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Wiesbadener Tagblatt

Freitag. 4. Dezember 1942

_________Wiesbadener Nachrichten

Die neuen Lebensmittelkarten

Senaue Einhaltung der Abholzeiten ist notwendig

Es sollte jedem Einsichtigen klar sein, baß die veriodische Aus­gabe der Lebensmittelkarten eine Aufgabe ist, die nur dann gut gelöst werden kann, wenn die Bevölkerung die in ihrem Jnteresie getroffenen Regelungen unterstützt. Eine Unterstützung der mit der Kartenausgabe beauftragten ehrenamtlichen Helfer kann aber keineswegs darin erblickt werden, wenn die Bevölkerung die in ihrem Interesse vorgenommene Buchstabeneinteilung nicht beach­tet. Die Erfahrungen haben gezeigt, dab die Kartenausgabestellen besonders am ersten Ausgabetag von Personen, die erst am zweiten oder dritten Tag ihre Lebensmittelkarten zu erhalten haben, so stark bedrängt werden, baß die angestrebte, reibungslose Karten­ausgabe kaum nock gewährleistet ist. Die Bevölkerung wird daher nochmals aufgeforvert, die von dem Ernährungsamt festgesetzte Buchstabeneinteilung zu beachten. Da bei der diesmaligen Karten- ausgabe neben den sonst üblichen Karten noch die Weihnachts­sonderkarten, die Fleischsonderkarten, die Bezugskarten für Gemüse­konserven und die Raucherkontrollkarten ausgegeben werden, ist die Einhaltung der Buchstabeneinteilung besonders dringlich, Ber- sorgungsberechtigts, die diese Ermahnung nicht beherzigen, haben mit ihrer Abweisung zu rechnen. Es wird jedoch erwartet, baß diese nicht notwendig sein wird, da ia alle dazu beitragen wollen, dah die mit dem Krieg verbundenen Erschwernisse nicht mehr als nötig in Erscheinung treten. Im übrigen wird die Bekannt­machung des Ernährungsamts und des Wirtschaftsamts in unserer heutigen Ausgabe der genauen Beachtung empfohlen.

Die heimische Versorgungslage

Marktbeobachtung des Reichsnährstandes

Während auf dem Eetreidemarkt das Roggenangebot anhält, wird die Versorgung der Mühlen mit Weizen durch die Reichs­stelle vorgenommen. Roggenmehl und Brotmehl ist laufend in genügender Menge vorhanden Die Heranbringung der für die Weihnachtszuteilung benötigten Mehlmengen ist im Laufen. Der Rauhfuttermarkt zeigt keine Beiänderungen. Zur Sicherung der Kartoffeloerforgung muh auch weiterhin nach den abzuliefern­den Kontingentsmengen gegriffen werden. Wenn auch zahlreiche Verbraucher mit Kartoffelvorräten beliefert sind, so werden doch für die vartieweise Abgabe ununterbrochen erhebliche Kartoffel­mengen gebraucht. Der Eemllsemarkt wkrd noch stärker als vor­her vom Kohlgemllse beherrscht. Die Wurzelgemüse wurden ver­möge ihrer Haltbarkeit weitgehend der Einlagerung zugeführt, was der Versorgung der kommenden Winterwochen zugute kommt.

Die Zuteilung von Rvfeln an Jugendliche hat in mehreren Städten bereits eingesetzt. Die weiterhin für diesen Zweck be­

nötigten Mengen werden in Bälde herankommen. An einzelnen Orten konnten Rüsie ausgegeben werden. Zitronen find in aus­reichender Menge vorhanden, Die Viehmärkte stehen jetzt schon deutlich im Zeichen der Umgestaltung des Verhältnisses der Tier­gattungen. Im Durchschnitt find rund 65 % Rinder, 20 % Schweine, 14 % Kälber und 1 % Schafe zugeteilt. Gleichzeitig werden, vor allem bei Schweinen, Herausnahmen für die Vorratshaltung ge­tätigt. 3uc6 auf vichwirtfchaftlichem Gebiet find die Vorbereitungen für die Weihnachtszutcilung im Gange. Die Bedarfsdeckung mit Milch und Milcherzeugnissen war sichergestellt, lediglich der Bedarf an Sveiseauark konnte nicht restlos gedeckt werden. Es ist jedoch Vorkehrung getroffen, dah die Verbraucher dadurch kerne Nachteile erleiden. Die nicht mit Sveiseauark befriedigten Ab­schnitte werden in anderer Weise beliefert. Die Ausgabe der zur Zeit aufgerufenen Eier ist in vollem Cggnae.

