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Seit, 2 Nr. 114

Wiesbadener Tagblatt

Dienstag, 18. Mai 1943

Die unerschütterliche Entschlossenheit Finnlands

Die heutige Ausgabe umfaßt 6 Seiten

Dreimal Lnftalarm in Loudon

Stockholm, 17. Mai. Wie Reuter meldet, hatre London in der Nacht zum Montag dreimal Luftalarm. Der deutsche Angriff verur­sachte in mehreren Stadtvierteln erhebliche Schä­den.

Druck und Verlag: L-Schetlenbera'sche Buchdruckerei, Wiesbadener Tagblatt, Wiesbaden. Kelamiieitung: Dr. phii. habil. Kuftao Schellenberg und Dito Kaiser. Haupt, schriftleiler: Fritz Eünth-e r, sömil. in Wiesbaden. Zur Zeit ist Preisliste 8ir. 11 gültig

schwerer Kampfflugzeuge den wichtigen Verforgungshafen Cardiff am Bristol-Kanal an.

Unterseeboot« versentten bei Einzeljagd im Nordatlanttk acht Schiffe mit 5 1 600 BR T.. darunter ein 12 000 BRT. grosses Kühlschiff, das voll mit Fleisch beladen war. Außerdem schossen sie drei angreifendc mehrmotorige Bomber ab.

Oer italienische Wehrmachtbericht

Rom, 18. Mai (Funkmeldung.) Der italienische Wehrmachtbericht vom Dienstag hat folgenden Wortlaut:

Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt:

Bei bewaffneter Aufklärung längs der nordafrikanischen Küsten griffen unsere Torpedoflugzeuge einen leichten Kreuzer aus der Reede von B o « g i e und einen mittelgroßen in Fahrt befindlichen Dampfer an.

Ein Feindverband warf Bomben auf A l g h e r - (Sassari), die den Einsturz einiger Wohnhäuser verursachten und von der Bevölke­rung Opfer forderten. Zwei Flugzeuge wurden von AbwehrartNlerie abgeschossen.

2m Mittelmeer wurde ebenfalls ein Feindflugzeug von einet deutschen Korvette zerstört, während ein andere« von der Flokbatterie getroffen in der Straß« von Messina ins Meer stürzte.

Admiral Schmidt 80 Jahre alt

München, 17. Mai. Am 18. Mai feiert Admiral Erhärt Schmidt, der seit 16 Jahren in München wohnt, seinen 80. Geburtstag.

Admiral Schmidt war es bei der S k a g e r r a k s ch l a ch t im Mai 1916 sehr wesentlich zu verdanken, daß die britische Flotte hier ihren Meister in der offenen Seeschlacht fand. Ein Jahr später gelang es Admiral Schmidt als Oberbefehlshaber des Flottenverbandes, der die Transportflotte von Libau nach Öfel zu überführen hatte, trotz russischer Minengefahr und feindlicher U-Bootangriffe ohne größere Verluste führend an der Inbesitznahme der Insel Osel, Dagö, Mön u. a. zu wirken. Für diese glänzende Waffentat wurde Admiral Schmidt damals mit dem Pour-le-mSrite ausgezeichnet.

Der Admiral, der sich um die Kriegsmarine, insbesondere auch um die Entwicklung der S ch i f s s ü r t i l l e r-i c, große Ver­dienste erwarb, ist heute Ehrengauführer des NSD-Marinebundes. Die junge deutsche Kriegsmarine hat ihn dadurch besonders geehrt, daß sie eine Küstenbefestigungsanlage mit seinem Namen bezeichnete.

