Wiesbadener Sagblatt
Gegründet 1852.
Expedition: Langgässe No. 27.
191* Freitag-e«17. August 1OT7*
$og Auftreten deS Koloradokäfers auf einem Kartoffelfelde in der We von Mülheim a. Rb. hat dem Herrn Minister für die land- iiiiihschastlichen Angelegenheiten Beranlaffung gegeben, auf die große Whr, welche in Folge deffen dem deutschen Kartoffelbau droht, Wie auf die Mittel aufmerksam zu machen, welche geeignet sein linnen, die Gefahr zu beseitigen.
Da es vor Allem nbthig ist, daß das Publikum den Feind, der |u bekämpfen ist, genau kennen lernt und mit Sicherheit bestimmen lann, so hat der Herr Minister Plakate an fettigen lassen, welche neben einer bildlichen Darstellung deS JnsectS eine Beschreibung und Wr Geschichte seines Auftretens enthalten.
Bei der außerordentlich raschen und starken Vermehrung der kkäferS ist eine Vemichtung desselben nur dann ausführbar, wenn ba8 gefährliche Jnsect sofort da, wo eS sich zeigt, in seinen ersten Stadien — auf dem alsdann noch kleinen Terrain — mit allen Mitteln vertilgt wird. Dieses sofortige Einschreiten setzt aber voraus, daß alle etwa verdächtigen Thalsachen ohne Verzug zur Kenntniß der B-Hörden gelangen, daß also das Publikum, namentlich aber die Grundbesitzer veranlaßt werden, die Kartoffelfelder sorgfältig zu beobachten und alle verdächtigen Anzeichen der Behörde schleunigst anzuzeigen.
Zur Vernichtung der auf dem Kartoffelfelde bei Mülheim a. Rh. dorgrsundenen Formen deS JnsectS find folgende Mittel angewendet:
Auf der inficirten und verdächtigen Fläche ist daS Kartoffellaub unmittelbar über dem Boden abgemäht und, nachdem eS mit Eäge- mehl vermischt und mit Petroleum begoffen worden war, verbrannt. Demnächst ist dar Grundstück mit einer ganz dünnen Lage von Eägemehl bedeckt, dieses mit Petroleum getränkt und dann unter fortwährendem Zugirßen von letzterem verbrannt. Durch dieses Feuer find voraussichtlich die über der Erde befindlichen Käfer, Eier und Larven zerstört. Da jedoch die erzeugte Hitze kaum 2 Centimeter tief in die Erde gedrungen war, so waren dadurch selbstredend di« etwa 10 bis 13 Zentimeter unter der Oberfläche im Boden liegenden Puppen nicht vernichtet.
Um auch diesen Zweck zu erreichen, wurde die inficirte Fläche nebst den anliegenden Grundstreifen zunächst sorgfältig mit dem Spaten etwa 15 Zentimeter tief umgegraben und dadurch die Puppe an die Oberfläche gebracht. Nachdem alSdann das Grundstück in derselben Weise, wie oben angegeben, nochmals mit Sägemehl und Petroleum abgebrannt war, wurde der Boden mit einem Exstirpator aufgelockert und schließlich mit einer 18gradigen, rohen Kalilauge, wie sie aus Pottasche und Kalkmilch gewonnen wird, begoffen.
Die eigentlich inficirte Fläche ist mit der reinen, die angrenzende Fläche mit der durch Waffer halbverdünntcn Lauge begoffen.
Das Grundstück wird in diesem Jahre nicht wieder bestellt, sondern von Zeit zu Zeit umgepflügt werden, damit die etwa noch dorhandenen Puppen an die Oderfläche gelangen und dort durch die Einwirkung der Lust verderben.
Ob diese Vernichtungsmaßregeln fich in allen Fällen zur An- toendung bringen laffen werden, läßt sich im Voraus nicht über- lehen; eS wird solches noch den örtlichen Verhältniffen, dem Umfange der UebelS u. f. w. zu beurteilen sei. Mit Rücksicht hierauf, sowie auf die Kostspieligkeit dieser Maßregeln hat der Herr Minister angeordnet, daß zur Anwendung derselben jedenfalls seine darherige Genehmigung, erforderlichen Falls telegraphisch, rinzuholen
! sei. Da alle in Amerika in umfassender Weise ungeordneten Mittel höchstens ;u einer zeitweisen Verminderung, nicht aber zu einer wirklichen Beseitigung des UebelS geführt haben, so ist als sicher coustatirt anzusehen, daß, wenn einmal eine größere Verbreitung desselben stattgefunden hat, dann eine Vernichtung nicht mehr möglich ist.
Wiesbaden, den 24. Juli 1877.
Köuigl. Regierung, Abth. des Inner«.
, ___________________I. V.: gez. Mollier._______________
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