„Philipp wird wohl nicht mehr kommen, die Postzeit ist vorüber."
Ich fand es nicht für gut, ihm zu sagen, wie Neville mich verlassen hatte, und schwieg. Die Mutter strickte und summte eine alte Schottische Ballade vor sich hin. Helen schrieb an ihren Verlobten. Auf einmal hörten wir eilige Schritte auf der Flur, die Thür wurde aufgeriffen und Olive Graile stürzte hlaß, verstört mit weit geöffneten Augen herein.
„O Gott, Herr Redfern!" keuchte sie, ihre Hände ringend, „Philipp ist tötet! tötet! gemordet auf der Wiese!" Sie schnappte nach Athem, stierte wie wahnsinnig um sich und stürzte ohnmächtig zu Boden.
Wir überließen sie der Hülfe meiner. Mutter und Helen's und eilten so schnell, als unsere Füße uns tragen konnten, der Gegend, wo das furchtbare Unglück geschehen, zu. Der Mond im ersten Viertel schien matt über unsere Häupter; Feld, Fluß und Bäume erschienen ganz geisterhaft; aber geisterhafter denn Alles, war UNS teer todte Philipp, der mitten im Weg in der Nähe eines WeidengesträucheS lpg. Ich hatte ihn zuerst entdeckt; als sich mein Vater nach der dunklen Masse nieder- bückte, erzitterte er vor gewaltiger Erschütterung wie ein Lind. Der Körper war schon steif und wir kamen bald zu der Gewißheit, daß keine irdische Hilfe ihr; zp retten im Stande sei.
Wir konnten keine Wunde entdecken; die verbängnißvolle Kugel war drtrch Rock und Weste gerade in's Herz gedrungen. Den einen Arm hatte er über die Brust geschlagen, der andere war, mit krampfhaft zusammengczogcnen Finger«, ausgestreckt. Seine erblaßten Züge waren trotzig, als wenn er noch im Todte seinen Mörder herausfordern wollte.
Nach Spuren des Mörders uns umschend, gewahrte mein Vater etwas Glänzendes. Er hob es auf. Es war eine Pistole. Ohne ein Wort zu sagen, näherte er sich mir und hielt mir das Mordinstrument vor die Augen. Gerechter Gott ! ich kannte es, wir Beide kannten cs, es war Neville's Pistole. Am Ende des Schaftes war auf einer kleinen Silberplatte fein Name eingmirt, und noch diesen Morgen hatte ich sie in seinen Händen gesehen. Ich werde niemals den Ausdruck des tiefsten Entsetzens vergessen, das die Züge meines Vaters kund gaben, als er sah, daß ich die Waffe erkannt hatte.
Caleb", sagte er, indem er mir fest in's Gesicht sah, mit einer Stimme, die mich erzittern machte, „Niemand darf davon roiffen. Es muß ein Geheimniß bleiben zwischen Dir und mir. Es ist genug, daß ich Einen verloren habe, teer mir fo theuer war wie ein Sohn. Reue — kein Opfer ist jetzt nöthig.
So svrechend, nahm er die Pistole und verbarg sie in der Seitentasche seines Rockes den er bis hinaus zuknöpfte. Wir holten dann ein Taschentuch hervor und deckten es über das blasse Antlitz des theuren Todten und trugen ihn unserer Wohnung zu. Die erste Person, die uns begegnete, schickten wir zu Dr. Graile. In die Nähe des Gartens kommend, sahen wir meine Mutter in der Thür stehen. Sie hatte nicht den Muth, näher zu treten, noch im Hause zu bleiben. Sie laS die traurige Botschaft auf unseren Gesichtern.
„Todt! todt!" jammerte sie laut, „O Allmächtiger, was soll ich thun! waS
‘sBinrügen den Leichnam die Treppe hinauf und legten ihn auf'S beste Bett. ES würde meiner Mutter Gefühl verletzt haben, hätten wir ihn auf ein anderes gelegt. In demselben Augenblick trat der Doctor mit zwei Polizeidienern ein; die Neuigkeit war schon über das ganze Städtchen verbreitet.
„Die Kugel ist gerade in's Herz gegangen", sagte der Doctor nach kurzer Untersuchung, „der Tod muß augenblicklich erfolgt sein."
„Wir wünschen, mein Herr", sagte einer der Polizisten, „ein paar Worte Mt der jungen Dame zu sprechen, die, wie man sagt, bei dem Ereigniß zugegen
