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Seite i Nr. 143

Wiesbadener Tagblatt -

Dienstag, 22. Juni 1943

39 Terrorbomber abgeschossen

Sowjetisches Rüstungswerk an der Wolga bombardiert. Geringe örtlich« Kampftätigkeit, an der Ostfront. Sechs grobe Handelsschiff« und zwei Kriegsfahrzeuge im -af«n von Biserta beschädigt

Aus dem Führerbauptauartier, 22. Juni (Funkmeldung) Das Oberkommand» der Wehrmacht gibt bekannt:

An der Ostfront fand nur gering« örtliche Kampftätigkeit statt.

Bor der Fischer-Halbinsel wurde rin Küstenfrachter durch Bomben­treffer versenkt.

Ein Nachtangriff starker deutscher Kampsslieg-rverbände richtete fich gegen ein sowjetisches Rüstungswerk an der Wolga.

Während am gestrigen Tage einzelne feindliche Flugzeuge in das Reichsgebiet einflogen, griff «in stark«r Verband britischer Bomber in der vergangenen Rächt westdeutsches Gebiet an. Besonders in den Wohnvierteln der Stadt Krefeld entstanden durch Svreng- und Brandbomben starke Schäden. Neben zahlreichen Gebäudeblocks wur­den zwei Krankenhäuser zerstört. Die ««völkerung hatte Berluft«.

Bisher steht der Abschuß van 39 mehrmotorigen Bombern fest. '

Die Luftwaffe bombardierte in der' Nacht zum 22. Juni, Einrel- ziele im Raum von Lo n d o n und an der englischen Südküste.'

Sicherungsfahrzeuge der Kriegsmarine schossen vor der nieder­ländischen Küste aus einem Lerband britischer Jagdflugzeuge drei Flugzeuge ob.

Bei dem gemeldeten Nachtangriff deutscher Kampfflugzeuge auf den Hasen von Biserta in der Nacht zum 21. Juni wurden sechs Han­delsschiffe und zwei Kriegsfahrzeuge durch Bombentreffer beschädigt.

samkcit vom Kriege selbst abgelenkt werden soll. Nachdem der Plan, durch eine gleichzeitige Offensive von Osten und von Süden her Deuiichland und Italien in die Zange zu nehmen, zunächst scheiterte, woran auch die für uns schmerzlichen Ereignisse in Tunesien nichts geändert haben, verschärfte sich die nur auf Borschuh ausgebaute Nach- lriegspolemik immer mehr. Sie gipfelte in der Forderung einerUm« crziehung:' (Reeducation) des ganzen deutschen Volkes. Damit will man der Weltöffentlichkeit suggerieren, nur die militaristische Ein­stellung der Deutschen fei schuld an der ewigen Unruhe in der Welt.

Auch mit dieser Frage beschäftigte sich der Verfasier des oben zitierten Artikels. Die angesichts der kulturgeschichtlichen Entwicklung der Welt geradezu alberne Behauptung, England oder gar Amerika mit seinen 10 Prozent Analphabeten mühten dem deutschen Volke erst Kultur und Zivilisation beibringen, wird von ihm mit folgenden Worten abgclchntEs erscheint uns arrogant und pharisäisch, daß englische und amerikanische Lehrkräfte ein Volk umerziehen wollten, das, trotz der fürchterlichen Barbareien, die es verübt hat, doch in der vordersten Reihe steht, wo es fich um geistige Leistungen handelt." Nachdem der Verfasier dann noch den Rückgang von Kunst- und Wissenschaft in England mit Bedauern festgestellt hat, kommt er zu

dem Schluß, dah die Engländer von den Deutschen ebenso viel lernen können wie umgekehrt. Bei diesen Darlegungen kommt im Unter« bewuhtsein des Engländers der fromme Wunsch heraus, die Deutschen möchten sich doch wieder damit begnügen, lediglich ein Volk bet Dichter und Denker zu sein und daher alle guten Dinge dieser Erde, vor allem alles, was mit der See zusammenhängt, den von Gott dafür bestimmten Engländern überlasien.