oder italienischen Augen willen den Zorn seiner pazifischen Dominien zuziehen, indem es dann europäische Butter statt der australischen und neuseeländischen bezöge. Der ganze Plan dieser sonderbaren „Sach- uerständigen" ist vermutlich in der Hauvtsache vrovagandistische B a,u,c rnfängerei gegenüber den amerikanischen Farmern und insbesondere gegenüber Argentinien, wo man ja nichi weiß wohin mit dem Ernresegen der letzten Jahre. Aber es wäre möglich, daß kich auch dort unbeauemer Weise der eine oder andere die Frage vor- legt, wie denn eigentlich Europa diese ganze Einfuhr seiner Lebens- bedurfnige vom amerikanischen Kontinent her bezahlen soll, nament­lich, wenn ihm die nichtagrarische Eruvve der „alliierten Sachver­ständigen" gleichzeitig die Ruinierung seiner Industrie androhl, deren Erzeugung allenfalls als Eegcnausfuhrwert in Betracht kommen könnte. So widerfvrechen sich im Grunde die wohlweisen Pläne­macher letzten Endes selber; und übrig bleibt von ihren pfiffigen Überlegungen kein Quentchen Vernunft, aber immerhin ein unzwei­deutiger Dernichfungswille. Das ist die erste Probe des nordameri­kanischen Interesses für den europäischen Kontinent und die Ari, wie man sich von dorther als Neuordner in Marsch setzen möchte. Die, denen diese reizende Aufmerksamkeit gilt, sind entschlossen, sie dankend abzulehnen; denn, wenn Europa schon Selbstmord beabsichtigen sollte, so braucht es dazu immerhin keine Eebrauschanweisung aus den USA.

Neue Ritterkreuzträger des Heeres

Berlin, 17, Mai. Der Führer verlieh das Ritterkreuz des Eiser­nen Kreuzes an:

Oberst Georg H a ch t e l, Kommandeur eines Jäger-Regiments; Oberst Alfred K ö st e r, 'Kommandeur eines Panzer-Erenadier-Regi- ments; Leutnant der R. Walther Oberloskamp, Zugführer in einer Sturmgeschützabteilung; Oberfeldwebel Emil S ch a r e i n a, Zugführer in einem Grenadier-Regiment.

Eindeutige Antwort Chiles

Buenos Aires, 17. Mai. Nach einem Sonderkabel für die Zeitung „Nacion" beabsichtigt die chilenische Regierung die Schaffung einer neuen Provinz Arica. Als Hauptstadt ist die gleichnamige Hafenstadt vorgesehen. Der entsprechende Gesetzentwurf wird demnächst dem Kongreß zugeleitet.

Arica ist der nördlichste Regierungsbezirk der Provinz Taravaca und liegt an der peruanisch-bolivianischen Grenze. Mit der Erhebung zur Provinz gerade in diesem Augenblick will die chilenische Regie­rung zweifellos erneut betonen, daß sie die von de;m bolivianischen Staatspräsidenten Penaranda in New Jork aufgestellte Forderung auf diesen Hafen ablehnt.

Steigende Zahl indischer Überläufer

Bangkok, 17. Mai. Die indischen Truppen an der Arakanfront in Burma laufen in wachsender Zahl zu den Japanern über erklärte Sonntagabend der Sprecher des freien indischen Rundsunks in Schonan. Die in diesem Gebiet von den Javanern eingeschlossenen Truvvenverbände. versuchten verzweifelt, nach Cox-Bazar in Otz- bengalen durchzubrechen. Indische Überläufer sagten aus, es komme in diesem Abschnitt der Front zwischen Engländern und Indern täglich zu Streitigkeiten. Die indischen Truppen würden entgegen dem Be­fehl Britanniens den Javanern keinen Widerstand entgegensetzen, da sie die Javaner nicht als Feinde, sondern als Befreier ansähen.

In England nimmt das Analphabetentum rapide zu, wie sich „Svenska Dagbladet" aus London berichten läßt. Unzählige junge Leute mußten bisher von der Armee zurückgewiesen werden, weil sie weder lesen noch schreiben konnten. Diese Tatsache bereitet den Militärbehörden natürlich großes Kopfzerbrechen. Denn allzu weit wollen sie es mit der Ablehnung analphabetischer Rekruten auch nicht kommen lassen, zumal es allmählich bekannt wurde, daß sich viele junge Leute bewußt dumm stellen, um sich auf diese Weise vom Heeresdienst drücken zu können. Die Militärbehörden haben nun ihre Praktik insofern geändert, als sie Rekruten annehmen, die wenigstens ihren Namen schreiben können. Im übrigen wurden bei der Armee besondere Lese- und Schreibkurse für Analphabeten eiugeführt.

