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Mittwoch, y. September 1914.
Morgen- Kusgabe.
Nr. 419. * 62. Jahrgang.
^NnerpoMische Rriegsfragen.
^ Dr. Miiller-Meiningen, Mitglied des Reichstags und des bayerischen Landtags.
I.
Die Behandlung der Kriegsgefangenen.
Die Kriegsgefangenschaft ist nach modernem Kriegs- tm Gegensätze zu vergangenen Zeiten heute nicht allzu hart. Soweit sich die Kriegführenden an Völkerrecht und feine Gewohnheiten halten! Nach ^essenachrichten tun das freilich weder die Franzosen M die Engländer, geschweige denn die--Hunnen des Ostens, die friedliche Deutsche, nicht etwa Wehrpslich- grausam in den Gefilden Sibiriens haben ver- .kylvinden lassen, wie die Mitteilungen aus Archangelsk U> anderswoher ersehen lassen. Der Zweck der s ^gsgesangenschaft ist zunächst nur der, die _ Ge- ^genen an der weiteren Teilnahme an den kriege- Achen Unternehmungen zu hindern. Nach diesem ^bptzweck richtet sich zunächst auch ihre Behandlung ^taris des siegreichen Staates.
. Man kann Wohl nicht sagen, daß man die Kultur ^Nes Staates nach der Art, in der er die Kriegs- Rsangenen behandelt, einschätzen kann. Das wäre zu- M gesagt. Man kann auch den Gegner zu sentimen- Ä zu gut behandeln und dafür — die verächtliche ^Nngschätzung des Gegners eintauschen. Die deutsche !"basistische Gutmütigkeit hat sich wohl zu hüten, in so Achtbar ernsten Zeiten wie den jetzigen in die Fehler Jahres 1870 zurückzufallen. Von den Entgasungen hysterischer Weiber, denen öffentliche Brand- Markung gebührt, spreche ich im deutschen Interesse gcht mehr! Die Behandlung der Gefangenen muß ^zweifelhaft auch wbhängen von der den Deutschen Aenüber gezeigten Haltung. Repressalien gegenüber . Staaten, die die primitivsten Regeln der Menschlich- dc§.Lölk?rrechts. verletzen, wie dies jetzt Mnkrerch, Belgien und Rußland tun, sind absolut zu- Mq.' ja aerädezn Pflicht unserer Regierungen, — i°ensoqut wie die Behandlung der auf deutschem Ge- Me iroch befindlichen Angehörigen der gegnerischen ,?tatttert vernünftigerweise nach dem Verhalten unserer Wnde sich richten mutz. Damit wollen wir noch mcht ^ gemeine Niedermetzeillng, Mchhnndlung, ^ Er- Msung, Fesselung und demütigende Einschließung Mch, Zuchthäuslern, von denen wir lesen, daß sie Men arme nicht wehrfähige Deutsche angewendet „°°den sind, befürworten —. allein strengste und Zieste Haltung und Zurückhaltung mit Beschränkung N die allernotwendigsten Reichnisse, um die Ge- Düenen am Leben und gesund zu erhalten, ist unserer-
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i't,“ 8 absolut nötig. Unsere herrlichen Armeen rechen sl',bewundernswerter Weise Sieg auf Sieg Diö- » jedes Erfolges ist die Festnahme Tausender von stMg^en. Die 3OO OOO Mann hon 1870 (mit den w, ber schweizerischen und belgischen Grenze Ent- n 'Meten 700 000) werden sicherlich in diesem Kmepe ' Wit über eine Million ansckwcllen. Das Voll „Sie werden uns ansfressen, die Fran-
Im deutschen TMich.
Von H. Al. Stclzmann.
