Hausbergen die deutschen Granaten wie wilde Heu-
schreckenschwärme in die Stadt fielen und manches ehrwürdige Haus, mancher vertraute, liebe Wrnkel tn Schutt und Asche gelegt wurde. Die ältesten Burger kramten ihre Erinnerungen aus, Erinnerungen an schauerliche Nächte in feuchten Kellern, an Lebensmittelsorge, an die entsetzlichen Geschoßbahnen, die am 28. August gleich feurigen Raketen das Dunkel über den wankenden Häusermassen zerschnitten.
Dann aber wurde es besser. Der erste deutsche Sieg bei Lagarde in Lothringen ließ die Bevölkerung Straßburgs aufhorchen. Da gab es ja noch einen Kriegsschauplatz neben dem Elsaß, wo gekämpft und gestorben wurde! Sollte der Schlachtengott sich vielleicht dort einnisten und das blühende Land zwischen Rhein und Vogesen verschonen?
Man hatte den neuen Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, als die Kunde von dem ersten gewaltigen Sieg auf den Linien von Metz zu den Nordvogesen nach Straßburg kam. Ein Jubeln, ein tiefes Ausatmen, die erste wirkliche Siegesbegeisterung lief durch die Menge Das war ein Abend, wie Straßburg ihn noch niemals erlebt hatte! Alle Gegensätze zwischen Alt- deutsch und Elsässisch waren im Nil verschwunden. Man fühlte in tiefem Herzen deutsch, nur deutsch und machte die deutsche Sache zur eigenen. Diese herrlichen Armeen, die im Westen drüben sich für uns alle schlugen und uns vor Schrecklichem bewahrten! Diese Heldensohne ' aller deutschen Stämme, die unter den beiden Kronprinzen der größten Bundesstaaten den grimmig eingefallenen Feind gefaßt und unter schweren Verlusten zurückgeworfen hatten! Immer weiter zurück, bis ms Welschland hinein! ^ , , . a
Aiif dem Broglie-Platz, unter dem Denkmal des napoleonischen Generals Klaber, in der Meisengasse, dem altberühmten „Bummel" Jung-Straßburgs, am Goethe-Haus bei den Gewerbslauben — allenthalben drängte und staute sich die Masse. Zum erstenmal seit Krieasbeginn sah man wieder lachende Gesichter, sah man" geputzte Menschen, die Plaudernd sich ihre Eindrücke mitteilten. Und dann kamen die Fahnen, nicht die „offiziellen" wie an Kaisergeburtstag, sondern Fahnen in allen Farben, von dankbaren Bürgern aus allen Fenstern gehängt. Das war ein Wogen bunter Tücher in den größten Straßen und engsten Gaßchen! Neben dem Schwarzweißrot der Reichsflagge das härtere Weißrot der Elsässer, neben dem Weißblau der Bayern das Goldrotgold der Badener und das ernste Schwarzrot der Schwaben. Selbst schwarzgelüe oster- reichische Banner mischten sich in die Farben-Sinfome des frohen Augusttaqes. Einige besonders begeisterte Patrioten zündeten am Abend Lampions in den Fenstern an, die ihr rotes und weißes Licht auf die Staden und llferbäume streuten. Den schönsten Schmuck trug aber das alte Münster. Ganz oben, wo der schlanke Turm in einer Kreuzblume endigt, _ hundertfunfzrg Meter über dem Häusermeer, hatte ein kühner Kletterer die Reichssahne aufgesteckt, und aus der Laterne unter dem Kreuz wehten vier weitere Flaggen rin Abendwind. Das jubelnde Straßburg grüßte hinaus zu dem schönen Symbol der deutschen Einheit und wurde nicht müde, immer wieder den Turm zu bestaunen. Seitdem weht von Straßburgs höchster Zrnne das Flaggensignal in das beruhigte Elsaß. Und hunderttausend heiße Wünsche steigen täglich zu chm empor für neue glorreiche Siege auf den blutigen Feldern der Ehre. H- S.
£tus der Kriegs3eit.