In der Arbeit befindet 'sich noch folgender bezeichnender Satz: Großbritannien begann ben Krieg in Selbstverteidigung, wenn es auch nicht unmittelbar Ziel bes Angriffs war. Es führt fetzt einen offensiven Befreiungskrieg." Wie biefer Befreiungskrieg für Polen, das von England in ben Krieg gehetzt würbe, enden wird, geht aus ben Verhanblungen, bic in der letzten Zeit in Washington, London und Moskau stattgefunben haben, unzweifelhaft hervor. Wenn bie Engliinber stur an dem überkommenen Revtunismus festhalten, über­sehen sie habet, dah die brutale, rein egoistische Form der Seeherr- ichaft mit hoher Wahrscheinlichkeit über den Atlantik in die neue Welt ousroanbern würbe, wenn etwa bie USA unb bereit Verbün- bete ben Sieg über die Dreiervaktmächte erringen würden. Wie die Dinge heute liegen, ist diese Möglichkeit allerdings nicht gegeben.

DieSchwarzen Berge" in harten Kämpfen gesäubert

Schwerer Schlag gegen das Bandenwesen in Montenegro und in der Herzegowina

Berlin, 21. Juni. In Montenegro und in der Herzegowina brachten nach vierwöchigen Kämpfen deutsche, italienische, bulgarische und kroatische Truppen ein grobes Säuberungsunter­nehmen zum erfolgreichen Abschuh. Der seit 15. Mai laufende An­griff gegen das Aufstandszentrum um S a v n i k und Z a b l i a k führte zur Vernichtung starker bewaffneter Banden.

Um dem allseitigen Druck zu begegnen,' versuchte der Feind zunächst am 19. Mai mit starken Kräften nach Süden auszubrechen, wurde aber «on deutschen und italienischen Truppen zurückgeworfen. In der Zeit zwischen dem 20. und 26. Mai konzentrierten sich weitere starke Banden- gruonen im Bereich zwischen den Flüssen Tara und Piva und unter­nahmen fortgesetzte Durchbruchsversuche in nördlicher Richtung gegen die von kroatischen Verbänden gesicherten Linien. Erst nach sieben­tägigen schweren Kämpfen brachen die Vorstöße unter hohen Verlusten für ben Feinb zusammen

Gleichzeitig gewann bet eigene Angriff im Silben unb Südosten stetig an Loben, so bah ber Feinb auf ben Raum um Savnik unb Zabljak zurückgedrängt wurde. Di« noch im Tara-Piva-Dreieck stehenden Banden verstärkten sich nun mit Teilen dieser Kräfte und erhöhten seit 27, Mai ihren Druck auf bie nordwestliche Sverrlinie, vor allem beiderseits Eurowa am Sutjeska-Fluh. Aber auch diese wiederholten Durchbruchsversuche wurden schliehlich in erbitterten Kämpfen von den deutschen und verbündeten Truppen abgeschlagen.

Am 19. Mai nahmen die gegen Savnik vorstohenden Verbände der Waffen-ff die.Stadt im Handstreich, und auch die von EUdosten her angesetzten Truppen kamen trotz gröhter Geländeschwierigkeiten in Richtung aus Zabljak vorwärts. Diese Erfolge im Süden und Süd- westen veranlahten den Feind seine Anstrengungen zum Durchbruch am Sutjeska-Abschnitt noch weiter zu verstärken. In wechselvollen Kämpfen

Japanische Kaiserin besichtigt Dörfer

Tokio, 21. Juei. Die große Bedeutung, die Japans Führung in immer steigendem Mabe der Erzeugungsschlacht und der Ver­breiterung ber Ernährungsbasis bes Landes beimist, wurde am Montag besonders unterstrichen als die Kaiserin sich persönlich in bic Dörfer ber Umgebung Tokios begab, um sich über bie Lage bet Lanbwirtschaft zu unterrichten. Die Kaiserin wohnte ber An­pflanzung von Reis bei. besichtigte neue Fischteichanlagen unb infor­mierte sich über die LebeNsmittelverhältnisie der Bauern, wobei ihr besonderes Jnteresie dem Arbeitsverhältnis ber Frauen unb beren Einsatz galt.