Der Rundfunk am Samstag bringt an bemerkenswerten Sendungen im Reichsprogramm: 16 Uhr Stuttgarter Wochenendmufik mit heilerer Unterhaltung, 18 Uhr Politische Hör­szene, 18.30 Uhr Zeitsviegel, 19.15 Uhr Frontberichte, 19.45 Uhr Hans Fritzsche spricht, 20.15 Uhr das deutsche Tanz- und Unter­haltungsorchester, 21 Uhr Die lustige Stunde zum Wochenende, 22.20 Uhr Sportnachrichten. Im D e u t s ch l a n d s c n d e r' 17.10 Uhr Violinkonzert von Brahms (Solist Erich Röhm), 20.15 Unterhaltungssendung von Karl Zeller bis Erieg.

Wiesbadener Gerichtsurteile. Anfang Dezember vergange­nen Jahres kam es Ecke Bismarckring und Bleichstrabe zupr Zu- sammenstoh zwischen einem Kraftwagen und einem Motorrad­fahrer. Es entstand nur geringer Sachichaden. Der Kraftfahrer stand vor einiger Zeit vor der Strafkammer und erzielte einen Freispruch, gegen den die Staatsanwaltschaft Revision einlegte. Das Reichsgericht hob daraufhin das Urteil auf und wies die Strafsache an die Strafkammer zurück. In einer neuen Verhand­lung wurde der Kraftfahrer zu einer Geldstrafe von 200 RM ver­urteilt. Die Leiterin der Küche eines groben Betriebes wurde wegen fortgesetzten Diebstahls zu einer Gefängnisstrafe von sechs Monaten verurteilt. Bei einer Durchsuchung ihres Zimmers stellte man Lebensmittelvorräte verschiedener Art bei ihr fest. Die An­geklagte gibt an, einen Teil der Vorräte rechtsmäbig erworben zu haben, einen Teil jedoch aus den ihr täglich zur Verarbeitung zur Verfügung stehenden Mengen entnommen zu haben. Die Be­hörde stellte der Frau über ihre Arbeit sonst ein gutes Zeugnis aus.

Di«rsbad<rn-6i<rbrLctz

Der Weihnachtsmann kommt trotz Krieg auch in diesem Jahr. Überall regen sich die Hände, um schöne Eeschenksachen her­zustellen, die er den artigen Kindern bringt. So ist auch in Biebriöh die NS.-Frauenschaft eifrig an der Arbeit, und was in ihrer Weihnachtswerkstatt angefertigt wird, das zeigen die zur Zeit im Schaufenster Hermanni ausgestellten Arbeiten. Wir sehen da Puvven und Püvvchen aus alten Stoffen, Teddubären aller Gröben, Wägelchen, Bettchen, Bilderbücher und dergleichen mehr. Die Ausstellung findet viel Beachtung bei Grob und Klein.

Scala" wieder ganz gro&/^Ä=

Kombinationsakt der3 Amanos". von Rang und vielseitigem Können

Links : Geschwister Frank, die eleganten Drahtseil- Künstler, Rechts: Jimmy, der wagemutige Springer (Archiv-Photo.)

In derScala", der jetzt acht Jahre unter der bewährten Direktion von Oskar Hammelbacher stehenden Wiesbadener Varietdbühne, rollt täglich eine Attraktionen-Folge ab, die der Be­zeichnung als Jubiläums-Programm alle Ehre macht. Erste Kräfte und hervorragende Könner aus den verschiedensten Gebieten der Artistik, darunter Nummern, die europäischen Rus besitzen und junger Nachwuchs, der es mit eisernem Fleiß bereits zu erstaunlichen Leistungen gebracht hat, erfreuen mit interessanten Darbietungen, die das Publikum restlos begeistern und immer wieder zum Beifall herausfordern. Besonders gut vertreten ist diesmal die Akrobatik. Hier verdienen die wagemutigen Tricks des LuftgymnastikervaaresOriginal B r o n n l e q s" mit der Präzision ihrer Kraft und Gewandtheit erfordernden Arbeit in schwindelnder Höhe besondere Hervorhebung. Im Auftritt der Geschwister Fran k", die elegante Tanzbalancen auf dem Steifdrahi zeigen, bildet die jüngste DrahtseilMnstlerin eine ent­zückende Miniaturfigur. Imposante Sprünge, Überschläge und Salti aus dem Stand oder aus tänzerischer Bewegung führtI i m m y" aus. Die Rollschuhattraktion der beidenLotti s ist mit dem Wirbel der Drehungen auf schmalem Podest und der Eleganz, mit der hier die Technik des akrobatischen Rollschuhlaufes beherrscht wird, nicht mehr zu überbieten. Ausgezeichnet in der Mannig­faltigkeit der Darbietungen und ihrer effektvollen Ausführung im