Lieber bis zum Allerletzten kämpfen, als sich

Helsinki, 17. Mai. Bei der großen offiziellen Heldengedcnkseiei anläßlich des 2 5. Jahrestages der Beendigung des finni­schen Freiheitskamvfes hielt Ministerpräsident Linkomies die Gedenkrede Er sprach von dem Sinn des Heldengedcnkens, der Ovserbereitschaft und der Einigkeit, die angesichts der gefallenen Hel­den immer von neuem gestärkt werden müsse. Wenn ein Volk in Freiheit leben wolle so dürfe cs keine Oofer scheuen. Finnland habe feine andere Bestrebung gehabt, als sein von den Vorvätern aus einer Wildnis dem Kulturkreis zugeführtes und durch inter­nationale Verträge gesichertes und garantiertes Land in Frieden weiter zu bebauen. Aber ein Volk, das seine Freiheit liebe, die Ar­beit seiner Väter ehre und für die Zukunft seiner Kinder sorge, könne nicht anders als zu den Waffen greifen, wenn Gegner ihm über alle Verträge hinweg dieses fein Teuerstes rauben wollen.

Wir haben, so betonte der Ministerpräsident, das getan, was ein- Mann und ein Finne immer getan hat, tun wird und was er nie be­reuen wird.

Der Krieg sei noch nicht zu Ende, so fuhr der Ministervräsident

Weitere Steigerung um 24 Prozent

Berlin, 17. Mai. Die am 18. April 1943 durchgeführte erste Haus- sammlung des KWHW für bas Deutsche Rote Kreuz hatte ein vor­läufiges Ergebnis von 54 093 916,23 RM. Bei der gleichen Sammlung des Vorjahres wurden 43 633 462,36 RM. aufgebracht.Die Zunahme beträgt somit 24 v. H.

Aus dem Führerhauptauattiet, 18. Mai. (Funkmeldung.) Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt:

Am Kuban-Brückenkopf wurden bei erfolgreichen Kämpfen wieder zahlreiche Gefangene gemacht. An der übrigen Ostfront herrschte gestern nur geringe örtliche Kampstätigkeit.

Die Luftwaffe bombardierte mit sichtbarem Erfolg kriegswichtige Anlagen in Leningrad.

Tageslusiangrifse des Feindes auf einige Orte in den besetzten W e st g e b i e t e n verursachten unter der Bevölkerung hohe Verluste, vor allem in der Stadt Bordeaux. Hierbei wurden in Luft- kämpfen und durch Flakabwehr 17 vorwiegend mehrmotorige feindliche Flugzeuge vernichtet. Bei Abwehr britischer Luftangriffe aus deutsch« Geleitzüge und über den Riederlanden schoßen Sichernngssahrzeuge vier und Flakartillerie der Kriegsmarine sechs feindliche Flugzeuge ab.

Über dem Atlantik vernichteten deutsche Kampfflugzeuge zwei britische Bomber, darunter ein Eroßflugboot. Vier eigene Jäger gingen verloren.

Einzelne britische Flugzeuge, von denen eins abgeschossen wurde, flogen in der letzten Nacht in das westliche und südliche Reichsgebiet ein.

Die Luftwaffe setzte die Bekämpfung wichtiger Einzel- ziele im Raum von London auch in der Nacht zum 18. Mai mehrere Stunden hindurch fort und griff mit einem starken Verband

Ein Kampf «oll Heroismus und Selbstaufopferung ging zu Ende, als fetzt vor 25 Jahren Finnlands kleines, heldenhaft tapferes Volk den Kampf um seine Selbständigkeit und seinen ersten Waffengaim um die Freiheit vom bolschewistischen Joch durchgeführt hatte. Schon im Dezember 1917 hatte Finnland seine Selbständigkeit erklärt, doch war cs sich voll bewußt, daß die Ruhe, für den Moment erreicht, nur trügerisch mar und blutige Kämpfe mit den Bolschewisten noch Benot« standen, obwohl diese die Selbständigkeit Finnlands am 31. Dezember 1917 anerkannt hatten. Finnland, das schon damals die ganze Halt­losigkeit bolschewistischer Versprechungen kannte und durchschaut«, rüstete zum Krieg. Jeder einzelne Finne, ob Mann oder Stau, durch den roten Terror in allen Städten und Dörfern des Landes der taufend Seen' aufgerüttelt, gab sein Bestes, den Feind des Vater­landes zu bekämpfen und zu besiegen.