Kroatischer Staatsbesuch in Berlin

Berlin, 21. Jüni. In Berlin traf ber Sektionschef im kroatischen Unterrichtsministerium in Agram, Dr. M u r g i c, ein, der sich in ber Reichshauvtstabt mehrere Tage aufhalten wirb, um Einrichtungen der deutschen Wissenschaft und Forschung, insbesondere die Einrich­tungen bet Kaiser-Äilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wisien- schaften kennenzulernen. Sektionschef Dr. Murgic wurde bei seinem Eintreffen von Staatssekretär Zschintzsch usid dem Amtschef bes Amtes Wissenschaft im Reichserziehungsministerium, Ministerialbitekior Prof. Dr. Mentzel begrübt. . *'

Werke in Jaroslaw erneut bombardiert

Berlin, 21. Juni. In ber Nacht »um 21. Juni griff ein "starkes deutsches Kamvfgeschwaber zum zweiten Male in biefem Monat die bedeutende sowjetische Rüstungsindustrie in Jaroslawl an. Das mehr­stündige Bombardement richtete sich besonders gegen die im Norden ber Stabt liegenden Werke. Starke Explosionen unb anhaltenbe Crötzbränbe waren als Folgen bes Angriffs nach bem Abflug noch in einer Entfernung von etma 250 Kilometer s u sehen. Die Bolschewisten versuchten burch Sperrballone. Nacht­jäger unb starkes Flakscuer schwerer unb leichter Batterien bie Wucht bes bentschen Luftangriffs zu hemmen, jedoch ohne Erfolg. Welle auf Welle unterer Kampfflugzeuge warfen ihre schweren Bombenlastcht genau in die groben Gebäudekomplexe unb Lagerhallen, bic in Sekunden vollkommen in Flammen ftanben unb zusammenstürzten.

Bereits in ber Nacht zum 10. Juni war Jaroslawl das Ziel eines schweren deutschen Luftangriffs, bei bem wie gernelbet bie groben

um bie Ortschaften unb Flubitbergänge scheiterten aber alle Angriffe ber Banben.

Während dieser Kämpfe drangen von Osten und Süden her deutsche, italienische und bulgarische Einheiten vor und nahmen am 8. Juni Zabljak. Bis zum 11. Juni erreichten diese Trupven-auf brei­ter Front die Piva. Die westlich dieses Flusses nach Norden vor- stobenden deutschen Truppen hatten inzwischen am 6. Juni Mratinje gegen zähen Widerstand genommen und drangen langsam weiter vor. llm der drohenden Vernichtung in dem immer enger werdenden Kessel zu entgehen, versuchten die Banden nochmals um jeden Preis auszu- brechen. Nur Teilen von ihnen gelang es schlieblich, in der Nacht zum 9. Mai nach Nordwesten durchzukommen. Die Verfolgung dieser Kräfte, bie sich in Richtung auf Foca-Jelee burchzuschlagen versuchten, würbe sofort aufgenommen. Die Hauptmasse ber Banben würbe aber im konzentrischen Angriff auf engem Raum äutammengebrängt und bis zum 15. Juni vernichtet.

Die Luftwaffe unterstützte unermüdlich die Kämpfe bes Heeres unb fügte ben Banben burch zahlreiche Bombenangriffe gegen bie Schlupfwinkel unb Stellungen in bem unübersichtlichen Bergland hohe Verluste zu. Daneben war bie Tätigkeit ber Aufklärungsflieger befonbers erfolgreich. Fortgesetzt am Feind, trugen sie entscheidend zur Klärung der Lage durch Überwachung der gegnerischen Bewegungen und damit zur Zerschlagung der Banden bei.

