Wiesbadener Tagblatr
Dienstag. 23. Februar 1943
Die Ausstattung unserer U-Bootsflotte mit U-Tanlern, Lieden im Süd-Atlantik und im Indischen Ozean operierenden U-Booten neue Vorräte zuführen bereitet unseren Gegnern schwere Sorgen. Bevor das Vorhandensein der U-Tanker bekannt geworden war, haben unsere Gegner der Welt einzureden versucht, Deutschland hätte überall Stützpunkte für seine U-Boote in neutralen Ländern angelegt und dadurch in übelster Weise gegen das internationale Recht verstoßen, z. B. seien in Nikaragua und auf den Kap Verden derartige Stützpunkte vorhanden gewesen. Roosevelt benutzte die Lügen dazu, um vor allem in, Süd- und Mittel-Amerika Stimmung gegen uns zu machen. Dirs alles war Schwindel. Mit der Konstruktion des U-Boot-Tankers ist, strategisch gesehen, die U- Boots-Kriegsührung erheblich verstärkt worden. Derartige schwimmende >;nd bewegliche Stützpunkte unter Wasser sind naturgemäß für" unsere Gegner schwer ausfinbar.
Wie außerordentlich ernst die U-Bootsgefahr auch im Lager unserer Gegner angesehen wird, sei durch ein englisches und amerikanisches Zeugnis illustriert. Lord Sankey, eine anerkannte Autorität in Schiffahrtsfragen, bringt den Stand des Schiffahrtskrieges auf die kurze Formel, die Zahl der neugebauten U-Boote fei weit
gröber als die der verfenkten, dagegen könne der Verlust an Handelsschiffen „höchstens zur Hälfte" durch Neubauten gedeckt werden.
In einer weit verbreiteten amerikanischen Zeitschrift wird unterstrichen, die Vereinigten Staaten und England seien mit ihrer Schiffahrt an einem Punkte angekommen, wo sie ihre bringenden Bedürfnisse nicht mehr befriedigen könnten. Das Unternehmen in Nord-Afrika habe die schon bestehende vchiffs- raumnot noch verschärft. Ohne Schiffe, die die Euter an dre Kampffronten befördern, werde die amerikanische Produktion zu einer „Kraftanstrengung ’ itn luftleeren Raum."
Die Versenkung einer ganzen Tankerflotte, die der gegnerischer Kriegführung in Afrika den unbedingt notwendigen Trmbstoif bringen sollte, wird sicherlich dazu beigetragen haben, die Gefahren die auch für ein Land wie Amerika mit der überspannten Globalstrategie seines Präsidenten verbunden sind, der breiten Öffentlichkeit vor Augen zu führen.
Die strategische und taktische Verwendung der Unterseeboote rm Handelskrieg hat schon bisher so günstige Ergebnisse gehabt, da» nach menschlicher Voraussicht der bereits gewonnene Vorsprung nicht mehr eingeholt werden kann.
Eingebrochene Sowjetdivisionen vernichtet
Das weit gesteckte Ziel der Sowjets nicht erreicht — Verlagerung der Anstrengungen des Feindes in den Slanm nördlich Charkow, gegen die Mitte und den Rordteil — Starke sowjetische Kampfgruppen zwischen Donez und Dnjevr vernichtet — 3n erbitterten Kämpfen westlich Charkow und Kursk, sowie südlich Drei 55 S-wjetpanzer, südlich des Ladogasees 47 abgeschossen — Feindliche Gegenangriffe in Tunesien erfolgreich abgewiesen
Aus dem Führerhauptauartier. 28. Febr. (Funkmeldung.) Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt:
Sn der groben Winterschlacht im Südteil der D ft front sind hie weit gesteckten Ziele des Feindes gescheitert. Da es ihm nicht gelang, die am Dstrand des Donez- industriegebietes festgefügte Front der deutschen Truppen zu durchbrechen, versuchte er sie nordwestlich ausholend im Rücken zu sasseu. Die aus diese Weise hinter unsere Front am Mius gelangten sowjetischen Divisionen sind inzwischen v c r- nichtet oder zersprengt. Ebenso erging es denjenigen sowjetischen Berbänden, die noch weiter ausholend aus der Gegend südlich Charkow gegen den Dnjevr vorgetrieben wurden. Das Schicksal, das ste den deutschen Armeen bereiten sollten, ereilte fie selbst. Bon ihren Verbindungen abgeschnitten und durch unsere Divistonen von allen Seiten gefabt, verfielen sie der Auslösung oder der Vernichtung. Reserven, die ihnen nachgeschickt waren, wurden von der Luftwaffe erkannt und ihre dichtgedrängten Kolonnen durch anhaltende Luftangriffe vernichtend getrosfen.