Die Naturvtzrbundenheit der Finnen, ihre Vertrautheit mit den Waffen und dem Kampf mit den unendlichen Wäldern des Nordens, ihre körperliche Tüchtigkeit und die unendliche Ausdauer, in uner­müdlicher sportlicher Übung gewonnen, und schließlich die Hilfe Deutschlands durch Waffen- und Munitionslieferungen und außerdem der Einsatz einer deutschen Division unter Führung des Generals Graf von der Goltz erreichten schließlich nach erbitterten Kämpfen und wütendem Widerstand der Bolschewisten das grobe Ziel, die Freiheit des Landes.

Finnland ist frei, seine Grenzen sind gegen die Sowjetunion ge­sichert, der Wiederaufbau konnte beginnen. 21 Jahre des Friedens und der Möglichkeit, das im Freiheitskampf Zerstörte wieder aufzu- bauen, waren bann Finnland beschieden. Doch wurde die drohende Gefahr, die dem Nordland vom Osten her ständig drohte, bei dem finnischen Volk nie vergessen. Sie kam dann auch, 1939/40, in einem grausamen, harten, doch von den Finnen eisern, zäh und entschlossen geführten Winterkrieg zum Ausbruch. Der Friede von Moskau, eine sowjetische Farce, die der Welt wie schon so oft, Sand in die Augen streuen sollte, war in den Augen der Finnen denn auch kein Frieden. Trotzdem aber fand das ausgeblutete Land Kraft, die aus Karelien, den reichen Prooim, die sie dem Bolschewisten hatten abtreten müssen, geflohene Bevölkerung aufs neue anzufiedeln und so rasch als möglich wiederum eine Verteidigungslinie gegen die Sowjetunion aufzubauen.

Dann kam der 22. Juni 1941 und mit ihm der Tag neuer und endgültiger Befreiung für Finnland, 6et auch die Wiedergewinnung Ostkareliens brachte.

Heute stehen finnische und deutsche Truppen in enger und treuer Kameradschaft, im Kampf gegen die Pest, die Europa und darüber hinaus der Menschheit, vom Bolschewismus her droht. Die Kund­gebungen, am finnischen 'Heldengedenktag in Helsinki abgehalten, unterstrichen alle die Tatsache dieser Waffenbrüderschaft, aus ihr Mut und Entschlossenheit schöpfend, den Kampf weiterzuführen, um ihn siegreich zu beenden und bann die Gewißheit zu haben, einen wahren Frieden des Glücks und des Wahlstands aufbauen »n können.

„In aufricht.ig«t Waffenbrüderschaft mit dem Deut­schen Reich muß der gegenwärtige Freiheitskrieg zu einem Ende ge­führt werden, das die Sicherheit Finnlands garantiert und die Vor­aussetzung zu einem friedlichen Leben schafft" — dies die Forderung des finnischen Frontkämvferverbandes. der am Seldengedenktage in der finnischen Hauptstadt tagte und der dem unerschütterlichen Willen des finnischen Soldaten Ausdruck gab, getreu dem Beispiel des für Finnlands Freiheit gefallenen Helden, an der Seite bet Deutschen weiter zu fechten, dis bas grobe Ziel — die endgültige Befreiung bet Welt von der bolschewistischen Gefahr — erreicht ist.

Erfolgreiche Einzeljagd unserer U-Boote

Acht Schiffe mit 51000 BRT. versenkt — Am Montag 29 Feindflugzeuge abgeschossen — Wiederum wichtige Einzel,iele in London bombardiert — Angriff aus den Bersorgungshafen Cardiff — Erfolgreiche Kämpfe am Kuban-Brückenkopf

der Gnade seines östlichen Rachbarn untermersen

fort, und man könne auch das Ende noch nicht absehen, ebenso wie man auch nicht den endgültigen Preis für die Freiheit aosch atzen könne. Finnland wisse nur, dab es auf Bern richtigen Weg »er. .-Da gegenwärtig noch keine Friedensmöglichkeiten zu sehen seien, dürfe man noch nicht damit rechnen, daß unsere Frontsoldaten schon nach Hause kommen könnten.

Der Kampf müsse ohne Rücksicht auf alle seine Widerwärtig­keiten fortgesetzt werden.

Diese Sage dürfe dem finnischen Volk die Schlagkraft und den Glauben nicht nehmen. Das finnische Volk idealisiere nicht den Krieg, aber es werde sich astch niemals beugen, wenn eine fremde Macht mit ihren imperialistischen Bestrebungen in bet einen ober anderen Form auf Finnland abziele, ihm seine Selbständigkeit rauben und sein nationales Dasein vernichten wolle. Deswegen sei noch keine Mög­lichkeit vorhanden, von dem beschrittenen Weg, auf den mnnlanb durch den Angriff vom Osten her geführt worden sei, abzutreten.