Abgesehen von der ausgebrochenen Bandengruvve, deren Verfol­gung von Luftwaffe und Heeresverbändett fortgesetzt wird, sind die in denSchwarzen- Bergen" zum Kampf gestellten Banden vernichtet. Allein bic blutigen Verluste bes Feindes betragen nach bisherigen Zählungen über 10 000 Mann. Hinzu kommen noch weitere hohe Aus­fälle durch Hunger- unb Typhusepidemien.

Probuktionsstätten für synthetischen Kautschuk vernichtend getroffen worden waren Der neue Angriff unserer Kampfflieger in ber Nacht »um 21. Juni war nach oorlicgenben Kamofberichten von ebenso starker Wirkung. Drei beutsche Flugzeuge kehrten nicht zurück.

Eine bemerkenswerte ASA-Erklarung

Stockholm, 21. Juni. WieSvenska Tagblabct aus Ankara be­richtet, erklärte ein Vertreter bes amerikanischen Informations- Ministeriums in Jerusalem vor Vertretern ber arabischen Presse, baß bie Vereinigten Staaten n i ch t die Absicht hätten, sich je­mals aus bem Nahen Osten zurückzuziehen. Die Wirt­schaf tsintcresien ber USA in diesen Gebieten seien, so groß, daß sie nicht einfach preisgegeben werden könnten.

Hervorragende japanische Transportleistungen

Tokio, 21. Juni. Nicht nur auf Borneo,, sondern auch auf Eelebes wird bereits jährlich eine ansehnliche Tonnage für ben Güterverkehr innerhalb ber Sübgebiete hergestelli, Parallel bazu werden in Makasser einige hundert seefahttbegabte Insulaner in moderner Navigation ausgebildet, unb für ben Herbst tiefes Jahres ist die Errichtung einer größeren Marineschule geplant, die mehrere tausend Schüler aufnehmen kann.

Auf dem Gebiete bes Seetransports haben die Japaner «inen neuen großen Erfolg zu verzeichnen. Im Hafen Tokios traf am Sonn­tag auf bem Seewege ein Ricsenfloß ein, bes annähernd 8000 Kiefern stamme enthielt. Mit 125 Meter Länge, 25 Meter Breite, fünf Meter Höhe unb drei Meter Tiefgang schob sich bas Ricsenfloß, von Schleppern gezogen, wie ein überbimen» sionales U-Boot langsam in ben Hasen Mit tiefer Iransportlciffiing würben fast zwei Jahre währenb.e Versuche von einem beispiellosen Erfolg gekrönt. Auf biefe Weise wurde nicht nur wertvoller Schiffs­raum gespart, sondern auch riesige Holzmongcn schnell und billig vom Erzeugungsort zu ben Vcrarbeitunasstätten gebracht. Ministerial- präiibcnt Tojo persönlich förberte diese Versuche und ließ sich lausend über ihre Erfolge berichten.

Erzbischof von Estland nach dem Aral verschleppt

Genf, 21. Juni. Die katholische Londoner WochenschriftThe Tablet" berichtete dieser Tage, daß der Erzbischof und apostolische Ad­ministrator von Estland. Eduard Profi ttlich, von dem man seit seiner im Jahre 1941 erfolgten Festnahme durch die Sowjets nichts mehr gehört hat, nach einer aus der Vatikanstadt in ben USA ein- getroffenen Melbung in ein Konzentrationslager, im Ural verschleppt worben ist. Jntcrcsiant ist dabei, daß das sonst so proteftfreubige Londoner Blatt aus lauter Respekt vor dem bolschewistischen Bundesgenosicn nur einfach die Tatsache oerzeichnet und daran einen Lebenslauf des Erzbischofs knüpft, ohne sich im ge­ringsten über die llnmcnschlichkeit bet Bolschewisten zu ereifern.