Da die Witterung, die schon jetzt zwischen Schneetreiben und Tauwetter wechselt, große Dverationen in absehbarer Zeit ausschlieben wird, verlagert der Feind seine Anstrengungen immer mehr in den Raum nördlich Charkow, sowie gegen die Mitte und den Nordteil der Ostfront.
Gestern griff der Feind an mehreren Stellen den Kuban- Brückenkopf mit stärkeren Kräften an. Alle Ängriffe wurden in harten Kämpfen verlustreich abgewiesen.
Sm Donezgebiet wiederholten di- Sowjets mit mehreren Divistonen den Versuch, durchzubrechen. Sie wurden in schweren und wechselvollen Kämpfen erneut zurückgeschlagen.
Sm Raum zwischen Done, und dem Dnjevr griffen Panzer- und Snfanterieverbände des Heeres und der Waffen-^ hervorragend durch Sturzkamvf». Kamvf- und Schlachtflieger unterstützt, den Ftind weiterhin konzentrisch an und vernichteten starke sowjetische Kamvsgruvven.
Diese Lager wurden daraufhin von Bei Staffel mit Spreng- und Brandbomben belegt und die Banditen selbst durch Bordwaffenfeuer gefastt und aufgeriebdn. Zahlreiche Explosionen, weithin sichtbare Brände und Rauchsäulen kennzeichnetest die vernichtende Wirkung dieses Unternehmens.
Auch an anderen Abschnitten waren Aktionen gegen bolschewistische Banden erfolgreich: Sm Schutze des dichten Schneetreibens der letzten Wochen hatten sich zahlreiche bolschewistische Bauden südöstlich des Ilmensees festgesetzt, um von dort aus unsere Nachschubwege zu stören. Eine deutsche Kampfgruppe konnte jetzt allein in ihrem Bereich ein großes Munition«- und Materiallager der Banden erbeuten und 2 2 9 Banditen vernichten.
Japaner bombardieren die Neuen Hebriden
Tokio, 23. Febr. (Funkmeldung.) Das kaiserliche Hauvt- auattier gab am Dienstag bekannt:
„Die japanische Marinelustwane bat am 21. Februar nach einem langen beschwerlichen Flug militärische Anlagen in Espirito Gant a auf den Neuen Hebriden angegriffen. Dabei wurde ein feindlicher Zerstörer versenkt und ein zweiter in Brand geworfen. Außerdem wurden militärische Anlagen zerstört. Alle javanischen Flugzeuge sind unversehrt an ihre Stützpunkte zurückgekehrt."
Die Inselgruppe der Neuen Hebriden liegt südöstlich der Salomon-Gruppe. Die angegriffene Insel Merena (Espirito Ganta) wird vom 15. Breitengrad durchschnitten.
Sm Raum möglich Charkow und Kursk, sowie südlich Drei gehen die erbitterten Kämpfe weiter. Nord- östlich und nördlich Drei griff der Feind ans breiter Front mit starker Banzer-, Artillerie- und Schlachtsliegerunterstützung au. Die Angriffe scheiterten am zähen Widerstand deutscher Infanterie, und motorisierter Divisionen. 55 Sowjetpanzer blieben vernichtet vor unsere» Stellungen liegen.
An der W o l ch o w f r o n t scheiterte ein feindlicher Angriff gegen eine Brückenkopfstellung. " '
Südlich des Ladogasees lebten die Kämvse wieder aus. Die Sowjets griffen in einem Abschnitt mit masiierten Kräften au. wurden jedoch unter Verlust von 47 Banzern blutig abgewiesen.