z>v,,^us demselben Wege, den die ersten Regimenter sich er- L'n»?" hatten, gelangte ich nach Lüttich. Eine halbe hinter Pacoley. auf den Höhen des rechten Maas- Np:,.st wo die ersten Schützengräben der belgischen Truppen v mt werden mußten, geht es steil bergab nach Wanüre, tzj^°urch eine Brücke mit Herstal, dem großen Vorort der ' Kunden ist. Erst seit einigen Tagen ist der Durcy- ^ wieder erlaubt. In dem Arbeiterdorf Wandre Legegnei jteho ^Eu ersten Massen unserer Feldgrauen. Die Einwohner St™! wie in den Dörfern in Gruppen untätig auf der aus der Haustüre. Ihr Blick weicht dem unsrrgen
^’ e Mienen sind meist resigniert oder finster brütend. ba§ richtige Gesindel, wie es sich häufig in den ^rbeiterzentren findet. Bei der Brücke ist meiit te r RKangApas. mit f ef)r tion Nutzen. Ich darf mich erst hin. linm v^Htterhrücke wieder aufs Rad schwingen. Nun be- enge Hauptstraße, die sich wie: ein langer Kanal den Hö'en eines Lütticher Forts, darauf jetzt c Faihne weht. Hier war es zum Teil, wo dib !D 0 r •" trappen mir siedendem Öl und Wasser begossen, ie pj,., ^^wssen worden waren. Allüberall unsere Soldaten, irichp ?ufcn, Bier trinken oder spazieren gehen. Die Elek- hon Herstal bis in den Mittelpunkt der Stadt, weiteren Vorortlinien verkehren nicht, In den Hlistl s’ ? °~ Is ® m Theater fand ich kein Unterkommen. Im Ezensy p ^>uede hat der höchste Stab Wohnung genommen. s<h;;st,st"d die übrigen Gailhöfe für Offiziere Vorbehalten.
i' am 'ch knapp vor 7 Uhr bei einem CafKwirt am öausi ^wtze unter. Um 7 Uhr, deutsche Zeit, mnß 'jeder zu hrljp^ ""d bis 8 Uhr darf man sich vor seinem Hause auf- % »in f Uhr nicht mehr. Also war dieser Zufall wahr.: - n ^mckssall.
zosen, Russen usw." Das Kosakengesindel wird sich vielleicht noch einen wahren Spaß daraus machen, den Gefahren und Mühen eines Winterfeldznges sich durch Gefangennahme zu entziehen, und uns wird die unreinliche Bande ansteckende Krankheiten, Seuchen und Nöte durch ihre Aniveseuheit bringen; ihre Bewachung allein wird vielleicht hunderttansende Mann dem Felde entziehen. Da wird es sich in erster Linie. darum handeln, wie man die Gefangenen zur Arbeit verwendet, ohne die Arbeitslosigkeit im Inlands zu erhöhen. Wir werden bei der offenen Absicht Englands, uns auszuhungern — eine Absicht, die unsere glänzende Ernte freilich jämnierlich zlischanden machen wird — den Gefangenen nicht bloß nur das Allernotwendigste zur Fristung des Lebens geben, .sondern sie auch das, was sie erhalten und darüber hinaus bekommen, abverdienen lassen müssen. Wir wollen sie nicht zu unwürdigen und gesuildheitsgesährlichen Arbeiten verwenden, aber arbeiten niüssen sie. Die Verwendung zur angemessenen Arbeit ist ein selbstverständliches Recht, das sowohl gegenüber der Be- völlerung des Staates, dessen Armee die Gefangenen gemacht hat, als gegenüber den Gefangenen selbst besteht, die bei Srichtbeschästigung nur auf gefährliche Unternehmungen gelenkt werden. Der Verpflichtung des Reiches, unseren Gefangenen Leben und Gesundheit, ja auch privates Eigentum zu erhalten, sie zu ernähren, zu unterhalten und zu pflegen, entspricht das Recht, die Gefangenen zur angemessenen Arbeit anzu- halten — eventuell sogar mit Gewalt!
