zu arbeiten — aber sie ist immer traurig, Keine von uns hat sie je lächeln sehen seit ihrem Eintritte in das Kloster, und sie spricht nie ein Wort, außer wenn sie ge­fragt wird. Selbst der gute, alte Professor G. konnte keinen Ein­fluß auf sie üben, trotzdem er der Freund und Vertraute Aller war. Ich will ihr Ihren Wunsch aussprechen, doch glaube ich kaum, daß sie zu Ihnen kommen wird, da ich Sie pflege und Sie ja — Gott sei Dank — nicht gefährlich krank sind. Sie weicht gern jedem Gespräch aus und so oft sie einen freien Augenblick hat, geht sie in die Kirche und spielt die Orgel; unsere Oberin hält sehr viel von ihr und gesteht ihr Manches zu, was uns Anderer nicht gestattet sein würde; aber es mißgönnt ihr dies Keine,. Gegentheil, wir sehen in ihr das Vorbild aller PflichterfülM^ und Frömmigkeit und wir haben sie Alle lieb, trotzdem sie nie ein Wort mit uns spricht, das nicht gerade nothwendig ist. Leides macht uns ihre Gesundheit große Sorge, denn wir finden, daß sie von Tag zu Tag bleicher und zarter wird — aber sie will nichts davon hören und behauptet, nicht krank zu sein." — Finden Sie es nicht erklärlich, lieber Professor, daß ich auf diese „heilige Cecile" neugierig geworden bin?"

Er hatte schon lange wieder den schönen Kopf auf die Hand gestützt und sein Blick haftete so träumerisch auf der Kirche, daß ich errieth, er habe nichts von alledem vernommen, was ich gesagt) seine Gedanken schienen weit, weit fortgewandert zu sein, der Stimme nach, die ihn an vergangene Zeiten gemahnt und ihn plötzlich dahin zurückversetzt zu haben schien, wo er sie zuletzt gehört hatte. (Fortsetzung folgt.)

Im Kloster.

Erzählung von S. Meiner.

(2. Fortsetzung.)

Professor Sassel's Hände waren durchaus nicht, was man schön nennt, aber so charakteristisch und bedeutend, daß man schwer­lich ein Paar gleiche finden würde, suchte man noch so eifrig da­nach; und hätte ich es nicht schon vorher gewußt — ein Blick auf seine Hände sagte mir: wer und was er sei.

Ich sprach ihm meinen Dank aus, daß er mir seine Hilfe angedeihen lassen wolle, und fügte hinzu, daß auch ich feinem väterlichen Freund, dem Professor G., sehr nahe gestanden habe. Das brachte uns gleich den ersten Morgen einander näher, als es wohl sonst geschehen wäre. Er hörte mit liebenswürdigster Geduld den Bericht meiner kleinen Leiden an, gab mir seine Ver­ordnungen, und saß dann noch einige Minuten freundlich plau­dernd neben meinem Bett.

Ich bewunderte im Stillen den wechselnden Ausdruck seines schönen Gesichtes; ich hätte nicht geglaubt, daß der ernste Mann heiter sein könnte, und doch schien er es zu sein — er lächelte sogar einmal und dieses Lächeln war von unwiderstehlichem Liebreiz.

Ich fragte ihn nach seiner Frau und seinem Knaben — wieder war der schnelle Wechsel in dem Ausdruck seiner Züge überraschend; ein düsterer Schatten legte sich plötzlich über dieselben und aus seiner Stimme klang es wie tiefe Traurigkeit, als er antwortete: „Ich — habe keine Frau. Der Knabe, welcher bei mir ist, ist der Sohn meines verstorbenen Bruders, den ich an Kindesstatt angenommen habe. — Lieben Sie Kinder, gnädige Frau?" fragte er dann in leichterem Ton, und als ich lebhaft bejahte, fügte er hinzu: „Ich will Ihnen den Knaben morgen bringen; er hat mich schon heute geplagt, ihn wieder mit in's Kloster zu nehmen, aber ich ließ ihn einer Erkältung wegen zu Hause. Vielleicht erheitert Sie sein Geplauder, ein lachendes Kindergesicht erfrischt oft die Nerven mehr als alle Medicin, und Ihre Nerven find nicht in gutem Zustand. Leben Sie wohl."

Er war gegangen. Wie finster und traurig hatte er aus­gesehen, als ich ihn nach seiner Frau fragte; ich hatte augenschein­lich eine sehr wunde Stelle seines Inneren, ohne es zu wollen, berührt — wem hatte der Schatten gegolten, der seine Züge so plötzlich überflogen?

Erst nach acht Tagen, nachdem ich bereits das Bett verlaffen hatte und auf meinem Lieblingsplatz, der Steingalerie, im bequemen Lehnsessel saß, den schönen Klostergarten unter mir und die alte Kirche gegenüber betrachtend, brachte mir Professor Sasse! den Knaben. Derselbe sah ihm sprechend ähnlich. Jeder hätte ihn für seinen Sohn halten müssen; nur der traurige Ausdruck fehlte in diesem sorglosen, lachenden Gesichtchen.

Der kleine Egon war sehr zutraulich und lebhaft, und ver­

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