Nr» 466.Dienstag, 1. September 1814. Wiesbadener Tlrgb!a^E»
Die Niederlage der englischen Armee.
_ Kitchener veröffenllicht einen Bericht, in dem der Rückzug der Engländer fast wie eine natürliche Sache aussieht und in dem immer wieder von „vereitelten Versuchen" der Deutschen gesprochen wird. Ganz anders sieht ein Bericht des „Times"-Korrespondenten aus Amiens aus, der sich bitter darüber beklagt, datz Frankreich ganz in Unkenntnis der tatsächlichen Vorgänge gelassen werde und noch nicht einmal den Fall von Namur kenne. Der Korrespondent sah die Überbleibsel der vernichteten englischen Regimenter, deren Disziplin tadellos geblieben sei. Er erklärt im übrigen, die Deutschen verdankten ihren Erfolg ihrer Übermacht, ihren Maschinengewehren, ihrer Kavallerie, dem Aufklärungsdienst der Zeppeline und Flugzeuge und ihrer außerordentlichen Beweglichkeit. (Franks. Ztg.)
London, 30. Aug. Die „Times" schiebt die Schuld an der englischen Niederlage bei T o u r n a i dem Ausbleiben der versprochenen französischen Hilfe zu. Sie zitiert den Ausspruch eines englischen Mitkämpfers, die Deutschen kommen über uns wie eine Sturmwelle, der nichts standhält. (Franks. Ztg.)
Die Schwierigkeiten bei der englischen Anwerbung.
London, 31. Aug. Durch eine in der „Times" veröffentlichte Einsendung wird jetzt bekannt, daß das Ergebnis der Anwerbung für die Armee «schlecht", an manchen Plätzen „furchtbar" gewesen ist. Im Unterhaus« hatte bekanntlich der Premierminister seinerzeit erklärt, sein „edler Freund Lord Kitchener brauche alle Rekruten, die er bekommen könne", was man ihm Wohl glauben wird.
England nimmt alle Rekruten, die cs bekommen kann.
HÜ. London, 1. Seht. Asquith sagte im Parlament: „Wir brauchen alle Rekruten, die wir bekommen können, d. h. nicht nur 100 000 Mann für die zweite Expeditionsarmee, sondern so viel als möglich. Rekruten werden nicht zurückgewiesen wegen schlechter Zähne, wenn nur sonst ihr Gesundheitszustand gut ist. Wir sind bereit, Leute auch zwischen 30 und 40 Jahren einzustellen." Der Premierminister wandte sich dann gegen den Antrag zweier Konservativen, Verlustlisten, wenn auch unvollständig, bekannt zu geben.
Die Gegeird von Ostende van englischen Seesoldaten besetzt.
W- T.-B. London, 1. Sept. (Nichtamtlich.) Wie die Blätter melden, hat Churchill mitgetei-lt, daß englische Seesoldaten Ostende und die umliegenden Bezirke besetzt hätten. Lord Kitchener fordere, wie schon berichtet wurde, zum Eintritt in die zweite Ersatzarmee 100 000 des regulären Heeres auf. Die Altersgrenze beträgt 19 bis 35 Jahre. Die Zahl der Meldungen zum ersten Ersatzhcer sei befriedigend.
Ein Vorschlag, betreffend japanische Unterstützung in Europa selber!
Paris, 31. Aug. P i ch o n macht im „Petit Journal" den Vorschlag, mehrere 100000 Japan er zur Unterstützung des Dreiverbandes nach Europa kommen zu lassen. Dies dürfte nach seiner Ansicht bei der vermutlich langen Dauer des Krieges wohl möglich sein.
Die Königin von Belgien nach London abgercist.
W. T.-B- Antwerpen, 1. Sept. (Nichtamtlich.) Die Königin hat Antwerpen am 31. August vormittags verlassen, um ihre Kinder nach London zu begleiten.
Einfuhr englischer Blätter in Frankreich verboten.