Selbstverständlich erscheint es, daß unsere deutsche Bevölkerung den Gefangenen persönlich möglichst wenig oder besser gar nicht zu Diensten zu verpflichten ist, so daß sie für Wohnung, Kleidung usw. für sich selbst zu sorgen haben. Dann wird es notwendig sein, die Gefangenen, wenn irgend möglich, zu großen Kultivierungsarbeiten zu verwenden. Entwässerung von -Mooren Usw., Kolonisierung von Odländereichi, Kanalarbeiten usw. werden in erster Linie in Betracht kommen, insofern die Vorarbeiten für solche großen Projekte^ so weit gediehen sind, daß die Verwendung solcher Massen zu einfachen Erdarbeiten, zu denen wir gewöhnlich ausländische Arbeiter verwenden, in Kürz.e tunlich ist. Die großen Kanalprojekte — wir erinnern nur an die Kanalverbindung Weser-Werra-Main, Kanalisierung des Maines selbst usw. — werden freilich noch von einer Reihe anderer Momente abhängig sein. Das Harpener Bergwerk aber z, B. hat, soviel ich weiß, bei Lingen große Heidestrecken, Krupp bei Elbergen, Provinz Hannover, Graf Landsberg-Vehlen bei Meppen usw. Die versumpsten Strecken im Werratal bei Wernshausen müßten so entwässert werden. Die Verwendung im äußersten Osten und Westen wäre natürlich aus militärischen Gründen gefährlich und unratsam: Mittel- und Süddeutschland kämen- für
solche Arbeiten sicher in erster Linie in Betracht, zumal die Verwendung zu militärischen Arbeiten (Festungsbauten usw.) sich aus militärischen Gründen meist von selbst verbietet. Vermieden mutz unter allen Um-
Aus dem Lamibertplatz ist ein Exerzierplatz geworden. Kommandorufe, gleicher Tritt! Die Patrouillen für die Nacht werden verteilt und rücken aus. An jedem wichtigen Straßenpunkt steben Posten mit aufgepflanztem Seitenge.. wehr, dulden kein Stehenbleiben, keinerlei Ansammlungen. Bald liegen die Straßen im Dunkel. Gas brennt nicht, nur die elektrischen Lampen auf den großen Plätzen. Das Glockenspiel auf dem Regierungsgebäude, dem ^ alten fürstmMv- lichen Palast, allein bringt etwas Musik in die jetzt, ach w totenstill gewordene Stadt; die „frohe Stadt" der tebens- lustigen Wallonen. Die Leute machen den Eindruck, als habe sie jemand m'.t einem Hammer auf den Kopf gejchlagen. Still und in sich gekehrt find sie geworden, die so lauten und ungebärdigen Bürger von Lüttich. Dem Alkohol muffen jie auch entsagen. Nur Bier ist gestattet. Die feinen Speiie- restauratlts sind verödet. Dafür hat man jetzt^ rem Geld, keine Zeit am Abend, keinen Sinn. Die Dtark ist laut Bestimmung des-kommandierenden Generals gleich 1 Franken und 30 Centimes, 100 Mark in Papier kosten 130 Franken.
Mehrmals weckt mich der schwere Gang der nächtlichen Patrouillen; je 3 Soldaten und ztvei von der Bürgerwehr, garäo civipme, diese ohne Schußwaffen, nur mit einem langen Kavalleriesäbel versehen. Ein Gardist tragr eine Laterne und so geht der seltsame Zug durch die dunkle Nacht. Die Fenster sollen verschlossen sein und in den bcwohn.cn Räumen die Nacht über ein Licht brennen. Das Heraussehen ist untersagt. Die Abende und Nächte sind also gar nicht unterhaltsam, und froh begrüßt man das Morgenlicht.
Doch bloß teilweise beginnt das tägliche Loben, der Handel und Wandel. Gemüsehändler rufen ihre Waren aus, die Geschäfte halten zum Teil die Läden geschlossen. In den großen Warenhäusern kausl ein geringes Publikum, fast die Hälfte bilden unsere Soldaten. Am Markt drängen sich die Leute durchaus nicht. Mehr ist das in der Kommandantur im Regierungsaeüäude der Fall. Hier haben die wachehalten- den Soldaten eine schwere Ausgabe, den Schwarm der Bitt
ständen werden die Vornahme von Arbeiten durch Kriegsgefangene, die durch einheimische Arbeitskräfte, denen gerade jetzt keine Konkurrenz gemacht werden darf ausgeführt werden können.
Die Behandlung der Offiziere wird ebenfalls wesentlich nach der Behandlung unserer — _ hoffentlich in recht geringer Zahl gefangenen — Offiziere seitens unserer Fxinde einzurichten sein.
Der Gedanke, Russen und Franzosen -möglichst durcheinanderzumischen, ist ausgezeichnet. Ich denke mir kaum ein besseres Mittel, Frankreich von der widernatürlichen Bnndesgenossenschaft mit den: scheu- säligen Moskowitertum zu kurieren,^ als den vertierten, branntweinverseuchten Bruder mit ihm zu paaren: die Scham vor solchem Verbrechen gegen die westeuropäische Kultur wird sich dann mit tödlicher Sicherheit um so rascher einstellen — wenn man nicht an der ganzen französischen Kultur irre werden soll. Aber man soll auch den englischen Söldner in dem. Trio nicht vergessen! Also laßt sie in edler Bnndestreue zusammen in den Kasematten arbeiten und sich das Brot verdienen! Sie. haben es durch ihre schändliche Haltung gegenüber deutscher Gutmütigkeit und Friedfertigkeit längstt verdient.