Sn Rordafrita versuchte der Feind die in den Vortagen genommenen beherrschenden Stellungen mit neu herckn- gesührten Verbänden zurück zu gewinnen. Er wurde verlustreich abgewiesen. Zahlreiche Banzer wurden zerstört. Beute und Gesangenenzahl sind weiterhin beträchtlich gestiegen. Deutsche Fliegerkräkte führten «vernichtende Schläge gegen einen feindlichen Nachschubsnitzvunkt int Algerischen Hochland, sowie Batteriestellungen westlich Tunis. Militärische Anlagen des Hafens von Tripolis wurden bei Nacht wirksam mit Bomben bekämpft.
Der OKW.-Bericht vom Montag
Ans dem Führerhauptauartier, 22. Febr. (Funkmeldung.) Da» Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt:
Feindliche Angriffe gegen die Nordsront des Kuban- Brückenkopfes wurden durch deutsche und rumänische Truppen zerschlagen. Der Feind wurde im Gegenangriff mit hohen blutigen Verlusten zurückgeworfen. Sm Donezgebiet und nordwestlich davon versuchten die Sowjets neben zahlreichen örtliche» Angriffen mit zusammengefabte» Kräfte» an mehreren Stelle» unsere Abwehrfront zu durchbrechen. Sie wurde» in schwere» Kämpfen verlustreich abgewiesen.
Feindliche Verbände, die mit einer weit ausholende» Umfassung zwischen Donez und Dnjepr die Verbindung zu unserer -Front im Donezgebiet abschneiden sollten, wurden een deutschen Truppen des Heeres und der Waffen-^ in Flanke und Rücken gefaht. Sn diesem Abschnitt setzte» Kamps- und Rahkamvf. sliegergeschwader 25 feindliche Banzer außer Gefecht, vernichteten mehrere schwere Geschütze und zahlreiches Gerät. Der Feind hatte hier besonders hohe blutige Verluste.,
Sm Raum westlich und nordwestlich Charkow griff der Feind auch gestern erfolglos unsere Stellungen au.
Starke feindliche Angriffe südlich und nordöstlich Drei wurden in heftigen Kämpfen bei dichtem Schneetreiben abgeschlagen. Eine deutsche Kampfgruppe vernichtete int Gegenangriff die Masfe einer sowjetischen Skibrigade.
Stn nördlichen Teil der Ostfront fanden am gestrige» Tage nur Kämpfe von örtlicher Bedeutung statt. Bei einem eigenen Angrisfsunternehmen verlor der Feind außer zahlreiche» Toten mehrere hundert Gefangene, 12 Banzer und eine große Anzahl Waffen.
Die Luftwaffe nutzte die Besierun» des Flugwetters aus und griff mit starken Verbänden in die Erdkämpfe ein.
An der Nordsront schosien deutsche Säger am gestrigen Tage 31 sowjetische Flugzeuge ab, zwei eigene Flugzeuge werden vermißt.
Das Hasengebiet von' Murmansk und wichtige Auslade punkte der Murmanbahn wurde» erneut mit gutem Erfolg bombardiert.
Sn Tunesien wurde» die Angriffe fortgesetzt und östlich von T e b e s s a starke Teile einer englischen Panzerdivision vernichtend geschlagen. Sturzkampfslugzeuge zersprengten Banzer, bereitftellungen des Feindes. Ein Nachtangriss auf Tobruk verursachte im Hasen und in der Stadt grobe Zerstörungen.
Britische Flugzeuge warfen in der vergangenen Nacht Svreng- und Brandbomben auf einige Orte int nordute st deutsche» Küstengebiet.
Seite 2 Nr. 45
2—3000 britische alliierte Handelsschiffe, die sich auf See befinden. Sie mutz MineniSuch-Overattonen aus 14 000 Meilen unserer See, wege durchführen. Unsere Kriegsschiffe und Flugzeuge haben 120 000 Geleitzügen ihren Schutz gewährt."
