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Mittwoch. 9. September 1914.

Hbend »Busgabe.

i und Plätzen wird keine Gewähr übernommen.

Nr. 420, «- 62. Jahrgang.

Militärische Vetrachtrmgen.

Von Generalmajor z. D. v. Werlhof.

I.

Die Kriegslage. *)

Der Sedcintag ist in Deutschland so festlich wie nic Klvor begangen worden, in des Reiches Hauptstadt dem Einzug der ersten Siegeszeichen. Unter Hurrarufen und Fahnenwehen ist der erste Monat des Sieges zu Ende gegangen, und fürwahr es ist in ihm Gewaltiges erreicht worden. Am 2. August b öer erste Mobilmachungstag. und jetzt sehen Ver- rauMsselige schon das Ende des Krieges in nicht allzu eitex Ferne; aber auch nüchterne Beurteiler müssen Men, daß die Weltgeschichte noch nicht derartige B so kurzer Zeit errungene Erfolge gesehen hat. Ms Wunder, daß die Begeisterung, die Anteilnahme M ganzen Volkes jir ungeahnter Höhe anschwillt. daß L>ahl der Freiwilligen zwei Millionen überschritten

, Das im Kriegs 1870/71 niedergeworfene Frankreich pvtlckte sein Heil für die Zukunft in der Verteidigung, k" Sperrfortgürtel zieht sich zwischen Verdun und L°ul. zwischen Epinal und Belfort sowie südlich Bel- Ms bis zur Schweizer. Grenze hin. Eine schmale ^cte zwischen Nancy und Epinal ist für den Vormarsch 3 Heeresmassen ungeeignet. Demgegenüber blieb ^utschland der Angriffsabsicht treu. Gaben die Fran- " >cn ihr Geld für Festungsbauten aus. so begünstigte ,M in Deutschland, dem Rate des alten Moltke ent- Mechend. die Vervollkommnung der A r t i l - Es gelang, das französische Feldgeschütz, das Zeitlang dem deutschen überlegen war, zu über- Meln, man schuf die schwere Artillerie des ^ldheeres, die Frankreich überhaupt.nicht besitzt.

Verein mit Krupp war man in der Lage, durch die I geheimgehaltene Konstruktion eines g e w a I - Nssrn Stc i lfe ue^e schütz es die Welt zu erraychen, Seine Gelchosse warfen die französischen Jo die ihnen ähnlichen belgischen Festungen trotz i^Nzer. und Beton wie Kartenhäuser um. Und es ist 3 * beruhigend, daß der Generalberichterstatter für das Mfenwesen im Reichstage in der Lage war, die Aus- weiterzugeben, daß es so viel-Festungen auf ganzen Welt nicht gebe, um nur einen ein- sjAeit dieser Mörser gebrauchsunfähig zu machen.

den deutschen schweren Geschützen traten vor Namur t j Givet die österreichischen schweren Batte- die sich nach Beweglichkeit. Treffsicherheit und tz^jUng vortrefflich bewährt haben. Das französische Üb°Everteidigungssystem hatte dazu gezwungen, »xch Belgien auszubolen, und da dieses Land die an- tzzsMe friedliche Durchdringung zu seinem eigenen ablehnte, war schon vor Lüttich und Namur ^Müheit gegeben, die Wirkung der schweren Ge- b zu erproben. Lüttich fiel am 7. August sozu- ?*i| auf den ersten Anhieb. Namur, das etwas mehr eittj. Jur Vorbereitung gehabt hatte, erforderte nur isty zweitägige Beschießung. Der nötige Auf- ^Hi ch ra um für die deutschen Armeen war ge-

(i3ur iSeröffAtlicftunii zugelassen. Oberkommando : c « Marken:

Wonnen, und nebeneinander entwickelten sich Kluck, Bülow, Hausen, Herzog Albrecht von Württenrberg und der deutsche Kronprinz an der belgisch-französischen Grenze, während der Kronprinz von Bayern und Heeringen in den Vogesen und im Elsaß bereit standen.