Schutzwatt gegen die bolschewistische Gefahr"

D«r slowakische Staatspräsident zum Jahrestag de» Kriegsbeginn» im Osten

Brebburg, 21. Juni. In einer Rede vor dem Zentralausschutz der Hlinka-Partei gedachte der slowakische Staatspräsident Dr. T i s o am Montag bes Kriegsbeginns im Osten vor zwei Jahren unb brachte ben unbeugsamen Willen bes slowakischen Volkes such Aus- btuck, an bei Seite ber Achsenmächte bis zum Endsieg durchzuhalten.

Wir gedenken heute des zweiten Jahrestages ber historischen Tat bes Führers bcs^Grotzdeutschen Reiches", führte Dr. Tifo aus, als er an bet Spitze feines geeinten Volkes ben Schutzwall bet europäischen Kultur gegen bie bolschewistische Gefahcr er­richtete. Aus ber Tatsache unserer nationalen unb staatlichen Selb» stänbigkeit ergab sich für uns eine erste Gelegenheit unb Pflicht, zu biefer historischen Tat unter eigenem Namen einen Stanbvunkt ein- zunchmen. Wir haben 'ibn so eingenommen, wie bie Ehre unb bas Gebot bet nationalen unb staatlichen Selbsterhaliung uns tiefe be­fahlen. Wit haben uns mit unseren bescheibenen Kräften ben geein­ten Völkern Europas angeschlosien, um zur Vcrteibigung Europas unb seiner Kultur beizutragen."

Der Bolschewismus", fo betonte Dt. Tifo weiter,bebrobt bie europäischen Völker mit bem Untergang ihrer altehrwürdigen Kultur unb ihrer nationalen Freiheit. Was in ben obgclaufenen zwei Jahren aus Europa geworben wäre, wenn sich bie hinter ber chinesi­schen Mauer ber Sowjets vorbereiteten Slngriffsträftc bes Bolschewis- wismus ohne Widerstanb hätten in Bewegung setzen können, sei nicht

schwer sich votzustellen. Zu den Millionen von den Bolschewisten Ermordeten wären weitere unzählige Opfer gekommen."

Wit haben keinen Grund", so erklärte bet Staatsvrästbent, unsere vor zwei Iahten getroffenen Enischeibungcn zu ändern, weit in diesen zwei Iahten die Tapferkeit unserer Frontkämpfer und die Arbeitskräfte des ganzen Volkes beim Aufbau des selbständigen Le­bens ben Namen bes slowakischen Volkes in bie ganze Welt getragen unb ihm einen Platz in ber Familie der übrigen Nationen gesichert haben, weil durch die in der Heimat und an der Front gebrachten Opfer das slowakische Volk nicht nur seine Entschlossenheit, um jeden Preis selbständig zu leben, betont hat, sondern eine staatsbildende Fähigkeit dokumentierte. Durch die Einreihung in die Front ber europäischen Nationen beweist bas slowakische Volk seinen enro - väischen Eharakter. Die Ehre unb bas Gebot ber Selbst- erhaltung", so schloß Dr. Tiso.befehlen uns, auf bem eingenommenen Platz ber antibolschewiftischen Front i« Treue zu ben Achsenmächten tapfer bis zum Endsieg durchzuhalten."

Druck und SB erlag: L. Schellenderg'iche Buchdruckeret, Wiesbadener Tagblau. Wiesbaden. ®eiamtleitung: Dr. phil. habil, ibustao Schellenberg unb Otto Kaiser. Haupt, ichriftleiter: Fritz Günther, ssmtl. in Wiesbaden. Zur Zeit ist Preisliste Nr. ti gültig