Amsterdam, 31. Aug. Die französische Regierung hat die Sendung englischer Blätter nach Frankreich verboten, was eine Verstimmung in der englischen Presse, vor allem bei der „Times", hervorrief. (Franks. Ztg.)
Französische Prinzen im englischen Heere.
Kä. Rotterdam, 31. Aug. Die Prinzen Ludwig und Anton von O r l e a n s und von Braganza erhielten, nachdem sie aus dem österreichischen Heere ausgetreten waren, die Genehmigung des Königs Georg, ins englische Heer einzutreten.
Ein Pariser Lob der Senegalschützen.
hd. Paris, 1. Sept. Der „Daily News and Leader" schreibt aus Paris: Zu den besten Truppen der Welt
gehören die Senegalschützen. Furcht ist ihnen etwas Unbekanntes. Sie, die immer Freunde der Franzosen waren, nehmen ihre Weiber und Kinder mit ins Feld, was sie nur noch tollkühner macht. Einer dieser Scharfschützen erschien heute vom Kampfplatz, wo er verwundet worden war, auf dem Boulevard in Paris. Dort bildete er den Mittelpunkt des Interesses. Daß diesen Truppen, so schreibt das Blatt, die Ehre zuteil wurde, gegen die preußische Garde zu kämpfen, spricht für sich selbst.
Erneutes Aufgebot des französischen Heeres.
Genf, 31. Aug. Der französische Kriegsminister beschloß, die Jahresklasse 1914, die Reserve des aktiven Heeres sowie die älteren Klaffen der Territorialarmee einzuberufen, welche vorläufig zurückgestellt waren.
Eingeständnis der russischen Niederlage.
^ u 0- russischen Quellen wird hier bestätigt, daß die Einsallarmee in Ostpreußen sich seit dem Eintreffen von Verstärkungen bei der deutschen Front z u - rückzieht. (Franks. Ztg.)
Ein polnisches Bonrbcnattentat auf einen russischen Militärzug.
£ Prag, 1. Sept. (Eig. Drahtbericht) Der „Bohemia" wird aus Warschau gedrahtet: In der Nähe Warschaus wuxde ein Bombenattentat auf einen vollbesetzten russischen Militärzug verübt. 150 Mann, darunter viele Offiziere, wurden getötet. Die meisten Attentäter entkamen, einige wurden erschossen; die bei diesen gefundenen Schriftstücke beweisen, daß der Anschlag auf Anordnung des revolutionären Komitees aus Warschau erfolgte.
Russische Truppen- und Munitionstransporte für Serbien.
# Berlin, 1. Sept. (Eig. Drahtbericht) Der Kriegs- berichterstatwr der „B. Z." meldet aus dem österreichischen Hauptquartier: Vom südlichen Kriegsschauplatz liegt hier die wichtige Meldung vor, datz russische Munitionstransporte für Serbien aus der Donau unausgesetzt stattfindeu. An der Donaumündung werden angeblich auch Vorbereitungen fiir russische Truppentransvorte nach . Serbien getroffen, wodurch die rumänisch-bulgarische Neutralität bedroht erscheint.
Französische Glückwünsche für Serbien.
Hä. Paris, 1. Sept. V i v i a n i hat P a s ch i t s ch telegraphisch seine Glückwünsche übermittelt anläßlich des Sieges der Serben über die Österreicher. Viviani ersucht Paschiisch, dem serbischen Volke die herzlichsten Grüße zu übermitteln mit den besten Wünschen für die brüderlich vereinigten Wassert.
Togos heldenhafter Untergang.