Und nun begann eine Reihe von Schlägen, die das französisch-englische Heer auf der ganzen Linie zum Rückzuge bczw. zur Flucht ge­zwungen hat. ' Diese Entscheidungskänipfe begannen mit dem Vorstoß einer starken französischen Armee gegen Kronprinz Rupprecht. Die günstige Meinung, die schon Napoleon I. von den Bayern hatte, haben die heutigen Franzosen nur bestätigen können, diebay­rischen Löwen" nnd mit ihnen Truppen aus allen deutschen Gauen warfen die Franzosen am 20. unter oesonders schweren Verlusten für deren rechten Flügel in südlicher Richtung auf LunSville-Blainont zurück. Auch ein Vorbrechen neuer feindlicher Kräfte aus der Gegend von Nancy und aus südlicher Richtung scheiterte. Inzwischen hat nach den ersten Stegen von Lagarde und Mülhausen die Armee des General­obersten von Heeringen die Räumung des Elsaß er­zwungen und die Verfolgung des Feindes in den Vogesen fortgesetzt. Der kurze Traum einer Wieder­gewinnung alten deutschen Gebietes, in dem sich häus­lich niederzulassen die Franzosen alle Anstalten ge- troffen hatten, ist damit wohl für alle Zeiten vorüber. Beide Armeen stehen zurzeit noch im Kanipse gegen einen starken Feind in b e f e st i g t e n Stellungen Französisch-Lothringens, und Nancy wird be­schossen. »

_ Im Oberelfaß spielten sich noch Kämpfe zwischen streifabteilungen ab. Am 22. konnte auch der deutsche Kronprinz bei Longwy. am folgenden Tag der württemb er gische Thronfolger, vom bel­gischen NeufchLtoau vorgehend, die feindlichen gegen­überstehenden Streitkräfte schlagen und die Maas überschreiten, jener, nachdem er einen von Verdun gegen seine linke Flanke gerichteten Vorstoß abgewiesen hatte. Nach heftiger Gegenwehr fiel hier Longwy, dort M o ii t m d d y , nachdem dessen ganze Besatzung gelegentlich eines Ausfalles gefangengenommen war. Überhaupt sind jetzt sämtliche Sperrbefestigungen des nördlichen Frankreich einschließlich der Festung Mailbeuge in unseren Händen. Demnächst drang der Kronprinz gegen die Maas, der Herzog gegen die Aisne vor. Weiter nach rechts hatten die Armeen der Generalobersten Freiherr voll Hanseii und von Bülow im Dreieck Maas-Namiir-Sambre in mehr­tägigen Kämvfen acht französisch-belgische Armeekorps geschlagen. Bei Maubeuge vorbei, waren sie in die Gegend von L-t. Quentin, wo Bülow einen weiteren Sieg über vier Armeekorps und drei Reserve-Divi­sionen zii verzeichnen hatte, und Rethel gekommen. Endlich hat die Armee des rechten Flügels Gene­raloberst von Kluck die Engländer und drei fran- Mische Territorialdivisionen bei Maubeuge vollständig geschlagen und ihnen sieben Feldbatterien und eine schwere Batterie, außer mehreren tausend Gefangenen abgenommen. Ferner bat er einen aus der Gegend von Combles (unweit Pckronne) kommenden Flan­kenangriff abgewiesen. Ein am 25. und 26. von Antwerpen aus von vier belgischen Divisionen

unter. Beihilfe der Landeseinwohner gegen unsere rückwärtigen Verbindungen unternommener Vorstoß ist siegreich abgeschlagen. Die mittlere Heeresgruppe der Franzosen hatte indessen an ihren Festungen R e r:n s und Verdun Schutz gefunden, und am 1. .September wurde cs nötig, zwischen beiden äber- mals etwa zehn Arnreekorps zurückzuwerfen und aus Verdun erfolgte" Vorstöße abzuweisen. Jetzt ist auch Rerms ahne Schwertstreich gefallen, und die deutschen Armeen sind im Vormarsch gegen die Marne. Kaval­lerie streift bereits bis vor Paris, das die franzö- stjche Regierung in Richtung Bordeaux verlassen hat.