Vom Einzug der Deutschen in Brüssel findet sich im „©omere della Sera" eine eingehende Schilderung, die die Stimmung und das Verhalten der Bevölkerung sehr gut erkennen läßt. Der Brüsseler Korrespondent des italienischen Blattes hätte Gelegenheit gehabt, noch mit dem letzten Zuge
von Brüssel fortzukommen, aber es erschien ihm mit guten Grunde interessant, die oeutsche Besetzung Brüssels mitzuer- leben. Als der Hof und die Regierung sich plötzlich nach Ant< werpen zurückgezogen, war man sich in Brüssel natürlich klar, daß das gefürchete Ereignis nahe bevor,tehen müsse. „Da be. gannen die Züge, die aus den östlichen Teilen Brabants kamen, wahre Lawinen von Flüchtlingen nach Brüssel zu führen. Es waren arme Teufel, mit Staub bedeckt, mit Bündeln in Bett- oder Tischtüchern; ihre weinenden Kinder zogen sie hinter sich her. Sie wuß-en nichts Genaues zu sagen. Flüchtlinge aus demselben Lande, aus derselben Familie, erzählten die widersprechendsten und seltsamsten Dinge. Die Ankunft dieser Menge rief in dem Publikum eine lebhafte Aufregung hervor, und während des ganzen Mittwochs wurde der Nordbahnhof von einer Menge belagert, die an der Seeküste Zuflucht suchen wollte. Ganze Familien drängten sich an den Fahrkartenschaltern und vor den Türen. Alle fünf Minuten fuhren Züge ab, die überfüllt waren von bürgerlichen Familien, die auch das Hündchen und den Papagei des Hauses zu retten suchten. Die Menge vor dem Bahnhof, die dieser Abreise beiwohnte, war jedoch völlig ruhig. Sie sprach von der bevorstehenden Ankunft der Deutschen, ohne übertriebene Befürchtungen zu zeigen. Man nahm das Ereignis als eine Beleidigung des nationalen Stolzes, der durch die Erfolge der letzten Zeit (I) gesteigert war, hin, aber niemand glaubte, daß er durch den Einniarsch des Feindes materiellen Schaden leiden würde." Nachdem der Korr-W«-. ^ %
langen Aufruf des Bürgermeisters von Brüssel angeführt hat, in dem die Bevölkerung aufgesordert wurde, ruhig zu bleiben und vor allem aber auch dem Feinde nichts zu verraten, da nach dem Völkerrecht niemand dazu gezwungen werden dürfte, erzählt er weiter, daß man bis Mitternacht in den Straßenbahnen Bürgerwehren und Soldaten nach den Bahnhöfen habe fahren sehen, die zu den für sie bereitstehenden Zügen nach Antwerpen eilten. „Aua, der Auszug der Bevölkerung da"--*- fort, aber seit 8 Uhr hat kein Zug den Nordbahnhof mehr verlassen. Die Zurückgebliebenen stürzten zum Südbakmbof, da sie hofften, einen Zug nach Frankreich zu finden. Aber sehr viele mußten Zurückbleiben. Viele erzählten, daß sie in der Nacht kein Auge zugetan und immer den Schritt der deutschen Patrouillen und das Brummen der Kanonen zu hören glaubten. Andere sahen hinter den geschlossenen Vorhängen hervor, und die Mutigsten blieben die ganze Nacht über im Freien; niemals sind die Straßen so voll von Menschen gewesen. Von Beginn des Krieges an sind der Staatsschatz und die Reserven der Banken nach Antwerpen überge- führt worden, und jetzt geht das Gerücht, daß auch die Lebens- mitteldepots von Brüssel in Brand gesteckt sind . . . Diejenigen, die die Lage gut kennen müssen, sind die deutschen Militärflieger, die jetzt hoch über Brüssel fliegen und sich nach Osten der strahlenden Sonne zuwenden. Wir erleben tragisch"? Momente an diesem wunderschönen Tage. . ." Auch eine Engländerin, die aus Brüssel geflohen ist, gibt im Londoner „Daily Citizen" eine anschauliche Schilderung ihrer Eindrücke. „Am Mittwoch erhielt matt schreckliche Nachrichten: die
Deutschen hätten Löwen eingenommen. Niemand ging in dieser Nacht zu Beit, aber es trat noch eine Panik ein, da die Behörden das Volk zur Ruhe ermahnt hatten. Während dieser langen Nacht verließen die belgischen Soldaten die Hauptstadt und nahmen große Mengen von Waffen und Munitionen und andere Dinge mit. Bis 5 Uhr morgens war in Brüssel verhältnismäßige Ruhe, als plötzlich die belgischen Kundschafter mit den Rufen ankamen: „Die -Deutschen kommen,. die
Deutschen kommen!" In wenigen Minuten erfüllte dteser Ruf die ganze Stadt. Die Deutschen sollten nur 3 oder 4 Meilen fern sein. Da es sich um eine offene Stadt handelte, konnten die Deutschen sie auch nur besetzen. . Ich packte menten Koffer in der Hoffnung, um 7 Uhr 52 Min. mit dem ^uge nach Gent fortzukommen. Um 6 Uhr erscholl der Ruf. „Dre Deutschen kommen" von neueme und lauter. Der Fetnd an den Toren. Wenige Augenblicke später zog er rn dre Stadt
ein. Ich könnte nicht sagen, wie viel es waren, aber bald
hatte man den Eindruck, als ob sie uverall waren. Es gab keinen Kampf, sondern nur eine große Pantk. Ich erinnere mich besonders eines riesigen Deutschen, der an der Spitze einer Reitertruppe mit gezogenem Sabel etnherrüt; er schrre barsche Befehle und durchquerte dre Stadt, ohne belästigt zu werden. Am Bahnhof traf ich eine große Menge von Flrrcht. linaen verschiedener Nationalitäten. Zu essen gab es nichts, und es machte die größte Mühe, sich eine Fahrkarte zu ver-
