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Wiesbadener Tagblatt

Mittwoch, 6. Sannor 19fl

§uch anlleß, doch mehr nach Restauration, nach der Wieder- heritellung des Gewesenen aussah, als nach irgendwie revo- nitionarer oder auch nur durchgreifender Neugestaltung, wcan gab bet diesem seltsamen Unternehmen zwar vor, in eine neue Zeit marschieren zu wollen, aber man hielt dabei den Kopf krampfhaft nach rückwärts gewandt: und da ist oenn das Mattchieren ganz naturgemäß eine etwas kümmer­liche Sache. Es hat sich denn auch bisher im Stolpern aus einer Halbheit in die andere erschöpft: und das logisch ge­rechtfertigte Mißtrauen in eine solche Revolution von oben hat seine Bestätigung durch die Ereignisse, oder richtiger durch die Richtereignisfe erfahren.

.Ist. an sich schon nach allem Verlauf der Geschichte der Ewigleitsanspruch eines Volkes eine höchst zweifelhafte Sache, so im besonderen französischen Fall erst recht. Ange­sichts der schwindenden V o l k s z a h l. die die Fran­zosen um so mehr zu einer sterbenden Nation stempelte, als der Schwund der Geburten nicht zulasten der Großstädte, sondern gerade des flachen Landes ging, wo der Bauer im Zweikindersystem'einen Jdealzustand erblickt. Angesichts der rn, den letzten Jahren mit besonderer Eindringlichkeit be­wiesenen Tatsache, daß dieses Frankreich trotz aus­reichenden Bodens und sonstiger Produktionsbe­

dingungen nicht imstande ist. sich selbst zu er­nähren. Angesichts schließlich auch des erfdjredenben Mangels an nationaler Solidarität, wie er in diesen Mo­naten aus Anlaß der „releve". des Austauschs von Kriegs­gefangenen gegen freie Arbeiter zutage trat, bei dem trotz aller Lockungen und Drohungen von amtlicher Stelle kem durchschlagender Erfolg zu erzielen war. Es ist durchaus möglich, daß auch Frankreich das Schicksal so vieler anderer Völker dieser Erde teilt, einfach in E e s ch i ch t s l o i i g k e i t zu versinken, nicht mehr Subjekt, sondern nur noch Ob-- iekt einer künftigen Entwicklung zu sein, zumal es stch mm- destens augenblicklich des Verfalls seiner Wehrhaftigkeit nicht schämt, sondern eher mit ihm noch kokettiert. Diese Gefahr einer geschichtlichen Zukunft ist den Franzosen jüngst in aller Klarheit von deutscher Seite vor Augen geführt worden, nicht als Drohung, sondern als einfache tatsächliche Folgerung aus ihrem eigenen Verhalten. Bei ihnen liegt es nun. diese Warnung zu beherzigen oder in den Wind zu schlagen. Darüber jedenfalls sollten Re sich klar werden: daß man stch als Nation wie als Einzelwesen nicht in entschei­denden Momenten in der Selüstaufgabe gefallen kann mit dem Vorbehalt, eines Tages wieder bei den Anderen irgend­welche alten Ansprüche selbstgefällig anzumelden.

Die schweren Abwehrkämpse dauern an

56 Sowjetvanzer zerstört — Bolschewistischer K-vallerieverband vernichtet — Zwanzig sowjetische Flugzeuge abgeschossen — U-Boot versenkte im Nordmeer 5MV-BRT-Nachschubdampser

Aus dem Führerhauvtauartier, 6. San. (Funkmeldung.) Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt:

5m Dongebiet hielten auch gestern die schweren Abwehr­kämpse in unverminderter Stärke an. Angrisse der Sowjets wurden unter hohen feindlichen Berlusten abge­schlagen. Eine Panzer-Division schoß dabei 31 Panzerkampf­wagen ab. 3m Gegenangriff vernichtete ein motorisiertes Grena­dier-Regiment weitere 25 Sowjetvanzer, sowie zwei Batterien und 22 Panzerabwehrgeschiihe. An anderer Stelle zerschlug ein deutscher Gegenstoß zwei seindliche Bataillone. Die Lust- «ässe bekämpste den Nachfchubverkehr und • Truppenbereit- stellungen des Feindes.

5m mittleren Frontabschnitt wurde ein feindlicher Kavallerieoerband gestellt und vernichtet. Feindliche Angrisse gegen den Stützpunkt Welikije Luki und südöstlich des Ilmen-Sees wurden abgewiesen.

