Zur Unterhaltung.
Die Dankbarkeit vergiß nicht.
Eine Geschichte aus dem Kriege in Rußland, von W. SD. von Horn.
tFortseyung.)
Alles menschliche Gefühl schien erstorben. Gefühllos wanderten die, welche noch einige Kraft hatten, an denen vorüber, die sterbend am Wege lagen, und der Anblick der Tvdten hatte höchstens die einzige Wirkung, daß die noch Lebenden ihre letzten Kräfte anstrengten, schnell weiter zu kommen, und doch hatten sie vielleicht nach wenige» Stunden dasselbe Schicksal, wie die, an welchen sie vorüber geeilt waren ohne Trost und Beistand. Die Armen! Wehe Dem, der'S zu verantworten hat!
Kehren wir uns jetzt einmal um und fragen, wo ist denn unser Seppel und sein Kamerad Jockel? —
Wir finden sie ungefähr in der ersten Hälfte deS Zuges der flüchtenden Armee Napoleons. WaS sie so weit vornhin gebracht, daS war eben SeppelS weise Vorsicht, nicht Geld und GeldeSwerth in den Ranzen zu packen, sondern Lebensmittel. Diese erhielten ihre Kräfte, und durch diefelben waren sie im Stande, der Kälte und dem Marsche zu trotzen. Aber wie mußten sie mit ihrem Reichthum, mit dem sie ohnehin spärlich haushalten mußten, heimlich thun! Hätten'» die Andern auch nur gemerkt, sie hätten sie todtgeschlagen ohne Rücksicht, um der Lebensmittel willen, den» alle Schonung und Er- barmung war, wie gesagt, am Ende, und Jeder dachte eben nur an sich und seine eigene Roth und Rettung.
Die Kälte stieg mit jedem Tage und jede Nacht brachte viele Hunderte von Todten, und an'S Begraben dachte kein Mensch.
Eines Tageö wanderten die zwei Landsleute ziemlich rüstig auf der Heerstraße. Man sah nickt weit vor sich ein Dorf, und hoffte ein Obdach zu finden, um einmal schlafen zu können. Da sahen sie in einer Vertiefung, wo der Schnee ringS wie eine Mauer aufgethürmt war, und wer weiß, wie viele schon ein Nachtquartier und Todtenbett gefunden hatten, deren starre Leichname die Schneemauer noch höher und gegen den schneidenden Nordwind sicherer machten, eine matte Rauchwolke aufsteigen, und alö sie näher kamen, lagen an dem Feuer vier Soldaten, von denen drei Iwl tiefe Welt auSgeschlafen hatten, und nur einer noch Leben hatte, der seine'Füße gegen daS erlöschende Feuer hielt.
„Ach Gott", sagte Seppel zu seinem Gefährten, „sieh' mal daS junge Blut, daS in einer Stunde auch tobt ist! Und eS ist ein deutscher Lands« man», ein Bayer, dazu ein Offizier und feiner Bursch! Doch auch einer Mutter Sohn und eines VaterS Trost"!
Das Herz in ihm regte sich mit aller Macht. „Wärst du'S", dachte er, „und es rettete dich Einer, wie wolltest du Gott danken! Und der Herr JesuS hat gesagt: Was ihr wollt, das euch bic Leute thun sollen, baS thut ibr ihnen"! „Jockel", sagte er in riesen, Augenblicke laut und fest, „den nehmen wir mit! er soll nicht hier umkommen. Gott hat mir daS Herz bewegt".
„Wir haben nicht genug für Dreie"! sagte Jockel.
„Golt will, wir sollen ihn retten, ich fühl'S, und er konnte mit Wenigem an Brod und Fischlcin Tausende speisen und blieben noch viele