Unsere U-Boote suchen naturgemäß nicht gerade die Gebiete auf, von denen sie anuehmen können, daß sie am schärfsten überwacht werden. Sie steuern lieber weniger geschützte Jagdgebiete an und masiieren ihre Angriffe hier so lange, bis der Gegner dadurch gezwungen wird, die Sicherung zu verstärken. Verstärkte Sicherungen auf einem Wege bringen aber zwangsläufig Schwächung auf einem anderen mit sich, in den bann unsere U-Booie ihre Tätigkeit verlegen. Das können sie Dank ihrer stärksten Waffe, der Unsichtbarkeit ebenso unbemerkt und überraschend bewerkstelligen, wie ein neues Auftreten in einem bisher sicheren Gebiet. Damit wechseln auf den einzelnen Stationen Perioden großer Erfolge mit Zeiten mühseligen Wartens. Deshalb schwanken auch die Verfenkungsergebnisse. Im ganzen genommen haben aber alle Versuche unserer Gegner die nach vorstehend skizier- ien Grundsätzen durchgeführten Angriffe unserer Unterseeboote nicht verhindern können. Wendell Wilkie, der Gegenkandidat Roosevelts bei der letzten Präsidentenwahl, sagte Ende Oktober 1942 in einer Rundfunkansvrache, daß nur „eine kleine Menge des hergestellten Kriegsgeräts ihren Bestimmungsort erreicht hätte." Der -verhältnismäßig kleine Nutzeffekt aller Abwehrmaßnah- men kommt zu einem guten Teil daher, daß sie den U-Boot-Angrif- fen immer nachhinken, weil sie eben nicht wissen, wann und wo diese angesetzt werden.
Unter den (Erörterungen, die über, die Unterseeboot-Kriegführung veröffentlicht wurden, verdient eine im „Temps" erschienene Arbeit eines offenbar gut unterrichteten Fachmannes besondere Beachtung. Den Unterschied zwischen dem ersten und dem fetzigen Weltkrieg charakterisiert er wie folgt: „Das U-Boot von 1918 war auf die Einzelvirsch beschränkt, das U-Boot von 1942 operiert mit Treibern." Der Verfasser führt die andauernde» Erfolge unserer U-Boote vor allem auf ihre vermehrte Zahl zurück wobei er mit jeweils 100 Booten am Feinde auf allen Kriegsschauplätzen rechnet, bann aber auch auf die Verbesserung bet taktischen Methoden. Dabei wird betont, daß die U-Boote von Anfang an gegen die ausgezeichneten Horchgeräte unserer Gegner zu kämpfen hatten, aber auch ihrerseits großen Vorteil aus dem Fortschritt bet Ultra-Schall-Technik gezogen haben. Er hält es für durchaus möglich, daß, dank der Verbesserung der Unterwasser-Schall- und Signaleinrichtungen die Verbände mehrerer Einheiten in der Lage sind, auch unter Wasser verbandsweise zu operieren und ihre Torpedos nach den Befehlen eines einzigen Führers gegen das gleiche Ziel eines Eeleiizuges abgeben. Auch die Hilfe der Fern- kanivf-Flugzeuge ist nach Ansicht des Franzosen für die von den U-Booten befolgte Taktik von außerordentlichem Wert.
In England und in Amerika sind die Ansichten darüber, wie am besten der immer stärker werdenden Bedroh ring durch den Handelskrieg abgeholfen werden kann, geteilt. Nur in einem ist man sich einig, daß nämlich bisher nichts Entscheidendes auf diesem Gebiet geschehe» ist. Eine starke Strömung will anstelle der Ersatzbauten mit verhältnismäßig kleiner Geschwindigkeit schnelle Schiffe bauen, die mehr Aussicht haben, den U-Booten zu entgehen. Der britische Marineminister Alexander hat sich dagegen ausgesprochen, weil schnelle Schiffe erheblich mehr Zeit zizm Bau brauchen und auch ihr Nutzeffekt, d. h. die Ladungsmöglichkeiten kleiner wird. Je schneller Geleitzüge sind, umso mehr wachsen die Schwierigkeiten für die angreifenden U-Boote. Daß aber auch diese Schwierigkeiten durch geschickte Taktik überwunden werden können, beweisen die geglückten Angriffe auf Truppentransporter mit Geschwindigkeiten bis zu 19 Seemeilen.
