allein, so ließ sie jedes Gespräch bald fallen und wenn ich von meiner Arbeit aufsah, war ich oft der Gegenstand ihrer schwermüthig trüben Blicke. Vergebens bemühte ich mich, sie aufzuheitern oder den Anlaß ihrer Verflim. mung zu erforschen. Auch ihrem Gemahl gegenüber schien sie mir eine Andere geworden zu seyn. Sie verkürzte jetzt möglichst die der häuslichen Geselligkeit eingeräumten Stunden, saß schweigend und mit niedergeschlagenen Augen bei Tisch, beschränkte sich auf die nothwendigsten Antworten und widmete ihre Aufmerksamkeit um so mehr der Pflege ihrer Töchter. Ihr Gemahl schien darüber zuweilen ungeduldig und ungehalteu zu werden, öfter aber wendete er sich dann ausschließlich mir zu und suchte mit seiner viel- seitigen und geistreichen Untcrhaltungsgabe das Gespräch so fortzuführen, als sey kein Dritter zur Theilnahme daran zugegen. Verweilte er aber schweigend bei uns, wozu er bald häufiger seine Zuflucht nahm, so schweifte sein Blick unstät von der Einen zur Antern, und wenn er sich unbeachtet wähnte, erhielt dirß Anschauen etwas für mich Peinliches, sodaß ich seine mir zugewendeten Blicke auch dann fühlte, wenn ich sie nicht sah. Dabei schien seine Vaune uns Allen und selbst seinen Kindern gegenüber einem schroffen Wechsel unterworfen und für mich wurden seine Rathschläge, die er früher regelmäßig meinen Kunstbcmühungen hatte zukommen lassen, immer seltener.
So umgab mich eine zeitlang schwüle Gewitterluft, die ich weder zu bannen noch ihr zu entkommen vermochte und gegen deren Gefahr eine dunkle Ahnung warnte, ohne daß ich zur Abwehr etwas hätte ausdenken oder unternehmen können. Der Trübsinn meiner Pflegemutter nahm zu, ich fand sie eines Morgens weinend; erst nach dringenden und wiederholten Bitten von meiner Seite sprach sie: „Dir kann ich'ö nicht anrechnen, Du bist unschuldig; — wir müssen cs schweigend überwinden." Die Frage, was zu überwinden sey, wirs sie kopfschüttelnd zurück.
Das Schweigen, welches sie mir empfahl, ohne daß ich irgend eine Verbesserung der Verhältnisse daraus hervorgehen sah, beobachtete übrigens meine Pflegcmutier auf eine so eigenthümliche Weise, daß eö mir damals vorkam, als thue sie Beides — Schweigen und Sprechen — zur Unzeit. Denn während sie mir jede Erklärung verweigerte, auch für ihren Gemahl im gewöhnlichen Gespräch kaum mehr als Ja oder Nein hatte, überließ sie sich dort einer so leidenschaftlichen Hast dcS Widerspruchs, daß der Grund dafür offenbar nicht im Gegenstände der Rede, sondern in ihrer eigenen Hillern Stimmung lag. Eö war nicht zu verkennen: Die früher so gluck- liche Ehe litt an einer geheimen Wunde, deren Schmerz von der Gattin allein getragen zu werden schien.
Meinem Bemühen, sie zu erheitern, oft auch schon meiner Annäherung wich sie jetzt aus und als ich einmal dringender forschte, wodurch ich ihr Vertrauen, vielleicht selbst ihre Liebe verloren hätte, warf sie sich weinend mir ans Herz und unter heftigen Beiheuerungen ihrer unwandelbaren Ge- finnung für mich rief sie: „Nie wirst Du, die einzige Tochter meiner vollendeten Freundin, an mir zur Verrätherin werden!" Dann drängte sie mich zurück und beschwor mich, ruhig zu bleiben und zu schweigen.
(Fortsetzung folgt.)