Sagdslugzeug« und Flakartillerie schossen über der mittleren und nördlichen Ostfront zwanzig Sowjetslugzeugc ab. Anlagen der Murman-Bahn wurden durch deutsche Kamps- und Zer- ftörerslugzeuge, bei Nacht auch das Bahnhofsgebäude von Kan­dalakscha angegrissen. >

5n Nordafrika sanden nur Kampshandlungen geringen Umfanges, statt.

5n Tunesien beiderseitige lebhafte Aufklärungstätigkeit. Die Luftwaffe griff einen feindlichen Flugstützpunkt, Flak- stcllungen und Panzeransammlungen an. 5n Luftkämpsen wur­den drei Flugzeuge abgejchossen.

Ein deutsches Unterseeboot versenkte im Rordsneer einen Nachschubdampser von 5000 BRT.

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Im Wehrmachtbericht vom Dienstag findet stch der Satz: „Die schweren Abwehrkämpfe im Dongebiet halten an.“ Man weiß, daß der Donbogen und die benachbarten Abschnitte einer der Hauptbrennpunkte der Winterschlacht im Osten sind. Seit Wochen versuchen die Bolschewisten an dieser Stelle einen Durchbruch, um den Pfabl im Fleisch, dre Deutsche Stellung in Stalingrad, zu beseitigen. Seit Wochen branden Tausende von Panzern, gefolgt von Eliteformationen der Infanterie-Divisionen, gegen die Stellungen und Stützpunkte bet deutschen und verbün­deten Truppen an. Unter Heranziehung aller verfügbaren Reserven bildet der Feind Stoßkeile, deren Aufgabe es ist. die rückwärtigen Verbindungen der an anderen Stellen kämpfenden Truppen zu durchschneiden und dre yront her deutschen und verbündeten Truppen aufzusplittern. Wie ernst es den Bolschewisten mit diesem Unternehmen ist. geht schon aus der Tatsache hervor, daß Re seit Wochen immer wieder an den gleichen Frontstellen trommeln und hämmern, und daß sie diese Angriffe, ungeachtet der schweren Menschen- und Materialverluste, die Re dabei erleiden, ständig wieder­holen. Hin und wieder flauen die Kämpfe etwas ab. Dies ist immer dann der Fall, wenn die Sowjets bei ihren An­griffen so schwere Verluste erlitten haben, bau ste erst einmal wieder Nachschub abwarten müllen, um ihr vergebliches Vor­haben erneut beginnen zu können.

Was ist der strategische Erfolg der bisherigen bolschewi­stischen Angriffe, die sich gleichmäßig auf den südlichen, mitt­leren und nördlichen Frontabschnitt verteilen, die am Terek mit der gleichen Verbissenheit vorgetragen werden wie in Stalingrad und im Donbogen und bei Toropez und Welikije ßufp Der Erfolg ist gleich null. Wo es dem

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Das Gebiet der mittleren Ostfront

(Weltbild-Eliele).

Feinde gelungen ist. örtliche Einbrüche in die Stellungen der deutschen und verbündeten Truppen zu erzielen, werden sie entweder alsbald abgeriegelt, so daß dem Feind die stra­tegische Auswertung seines taktischen Erfolges verwehrt bleibt, oder die Angriffskeile werden abgekniffen, so daß für den Feind fühlbare örtliche Niederlagen mit schweren Menschen- und Materialverlusten daraus folgen. Nirgends hat die Kraft des sowjetischen Angriffes ausgereicht, um eine wirkliche Entscheidung zu erzwingen. Es ist stets das gleiche Bild in allen den Schlachten, in denen die deutschen und verbündeten Truppen stch in der Abwehr befinden.

Daraus folgt nun keineswegs, daß diese Kämpfe etwa leicht wären. 5m Gegenteil, wir müllen uns vergegen­wärtigen. daß an Führung und Truppe, sowohl der vorderen Linie wie der rückwärtigen Dienste, in den Winterschlachten des Ostens unerhörte Anforderungen gestellt werden. Die Truppe hat stch in den meisten Fällen gegen eine starke feindliche Übermacht an Menschen und Material zu wehren. Oft werden feindliche Durchbrüche durch die entschlollene Hal­tung einer einzigen Geschützbedienung oder sogar eines ein­zelnen Mannes abgewehrt. der kalten Blutes feindliche Panzer auf kürzeste Entfernung abschießt. Diese Heldentaten der deutschen und verbündeten Soldaten aller Dienstgrade be­gründen die Überlegenheit unserer Waffen im Osten. Auf sie stützt die Führung ihre Entschlülle. weil Re weiß, was Re ihren Soldaten zumuten kann. Das deutsche Volk aber ist mit seinem Herzen bei den Kämpfern der Ostfront, die in der Verteidigung ebenso gut wie im Angriff die Sicherheit der Heimat gegen die bolschewistische Barbarei gewähr­leisten.

