Zur Unterhaltung.
Die kleine Königin.
(Fortsetzung aus No. 24 9.)
Eine dumpfe Gährung herrschte auf der Insel, alles stand zu befürchten; dennoch blieb Marie ruhig. Was fragte sie jetzt nach der Rache des Grafen Lomvilliers, nach den Komplotten, die sich vielleicht entspannen, nach den bevorstehenden Gefahren, von denen sie bedroht war: Maubray war ja da! sie fürchtete nichts mehr. Wenn sie ihn so stolz und muthig, so ruhig und ergeben sah, so fand sie selbst die Sicherheit wieder, die sie sonst besessen, als sie mächtig und geehrt unter dem Schutze der obersten Gewalt des Generals lebte.
Es stand in den Sternen geschrieben, daß Mariens Schicksal in allem dem einer Herrscherin gleichen sollte; st ei und Herrin ihrer Hand, konnte sie sich doch nicht öffentlich mit dem Mann ihrer Wahl vermählen. In einer Nacht führte sie der Marquis von Maubray in die Kapelle, wo ihr Beichtvater sie erwartete. Ihre Hcirath hatte keine andere Zeugen, als den Doktor Janson und einen Edelmann ihres Dienstes. Alle Einleitungen waren so gut getroffen, daß Niemand die geringste Ahnung hatte, selbst die Sklavinnen nicht, welche die kleine Königin bedienten; Palida allein wachte und wartete im Schlafzimmer ihrer Herrin. Aber in derselbe» Nacht reiften noch andere, nicht weniger gcheimmßvolle Dinge, und während der Geistliche die Hochzeitsmesse las, fand eine heimliche Zusammenkunft bei dem Grasen statt, welcher, noch immer an seiner Wunde leidend, bis jetzt nicht wieder im Fort St. Pierre erschienen war.
Auf dem Walle war eine kleine Terasse, welche mit den inneren Gemächern in Zusammenhang stand; hier blieb Marie einen Augenblick stehen, als sie aus der Kapelle trat. Mit der einen Hand stützte sie sich auf Maubray's Arm, mit der andern hielt sie den Spitzenschleier zurück, der ihre Gestalt umfloß. Niemals, selbst in der blühendsten Frische iher ersten Schönheit, war sie so reizend gewesen. Ihr schmachtender Blick verlieh ihr neue Anmuth, und die sanft über ihre Züge ausgegossene Bläffe durchleuchtete diese biö zur feinsten Durchsichn'gkeit. Sie erhob zu Maubray ihr Auge strahlend von Freude und Schwärmerei; ein und derselbe Gedanke erfüllte sie beide, sie dachten an eine frühere entfernte Zeit, an die Zeit ihrer ersten Liebe.
Heinrich, sprach sic, dünkt es dich nicht, als sei die Vergangenheit nie gewesen, und daß ich erst gestern aus dem Kloster gekommen und wir heute in der Kircke St. Louis getraut worden sind?
O, geliebte Seele, sagte er mir zärtlichem Ausdruck, es ist wahr — ich habe alles vergessen, ich bin glücklich!
Glücklich! vereint für immer! lispelte sie leise, ihre Stirn an Maubray's Schulter lehnend.
Die Nacht war düster, und der Westwind führte ihnen den erquickenden Wohlgeruch der blühenden Würznelkengesträuche zu. Durch einen leisen Windstoß bewegten sich auf einmal die Zweige des Kassiabaumcs, des einzigen, dessen grünes Laub die Mauern des Forts bekleidete und dessen lange Schoten mit dürrem Geraffel an einander schlugen. Marie erbebte. Wie schwarz ist der Himmel dort! wie drückend die Luft! sagte sie; diese Nacht gleicht einer anderen, eben so verhängnißvollen, auf welche ein schrecklicher Morgen folgte! (Forts, folgt.)