Bon der holländischen Grenze meldet die „Köln. Ztg.": Unfähig, in Europa ihren betrogenen belgischen Verbündeten beizustehen, haben die Franzosen und Engländer au der Spitze von schwarzen Soldaten ihren Mut durch die Überwältigung der k l e i n st e n deutschen Kolonie, des zwischen dem französischen Dahome und der britischen Goldküste eingeklemmten Togo, zu beweisen Gelegenheit gehabt. Wie die „Köln. Ztg." meldet, hatten die Briten die deutschen Behörden zur unbedingten Übergabe mlfgefordert, woraus diese Behörden um Kriegsehren beim Abzug und Erfüllung gewisser Bedingungen ersuchten. Das wurde ihnen verweigert, sie sollten sich bedingungslos übergeben. Nach amtlicher britischer Mitteilung sind nun am 20. die verbündeten Streitkrüfte in die Kolonie eingezogen. . Die Deutschen haben sich zweifellos bis zur letzten Möglichkeit tapfer gehakten, denn die Gegner haben verhältnismäßig viel Verluste: 2 französische und 1 englischer Offizier gefallen, 1 englischer Leutnant, 2 französische Unteroffiziere lebensgefährlich, 1 englischer Leutnant schwer, 1 englischer Feldwebel leicht verwundet, dazu kommen an eingeborenen Soldaten 14 Tote auf französischer und 12 aus englischer Seite bezw. 15 Schlververwundete usw. Zwei der französischen sind inzwischen ihren Wunden erlegen. Ein r>ranzose wird vermißt. Von britischer Seite allein ivurde für drese Heldentat ein ganzes Regiment der West-Afiican- Frontier-Force aufgeboten, also eine richtige Kriegstruppe, kerne Polizeitruppe, wie sie Togo in der Stärke von einigen hundert Mann besitzt. Es ist allerdings sicher, daß neben ver Polizeitruppe alle wehrpflichtigen Deutschen für die Ehre ihres Vaterlandes mitkämpften. Die Sieger werden sich hoffentlich für dieses wahnsinnige Verbrechen an der Kulturförderung Afrikas schwer zu verantworten haben.
Der Bedarf an Kriegsfreiwilligen einstweilen gedeckt.
, IV. T.-B. Berlin, 1. Sept. (Amtlich) Der Bedarf an Kriegsfreiwilligen ist zurzeit gedeckt. Das Kriegsministerium kann daher bis auf weiteres Kriegsfreiwillige an die Ersatztruppen nicht überweisen. Meldungen, seien es schriftliche beim Kriegsministerium .oder mündliche bei dessen Ausknnfts- stcllen, haben daher keine Aussicht auf Berücksichtigung. Sobald die Einstellung von Freiwilligen später wieder möglich wird, wird diese in der Tag cspr esse bekanntgegebcn. Überangebot von Flugschülern und Hilfsmonteuren.
W- T.-B. Berlin, 28. Aug. Auf den vom Kriegsministerium erlassenen Aufruf zur Ausbildung als Flugzeugführer sowie zur Einstellung als Hilfsmonteure sind Meldungen Freiwilliger in so großer Zahl eingegangen, datz der erforderliche Bedarf auf längere Zeit hinaus in vollem Maße gedeckt ist. Weitere Meldungen müssen daher zunächst unberücksichtigt bleiben.
Ein weiterer RcichstagZabgeordneter als Kriegsfreiwilliger.
Der Vertreter Leipzigs :m Reichstag, Justizvat Dr. Junck, 'ist als Kriegsfreiwilliger in das 4. Landsturm- badaillon eingetreten.
Einzelheiten über den neuen 42-Zentimeter-Mörser.
.#' Eerli», 1. Sept, (Eig. Drahtberiicht) Die „Neue Zurrcher Ztg. bringt aus der Feder eines Reichstags-
Aücnd-Nusgabc, 1. Blatt. Seite 2.