Rivalität ohne Ende

(Eigener Drahtbericht unserer Berliner Schriftleitung)

Ls. Berlin, 6. San. Die Klagen darüber, daß die englisch- amerikanischen Differenzen in Nord afrika noch immer nicht beigelegt werden konnten, wollen in der englischen Presse nicht verstummen. Zugleich sieht man sich freilich $u dem Ein­geständnis genötigt, blitz diese Differenzen sich kerneswegs auf Nordafrika beschränken. „Wir und die Amerikaner verstehen uns nicht g u t“, so schreibt beispielsweise die englische Wochen­schrift „Spektator“ und fügt hinzu: „und mit den Sowjets verstehen wir uns noch weniger". Selbst in dem Krieg wie diesem, der für die Verbündeten gemeinsame Gefahren bringe, sei noch immer nicht die langersehnte Einigung der Alliierten untereinander zu­stande gekommen. Damit wird noch einmal bekundet, daß man sich wohl im Haß gegen die autoritären Staaten einig ist, daß man aber keinerlei gemeinsame positive Kriegsziele hat. Vielmehr fürchtet jeder dieser trefflichen Verbündeten, später einmal von den anderen über das Ohr gehauen zu werden.

Auch der englische Botschafter in Washington, Lord Hali­fax, hat sich veranlaßt gesehen, stch wieder einmal diesem Thema zuzuwenden. Sn einer Ansprache an die Männer des ÜSA.-Snfor- mationsamtes setzte er stch mit frommem Augenaufschlag für „die dauernde Einheit zwischen den Alliierten nach dem Krieg" ein. Das sei das wichtigste Problem, denn die Einigkeit sei ab­solut notwendig, „wenn dre Kämpfe aufhörten". Sn London wird man sogar der Ansicht sein, daß das schon im Augenblick, wie das Beispiel Nordafrika beweist, bas „größte Problem" sei. Die „Times" tröstete stch zwar damit, daß England nun nach dem Eintreffen des neuen britischen Ministers für Nordafrika. Mac M t! l a n, im Hauptquartier Eisenhowers eine direkte Einstcht in die politische Situation habe. Aber auch das englische Blatt muß hinzufügen, daß diese Situation „verwickelt" und in mancher Hinstcht „dunkel" sei. Sn diesem Zusammenhang stellt der „Popolo bi Roma" fest, England habe entdeckt, daß die Empire-Politik Roosevelts zu gefährlich für die britischen Snteresten sei, die von amerikanischer Seite gar nicht berücksichtigt würden. Das Spiel Mischen den beiden Dieben in Nordafrika habe erst begonnen Doch hätten die Pläne der beiden Konkurrenten einen kleinen Schönheitsfehler. Sie hätten nämlich außer acht gelassen, daß Europa im richtigen Augenblick auch ein Wort nntspreche, das weder englisch noch amerikanisch sei.

City-Versammlung gegen Beveridge-Plan

Genf, 6. San. (Funkmeldung.) Sn Verbindung mit der „Liberty Restoration League", einer Gründung der Londoner Eity zum Kampf gegen alle als dividendenschädigend betrach­teten sozialpolitischen „Neuerungen", hielt Eavtain Bernard Accworth die erste große öffentliche Rede gegen den Beveridge- Plan. Der Redner kennzeichnete ihn nach einem Bericht des „Daily Serald" als „h a l b e n W e g n a ch M o s k a u". Er be­tonte bann, es komme jetzt in erster Linie darauf an. den Reichtum in England wiederherzu st eilen. Statt­dessen werde stch der Beveridge-Plan als unmittelbare Belastung für jede englische Ausfuhr auswirken. England aber müsse die verlorenen Weltmärkte wieder erobern oder verhungern. „Daily Serald" schildert den Verlauf der Versammlung als stürmisch. Der Redner sei oft von wütenden Zwischenrufen unterbrochen worden.

