jhtr Unterhaltung.
Eine Novelle aus Centralamerika.
Bon Jegor von Siver« in Berlin.
(Fortsetzung.)
Die Ehe wurde ihnen noch kein Sacrament Usorio kam, vollkommen durch Encarnacion schon vom Verschwinden der Kinder unter- richtet. Jenes Caracho der Verwunderung im Walde kam von dem Schreck, den Mann plötzlich zu finden, auf den der Mörder, dessen Absichten uns erst später werden klar werden, den Schmerz des Vaters um Juan gehetzt hatte. Die ehemaligen Gatten wechselten nach langer Entbehrung Zeichen deS Einverständnisses und kaum war jemals eine WiedcrauSsöhnung rascher und leichter zu Stande gebracht; der Haß, die Rache führen, auf Augenblicke wenigstens, fester zusammen als die Liebe.
Usorio und Rofila waren einig, sich in Chico den Feind ihres Lebens vorzustellen. Usorio war kein gewöhnlicher Mensch. Er empfand die wahre, tiefe Liebe, welche zur Aufopferung deS eigenen JchS fähig ist; er bekämpfte fetzt auch siegreich die Sehnsucht, den Schmerz um das verlorene Kind und erfreute Rosita mit desto herzlicherm, ungetheilterm Entgegenkommen, als er selbst ihre Qualen mitempfand. Für Rosita aber wurde sein Erscheinen eine wahre Quelle des Trostes. Stiegen auch in ihrer Seele Zweifel auf über den ihr im Grunde gänzlich entgegengesetzten Charakter deS Geliebten, dachte sie: Ist er offen? Ist er wirklich DaS, waS er auf den ersten Anblick scheint? Wcßhalb dieser —vielleicht erheuchelte Gleicbmuth, dieses Verzichten auf den einst heißgeliebten Sohn? Hatte er ihn der Mutter bei der einstigen Trennung gutmüthig abgetreten oder war eS nicht daS der mütterlichen Pflege bedürftige Alter deS Knaben, welches ihn gezwungen, dem Kinde zu entsagen? Konnte nicht Chico unschuldig und Usorio selbst der Räuber fein? Mußte er nicht in diesem Falle Gleichgültigkeit gegen den Sohn, Zärtlichkeit gegen die Mutter heucheln, um sie zu besänftigen? Und Chico, den sie niemals wahr und innig geliebt, dem sie nur in einem Anfalle von Trotz gegen Usorio folgte, wäre ohne Schuld? — fo beherrfchte sie doch alle diese Zweifel. Der Gedanke, daß ein Dritter die Schuld tragen könnte, kam ihi nicht. Ein Vornrtheil hatte sich ihrer fo bemächtigt, daß sie zuletzt auch den eigenen Sinnen mißtraute und nun durchlief ihr lebendiger Geist in raschem Schwung alle Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten der Unschuld Usorio'S, der Abscheulichkeit Chico'S bis zur unwiderleglichen Klarheit und Gewißheit. Diese Sinnenbeweglichkeit, die im Fluge deS TraumS alle möglichen Seelenzuständc durchblitzt, diese Spannkraft des Gefühls befaß die Indianerin im vollsten Maße. ES ist ja dieser Menschen ganzes Geistesleben außer dem Aberglauben. Usorio war in ihrem Herzen von aller Schuld befreit und mit erneuertem Vertrauen wandte sich ihm ihre alte Neigung zu.
In demselben Augenblicke waren Encarnacion und Chico im Schatten deS PlatanarS unbemerkt aufgetaucht. DaS Fell deS Jaguars, daS Chico auf den Schultern trug, fiel ihm herab, fo entsetzte sich der Unglückliche vor dem Anblick, bei seinem Weibe ihren ersten Gatten zu finden. „Sieh da"! hatte Encarnacion geflüstert, als sie daS Paar vor dem Hause innig» verbunden erblickten. „Sieh da"! hatte er noch gerufen und war in den
