Zur Unterhaltung.
Eine Freundin Napoleons.
Roman von Wilhelmine Lorenz.
(Fortsetzung.)
Octavie legte dankbar ihre Wange an die Brust des Vaters, die ge« schmückt war mit dem Zeichen der Ehrenlegion, und schlang ihre Arme liebkosend um ihn. Bertha senkte ihr thranendes Auge auf die schmerzlich bewegte Brust — sie hatte keinen Vater mehr, den sie lieben konnte!
„Aber das kann nicht so fortgehen"! rief der Invalid zornig; „das sieht ja aus, als ob wir ein Trauermahl begingen statt eines Freudenfestes". Er führte die Mädchen nun zu einer der Steinbänke, die hier unter dem Grün der Bäume errichtet waren, daß die alten Streiter auf ihnen sich ausruhen mögen in reiner, frischer Luft. Octavie deckte ein sauberes Tuch über das Tischchen, das der Vater hierher gebracht, um an ihm zu früh- stücken mit seiner Tochter, und setzte ihren blumengeschmückten Kuchen darauf, und legte neben ihn die niedlichen Arbeiten ihrer fleißigen Hand. Der Invalid langte die Bouteille Bordeaux hervor, und den Bayonner Schinken, was er beides ganz besonders zu diesem Feste angeschafft, und Bertha wurde eingeladen, als zweite Tochter am Festmahle Theil zu nehmen.
So herzliche Ladung besiegte Bertha's Schüchternheit; sie nahm Platz an Gilbert's Seite, und Theil an der heitern Liebe des glücklichen Vaters und der glücklichen Tochter. War es ihr doch fast, als sei sie selbst glücklich in diesem Augenblicke. Der klare Frühlingshimmel, das junge Grün der Baumkronen, die über ihr sich wölbten; das laute Zwitschern der Vögel, die zurückgekehrt von der Winterreise, sich fröhlich begrüßten auf den schlanken Zweigen; die beiden frohen Menschen neben sich. — Sie fühlte eine Ruhe, eine Zufriedenheit in ihrer Seele, wie sie ihr nicht wieder geworden, seitdem sie das stille Rosenthal mit seinen herrlichen Bewohnern verlasien.
22.
Nach geendigtem Frühstück wollte Gilbert'seinem Gaste auch zeigen, in welch kostbarem Palaste der Kaiser seine müden Krieger ausruhen lasse von ihren Thatcn. — „Nicht da hinein, ich bitte"! sagte Bertha, als er sie durch das hochgcwölbte Thor in de» Ehrenhof führen wollte, den Statuen und Siegestrophäen zierten. „Mauern und Paläste engen niich so schmerzlich oft ein in den Straßen der Stadt, lassen Sie mich hier freie Luft in freiem Raume athmen".
„Wie es Ihnen beliebt", antwortete Gilbert. Er führte dafür die Mädchen zu dem Theüe der Esplanade, wo den Offizieren, denen hier ein