Die heutige Ausgabe umfaßt 6 Seiten

Dis Gutsnbsrs-^ssttcrgs 1943 in fHainz

Am Sonntag fand als Festaufführung statt:Falstaff", Lyrische Komödie von Airigo Seite, Musik von Guisepve Verdi. Das Werk ist bie köstliche Frucht bes hohen Alters. Als beinahe Achtzig­jähriger hat. ber Maestro hier sein künstlerisches Testament hinter­lassen. außer einem verunglückten Versuch ber Jugenbzeit seine einzige komische Over. Die Höhe bes reifen Humors konnte er erst erreichen, nachbem er burch viel Leiben unb Enttäuschungen gegangen war. Dieser Humor will nicht verletzen, fonbetn et ist von abgeklärter Weisheit unb hat bas Bestreben, wohlzutun. Arrigo Boito ber geniale Musiker unb Dichter, hat bas ausgezeichnete Libretto verfaßt, in bem er ShakespearesLustige Weiber von Winbsor" mit einigen Zügen aus bessen KönigsbramaHeinrich IV., bereicherte. Der neue beutsche Text würbe von zwei Mainzer Dirigenten, Theo M ö l i ch unb Karl Maria Zwiß 1 cr mit geschickter Anpassung an bie Musik neugeftaltet.

. Verdi ist mit feinemFalstaff" den rnufikdrarnatifchen Weg, bet von bet Aiba über den Otello führte bi» »um äußersten Ende ge­gangen. Statt bet Arien, bie in bet älteren italienischen Over bas Wesentliche barstellen, finben wir ein nut gelegentlich von meiotischen Sätzen unterbrochenes Nezitativ, bas vom Orchester bis in bie kleinsten Einzelheiten in äußerst witziger Art illustriert wird. Wit glauben mit Falstaff an die Richtigkeit der Ehre bei dem ständig wiederholten von den Pizzieati der Streicher kurz markiertenNein". Wir. hören bie Ehre mit bet Flöte auf bem letzten Loch pfeifen unb sehen, wie sic sich in Luft auslöst. DieNiperenza" vor bem ticken unb ewig bursttgen Ritter wirb mit' bet Linie bes musikalischen Themas nachgezeichnet. Der Charakter Falstaffs, eine Mischung von Großsprecherei unb affek­tierter Eleganz, kommt in bröhnenden Paukcmchlägen unb zarten Geigcnnsuren' zum Ausbruck. überhaupt liebt Verbi die schroffsten Gegensätze ber Instrumente unb erzielt bamit eine unnachahmliche Wirkung. Bcwunbctungswürdig ist die kontravunktische Arbeit ber Ensentblesätze. Wenn hinter bem Wanbschirm bet Kutz bes Liebes- värchens ertönt so folgt ein riesiger Satz von brei Gruppen, bie wicberum in Unterabteilungen geteilt sind. Jede der zahlreichen Stimmen rennt in einem rasenden Parlando ihren eigenen Weg. Die mondbeglänzte Zaubernacht bes dritten Aktes mag van unserem Otto Nicolai unb bie beutsche Romantik angeregt worben sein, enthält aber befonbers in ben atiofen Szenen bes Liebespaares echt italieni­sche Elemente. Einmal wirb eine Art Menuett cingeflochten. unb ein wahres Meisterwerk alter Stilkunst unb buch wieder ganz modern ist die Schlußfuge:Alles ist Svatz auf Erden", wohl verstanden nicht für Instrumente, sondern für die Stimmen geschrieben. Als echter Italiener hat Verdi auch bei diesem letzten Werk dem Sänger seine Vormachtstellung vor dem Orchester belasten.

Karl Maria Zwitzlcr hatte die musikalisch« Leitung undbrei- tete das reiche Stimmgewebe wie ein klingendes Netz aus. Bis zum Ende wahrte seine Stabführung den Stil der Kammermusik. Karl H a g e m a n n. hatte als Spielleiter eine, sichere Sand, lockerte die Gruppen, sorgte für spritziges Tempo und flocht ein« Reihe drolliger Situationen ein.Ernst Preutzer hatte für eine Reihe von Bühnen­bildern gesorgt, die bem Geschmack bet Shakespeare,eit entsprachen. Fritz Stenn von ber Staatsoper Berlin-Wien wat ein mSjestätischcr