Argentinische Bahnen stillgelegt

Genf. 6. San. (Funkmeldung.) Die anglo-amerikanischen Slgesellschasten kommen ihren Lieferungsverträgen für Argen­tinien nicht nach. Da das Land nur 60 % seines Treibstoffver­brauches und so gut wie gar keine Kohlen erzeugt, ist fein Verkehrswesen in größte Schwierigkeiten se­id m m e n. Die englische Buenos Aires Great Southern Rail- way und die Buenos Aires Western Railway teilten jetzt der argentinischen Regierung nach einer „Times"-Meldung mit. daß die ölverbrauchenden Untergrundbahnen und andere Züge der beiden Gesellschaften, insbesondere auch der Schnellzugsverkehr zwischen Buenos Aires und Bahia-Blanca sowie nach Mar del Plata eingestellt werden müßten. Wo die Möglichkeit gegeben ist, müßten die Lokomotiven mit Holz und Mais ge­heizt werden.

1000 Milliarden Franc französische Staatsschuld

Paris, 5. San. Die französische Staatsschuld ist im Begriff, die fast astronomische Summe von 1000 Milliarden Francs zu er­reichen, stellt die Agentur Snterftance in einem Überblick über die bisherige Entwicklung der öffentlichen Schuld in Frankreich fest. Es handelt stch bei dieser Summe um reine Staatsver­schuldung, die Verpflichtungen lokaler Gemeinden oder der Eisenbahnen sind hier nicht einbegriffen.

Druck und Verlag: L Schellenberglche Duchdruckerei, Wiesbaden« Taablatt.Wlesbabe» EejamÜeUung: Dr.phil. habil. Gustav Schellenberg und Oiio Kaiser. Haupt, schristleiter: Fritz Günther, stlmti. in Wiesbaden. Zur Zeit ist Preisliste Nr. 10 gültig

Die heutige Ausgabe umfaßt 6 Seiten

Sisbsn Zatzrrstznto Aufstisg

Das Sinfonie« und Kurvrchester der Stadt Wiesbaden jubiliert

Am Donnerstag, den 7. Januar, find es 70 Jahre, daß das S: Jo benannte Sinfonie- und Kurorchester der Stadt Wiesbaden eht. Erst spät, vor einem Sahre, drückte es, stolz auf seine Erfolge und Geschichte und gebilligt durch die Zustimmung der mustkalischen Welt, in diesem neuen Namen aus, daß es über die Unterhaltungsbelange einer Kurkapelle ein Kuiturfaktor sei, der den Ruf Wiesbadens als internationale Musikstadt begrün­den, vertiefen und b e f e st i g e n half.

Ein festliches Konzert am morgigen Tage unter Earl Schurichts Leitung mit der ersten Sinfonie e-moll von Sohan- nes Brahms mag ein sichtbarer Markstein sein für die Hochent­wicklung des Orchesters. Es zeigt nach Anspruch des Werkes und durch das Gewicht seines Dirigenten, wo heute das Orchester steht: Unter den städtischen deutschen Orchestern mit an erster Stelle und im internationalen Musikleben von anerkannter Bedeutung. Denn seine ruhmreiche Geschichte zählt u. a. zu den weit über den Kreis der Stadt hinaus beachteten Veranstaltungen das Brahms-Fest 1921, das programmatisch wichtige Tonkünstleffest 1934 und neben sonstigen internationalen Veranstaltungen als letzte die bedeutenden, auch politisch weithin wirkenden finnischen Mustktage. Gegenwärtig verkörpert Ansehen und Leistung des Orchesters Earl Schuricht. Er hat feit 1911 die Qualität bei Leistung in die Tiefe und die Wirkung des Orchesters in die Breite der internationalen Anerkennung stetig vollzogen. Unser Eedächtnisartikel Nr. 65 v. 18. 3. 42 über Carl Schuricht war zu­gleich auch eine Charakteristik des Sinfonie- Orchesters von heute.

Daß es eine Freude für einen großen Dirgenten ist auf einem so geführten und so disziplinierten Sprelkörper zu spielen und so williges Musikantenturn zu führen, erweist die Geschichte der Gastdirigenten- und Solistenkonzerte. Was Klang und Bestand hat unter den Großen der Musik, stand schon am Pulte vor dem Orchester und steht im Eoldnen Buch der Stadt Wiesbaden. Die Einträge beginnen mit dem Namen Richard Strauß (25. 11. 04) und nennen als zweiten Arthur Nikisch. Pfitzner, Reger, Winifred Wagner, Manowarda, Karl Böhm. Raabe, Furtwängler, Knapperts- b u s ch Graf Hidemaro K o n o y e und Generalintendant Heinz Drew'es folgen. Außer den im Golbnen Buch Verzeichneten wären-noch zu nennen: Clemens Krauß und Hermann Abend­rot h Einige von ihnen reimten sogar. So lesen wir am 6. 12. 1914 von Hans Pfitzner folgende zwar nicht literarische,' aber um so herzlichere Eintragung: „Hört, was sich wünscht ein deutscher Componist, der heut zum ersten Mal in dieser Stadt gespielt wor­den ist- Erstens: Noch öfter solche Orchestertaten wie die vom prächtigen Kur-Orchester in Wiesbaden. Dann. Daß jeder Dirigent mit vorher die Stücke so fein zuricht' wie Ihr famoser Carl Schuricht." Furtwängler schrieb anläßlich des Brahms-Festes im Juni 1921 das schwerwiegende Wort: „3m Gedenken an die