inzwischen waren auf Poincaräs Hilferufe die Russe ii auf den Plan getreten. Daß das so schnell geschehen konnte, ist nur durch die frühzeitig, als bei uns noch kein Mensch an Krieg dachte, ge- trofsenen Vorbereitungen zu erklären. Eine Zeitlang sah es denn auch im Osten trotz zweier schöner Siege des 1. Armeekorps recht bedrohlich aus. Die Russen waren bis Insterburg und in den südlichen Teil Ost­preußens vorgedrungen, und ihr von Sengen und Plündern begleiteter Besuch hatte Tausende von Be- wohnern Ostpreußens zum Verlassen der Heimat be­wogen. Aber der rechte Mann am rechten Orte umfaßte die russische Narew-Armee, warf sie in die Masurischen Sünipfe und zertrümmerte fünf Armeekorps, darunter die Garde. 92 000 Gefangene und der Verlust der gesamten Kavallerie und Artillerie bezeichnen den Umfang der ihnen bereiteten Niederlage, die nach Anlage und Wirkung nicht mit Unrecht S e b a n an die Seite gestellt wird. T a n n e n b e r g, vor 600 Jahren der Ort eines entscheidenden Sieges der Slawen über den deutschen Orden, sah heute eine derbe Abweisung des Moskowitertums, die inehr als eine Niederlage, die eine Vernichtung be­deutet. -

Noch immer tobt der Kampf der ästerreichisch- ungarischen Armee in Ostgalizien. Der linke Flügel hatte bei Kr-asnik vom 23. bis 25. August auf einer Front von 70 km die Russen auf Lublin zurück- geworfen, demnächst entwickelte sich ein großer Kampf zwischen Weichsel und Dnjestr, bei dem in der Mitte die einwöchige erbitterte Schlacht zu einem vollständigen Siege der K. und K. Armee Aufsenberg im Raume Zamosc-Tyszowce geführt hat. Die Zahl von 160 er­oberten Geschützen spricht für seine Bedeutung. Nun­mehr greift der linke Flügel (Armee Dank!) Lublin an. Die Lage der defensiven. Gruppe bei Lemberg, die sich des numerisch überlegenen russischen Vorstoßes , zu erwehren hatte, war von vornherein schwieriger; aus taktischen Gründen ist nach langen Kämpfen das offene Lemberg geräumt worden wie man annehmen darf: vorübergehend. Die gegen die Österreicher auf dem rechten Flügel und im Zentrum angesetzten Russen gehen über den Bug zurück und kommen damit zu einem Teil allerdings in den Schutz der Festung B r e st - L i t o w s k , südlich derselben aber in das weite Gebiet der Rokitno-Sümpfe und nördlich in den ausgedehnten Bjeloweser Sumpfwald, Gegenden, die aus den Känipfen der rechten Flügelgruppe der Großen Armee von 1812 (Schwarzenberg und Beynier) gegen die Russen bekannt sind. Der Gedanke an die Mög­lichkeit. daß dem russischen Heere dort ein Geschick be-

Kriegslied.

Von Erna Löwenwartcr.

$^ er Kriegsgott jagt übers blühende Land § F feuerschnaubender Mähre.

<§/ n Huf stampft rauschendes Korn in den Sand,

5 gj trt ,:Opnt sengt dörrend die Ähre!

seine Spur doch so brennend rot,

.Kraut entsprießt seinen Tritten?

Den xjE Heide glüht, wie der Herbstwald loht;

Der kommt dahinter geritten.

SejE' 0* ein wackerer Troßknecht gut;

§eirt aus purpurner Seiden,

v'ähnlein leuchten wie triefendes Blut,

: nicht vor den beiden?

Nur j£ ' Völker, vor ihrem Gericht!

ir Deutsche, wir Deutsche, wir fürchten uns nicht!

wnt^Eedet das Schwert, wer härtet den Stahl 3ßi e ^Mächtiger Stunde?

Aus denken-Feuers wildes Fanal Doch dampfendem Munde!

Gott ihr auch, wer den Hammer schwingt?