Auch die Massen der Kriegsgefangenen und die Gefahren, die vor allem gesundheitlich von ihnen drohen, lassen die Hoffnung gerechtfertigt erscheinen, daß unsere siegreichen Heere dem Vaterlande recht bald den chrenvollen Frieden — und hoffentlich einen dauernden — erringen. Hoch unsere heldenmütige Armee!
Katfet Wilhelm an den Präsidenten Wilson.
Ein flammender Protest gegen die Kricgssührung unserer Gegner.
W. T.-B- Berlin, 8. Sept. Die „Nordd. Allg. Ztg." veröffentlicht nachstehendes Telegramm, das der Kaiser an den Präsidenten Wilson gerichtet hat: „Ich betrachte cs als meine Pflicht, Herr Präsident, Sic, als den hervorragendsten Vertreter der Grundsätze der Menschlichkeit, zu benachrichtigen, daß bei der Einnahme der Festung L o n gw h meine Truppen dort Tausende von Dumdumgeschossen entdeckt haben, die durch eine besondere Regiernngswcrkstättc her- gestellt waren. Ebensolche Geschosse wurden bei verwundeten Soldaten und Gefangenen, auch bei britischen Truppen, gefunden. ES ist bekannt, daß solche Geschosse grausame Verletzungen verursachen und daß ihre Anwendung durch die anerkannten Grundsätze des internationalen Rechts streng verboten ist. Ich richte daher an Sie einen flammenden Protest gegen diese Art der KriegSführung, welche dank de» Methoden unserer Otegner eine der barbarischsten geworden ist, die man in der Geschichte kennt. Nicht nur habe» dieselben diese grausamen Waffen angcwcndct, sondern die Regierung hat die Teilnahme der belgischen Zivilbevölkerung an dem Kampfe auch offen geduldet und seit langem sorgsältigvorbereitct. Diese von Frauen, Kindern und Geistlichen in diesem Guerillakrieg begangenen Grausamkeiten auch an verwundeten Soldaten, Ärztcpcrsonal und Pflegerinnen (Ärzte wurden getötet, Lazarette durch Gewchrfcucr angegriffen) waren derartig,
steiler und Patzsuchenden zu ordnen. Der eine, ein vor. nchmer reicher SchloMesttzcr, will mit dem Rad — sein Kraftwagen ist beschlagnahmt — nach Spa, ein nnderer, e^in chinesischer Student, nach Holland, ein dritter möchte die Erlaubnis haben, sich nach Ramur zu begsben. So geht das -fort. Aobeiter stellen sich ein, wenige «us der Automobil- branche. Chauffeure erhalten laut-Anschlag 8 Frankken für den Tag Erdavbeiier für die Aufväunrungsarbeiten in den Forts, auf der Zitadelle 8 Franken. Letztere werden allmählich zchlveicher. Der Hunger treiibt das Volk zur Arbeit. Die Cocherillwerke und jetzt -staatlich gewordenen Wasfen- fäüriken geben den Arbeitern doppelten Lohn, ^zch sani junge Deutsche, Schlosser auö Bonn, die nach Lüttich mit der Bahn gekommen waren — sechs Stunden brauchten sie von Aachen an — um Anstellungen in diesen Werken anzu- nehmen. Auch Schweizer sucht die Stadtverwaltung schon lange, die das zahlreiche, für Militärzwecke zus-mNmenge- brachte Vieh melken sollen. Im Interesse hauptsachllch der darbenden Kinder, so heißt es auf dem Anschlag.
Daneben fand sich noch der übrigens sehr zahlreich vertretene Möbilmachungskefchl, auch der stolze Anruf des Königs an sein Volk, und die Vevsicherung des Bürgermeisters, daß die Forrs noch nicht genommen seien. „Belgien hat stolz den Handschuh ausgenommen, den ihm das große Deutschland entgegengeworfen hat", heißt es u. a. m dem Aufruf. Die zeitlich dann folgende^ Anordnungen tragen schon den Namen des deutschen Kommandierenden und den des vertretenden Beigsordneten Seduc an Stelle des als Geisel festgesetzten Bürgermeisters Kleyer, der kurz vorher noch so hochtrabende Worte im Munde geführt hat. Aufrufe zur Ruhe, bittende, beschwörende, folgen sich jetzt in starker Zahl, ferner die Erklärung, daß die Schatzung der Provinz Lüttich' SO Millionen Franken betrage, daß alle Taubenbe- sitzer unter den strengsten Strafen gezwungen seien, ihre Tiere abzuliefern. So wie es vorher mit der Auslieferung der Waffen gewesen war. Trotzdem ganze Wagenladungen
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