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Samstag. 5. September 1914.
Morgen-Ausgabe.
i und Plätzen wird keine Gewähr übernommen.
Nr. 413. * 62. Jahrgang«
i
Der letzte Sinn des Krieges.
O Berlin, 2. September.
i,...Die, prachtvolle Einmütigkeit des deutschen Volkes Elch darin aus, daß wir alle wissen und es M Rückgrat unseres starken Willens machen, dieser rieg dürfe nur mit der unbedingten Sicherung von Elch und Nation gegen abermalige überfallsgelüste ri?» n '- er Eüsse also, ganz einfach gesprochen, mit der "ichädlichmachung der Gegner abschließen. Wie das ^^chzusühren ist, darüber wird zu reden sein, wenn e Waffel: ruhen, und wenn sich die Friedensnnter- llandler an den grünen Tisch setzen. Wer das Ziel t^lbst wird bei uns ganz gewiß niemand aus den Mgen verlieren, die Reichsleitnng nicht und das Mernde und unterstützende Volksbewußtsein auch EM. , In ungefähren Umrissen läßt sich schon jetzt ^lndestens das eine andeuten, daß die w i r k s a m st e Sicherung des Friedens durch die möglichst e:t geh ende Schwächung Frankreichs °lrd herbeigeführt werden können. Wir können heute lcht wissen und nicht sagen, wie wir beim Ende des mit Rußland und mit England stehen werden, y ° toertn wir auch die Gewißheit haben dürfen, daß .lese beiden Staaten den Angriff auf uns bitter zu o.^uen haben werden, so muß man zunächst doch vor- > chtrg mit der Bewertung der mutmaßlichen Erfolge der Möglichkeiten ihrer späteren Ausnutzung sein. vÄ tvas Frankreich betrifft, ist das letzte Wort noch lcht gesprochen, aber das, was wir wollen, unter allen Umständen wollen müssen, läßt sich doch schon klar versehen. Frankreich muß für unabsehbare Zeit da- an verhindert werden, die Kriegsfackel zu schwingen, om Fürsten Bismarck stammt das Wort vom „Weiß- mten", das auch jetzt für uns bestimmend bleiben Wrr lassen uns in diesem Augenblick nicht auf ivi sSSfiÄ Gebietsabtretungen ein, die
r nrcht einmal für die wichtigste der in Be
acht kommenden Fragen batten. Dringender ist wohl °le militari! che, die finanzielle, die Wirt- i ch a f t I i ch e, d:e a 11 g c m e i n p o I i t i s ch e Schmähung unseres Hauptgegners. Schon allein die Umklammerung der Republik von Norden die in irgendeiner Form dauernd wird bleiben Müssen, schon diese Erscheinung wird uns eine über- E«ende Stellung gewährleisten, durch die Frankreich ? l, f- einen zweiten Rang her ab gedrückt wer- ou und bleiben muß. Eines der stärksten Mittel . mit denen wir französische Rachewünsche zu ampfen haben werden, wird sich in der Forderung reichlich bemessenen Kriegsentschädigung ^bieten, gegen welche die 6 Milliarden Franken von t~i‘} ein Kinderspiel sein werden. Die erste und Aufgabe sedenfalls ist es und bleibt es, Frankem an • seinen: Lebensnerv zu treffen. Vielleicht „ brden wir den anderen Dreiverbandsgenossen gegen- E'er hierzu nicht imstande sein, Frankreich gegenüber l'rden mir es sein, und darum kann man schon heute,
. afern uns das Kriegsglück treu bleibt, ein dauern- es Ergebnis erwarten, dessen Bedeutung weit über bicre Erfolge im Kriege von 1870/71 wird hinaus
reichen müssen. Damals blieb Frankreich, obwohl vorübergehend geschwächt, doch in_ der Hauptsache unberührt, es blieb die Großmacht, die auf gleichem Fuße mit uns und anderen Brächten stand. In Zukunft wird ein finanziell zerrüttetes, wirtschaftlich zurückgedrängtes, national entkräftetes, an der Möglichkeit unserer Bezwingung notwendigerweise verzweifelndes Frankreich an Bündniswert für jeden unserer Feinde soviel einbüßen, daß die Gefahr einer abermaligen Einkreisung nach Eduardschcm Muster vielleicht für immer und mindestens für ein halbes Jahrhundert ausgeschaltet sein wird. Weil dies die von den Verhältnissen selbst dargebotene, geschichtlich-politische Sachlage ist, darum bleibt es dem Betrachter