Der amerikanische Marineminister Knox sagte am Jahresende vor der Presie, die'deutschen U-Boote würden „überall da zuschlagen, wo eine Dersorgungslinie aufrecht erhalten werden muß."
Über 50 Millionen RM
Verdoppelung des Sammelergebnisses bei der fünften Reichsstraßensammlung
Berlin, 23. Febr. (Funkmeldung.) Die am 6. und 7. Februar 1943 von Bamten und Handwerkern durchgefubrte 5. Reichsstraßeniammluna hatte einen stolzen Ertolg. Obwohl Abzeichen nicht verkauft wurde», erbrachte sie nach vorläufigen Feststellungen 50 081 83 9.42 RM. Gegenüber der gleichen Sammlung des Vorjahres, dre ein Endergebnis von 25111874.00 RM. batte, ist eine Zunahme von 24 969 965.42 RM.. das sind 99,43 v. S. zu oerzetchnen.
Neue Siege bekannter Jagdflieger
Berlin, 22. Febr. In den Luftkämpfen über dem nördlichen Abschnitt der Ostfront am 21. Februar, die zur Vernichtung von 31 bolschewistischen Flugzeugen führten, besiegte Hauptmann Phi - lipp seinen 171. Gegner, Leutnant Stotz erzielte mit Abschüssen seinen 161. Luftsteg, während sein Eruppenkamerad Oberleutnant Beitzwenger mit vier Abschüßen den 142. Gegner im Luft- tämpf besiegte. Mit ebenfalls vier Abschüssen erhöhte Feldwebel Beutln die Zahl seiner Luftsiege auf 39;
Vernichtung bolschewistischer Banden
Berlin. 22. Febr. Dieser Tage führte eine Kampf- ,f l i e g e r st a f f e l ucrniditcnbe Schläge gegen bolschewistische Banden durch. Spähtrupps hatten im rückwärtigen Frontgebiet des mittleren Abschnitts zehn Bandenlager aufgespurt.
Kleine Literninrgesctzictzte öor £a$n
Von August Straub
II.
Die „reizendste Bergstadt, die wir Deutsche haben," ist mit der Geschichte der Literatur vielfach verbunden. In Marburg fand Jacob Grimm, zu Savignys Füßen, die erste Verbindung -u dessen Schwager Clemens Brentano und dessen Freund und spaterem Schwager Achim von Arnim, den Sammlern des „Wunderhorns . aus deren berühmtem „Zirkular" die Brüder jene Andacht und Begeisterung kennenlernten, mit der die jüngere Romantlk thre künstlerische und nationale Sendung erfüllte. Sn caoignus Daus, dem Forsthof nahe dem Schloß, weilte auch Bettina zu Besuch und erlebte auf der schwindelnden Höhe des „Bettlnaturms iene schwärmerischen Sternennächte, die sie im „Briefwechsel mit Goethes Mutter" (1835) beschreibt. Da Bettinas Gemüt damals unter dem Freundschaftserlebnis der Stiftsdame Karolme von Giinderode stand, die sich aus unglücklicher Liebe zu Creuzer m Winkel im Rheingau den Tod gab. wurde ihr Herz beim Anblick des Professors, der ebenfalls bei Savigny einkehrte. _ von seltsamen Ahnungen erfüllt Ein Schleier zarter Wehmut breitet sich über diese Briefe, der Schimmer eines gewißen llnerfulltlems, der irgendwie auch diesem heiteren Tale eignet. — Vor Bettina weilte während zweier Jahre die bedeutendste orrau der Fruh- romantif in freiwilliger Verbannung in Marburg, Karoline von Schelling, deren Briefe aus der Zeit der schwärmende» Serien der Nachwelt den bezaubernde!- Abglanz ihrer anmutigen toeiiug» (eit hinterlassen. — Über das Marburg des Biedermeiers vollends stehen schöne Worte im feinen „Prinz Rosa Stramin (1834) von Ernst Koch:
Ich habe in Marburg und in Göttingen studiert. Beide Orte unterscheiden sich sehr. Sn Göttingen ifts kalt. fein, und ftols. überall riechts nach Profesioren. Sn Marburg ifts warm, grob und zutraulich. In Göttingen gedeihen Äamele. ©etbelraut. Professorentöchter und Würste: in Marburg frohe Buchen. Mem- blumen. liebe Mädchen und irdene Waren Ein Ball in Marburg ist eine lachende Rose, welche die Studenten den Mädchen schenken. Göttingen hat eine Universität. Marburg i st eine Universität, indem hier alles, vom Prorektor bis zum Stiefelwichser, zur llni- verfiiät gehört.