Das finnische Volk, so unterstrich der Ministerpräsident im wei- teren Verlauf seiner Rede, sei auch realistisch genug, um das zu ver­stehen, und es werde sich keinerlei Phantasten hingeben und niemals daran glauben, daß ein Staat, der vor dem Winterkriege rücksichtslos die geschloffenen Verträge gebrochen und der auch die von ihm selbst diktierten Bedingungen des Zwangsfriedens nicht gehalten habe, nm nun so geändert habe, daß man ihm trauen könne. Das finnische Volk wolle lieber bis zum A l l e r l etz t e n kämvfen. als sich der Gnade seines östlichen Nachbarn zu unterwerfen, den es aus bittersten Erfahrungen gründlich kenne. Schon der Gedanke an Unterwerfung wäre ein Verbrechen gegenüber den gefallenen Helden.

Im Glauben an die Gerechtigkeit der eigenen Sache wisse das finnische Volk, daß sein Kampf allein von den BestreBun: ~t geleitet werde, die Freiheit und Sicherheit des Landes stcherzustelen.

Nach der Rede des Ministervräsidenten folgte eine Kranznieder­legung durch den Staatspräsidenten, den Kriegsminister, den Reichs- tagsvrästdenten und zahlreiche Vertreter vei Zedener Organi­sationen.

&us öoux Kchutzkajüoin öoutjiHor Dichtung.

Rezitationsabend von Charlotte Ehristann

Mit dem Gedicht „Die Sterne“ von Matthias Claudius eröffnete Charlotte C h r i st a n n den gestrigen Vortragsabend im kleinen Kur- haussaal, den ein aufgeschloffen lauschendes Publikum bis zum letzten Platz füllte. Zwei Dichtungen Mörikes, mit feinem Verständnis für die verschiedenen Eefühlsschattierungen seines Schaffens gewählt, klangen auf: das klassisch gerundete „Um Mitternacht" und das lied­haft dahinschwebende „Im Frühling“. Von Novalis folgte ein, in den Roman des „Heinrich von Ofterdingen“ eingestreuter Vers: „Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren . und der große „Gesang der Toten“, den die Künstlerin, die übrigens frei ooritug, gleich einer symphonisch an- und abschwellenden'Musik, voll raunendem Geheim­nis und kristallisch funkelnder Klarheit, vorüber ziehen ließ. $te' marmorne Plastik Schitlerscher Rhythmen meißelte die Rezitatorin, gegenüber dem ausgelockerteren „Die Gunst des Augenblicks“, vor allem in „Nänie“ und in „Kassandra" heraus, in dem die großartige Einsamkeit der von den Göttern mit Wissen geschlagenen Seherin zu starkem Ausdruck kam. llberauellend vor Lust strömte das „Mailied“ des jungen Goethe dahin, dem wirkungsreich das abgeklärtere „Künst­lers Abendlied“ zur Seite gestellt war. In „Der Schatzgräber" ging die Vortragende ganz den Weg des Dichters, vom Märchenton zur heiteren und überlegenen Lebensweisheit, die in dem Goetheschen Älterssedicht. „Vermächtnis", zu sonnenklarer Einfalt und Größe durchlichtet ist. Voller Lebensglut und bewegtem Atem war die Ballade „Die Braut von Korinth" gestaltet. Sie bildete den Abschluß der klassischen Dichtungen. Schaffende des endenden 19. und des 20. Jahr­hunderts tarnen jetzt zu Wort. Die Strenge Stefan Georges war in dem Vortrag des Gedichts „Der Jünger" zu einer schönen und schlich, ten Lebensnahheit gemildert Drei Verse aus Rainer Marias Rilkes „Stundenbuch", „Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen", „Alle, welche dich suchen, versuchen dich" und „Alles wird wieder groß sein und gewaltig“, deren verschwebende körperlose Mystik sich dem Rach­gestaltenden leicht entzieht, schloffen sich an. In die Bezirke des häuslichen, blutwarmen Lebens geleitete Hans Carossas „Der alte Brunnen". In „Die Nonne“ von Lulu bon Strauß und Torney kam die einfühlsame und lebensstarke Gestaltungskraft Charlotte Christanns zu vollster Entfaltung Wie ein schwermütiges Volkslied in dem sich Rauheit und Süße mischen, ließ die Künstlerin Ina «eidels Erzählung aus dem Dreißigjährigen Krieg, „Der Reiter“, erstehen. Voll unauf­dringlicher Schlichtheit und der herben Epik der Sprache kraftvoll an» gevabt. Ins sie die Geschichte von dem blutjungen Mädchen, das lieber den Tod. als den wilden, fremden Reitersmann zum Liebsten erwählt. In der Ballade von Agnes Miegel, „Die schöne Agnete", kam der Ton der Volksmär gut heraus. Ina Seidels Gedicht, „Volk und Land", in Bem die Urgeschichte unserer heimatlichen deulscheii Erde in einem gewaltigen Entwurf gezeich iet ist, beschloß den gehaltvollen, an­regenden Abend, für den der Künstlerin warmer Beifall dankte.