schlechterdings unverständlich, wie es überhaupt möglich sein kann, daß sich bei uns schon jetzt, mitten in. unserem Siegeszuge _ nach Paris, Stimmen erheben, die einen für beide Teile ehrenvollen Frieden empfehlen. Wir wollen das Blatt und die Partei nicht nennen, die uns in so unkluger Weise Schwierigkeiten machen möchten; es herrscht ja Burgfriede in Deutschland, und jeder Streit, auch wenn Torheit und Einsichtslosigkeit dazu nötigen sollten, iihn 'aufzunehmen, möge, solange es geht, vermieden bleiben. Das aber n:uß und soll doch gesagt werden, daß, wer uns heute bereits, wo die Hauptarbeit zur Unschädlichmachung der Republik noch zu tun ist, von einem ehrenvollen Frieden spricht, also von einem, bei dem Frankreich wahrlich gut obschnitte, den ganzen Sinn dieses Krieges entweder nicht begriffen hat oder ihn freventlich in sein Gegenteil umkehren will. Es gibt für uns keine Wahl, Frankreich muß niedergerungen werden, damit wir leben und gedeihen können, und mit der Bezwingung Frankreichs werden wir auch seine Freunde, unsere Feinde, am empfindlichsten treffen. Dies., muß. dnrchgefochten werden, und wer uns mit der Beschränktheit von Gevattern Schneidern und Handschuhmachern oder mit hoffnungslos unpolitischen Sentimentalitäten entgegentritt, der veracht sicb geradezu an den Lebensinteressen unseres Volkes.
Antwerpen.
Als sich die deutschen Truppen der Landeshauptstadt Brüssel näherten und die Besetzung dieser Stadt in Aussicht stand, begaben sich der König und die Regierung nach Antwerpen. Dorthin ging auch der größere Teil des belgischen Heeres zurück, als es sich nicht mehr im freien Felde halten konnte. Diesen Fall hatte man bereits bei dem ersten Entwürfe des belgischen Festungsshstems im Auge gehabt. Während Lüttich und Namur bekanntlich das Maastal, diese uralte Völker- und Heerstraße, sperren und der Benutzung durch einen von West nach Ost oder umgekehrt marschierenden Gegner entziehen sollte, war Antwerpen als Zentralwaffenplatz ausersehen. Er sollte der Regierung und der Armee Schutz gewähren, bis von auswärts Hilfe herbeikommen würde. Hierbei dachte man in erster Linie an die Landung eines englischen Hilfskorps, das dann im Verein mit der unter den Schutz der Festungswälle zurückge-
gangencn belgischen Armee die Offensive ergreifen und den den Waffenplatz einschließenden Gegner schlagen und zurückwerfen sollte. Diesem Gesichtspunkte entsprach es, daß Antwerpen zugleich als großer Manövrierplatz ausgebaut wurde, der nicht nur eine sehr starke Armee aufnehmen, sondern ihr auch Bewegungsfreiheit und das überraschende Vorbrechen sichern sollte. Dies alles bedingte eine große Ausdehnung der Befestigungswerke und ein ziemlich weites Hinaus schieben der vordersten Linie. Weiterhin sollten die Werke das Innere der Stadt und die wertvollen Hafen- anlagen gegen eine Beschießung sichern.
Auf Grund dieser Erwägungen wurde Antwerpen, das schon im Mittelalter befestigt gewesen war und manche Belagerung und manchen Sturm abgehalten hatte, im Jahre 1859 von dem berühmten Festungsvaumeister, dem General Brialmont, neu befestigt. In den nächsten Jahren wurden die Befestigungen immer weiter ausgebaut und vervollständigt. Es stellte sich aber heraus, daß sie bei der steten Zunahme des Handels und Verkehrs mit der dadurch bedingten Vergrößerung der Hafenanlagen in ihrer damaligen Lage und Ausdehnung ein stetes Hindernis für eine gesunde und freie Entwicklung der Stadt und des Hafens waren. Es wurde deshalb beschlossen, den ganzen Befestigungsgürtel weiter hinauszuschieben. Nach langjährigen Verhandlungen und schweren inneren Kämpfen wurde im Januar 1906 der Plan einer Neubefestigung von Antwerpen angenommen und die dafür erforderlichen Mittel bewilligt. In den nächsten Jahren wurden die projektierten Bauten ausgeführt.