Falstaff von gewaltigem Stimmumfang. Seine Auffassung war geist- unb humorsprühneb, so z. B. in ber Szene, wo et fürchtet mager zu werben unb bas Orchester zu ben Stimmen bet Piccoloflote unb eines Cello zusammenfchrumvft. Heinz L ü b b e r t setzte bie gante Kraft [eines hellgefärbten Barriton für ben eifersüchtigen Forb ein. Etta Meklenbutg war eine flotte, schalkhafc Alice, Margot K r t c b e r sah besaubernb jugenblich aus unb sang bementsvrechend frisch unb leicht, Wilhelm Georg al» ihr Liebesoartner setzte seinen lyrischen Tenor ins schönste Licht. Silo Asmus unb Else Link waren als Keg unb Quickly bie rechten lustigen Weiber voller Humor unb sangesfreudig. In den Nebenrollen waren Ulrich Lorenz. Eugen Walther und Werner Gerhardt mit gutem Gelingen tätig.

Dr. Wolfram- Wa 1 dschmidt.

Fritz Krenn singt noch einmal in Mainz

Kammersänger Fritz Krenn von der Staatsooer Wien, wird am kommenden Sonntag erneut in Mainz gastieren. Da Alfred Poell von der Staatsoper Wien sein Gastspiel absagen nyißtc, hat an' seiner Statt Krenn in MozartsZauberflöte" die Rolle des Pavageno über­nommen.

*

* Der Gutenbcrgfunb von Kiew. Der Leiter des Mainzer Guten» bcrg-Mulcums, Dr. A. Kuppel, veröffentlichte anläßlich der Er­öffnung ber Mainzer Gutenberg-Festtage 1943 einen Aufsatz übet ben Gutenbergfunb in Kiew, bem wir folgcnbc1 bemerkenswerte Einzel­heiten entnehmen:

In bie Bibliothek ber Wissenschaftlichen Gesellschaft bet Ukraine in Kiew gelangte 1919/20 aus Leningrab ein in Leber gebundenes Exemplar ber 1557 von Robert Esticnnc in Genf gedruckten Bibel. Als man bie Lcderbcckc bes Einbandes öffnete, fanden sich darunter zusammengelcimte Papietbogen, bie ehemals bedruckt worden waten. Es konnte festgestellt werden, daß es sich Sei diesem bedruckten Papier um Bruchstücke aus Frühdrucken vor bem Jahre 1500 handelte. Dabei waten auch vier Doppelblätter ( 16 Seiten), die ganz klar die Ur­typen Gutenbergs, die sogenannten Donat- und Kalendertypen trugen. Der sich über die 16 Seiten ununterbrochen aneinanbetreibenbe Text erwies sich als ein Provinciale Romanum; bas ist ein Verzeichnis ber Erzbistümecr unb Bistümer bet gesamten römisch-katholischen Kirche; nur bie ersten zwei bebruckten Seiten fehlen.

Das für bie Provinciale benutzte Papier trägt bas Wasserzeichen bes laufenben Ochsen mit bem langglietztigen Schwänze, bas auch in ber 42zeiligcn Gutenbergbibet teilweise benutzt würbe. Das Pro­vinciale ist nun bet brüte (fast) vollstänbig erhaltene Druck in Guten» bergs Urtype neben dem Türkenkalenbet unb bet Tütkenbulle. Es hat mit heiben bas Format, den Typenzustand unb bestimmte Satz- und Druckeigentümlichkeiten gemeinsam. Die Zeilenlänge bes Provinciale stimmt saft genau mit bet ber Tütkenbulle überein. Die Zahl bet Zeilen auf einet Seite beträgt beim Provinciale 18, bei ber Dürkenbulle 19 unb beim Tütkenkalenber 20. An bedruckten Seiten weist der Tütkenkalender 9. das Provinciale 18, die Türken­bulle 25 auf. Das Provinciale ist in lateinischer, Türkenbulle und Hilenlaleitbei in deutscher Sprache abgefaßt.