Alle 'st hier selber zur Stelle

Doch "schütternd sein Schlachtlied klingt!

liefet s;*! weicher, stummer Geselle k'°n°ten ^ Erz. und glühend Blei,

> Hnubltz und Patronen;

^,°n «LTu* .einzige Kugel vorbei,

der Lauf der Kanonen! wir Völker, vor ihrem Gericht!

-aeutjche, wir Deutsche, wir fürchten uns nicht!

Was rauschet wie eherner Flügelschlag,

Wie die Nebel branden und wogen!

Gott Mars kommt leuchtend, wie siegender Tag,

Wie ein Aar durch die Lüste geflogen.

Wer ist sein Pilot? Der grausige Tod!

Schon sitzt euch der Hahn auf den Dächern,

Der rote Hahn, hussa hei! wie der loht! - Welch schrecklich Brennen und Äschern!

Dort im Panzerschiffe, am Steuerrad,

Steht Mars und durchfurchet die Meere,

Im Mastkorb lugt sein gespenstiger Maat;

Matrosen, jetzt gilt's eure Ehre!

: Erzittert, ihr Völker, vor ihrem Gericht!

Nur wir Deutsche, wir Deutsche, wir fürchten uns nicht!

Wir Deutsche, wir kämpfen mit Gut und mit Blut Für Vaterland, Freiheit und Glauben;

Noch lebt uns- der alte, begeisterte Mut,

Wer wagt, uns die Ehre zu rauben?

Der Kriegsgott führt uns leibhaftig an.

Er liebt unser ehrliches Kriegen.

Wir streiten bis auf den letzten Mann,

Wir sterben oder wir siegen!

Was ficht uns der Russen und Briten Groll,

Der Neid und die Raubsucht der Franken?

Der deutsche Mann ist ein jeglicher Zoll Ein Held, wie sollt er da wanken?

Wenn^alle W'elt uns auch furchtbar bedroht,

. Der «iege verheißendes Blitzen,

Schon glänzt es wie schimmerndes Morgenrot,

Auf Schwerter und Lanzenspitzen!

: Erzittert, ihr Völker, vor diesem Gericht!

Denn wir Deutsche, wir Deutsche, wir fürchten uns nicht!

Kriegsbriefe aus dem Osten.

Von unserem zum Osthcere entsandten Kriegstberichterftatter.

In drm wredergewonnenLn Nllenstrin.

Allenstein, 3. September.

Über die militärische Lage ist zunächst nichts zu sagen. Die NareirstAvmee ist vernichtet, bei Neidenburg ein unkluger letzter Widerstand der Russen völlig gebrochen, unsere Trup­pen sind bereit, die noch bleibenden russischen Korps anzu­greifen, sobald sie zu fassen sind.

^ Der moralische Eindruck des Sieges wird -dem mili­tärischen nicht nachstehen. Ostpreußen atmet aus, und es war ein rührender Anblick, in den kleinen, halb-verlassenen ostpreußischen Städten die Lichter auffl-ammen zu sehen in den Fenstern und in den ernsten Augen der Bervohner.

Immer noch werden Gefangene aus den Wäldern bei Neidenburg, aber auch sonst aus fast allen Teilen des rie» sigen, unübersichtlichen und stark welligen Schlachtfeldes ge­bracht. Man wird mit der Säuberung jetzt sehr energisch und schnell Vorgehen, da von den versprengten Trupps auf unsere Offizierautos geschossen wurde. Die letzten einge- brachten russischen Mannschaften befinden sich allmählich in der Lage der russischen Wagenparks, von denen die amtliche Meldung erklärte, daß er in heillosem Zustande erbeutet wor­den wäre.- Was ich an Bcutewagen sah, hatte allerdings sel­ben ein ganzes Stück, immerhin, sie führen noch. An ihrem Aussehen waren die Russen kaum schuld, die deutschen Gra­naten hatten ganze Arbeit gemacht. Anders war es mit den Beutepfevden, die ich auf den hiesigen Kasernenhöfen zu Hunderten besichtigte. Eine Kavallerie, die derartig mit ihrer.