Berichterstatter der Kommission fiir den Heeresetat sei, Mt- teilnngen über den 42-Zentimeter-Mörser. Der Abgeordnete schildert die, wie man jetzt sehe, erfolgreichen Bemühungen der Heeresverwaltung, die Beschaffung dieses neuen Mörsers geheim zu halten; nicht einmal alle Offiziere des Generalstabs hätten davon Kenntnis gehabt. Die Behauptung, daß der Mörser sich schnell a b n ü tz e, sei falsch. Die Bud- getkommifsion habe auf diese Frage die Auskunft bekommen, es gäbe nicht so viele Festungen auf 'der ganzen Welt, um nur einen einzigen Mörser verwendungsunsähig zu machen. Mörser älteren Datums habe die Armee noch 6000 vollge-- brauchsfähig und von dem neuen Geschütz stünden der deut- lchen^ Armee ebenfalls eine große Anzahl zur Verfügung. Munition und Geschosse seien in Tausenden von Exemplaren Artillerredepots vorrätig. Diie Veröffentlichung ver Photographien von der Zerstörung der Forts öon 1 ’ ei Es Befehl des Kaisers geschehen,
um aller Welt d,e Wirkung des neuen deutschen Belage- rungsgeschutzes vor Augen zu führen. Das neue Geschütz sei aus dem besten Tiegelgußstahl hergestellt und sehr sorgfältig bearbeitet. Seine Tragweite üb er treffe die r 't e . n c® r tD,a x iu n ß e n aller Artilleristen und die Haltbarkeit des Rohres sei derartig, daß jedes einzelne Gewachsen Pi" ^rffordevungen des ganzen Feldzuges ge.
Die Wirkung der 42-Zentimcter-Gcschütze.
. 30 ; ?kuq. über die Wirkung unserer 42-Zenti-
meter-Morser bei Lüttich schreibt ein Unteroffizier in einem von der „Breslauer Morgenztg." veröffentlichten Feldpostbrief: „Montagfrüh 7 Uhr fiel der erste Schuß. Die Wirkung an den umliegenden Häusern war riesig. Sämtliche Fenster platzten, und in manchen Häusern fiel die Zimmerdecke ein: ein derarlrger Luftdruck entsteht durch das Abfeuern. Den 0 'lug des Geschosses konnten wir van Anfang bis. zu Ende ver- folgen, da die Dinger die Luft mit einem ohrenbetäubenden Geräusch durchschneiden. Im ganzen gab unsere Artillerie fünf Schuß ab, dre drei ersten dienten zum Einschießen, dre beiden anderen waren Treffer, für jedes Fort einer Diese aber genügten; schon hißten die Belgier die weiße Fahne. Nachmittags gingen wir in ein von anderen Geschützen beschossenes Fort Loncin, um es zu besichtigen. Hier hatte ein Geschoß eine vier Meter starke Betondecke durchschlagen, war in die Pulverkammer gefallen und dort explodiert. Das ganze Fort flog in die Luft, und die Besatzung, 800 Mann, wurde bis auf 6 Verwundete getötet. Das Fort bot einen entsetzlichen Anblick. Kein Stein stand auf dem andern, und überall lagen bis zur Unkenntlichkeit verbrannte belgische Soldaten herum. Schwere, viele hundert Zentner wiegende Geschütztürme waren gleich durchschlagen oder umgeworfen."
Der überfall in Löwen.
Amsterdam, 31. Aug. Aus Löwen meldet das „Handelsblad": Es ist Tatsache, daß Militär den überfall der Löwener Bürger geleitet hat, da zwei Maschinenge. wehre bei diesen gefunden wurden. Die innere Stadt von Löwen ist nahezu völlig zerstört, darunter die Kathedrale, die alte Tuchhalle und die Universität mit der Bibliothek.
Generalleutnant v. Wandel stellvertretender Kriegsmrnister.
Köln, 31. Aug. Das hiesige Gouvernement teilt soeben mit, datz Generalleutnant v. Wandel zum stellvertretenden Kriegsminister ernannt worden ist und Köln schon verlassen hat. (Also nicht Generalmajor Wild v. Hohenborn, wie gestern gemeldet worden war.) Die Geschäfte des Gouvernements werden durch den hiesigen ältesten Offizier, Genercck- leutnant Pollier, geführt.