* Goethe-Medaille für Hedwig Bleibtreu. Der Führer hat der Staatsschauspielerin P.rosfesotin Hedwig Bleibtreu in Wien aus Anlatz ihrer 50jährigen Zugehörigkeit zum Burgtheater in Anerken- tytng ihres künstlerischen Schaffens bie Goethe-Medaille für Kunst und- Wissenschaft verliehen.

Professor Karl Seimer 85 Jahre alt. Am 22. Juni begeht bet be­kannte Leiter der vianistischen Meisterkurse in Wiesbaden. Prof. Karl Leimet, in voller geistiger Frische seinen 85. Geburtstag. Mit un­ermüdlicher und beispielhafter Werkhingabe hat sich ber ehrwürdige Meister, von, besten Wirken wir bereits in einem Aufsatz berichtet heute im hohen nnnimtastw chckjumlhwyrbgovcrbgcwceniatxbgooc haben, sein Leben lang in ben Dienst bet Musik gestellt. Seine her- oottagenbe Lehrfähigkeit, bie ihn u. a. »um Leitet bes Königsberger Konservatoriums unb zum Begründer des Konservatoriums in Han­nover berufen fein lieh, zeichnet ihn auch heute im hohen Alter noch als Lehrer begabter Klavierkünstler aus, denen et in selbstloser arbeitsfreubigteit feine reiche Erfahrung und sein meisterliches Können zur Verfügung stellt. E. M. 6-

* Orgelftunde in ber Rarktkirche. Der Organist an St. Marien in Danzig, Franz Keßler, spielte am Sonntagabend auf der Orgel ber Marktkirche Werke von Joh. Seb. Bach unb einigen seiner be- beutenbßen Zeitgenosten. Er wußte burch subtile wie auch zuvackende Art, burch gut schattierte unb persönlich gefärbte Gestaltung bie Musik biefer spannungsreichen Barockzeit zum Erlebnis heraufzube- fchwöten. Was Meister Johann Sebastian Bach Lebensmittelpunkt feines Schaffens gewesen, die Fuge, ist auch von den zeitgenössischen Orgelkomvonisten und Organisten immer wieder zum Ausgang und zur Bestimmung ihrer Arbeit geworden, und so kamen mehrere Präludien und Fugen zum Vortrag, ans dem Geist der Zeit heraus einander ähnlich und doch ;etncil5 Den eigenschöpferischer Kraft Vincent Lübeck (16541740) war mit einem Präludium und Fuge in E»hur uertrelen, von Joh, G. Walther, einem Freund unb Verwandten Joh. Seb. Bachs hoxte man interessante, glockenspielartige Variationen über einenBasso Continua" von Corelli (bie leuchtenden, singenden unb einzigartigen Orgelthemen bes Italieners haben sogar einen I. S. Bach stark angeregt unb befruchtet) und eine fein ausgesponnene Choralbearbeitung. Nikolaus Bruhns bindet in der Instrumentierung und im Formaufbau eines Themas in G-bur alle tonmalerischen Mög- > lichkeiten ber Orgel zu einem melodischen, überzeitlich wirkenden Werk zusammen, das in einfühlsamer Wiedergabe aufklang. Einige kleinere Werke des großen Joh. Seb. Bach (u. a. besonders bas ein­drucksvolle Präludium und Fuge in Es«bur) schlossen bie musikalische Feierstunde, in ber dieKönigin ber Instrumente" mit ihrer Sprache von Würbe unb Schönheit zu ergreifen wußte. A. P 1Üschke. 1

* Wiesbadener Künstler auswärts. Mit einer selten gehörten Mozart-Sinfonie in O-bur hatte der Generalmusikdirektor der Stadt Wiesbaden Carl S ch u r i ch t als Gastdirigent im italienischen Rund­funk erneut starken Erfolg. Unter der feinsinnigen Stabführung bes Künstlers erklangen in bem reichhaltigen Programm weiter Schu- 1 mann» Violoncello-Konzert, bie sinfonische Dichtung von Strauß Also sprach Zarathustra" urtb die bastatisch erregte Introduktion . zu Piccetti» Oper ,/ver Fremdling".