Eva Marianne Seemann.

Jakob Jorbaans

Zu seinem 350. Geburtstag am 19. Mai

In diesen Tagen feiert Flandern — und' mit ihm die Kunst- weit — den 350. Geburtstag des Malers Jakob Jordaens. Die Kunstgeschichte der südlichen Niederlande nennt Jordaens mit Rubens und van Dyck als einen der drei Großen des 17. Jahrhunderts. Die Malerei im Norden löste sich damals allmählich von der sogenannten „italienifierenben Arbeit", nachdem sie das, was der reiche Süden lehren konnte, erworben und verarbeitet hatte. Sie wandte sich be­wußt von der führenden Schule Caraveggios wieder der eigenen Land­schaft zu. Von Anfang betont Jordaens — der zunächst Vorlagen für Teppichweber lieferte und erst langsam zu (Semälbeaufträgen ge­langte — eine selbständige Naturauffassung. Er ist auch nicht mehr auf die obligate Italienreise damaliger nordeuroväischer Künstler ge­gangen, sondern hat — darin Rembrandt ähnlich — den Boden, das Licht, die Luft, den Himmel seiner Heimat als das alleinige Mab seiner Motive und seiner Pai-tte genommen.

Die Höhe (eines Schaffens sind die dreißiger Jahre seines Lebens; nun erleben wir, wie er bas Licht schon anwendet, um alle schweren, leuchtenden, schillernden Farbeir noch zu durchschwingen, alle Schatten und liefen zu durchflimmern und endlich die Farbe selbst nur noch als das Sekundäre, bat Ergebnis des Lichtes zu erkennen. Bei dem be­rühmten in Brüssel befindlichen Gemälde „Fest des Bohnenkönigs“, Beim „Triumph des Bacchus“ (in der Galerie in Kassel) nimmt bas nordische Problem, bas Hell-Dunkel-Problem, schon am stärksten den Betrachter gefangen. In her späteren Produktion vibriert bas Licht, löst sich in Lichtffecken, bie schon bas vorauszeigen, was zu unserer Zeit von anderen Quellen her der Impressionismus erstrebte. Bei dem Altmeister Jordaens, dem Führer der Antwervener Lukasgilde aber werden die Farben dann gebrochener, stumpfer, erdiger — ganz der heimatlichen Natur gemäß — während das grobe Geisterfviel von Hell und Dunkel Bereits die eigentliche Wirkung Bestimmt. Das ist nun gewiß im einzelnen den Zeitgenoffen nicht aufgegangen, und die heute in ganz Europa in Museen und Sammlungen verstreute gewaltige Produktion Jakob Jordaens' war auch zu seinen Lebzeiten nicht kollek­tiv beisammen — aber was mit den Mitteln des malerischen Aus­drucks so zur eignen Art drängte, das sprach auch — zumal durch eine gewiffe echt derbe Art der Figuren — Flanderns Volk an. So kommt es, dab [ein Werk eigentlich den breitesten Raum in der flämischen Malerei entnimmt und in gewisser Hinsicht populärer ist als das des groben Repräsentanten Rubens. Rudolf Adrian Dietrich.