Prinz WUhelm von Schönaich-Carolath gefallen.
# Berlin, 1. Sept. (Eig. Drahtbericht) In Meisse, nördlich von Brüssel, ist am 6. August der preußische Ulanenoberleutnant Prinz Wilhelm von Schönaich- Carolath im Kampfe gefallen; er war geboren am 31. August 1881 zu Mellendorf und ist ein Sohn des am 23. Februar 1910 gestorbenen Prinzen Georg vorn Schönaich-Carolath, aus der Saaborschen Linie, und dessen Gattin Wanda, Prinzessin von Schönaich-Carolath.
Die Sedanfeier in Berlin. — Einholung der erste« eroberte« Geschütze.
# Berlin, 1. Sept. (Eig. Drahtbericht) Entgegen den bisherigen Anordnungen ist von der Berliner Schulauffichtsbe- Hörde heute verfügt worden, datz morgen am Sedantag fein Schulunterricht stattfindet; es werden jedoch überall patriotische Feiern abgehalten werden. — Dem Berliner Magistrat ist diese Mitteilung mit dem Zusatz gemacht worden, daß morgen die ersten eroberten Geschütze eingeholt werten.
Ausländische Orden fürs Rote Kreuz.
Auch Prinz Heinrich von Preußen überwies der Reichsbank, wie aus Kiel gemeldet wird, sieben goldene und silberne ausländische Erinnerungsmedaillen mit dem
und Teichen verwandelte sich über Nacht in ein Splital. Die Thronfolgermutter, die Schwester des Königs von Sachsen, Erzherzogin Maria Josephs, weihte einen ganzen Teil ihres Augartenpalais der Pflege der Verwundeten, und hinter der Hochherzigkeit des Kaisers und der künftigen Kaiserin- Mutter wollte keiner zurück sein. Adelige räumten ihre Paläste, Handelshäuser schlugen in ähren Bureaus Betten für die Verwundeten auf, und in der Wiener Universität wird die Milde der Theologie, wird die Sanftmut der Philosophie nicht mehr theoretisch, sondern praktisch gelehrt: auch unsere Universität äst jetzt ein Krankenhaus.
So stand das goldene Wiener Herz wiederum auf. Und andere Dinge, die im Frieden ganz klein gewesen waren, die man ein bißchen über die Achsel ansah und von denen man wicht recht wußte, wozu und warum: sie bekamen nun einen gewaltigen Sinn und eine ehrwürdige Bedeutung. Es war,, als hätte die Größe dieses Augenblicks all diese kleinen und kümmerlichen Dinge wie mit einer Riesensaust emporgeworfen. Da waren die Pfadfinder, die in Österreich nie Wer 150 Mann hinausgekommen waren, und nun schwollen sie zu einer ganzen Armee, Die deni Roten Kreuz gute Hilfs- dreuste tut. Da war die Reichsorgam saften der Hausfrauen ÖUerreächL, und ihnen hat es Wien zu danken, wenn die Mauerung nn Keim -erstickt. wenn Hunderte Beschäftigungs- wse durch ihre organisatorische Tätigkeit, durch Arbeit und Unterhalt versorgt wurden. Und dieser Vereinägung ist es öu danken, daß der Verwundetenpflege 1000 hilfsbereite grauen zur Verfügung stehen.