Die alte Stadibefestigung wurde ganz beseitigt und das dadurch gewonnene Gelände für Erweiterungsbauten benutzt. Dafür wurde die bisherige innere Fortlinie durch eine zusammenhängende Verteidigungslinie ausgebaut und so die zwischen den einzelnen Forts vorhandenen Lücken geschlossen. Als Ersatz wird ein neuer äußerer Fortgürtel geschaffen, der sich 4 bis 12 Kilometer vor der neuen Ilmwallung hält. Er besteht auf dem rechten Schelde-Ufer aus 16 Forts und 12 Zwischenwerken, auf dem linken Schelde-Ufer aus 6 Forts und 2 Zwischenwerken. Der Umfang der neuen Befestigungslinie betrügt etwas über 100 Kilometer. Die Forts sind nach den neuesten Grundsätzen erbaut und init modernen schweren Geschützen armiert. Nach den letzten Berichten scheinen aber die Werke noch nicht alle fertiggestellt zu sein. Einzelne Werke, namentlich auf dem linken Ufer, sollen überhaupt noch nicht begonnen, andere noch im Bau begriffen sein. Jedenfalls sind sie trotz aller Betonbauten und Panzerwerke nicht imstande, den neuesten deutschen Belagerungsgeschützen Widerstand zu leisten. Die 42- Zentimei.er-Haubitze wird sie ebenso schnell und gründlich zerstören wie die Werke von Lüttich und Namur.
Die Verteidigung dieser Festung erhält eine große natürliche Stärke durch die vielen Wasserläufe und kleinen K a n ä l e, die sich vor der Front befinden und die eine Unterwassersetzung des Vorgeländes gestatten. Durch zahlreiche Schleusennnlagen ist gesorgt, daß diese schnell wirksam wird. Dadurch wird zwar der Nahangriff erschwert, wenn es aber möglich ist, die Werke durch Fernfeuer zu zerstören, so hat dies weiter keine Bedeutung. Unter den Wasserläufen ist die im Süden und Südasten fließende N e t h e und Rüpel zu erwähnen. Die Festungswerke sind teilweise über di^se hinaus vorgeschoben, so daß sie als Brückenköpfe wirken und eine Offensive der Besatzung erleichtern.
In Antwerpen befinden sich vier Divisionen der belgischen Armee, die ja vor einigen Tagen einen Ausfall unternahmen.
Zur Lage.
Es ist geschehen, was zum Himmel schreit:
Um einen Haufen Meuchelmörder scharen Die Völker sich, und gellende Fanfaren Rufen zum Massenmord die „Christenheit!"
Die Maske fiel: Das Tor der Hölle bricht.
Und.dumpfe, jähgeweckte Schlangenknäusl Spei'n, gifige schwollen, ihre Eitergräuel Allem, was heilig ist, ins Angesicht.
Ringsum aus allen Moderhöhlen kriegt Widrig Gewürm mit Neid und Hatz und Lüge And Gift und Dolch in scheußlichem Gefüge,
Und alles reckt sich, was in Sümpfen liegt! . . .
O deutsches Volk mit deinem reinen Schild,
Wie ragst du hoch aus dieser niederen Menge,
Wie herrlich strahlt aus diesem Schandgedränge Dein todumdrohtes, würdevolles Bild!
Wie stehst du da so frei und froh und stark 6N deiner Wahrheit, deiner schlichten Treue,
Gegen die Lügenbrut, die sonnenscheue.
Du einziges mit unzerfressenem Mark!
^,Der Menschheit Würde ruht in deiner Hand!
diesen ehr- und gottverlassenen Zeiten,
Und wenn sich alle, alle von ihr scheiden — bleibst ihr Heimat, deutsches Vaterland!
In ihrem Zeichen laß dein Banner wch'n Und kämpf in Gottes Namen un: dein Leben:
~. r ' der die Hoheit dir und Kraft gegeben,
Gott ist mit dir — wer kann dir widerstch'n?!....