wirklich wundervollen Leistungen des Orchesters beim TV. Brahms- fest." Von Elmendorff stammt die Anerkennung: „Es war mit eine große Freude, auch einmal in diesem schönen Saal musizieren zu dürfen. Mein Dank gilt vor allem dem ganz aus­gezeichneten Stäbt. Kurorchester für seine hervorragende Leistung." Beinahe offiziös und abschließend aber klingt, was der Präsident der SÄrichsmusikkammer, Dr. Peter Raabe, am 12. 5. 1939 eintrug. „Es ist mir eine Freude, mit dem Stäbt. Kurorchester zu musizieren!"

Die Spitzenleistungen bei .solchen Konzerten sind aber nur möglich, wenn in unaufhörlichem Höherstreben das Orchester nicht stille steht. Das Hervortreten bei besonderen Gelegenheiten ist nur neuer Antrieb, Sammlung von Erfahrungen und eine neue Verpflichtung. Die tagtägliche Arbeit am Werk ist eine stille Vor­aussetzung. Und so wird nach 70 glanzvollen Jahren das Jubi­läum auch ein sichtbares Denkmal für die Gewissen- Hastigkeit, Arbeit und Fähigkeit seiner seitherigen Dirigenten und Mitarbeiter.

Ihre Namen stecken auch die äußere Geschichte des Or­chesters ab. Am 7. Januar 1873 fand das erste Konzert unter Lei­tung von Karl Müller-Berghaus statt. Ihm folgte bis 1905 Louis Lüstner. Die weiteren Jahre wurde die Kapelle von Ugo A f f e r n i, einem gebürtigen Italiener, geleitet, in dessen Zeit der Bau und die Einweihung des neuen Kurhauses fallen. Als Schuricht 1911 berufen wurde, erfolgte zugleich die Schaf­fung der Stelle eines Kurkapellmeisters, die dem seit 1895 am Orchester wirkenden Hermann Irmer übertragen wurde. Jrmers Nachfolger wurden der heutige Breslauer Generalmusikdirektor Her­bert Albert (1932—34), bann Dr. Helmut Thierselber und seit 1936 August Vogt. Aus der stattlichen Reihe der Kammer­musiker seien genannt der noch aktive Soloflötist Franz Danne­berg, der dem Orchester schon feit L Mai 1899 angehört, der fast zu gleicher Zeit angestellte, heute noch vertretungsweise herange­zogene Paul Kraft sowie bet Geiger Abolf Möbius, seit 1901 Mitglied des Kurorchesters. Auch in der Liste der Konzert­meister finden wir Namen von Klang, wie den zur Zeit im Felde stehenden 1. Konzertmeister Justus Ringelberg und Konzert­meister Albert Nocke.

Es ist ein Rolaer Rückblick, der sich an die obigen knappen Angaben knüpft. Neben den herzlichsten Glückwünschen für viele weitere Jahre und bet Anerkennung eines vorbildlichen Schaffens, bas auch in ben Anstrengungen des Krieger nicht er­lahmt, möchten wir mit einem Worte schließen, das der unver­geßliche Mufikreferent des „Wiesbadener Zagblatts“, Otto Dorn, ins Goldne Buch der Stabt Wiesbaden geschrieben hat:

Ich kann zwar nicht so dirigieren / so spielen, singen, kompo­nieren / wie all die großen „Sterne" hier. / Doch routirein freund­lich Los auch mir / derweil durch der Jahrzehnte Lauf / bei all bei „Steine ab und auf / hab ich viel hunbeit und abet hundert / Mal das Kurorchester erst bewundert / und bann: wie's spielt unb klingt und zündet / mit Lust in alle Welt verkündet

Dr. Heinrich Reichert.