Keiner wollte müßig sein, nicht der Höchste und der «Wiste, nicht wer seine Tage in Wohlleben und Üppigkeit zu- gebracht hatte und auch nicht der Besitzlose, der von der Hand n den Mund lebt. In dieser Zeit des wirtschaftlichen
Niedergangs strömte das Geld in schweren Goldmengen allen wuhltavigen Zwecken zu. Ein Wiener Bankier hat an einem ernzigen Tag 600 000 Kronen gezeichnet, und die Sammlung, die gwe einzige Wiener Zeitung eingelsitet hat, brachte Linnen knapper Monatsfrist weit über eine halbe Million. Da waren nicht nur die Großkapitalisten, Aie Weltbanken und Versicherungsgesellschaften mit Summen von 100 000 Kronen vertreten, p« gab eg Ziffern in jeder Hohe, bis zu einer dresdener Köchin herab, die in Wiener Dienst stand eme Summe von 2 Kronen 75 Heller spendete. Jawohl, wir haben nicht nur auf den Sieg gewartet, wir haben auch für iene gesorgt, die ihn uns mit dem Einsatz ihres Lebens, ihrer geraden Glieder und ihrer Gesundheit erkämpfen Helsen. Und mit jubelndem Gesicht hat mir unlängst einer, der es wißen mußte, erzählt: „Das Rote Kreuz schwimmt
schon in Geld." 0 1
Aber die Leute brachten nicht nur ähr Vermögen dar, sie brachten Nicht nur tote Dinge, sie brachten auch sich selbst und chre werttatige Liebe. An den chirurgischen Kliniken wurden Kufie zur Heranbildung von Freiwilligenpflcgeninnen errich- tet. ^ Und wiederum war es ein Mitglied unseres Kaiser. Hauses, das allen mit Muster und Beispiel voranging: die reizende sachter des Generalinspektors unserer Armee, die Erzherzogin Jsabella, hat die prunkhafte Rolbe einer kaiserlichen Hoheit mit dem schlichten Kattunkleid einer Krankenpflegerin^ vertauscht und tut als Schwester Irmengard ihre menschenfreundliche Pflicht. Selbstverständlich, daß ihr die Aristokratie, die Töchter der Industriekapitäne, die Damen der ganzen Wiener Gesellschaft nicht nachstehen wollten. Und unlängst traf ich eine Dame mit verstörtem Gesicht. Was ihr ^geschehen sei? Man hatte sie beim Roten Kreuz abge- wivseu. »Dort kommen nur noch Berufspslegevinnen an."
So waren wir auf diesen Sieg gerüstet. So hatten wir uns ihn dargebracht mit unserem Geld, mit unserer ©eeb und mit unserer ganzen Person. Aber er kam nicht, nicht der große Sieg, immer nur kleine Vorpostengeplänkel, die von der Bravour unserer Truppen, die von der Todesverachtung unserer Offiziere und von der klaren, verstandesharten Strategie unserer Feldherren zeugten. Und gerade dies, dies gerade, dieses Gelingen im Kleiinen steigerte unsere Sehnsucht nach dem Großen ins Ungeheure. Es war ein Fieber, es war eine Spannung bis zur Unerträglichkeit. Und heute an diesem unvergeßbaren Tag hat sie sich Lust gemacht: eS war eine Stadt in ihrem Jubel.
Nus Nunir und Leben.
Theater und Literatur. Der Herzog von Sachsens Alten bürg hat sämtlichen Mitgliedern seiner Hofbuhne zum kommenden Winter gekündigt.
Bildende Kunst und Musik. Die Jahrhunderte A u s st e l l u n g deutscher Kunst 1650 bis 1800 im Residenz- schloß zu Darmstadt, die mit dem ersten Mobilmachungstage hat geschlossen werden müssen, ist am 1. September dem Publikum wieder allgemein zugänglich gemacht worden und soll auch bis Anfang Oktober geöffnet bleiben.
Wissenschaft und Technik. In Berlin ist der bekannt« Chemiker Professor Dr. Alfred Bertheim an den Folgen eines Unfalles, den er erlitt, als er dem Rufe zu den Fahnen folgen wollte, -im Alter von 35 Jahren gestorben. Mit Bert- Heims Namen ist eine der bedeutsamsten Errungenschaften der Chemie verknüpft. Gelang ihm doch der chemische Auf-, bau des Salvarsan als Mitarbeiter Paul Ehrlichs,
