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Zur Unterhaltung.

Eine Freundin Napoleons.

Roman von Wilhelmine Lorenz.

(Fortseyung.)

Herr Werner, Berthas Bruder, war indessen der glückliche Gatte einer braven Frau geworden, und Bertha waltete, getrennt von ihrer Mutter, als treue Gehülfin und Rathgeberin an der Seite der jungen Ehegatten, geliebt und geachtet von ihnen, wie von Allen, die sie kannte».

Am traulichen Familientische saßen eines Abends Herr Werner mit Frcht und Schwester, als die Fran Hanptmännin Werner hereintrat. Eine seltene Erscheinung, denn kaum zwei oder dreimal des Jahres erschien sie bei ihren Kindern, itnb nicht mehrere Male kamen diese zu ihr.

„Ihr werdet Euch in Vermuthungen erschöpfen", sprach die Euitretende zu den sie mit Ehrfurcht begrüßenden Kindern, „was mich heute zu Euch gringe, da doch kaum erst sechs Wochen verflossen, seit ich das letztemal hier war. Aber unerwartete Dinge verlangen unerwartete Besuche. Denkt Euch, da ist das klettennärrische Weib, die Arnonia..."

„Die gelehrte Tante" ? frug Bertha. Unter diesem Namen war in de'- Werner'schen Familie eine ferne Verwandte bekannt, die, nebst diesem Bei­namen, auch nicht selten im Geheimen den der „Uebcrspannten bekam. Un­vermählt, abgezogen von der Welt und ihren Freunden, lebte Arnonia nur ihren Büchern. „ . Ä . . ..

„Nun ja, die Tante; wenn Du in Deiner leichtsinnigen Genügsamkeit sie auch vergeßen ;u haben scheinst, und nicht daran denkst, sie im Auge zu behalten, damit die Erbsckaft uns nicht entgehe, und wenn ich nicht für Euch handelte. .. Aber es wird einmal nichts von dem erkannt, was ich für Euch thue. .."

„Sie wollten von der Tante Arnonia sprechen, liebe Mutter", unter­brach der besonnene Sohn mit bescheidener Frage die eifernde Mutter.

„Ja, das wollte ich. Nun denkt Euch, hat das verrückte Wesen er­fahren, daß der Napoleon wieder ansziebt, gegen den Norden diesmal, und da ist sie ganz und gar um ihr letztes Fünkchen Vernunft gekommen. S,e hat nicht mehr geschrieben, nicht mehr gelesen, nicht mcbr gegessen nnd ge trunken, noch geschlafen — und ist nur Tag und Nacht in den Zimmern umher gewandert, und hat vor sich hin gcmnrnielt. Bald deutsch, bald la teinisch, bald französisch, und wie die Sprachen noch alle heißen, deren Er­lernung ihr das Hirn verbrannt. Und dazwischen hat sie wieder gerufen mit lauter Stimme: Zittre Tyrann, Deine Stunde ist gekommen! — Heute, bei frühem Morgen ist sie fort, Niemand weiß wohin. Ihre alte Dienerin hat nur gesehen, wie sie ein Paar Pistolen, einen Dolch imd einige Geldrollen aus ihrem Bureau genommen, und nackdem sie dieses wieder fest vcrschlosien, aus dem Hause gegangen ist". , L ,

Herr Werner lachte mit der Mutter über die Extravaganz der gelehrten Tante, und meinte, sie werde schon zurückkehren, wenn das Lohfeuer dieser neuen Narrheit in ihrem unglückseligen Gehirn ausgebrannt sei.

Bertha lachte nicht, sie hatte gelernt, tiefer zu schauen in die Phanta­sien Arnonia's und bange Abnung ließ sie Schrecklickes fürchten. Nach einer schlaflosen Nackt trat sie in Reisekleidern in das Kabinet ihres Bruders. —