Marburgs bedeutende geschichtliche Vergangenheit forderte zu dichterischer Gestaltung heraus. Agnes Miegel schrieb die Novelle „Serbstabend" (1934) um St. Elisabeth Die gotische Heilige wurde auch Agnes Günther zum Erlebnis, die an der Lahn einen Wiederklang des Wald- und Burgenlandes an der Jagst zu vernehmen glaubte und die nielgelefene Seelengeschlchte „Die Heilige und ihr Narr" (1913) schrieb. Wilhelm Schäfer begleitet „Huldreich Zwingli" (1926) an die Lahn. Sind noch zu nennen Wilhelm üaabes „Wunnigel" (1879) und S. W. Seidels „Vogel Tolidan"
(1913), „Die Welt im Winkel" (1928) von Heinrich Zerkaulen und Walter Bloems „Krasier Fuchs (1906), der die Blicke einer zahlreichen Leserschaft auf die gesellschaftlichen Zustände der Lahn- universttät richtete.
Unter dem Schloß Friedelhausen, in dem Rainer Maria Rilke mehrere Male zu East weilte, wandeln oberhesiifche Bauernmädchen in ihrer zart getönten, an das Biedermeier erinnernden Tracht und singen ihre schwermütigen Volkslieder. Bald erscheint Gießen. Vom Gießener Studenleben. das von einigen älteren als auch neueren Autoren dargestellt wurde, ließt man Ergötzliches in Adam Karillons „Erlebnisse eines Erdenbummlers" (1923). -
Aus Runft unö Lsbsn
* Dr. Goebbels ehrt japanische Geigerin. Reichsminister Dr. Goebbels überreichte im Beisein des javanischen Botschafters in Berlin. Sirota Oshima. der javanischen Geigerin Neiko Suwa eine Stradivari-Eeige. Die junge Künstlerin hatte im Dezember vorigen Jahres bei ihrem ersten Auftreten in Berlin einen aufsehenerregenden Erfolg. Sie hat seitdem in einer großen Zahl von Konzerten vor deutschen Verwundeten gespielt. Bei der Überreichung würdigte Botschafter Oshima das kostbare Geschenk in herzlichen Dankesworten als ein Zeichen der engen deutsch- javanischen Verbundeilheit auch auf kulturellem Gebiet.
* Alma Rogge, die am Mittwoch, 24. Febr. 1943, im kleinen Saale des Kurhauses liest, gestaltet teils mundartlich, teils hochdeutsch Leben und Wesen norddeutscher Menschen. Sie begann mit vier plattdeutschen Bühnenstücken. Die Schiffer- und Moorerzählungen „Leute an der Bucht" wurden mit dem Literaturpreis der Provinz Hannover ausgezeichnet. „Dieter und Hille" ist die Geschichte einer Liebe Heimatgebunden sind die Erzählungen „In der weiten Marsch". Alma Rogge, geboren zu Rodenkirchen, lebt jetzt in Bremen.