Hans Franck am Dorfragstifdj

Im Rabmen der durch die Kur- unb Bäderverwaltuns ver­anstalteten Dichterlesungen kam als zweiter bieies Winters der Mecklenburger Sans Franck zu Wort. Das Werk des Dreiund- sechz,giäbrigen (Mitarbeiters leit vielen Jahren auch am „Wies­badener Tagblatt") ift außerordentlich weitschichtig schon dem auBcten Umtanfl nach Es bat keine Ausstrahlungen vorwiegend in Novelle, Lyrik und Drama. In die Zeit vor etwa zwei Jahr­zehnten fiel eine Reibe bemerkenswerter Bübneneriolge tauch auf den Brettern des damaligen „Staatstbeaters" in Wiesbaden be­stand Sans Franck seine Bewährung als Dramatiker, wie er zu­gleich in praktischer Dramaturgie am Düsseldorfer Schausvielbaus tätig war). Indes wohl nachdrücklicher noch wirkte der Dichter als Erzähler, der die verschiedensten Stoffkreise einbeziebt. Seine Ge­staltung vertieft stch oft in grübelnde Problematik, doch ssnd Bodenverwurzelung und erdbafte Kraft so stark, daß nie gedank­liche Blässe zu fühlen bleibt. Vielmehr schafft Sans Franck aus blutvollem Leben, et weiß auch Zeiten. Menschen und Schicksale bet Vergangenheit uns nabe au bringen: ko ist er Meiller bet vertief­ten. charakterlich geprägten Anckbote. unb bat eine Reibe solcher, die Wetenbaftes aussagen, beispielsweise übet den großen Preußenkonig Betoneben.

Auch den Lekeabend im gutbeketzten kleinen ftutbausfaal eröff­nete eine Novelle geschichtlichen Sintergrundes, eine ernst-heitere Begebenheit aus dem Leben des großen Klassikers deutscher Mullk. Jooann eebafhan Bach. Klänge des Meillers baten llimmungs- beiertende Einleitung. Das Adagio 6-dur für Fkote. Violine und Klavixr brachten Franz Danneberg. Albert Nocke und Augull König in subtiler Feinheit und vollendeter Wiedergabe zum Vortrag. Derart war der rechte Übergang für bas gesprochene Work geschallen. Der Dichter versetzte in feinet Erzählung in die Iugend- sejt bes großen Musikers, ba er als lunger, schlecktbeaablter Arn­stadter Organist au Fuß die Rene nach Lübeck antritt, sich dort an dem Altmeister Burtehude au schulen. Es ift nur ein kleines Erlebnis am Wege, in einem dörflichen Gasthaus. In der Wirts­stube sitzt der fahrende Mullkus hungernd, da iüm die. schmale Börse keine Abendmablaeit flejtgttet. abet etwas von dem genia­lischen ,tunken bes frembejt Gastes, der still qm Tito lltzt. wäh­rend trunkene Scholaren lärmen, verspürt die schöne Winstochtet: und die Begebenheit mit ben ..Goldenen Seringsköpfen". die den lungen Bach schon tn starker Sicherheit seiner künstlerischen 8e- rurung zeigt. steigert .stch ins Svmbolbane, wenn sie auch als Id oll und fall toelmtto mit retnbumoriflen Zügen ausklingt. Dabei ver­spürt man ganz beignbets. wie der Erzähler die Stimmung zu beschworen, die Gestalten mit kräftigen Strichen wie in Sols- tontttmantet btnrnetonen weiß.

„ .Dock nicht minder zuvackend ift Sans Francks dichterische Kran, wo es Schicksal bet Gegenwart im Wort au formen tritt. Kein Wunder, wenn ibn solches Schicksal auch ganz unmittelbar persönlich betraf, und bas Erlebnis der Zeit fteiflerte sich in ihm noch durch enge seelische Verbindung mit dem in vorderster Linie der.Omront kämpfenden Sohn. Diesem gelten die mannigfachen Vene, die ein noch unveröffentlichtes Buch ..Mein Sohn" zukam- menfanen will. Verse, die dem Kämpfer mitten im Schlachten­toben beiten wollen, das -schwerste zu bestehen und innerlich zu überwinden, zunächst gewissermaßen privat erlebt. ..Feldvost- gebtote*. wie Hans Franck Re bezeichnet: aber Re werden all­gemeingültig im Wissen oolksverbunbener Kameradschaft, ein Trost bet Verinnerlichung, der Schicksalsbereitschaft für viele Sohne.