Kaspar Kögler.
Herrenloses Land.
Won Erich Köhrer.
Aachen, Ende August.
Das gibt es also noch in Europa, hat es wenigstens bis zum 1. August dieses Kriegsjahres gegeben! Während jeder Erdenfleck an erreichbarer Stelle seinen Herrn hat, während selbst auf den Eisfeldern Spitzbergens Flaggen gehißt werden, die die Besitzergreifung verkünden, haben wir im Herzen Europas oder wenigstens ihm eng benachbart noch ein schönes und gesegnetes Stückchen Land, das keine Faust über sich spürt. Für ihre besonderen Freiheiten haben die Bewohner des Ländchens freilich jetzt 'auch zuerst und am härtesten die Geißel des Krieges kennen gelernt. Denn ehe die deutschen Truppen belgischen Boden betraten, stürmten ihre Kolonnen durch die Wälder von Neu-tral-Moresnet, dem herrenlosen Gebiet bei Aachen.
Natürlich haben die Herren Diplomaten diese seltsame Existenz verschuldet. Als sie nach dem Großreinemacher Napoleon Europa wieder ein bißchen ordneten, hatten sie soviel zu tun, daß sie ein.kleines Stückchen Land zwischen Preußen und Belgien einfach vergaßen. Und als sie das Versehen merkten, schien es nicht mehr recht lohnend, dafür einen neuen Kongreß einguiberufen, und man überließ den beteiligten Nachbarn Belgien und Preußen die Entscheidung über das Schicksal der 850 Hektar, um die es sich im Ganzen handelte. Die beiden Nachbarn konnten sich aber absolut nicht über dse Verteilung des nicht einmal großen Rittergutes einigen, und da auch ein Krieg darum nicht recht lohnend schien, nahm man cs schließlich in eine gemeinsame Verwaltung. Das ging so recht und schlecht 25 Jahre lang, bis man zum silbernen Jubiläum de: Existenz den Neutral-Mores- netern im Jahre 1841 eine eigene Regierung schenkte. Ein
Bürgermeister, der an der Spitze eines —• man möchte beinahe sagen: Aufsichtsrates von zehn Räten steht, repräsentiert die Regierung des Landes. Leider scheint der derzeit regierende Herr nicht sehr tüchtig, zu sein. Er hätte sonst zweifellos nicht die Gelegenheit versäumen dürfen, für sein Land durch eine Kriegserklärung an Deutschland Reklame zu machen, wie das ja andere Länder getan halben, die doch immerhin in der Öffentlichkeit bekannter sind als Neutral- Moresner!
Allerdings haben die Moresneter für ihre Verwaltung keine besonders tüchtige Persönlichkeit nötig. Das ganze Gebiet hat nur einen größeren Ort, der wie das Land heißt und etwa dreitausend Seelen zählt oder vor dem 1. August zählte. Daneben gibt cs noch ein Preußisch-Moresnet, das sich unmittelbar an das neutrale Örtchen anschließt und 6- bis 700 Einwohner hat, und ein Belgisch-Movesnet, dessen 1200 Bewohner ungefähr drei Kilometer südlich in den: bisherigen bckgischen Arrondissement Beniners liegen. Diese Dreiteilung wird nun wolst freilich ein EnÄe haben und der Bürgermeister von Neutral-Moresnet dürfte bereits dem nächsten preußischen Staatshaushalt als Pensionäre zur Last falleu.
Die Geschlechter, die in den kommenden Jahren die S ek uinda,n erlbä nke des Kaiscr-Wichelm-Ghmnasiums in Aachen drücken, werden dadurch eine Quelle verlieren, aus der wir in der seligen Jugend immer mit Wonne geschöpft halben. Denn in Neutral-Moresnet, wohin wir von Aachen auf schönen Waldwegen in knappen anderthalb Stunden wanderten, gab^>es schon die schönen französischen Zigaretten, die nicht mir se-hr schwarz wirren, sondern auch nur einen halben^ Centime kosteten. Denn das ist sicher: die werden in Zukunft da teurer sein. Die Bewohner des bisher neutralen Ländchens freilich werden noch ganz andere Eigenheiten verlieren. So galt zum Beispiel auf diesem Gebiete noch der