Das Musische Gymnasium Frankfurt am Main ist zur Zeit im Auftrag der Reichsjugendführung und des Auswärtigen Amtes auf einer zehntägigen Konzertreise durch die Schweiz unterwegs. Es finden Konzerte in folgenden Städten statt: Zürich. St. Gallen, Davos, Lugano, Agra, Luzern. Bern, Lausanne, Genf und Basel. Chor und Orchester mit insgesamt hundert Jungen musizieren unter Lei­tung von Prof. Kurt Thomas, deutsche Musik aus dem 16. bis 19. Jahr­hundert.

Aus Kunst und Coban

* Wiener Philharmoniker (vielen vor 6000 Rüstungsarbeiter». Wilh. Furtwängler dirigierte am Montag ein Konzert der Wiener Philharmoniker in der Werkhalle eines groben Berliner Rüstungs­betriebes. Dicht gedrängt saßen die Männer und Frauen in ihrer Arbeitskleidung auf Bänken, Stühlen, auf Schemeln und Hockern, Lei­tern, Treppenstufen, Maschinen und Gerüsten und Galerien wurden zu Logen und Rängen. Atemlose Stille herrschte, als Wilh. Furt­wängler den Dirigenienstab erhob und die feierlichen Klänge von Franz Schuberts Sinfonie lt-moll der „Unvollendeten" aufraufchten, dieses unsterblichen Werkes mit feinem Reichtum an unvergänglichen Schönheiten und Melodien, bas alle in seinen Bann zog. Richard Strauß' „TUl Eulensviegels lustige Streiche" begeisterten nicht min- ber. Die Künstler und ihr Dirigent konnten sich von dem stürmischen Beifall nur durch eine Zugabe loskaufen: durch den Straußsche» „Frühlingsstimmen-Walzer“, mit Bern die festliche Veranstaltung aus- klang. — 6000 Arbeiter und Arbeiterinnen waren es, die von dieser musikalischen Feierstunde, die von dem Reichsprovagandaamt Berlin und dem Oberbürgermeister der Reichshauptstadt in Verbindung mit der NS.-Eemeinschaft „Kraft durch Freude" veranstaltet wurde, be­glückt wieder an ihr Tagewerk gingen. .

* Italienische Uraufführung in Kassel. Zur Eröffnung einer deutsch-italienischen Kulturwoche brachte das Preußische Staatstheater Kaffel das breiartige Schauspiel „D i e Svitzenhändlerin" von Rino Alessi in ber Bearbeitung von Generalintenbant Dr. Franz Ulbrich als Uraufführung heraus. Das Stück spielt zu Begin» des abessinischen Feldzugs. Es schildert, nve eine alte Svitzenhand- lerin, Gatina Valerio, deren Sohn im Weltkrieg als Held des Montenegro gefallen ist, nach zwanzig Jahren von einem lebenden Vermächtnis ihres Sohnes erfährt. Sie macht sich auf, um diesen un­bekannten Enkel zu suchen und ihre Ansprüche auf ihn geltend zu machen. Der zwanzigjährige Bruno Borghetti steht aber gerade im Begriffe, als Soldat nach Abessinien aufzubrechen, als Latina Valerio ihn als ihren Enkel entdeckt. Sie müßte das Glück einer Familie zerstören, wenn sie der Stimme ihres Blutes nachgäbe. Sie bringt das Opfer der Entsagung und zeigt sich damit würdig dem Heldentum ihres Sohnes. Es ist die stille Tragödie einer Mutter, die Rino Alessi schlicht und ohne starken dramatischen Aufwand er­zählt Das Staatstheater .Staffel brachte das nachdenkliche Werk in ber Jnizenlerung von Sans Carl Mäkler sehr fauber heraus Die Titelrolle (vielte mit feinstem Gefühl für bas stille Selben» tum einer Mutter Lina Lossen vom Staatlichen Schauspiel­haus Berlin. Willi Lindner.

* Overn-llraufführung in Dresden. Die in soanischer Umwelt spielende Over „Adelt» a“, Dichtung von Eugen Set Bert« Kuchenbuch. Musik von Nino N e i d h a r d t, erwies sich bei ihrer Urautnibtung im Stadttheater Dresden (Theater des Volkes) als ein äuBcrit lebensfäffigis, gesundes Werk, dessen reiche, farbensatte musi- kalijche Schönheiten unter der Leitung von Kapellmeister Kurt Eich. Horn ausdrucksvoll zur Geltung kamen. Felix v Level