„Ich sprach im Allgemeinen vom Ritterthum"! rief Katharina warm. „Edle Begeisterung für daS Hobe und Schöne, freudige Hingebung, Aufopferung ! Und noch Eins, was in unferm Norden sparsam gedeiht: Erbarmen gegen die Feinde"!
Erika richtete ihr dunkelblaues, vom inner» Feuer durchglühtes Auge auf die Freundin. „Darin magst du Recht haben", sagte sie gedankenvoll. „Eine Schmach vergeben fällt unferm nordischen Blute gar schwer".
„Aber eö ist der schönste Sieg, den ein christliches Gemüch erringen kann"! rief Katharina. „Die Vorschrift deS Herrn: Liebet eure Feinde! verkündet allein schon, daß seine Lehre die wahrhaft göttliche ist"!
Ein rauher Anruf unterbrach das Gespräch der Frauen und erschreckte sie. Ehe sie aber noch Besinnung saßteu und die Ursache erkannten, war schon der Reiter, welchem Bengt Algotsson die Beschirmung seiner Schutzbefohlenen anvertraut hatte, vor das Dickicht gesprengt, auS weichem der Manu trat, der den Zug angeschrieeu hatte. Alles hielt.
„WaS willst du"? fragte der Reiter.
Eö war ein alter Mann, der vor ihm stand. Er trug die gewöhnliche Pelzkleiduna der Landleute zu dieser Jahreszeit, und war mit einem Jagdspieß bewaffnet, was nicht auffallen konnte, indem selten Jemand seine Wohnung unbewehrt verließ, wenn er nur irgend einen weiten Weg zu machen hatte. Ein Quersack, den der Wanderer über die Schultern trug, deutete darauf hin. Sonst war er groß und breitschulterig, und nur die weißen Haare, welche in starken Strähnen um die Schläse und Lippen und über daS Kinn herabfielen, zeigten sein hohes Alter an.
„Habt Ihr keinen Menschen begegnet" ? fragte er mit einer tiefen wohlklingenden Stimme.
„Du bist der Erste in diesem gottverlassenen Walde"! gab der Reiter zur Antwort.
„Verlaßt Ihr nur Gott nicht"! versetzte der Bauer finster.
Die Frauen hatten sich von ihrem ersten Schrecken erholt, und 6eu Wanderer, der ihnen nun ganz unverdächtig vorkam, genauer betrachtet. „Suchst du Jemand"? fragte Katharina Bonde wohlwollend.
„Ich suche einen jungen Menschen, meinen Sohn", erwiderte der Alte. „Ihr habt also Niemand begegnet"?
„Niemand"! versicherte Erika. „Bleibt Euer Sohn zu lange auS? Er wird jagen"! ,
DaS harte gleichmäßige Gesicht deS alten Bauers verzog sich zu einem grimmigen Lächeln. „Ihr habt eö errathcn, junges Frauenzimmer"! sagte er gleichsam höhnisch. „Er ist auf eine Jagd auSaegangen, aber es trifft sich auch, daß sich daS Wild zur Wehre setzt. Ihr habt ihn also nicht gesehen"? Sein Blick streifte über die Reiter, welche sich näher gedrängt hatten.
Alle bestätigten, daß ihnen, seitdem sie das Kloster verlassen hatten, keine menschliche Seele in der Wildniß deS Forstes begegnet sei, und der Alt« kehrte sich, ohne weiter Rede zu stehen, um, und verschwand im Dickicht, rote er erschienen war.
Daraus setzten die Reisenden ihren Zug fort, und wie in der Einsamkeit oder auf der Meerfahrt das kleinste Ereigniß, daS die Einfönnigkeit unterbricht, Bedeutung gewinnt, war es auch hier die Erscheinung deS alten Bauers, der seinen auf die Jagd gegangenen Sohn suchte, welche für den Rest deS Rittes Stoff zu Gespräch und Vermuthungen gab. (Forts, f.)
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