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Montag den 2. Januar

1860*

Zum neuen Jahre 1860.

Des alten Jahres Kreislauf ist geendet, Der jüngre Bruder tritt die Herrschaft an Und halb mit Bangen, halb mit Hoffnung wendet Sich unser Blick ihm zu bei seinem Nah'n. Wird uns sein Walten Heike Stunden bringen?

Was birgt für uns der Zukunft dunkler Schooß, Ein Scheitern unf'rer Pläne; ein Gelingen? 3st Freude oder Kummer unser Loos?

Wer hat die Antwort auf die vielen Fragen? Wer ist von solchem Sehergeist erfüllt. Daß er den Schleier darf zu lüsten wagen, Der das Zukünft'ge unserm Blick verhüllt? Kein Sterblicher! Doch laßt uns rückwärts . : * > ' schauen, Um durch die Lehren der Vergangenheit Zu stärken uns mit Muth und mit Vertrauen, Was uns auch bringen mag die Folgezeit!

Ein Halt! rief unverhofft den Krieger« fchaaren

Der Friedensschluß von Villafranea zu. Die Schwerter, die gezückt noch eben waren, Sie brachte er mit einem Mal zur Ruh! Der Diplomaten Feder nahm die Stelle Der Waffen ein, geendet war die Schlacht Und wieder ward cs unversehens Helle, Wo jüngst geherrscht noch sternenlose Rächt.

DaS alte Jahr gab uns in seinem Laufe Der Früchte viel und einen edlen Wein, Dem es verliehen hat die Feuertaufe Durch einen brennendheißen Sonnenschein. Gar Mancher, der im Geist schon Landes­plagen, Der Mißwachs, Theurung, HungerSnoth geseh'n, Ar müßte schon nach wen'gen kurzen Tagen Beschämt den etg'nen Jrrthnm eingesteh'n.

Wie eS gewesen, wird es wieder werden: Auf Leid folgt Freud', auf Finsterniß folgt Licht,

Gin dauernd Glück such' Keiner hier auf Erden!

Doch wahret ewig auch das Unglück nicht.

Das Jahr, das jetzt für immer ist ent- fchwunden.

Das reich an Licht- und Schattenseiten war, Die alte Wahrheit mußte es bekunden, Es glich in allem seiner Brüder Schaar.

Roch denken wir der lichtverklärten Feier, Die das entschwund'ne Jahr uns hat gebracht!

Dem deutschen Sänger galt sie, deffen _ . Leyer

Das Herz ergreift mit wunderbarer Macht. Von allen kippen klang der Name Schiller, Die Wogen der Begeistrung gingen hoch; Klar trat zu Tage, was bisher in stiller Verborgenheit sich scheu dem Blick entzog.

Bedeutungsvoll erklang an feiner Wiege Wort des Herrschers an dem Seine- strand. Bedrohend uns mit einem blut'gen Kriege Und einem allgemeinen Weltenbrand. Der Kampf entspann sich bald darauf im Süden, Doch konnte der entblößten Schwerter Klang Des deutschen Volkes Aufschwung nicht verhüten

Und mächtiger nur wuchs sein Ginheitrdxang.

So sah das Jahr man seinen Kreislauf enden;

Dem alten wird das neue ähnlich fein: ©alb wirb e- seine Schicksalsströme senden, Bald lacht uns wieder milder'Sonnen­schein !

Vom alten Jahr der Abschied ist genommen, Dem neuen fei jetzt unser Gruß geweiht: Wir heißen Dich bei Deinem Nah'n will­kommen,

Du frischer Pulsschlag der Unendlichkeit!

L. Hub.