* Friedrich Schreppogl. der sich mit feineji lyrischen, epischen und dramatischen Werken nicht nur in feiner' Heimatstadt Wien, sondern auch über die Alpen- und Donaugaue hinaus einen klangvollen Namen erworben bat, las auf Einladung der Wiener Samerling-Eesellschaft im Festsaal des Jndustriehauses. Die von ihm gebotenen Proben aus (einem Nibelungen- und Grillvarzerroman sowie aus seiner „Schicksalsfinfonie" zeigten ihn als Meister der Kunst, mit scharfem Blick gesehene Szenen lebensnah und dabei doch, den Erfordernissen des epischen Stils entsprechend, distanziert yuszubauen. Hinter der von ihm heraufbeschworenen Atmosphäre wird stets das Wisien um die Einordnung des Menschen und des Lebens in den Kosmos spürbar. Durch die überlegene, tief in den seelischen Untergrund eindringende Einfühlungskraft wird dieses Wisien dem Bezirk der Weisheit angenähert. Der viel gespielte Autor der „Klugen Wienerin", der
„Dis Muss" von Rarl Orff
Uraufführung in Frankfurt a. M.
Wie vordem das Tanzsviel „Das Paradiesgärtlein" und die szenische Kantate „Earmina Burana". so hat jetzt ein drittes Bühnenwerk von Carl Orff in der Frankfurter Over das Licht der Stampe erblickt. Es ist „Die Geschichte von dem König und der klugen Frau" und führt den Sauvttitel „Die Kluge". In fünf Viertelstunden laufen auf einer Simultanbühne zwölf Szenen ab. die sich in zwei Linien ordnen, auf der jeweils höheren Spielfläche vollzieht sich die Märchenhandlung, die sich eng an die Geschichte von der klugen Bauerntochter der Brüder (Stimm anlehnt. In den unteren Regionen tummelt sich eine burleske Strolchetei. die ihren feinen Witz aus dem höchst geistreichen, wie imvrovistert wirkenden Gebrauch alter Sprichwörter bezieht.
Für Carl Orff. den Autor des Textes und der Musik, erhob sich eine Fülle von Möglichkeiten, neben der zarten Stimmung blitzende Sentenz, »»packenden Svaß, Bänkelsängerei, Moritat als Fröhlichkeit in vielen Färben, auf gesprochene und gefangene Szenen zu verteile». Mit Ausnahme des in abgewandelten Wiederholungen sich steigernden berauschten Nekrologs auf die Treue und des Schlummerliedes schwingt die Musik in kurzen scharf profilierten Sögen, die Sinn und Handlung illustrierend schmücken. Dazu wird ein großes Orchester mit außerordentlich differenziertem Schlagwerk aufgeboten. Ratschen und Sanhraffeln sind auch dabei, eine freihängende, mit Holzschlegel geschlagene Solnhofer Platte. Steinsviel genannt, greift für gute Ohren charakterisierend ein. Auch bann, wenn dieser große Apparat los- bridjt. vergröbert er sich nicht »um Radau. Meist find nur kleine Gruppe» eingesetzt. Weder bestand das Entscheidende nicht im Masiieren, sondern im Weglasien. *
Die Uraufführung, der Monteverdi-Orffs „Orfeo" vorausgegangen. wurde für den Bühnenbildner Helmut Jürgens, nicht weniger für den stilbewußten verständigen Kapellmeister Otto Winkler und für die Darsteller ein großer Erfolg. Vor dem Vorhang nerneigte sich, einen Kranz in der Sand„ Carl Orff mit strahlendem Gesicht Friedrich Stichtenoth
feinen eigenen Werken ein vorzüglicher Interpret war. fand Bei dem [einem Schaffen gewidmeten Abend dankbar begeisterte Zustimmung. Prof. Dr. Schreyoogl ist seit Jahren der Wiener Theaterreferent des „Wiesbadener Tagblatts". Dr. I. A. Flach
Druck und Verlag: L Schellenberglche Buchdruckeret. Wiesbadener Taablati, Wiesbaden ®efamtititun«: Dr.phil.habil.Gustav Schellenberg und Otto Kaiser. Haupt» schriftleiier: »rig Günther, siimtl in Wiesbaden. Zur Zeit ist Preisliste Nr. tv gültig
Die heutige Ausgabe umfaßt 6 äetten
