Der Greis zog sie an seine Brust. Rudolf stand verwirrt und beschämt da — er hätte mögen in die Erde sinken. Doch Widerhold sprach: ,,Be« ruhigen Sie sich, Doktor — ich kann mir denken, wie einem Mann von Gefühl bei einem solchen Unternehmen zu Muthe sein muß."
Der Sprecher wurde unterbrochen, indem die Haushälterin meldete, daß ein Gefangener ihn zu sprechen begehre. Als sich Rudolf mit Clelia allein sah, stürzte er vor ihr nieder.
„Clelia," flehte er, „verzeihen Sie mir diese Täuschung, und stellen Sie mich nicht diesem Charlatan an die Seite!"
Da beugte sie sich zu ihm und bat um seine Hand. Und als er sie lhr gereicht und unter ihrem Drucke erglühen fühlte, da entquoll seinen kippen das Gcständniß des eigentlichen Grundes seiner augenblicklichen Unfähigkeit — seiner heißen Liebe. Da erzitterte die liebliche Gestalt, da sank sie fast bewußtlos in seine Arme und zwei unentweihete Lippenpaare fanden sich im keuschen Verlobungskuß. Da sah das blinde Mädchen den Himmel offen und sich mitten darin; da wurde dem Gesangenen der Kerker zum Paradies und er pries Gott, der seine wunderbare Liebe in das dunkle Erdenleben sandte, und ihr Macht gab, selbst in die schauerlichsten Finster- Nlffc zn dringen und sie zu verklären.
Wie Clelia geahnt, rächte sich der Däne für die ihm widerfahrene Schmach dadurch, daß er der Polizei die Identität des Kapitän Gildenstern mu dem Flüchtling Eduard Widerhold verrieth. Aber als die Polizei ihn im Hasen suchte, hatte er schon die offene See gewonnen. Nun wurde Vater Widerhold zur Verantwortung gezogen. Er gestand jene Identität ohne Weiteres zu und wollte abwarten, was die höchste Staatsbehörde über einen Vater beschließen würde, welcher der Stimme der Natur gehorsam gewesen.
5.
D i c B e r u r t h e i. l u n g.
Ein halbes Jahr -der Untersuchung war verflossen. Da kam aus England die gerichtliche Aussage des Käufers von Adolf'S Bild, wodurch sich dessen Antheil an dem Prozeß so weit erledigte, daß der Untersuchungsrichter ihn auf Handgelöbniß entlassen zu können glaubte. Als sich der so lange um sein Liebesglück betrogene Künstler auf freiem Fuße befand, war sein Erstes nicht etwa, daß er in die Arme der bekümmerten Braut eilte, sondern daß er für die Rettung deö Freundes Sorge trug. Er verband sich mit einem geschickten Advokaten, der Rudolf's Veriheidigung übernehmen und Alles aufbieten sollte, den wahren Mörder zu entdecken. Dann erst suchte er sein eigenes Glück, an dem es dem heitern und biedern Künstler in den Armen einer seiner würdigen Geliebten nicht fehlte.
Endlich waren die Akten zum Spruche reif oder vielmehr überreif. Der Untersuchungsrichter verschickte sie mit dem Bewußtsein, dem hohen Gerichtshof durch ein Meisterstück der Inquisitionokuiist Respekt einzuflößcn. Nicht als ob er ein malignantcr Mensch gewesen wäre, etwa eine Art Ieffrey'S greuelhasten Andenkens; im Gegenthcil, er war ein zärtlicher Gatte und Vater, ein Freund der Nothlcltenden — aber ein Fanatiker des Rechtes — „der römische Rechtszopf hängt ihm armstark hinten," sagte Adolf von ihm, „und hält ihn auf dem Tretende der Paragraphen, treterei fest."
„Also Du glaubst in brr That, nufer Doktor könne verurtheilt werden?" fragte Clelia ihren Vate. am Tage, als die Akten an das Obergericht abgegangen waren. (gortf. f.)