einzelnen ist der javanische

Als vierbeinige Akrobaten------

erweisen sichT h a l e r o s F i l m - F o x t e ti t e r die mit Be­geisterung ihre vortrefflich gelernten Drefiurkunstftücke zeigen und kn ihrem Eifer besonders drollig wirken.K. Lord', der witzig- bewegliche Illusionist, läßt über das Mysterium eines geheim^ nisvollen Totenkovfes und einer Zauberglocke schriftlich nieder» gelegte Fragen des Publikums auf amüsante Art beantworten. I e s f r i e s F e r n l e n k s ch i f f", das, von einer geheimnis­vollen Kraft getrieben, mit vollen Lichtern über die Bühne fährt, Kaiavult-Flugzeuge abschiebt, Unterseeboote vorschickt und die Geschütze sprechen läbt, ist ein technisches Wunderwerk, das eine kühne Illusion in die Wirklichkeit überträgt. Meistervirtuosen au, dem Czimbal findIrene Bercsöny u. C o.. Deutsche Volks­weisen, ungarische Tänze und eine Rhapsodie von Liszt bringen ihre Kunst in der Beherrschung des klangvollen Instruments aufs Beste zur Geltung. Die ebenso charmante wie elegante Revue- Soubrette Maria Ni st egge läbt ihren Koloratursopran mit strahlender Anmut aufklingen und unterhält mit liebenswürdigen Gesang- und Vortragsdarbietungen das angeregt folgende Publikum aufs Beste. Das sehenswerte Programm wird durch die flotte Begleitmufik der Kapelle Kaufmann effektvoll untermalt.

Fritz Günther

« All

nm »jNsmel

und ausgezeichnete Stepptänzer.

Freitag Verdunkelung von 17.16 6t» 7.49 Uhr

. Lohnt es sich? Es ist interefiant festzustellen, ob sich eine Hausfrau einem Trugschluß hingibt oder nicht, wenn sie meint, es

Fürsorgeoftiziere ein anschauliches Bild von Wesen und Form der Berufserziehungsknabnahmen machen. Hier stand ein Übungs­leiter im Ehrenkleid der SA., ein Baufachmann, mitten unter den Männern und teilte ihnen seine Erfahrungen beim technischen Zeichnen mit. Ein Hauvtübungsleiter für die technischen^ Berufe vermittelte denjenigen von ihnen, die als Kalkulatoren tätig sein wollen, mathematische Erkenntnisse. In anderen Räumen waren Arbeitsgemeinschaften am Werk, die Erundelemente: Schön- und Richtigschreiben, besonders für Linkshänder, zu üben. In einem anderen Saal saßen hinter klappernden Schreibmaschinen künftige Behörden- und Büroangestellte, wieder in einem anderen Raum waren Kausmannsgehilfen dabei, buchhalterische Probleme zu lösen. Die Teilnehmer der Arbeitsgemeinschaften faßten,, das er­kannte man immer wieder, ihre Aufgabe in dem Bewußtsein auf, sich für den künftigen Einsatz in der Heimat die notwendigen und für einen betrieblichen Unterführer unabwendbaren Wisiensgebiete anzueignen. Der Versehrte soll ja nicht nur in einem Berus unter­gebracht werden, der seinem körperlichen Zustand gerecht wird, er soll darüber hinaus in diesem neuen Beruf auch alle Möglichkeiten haben, um seine soziale Stellung den jeweiligen Fähigkeiten ent­sprechend auf- und auszubauen.

Der Rundgang durch dieses Internat zeigte den ft-Betreuungs- offizieren, daß die Heimat und für sie die von der NSDAP, mit diesen Aufgaben betraute Deutsche Arbeitsfront alles daransetzt, den Versehrten für ihren Einsatz und ihr Opfer zu danken durch die Tat der Wiedereingliederung in unser Arbeitsleben.

falle für die deutsche Wirtschaft nicht ins Gewicht, wärme sie ihr Absvülwafier über dem Eemüsetovf an oder nicht. Diese Hausfrau muß zunächst tnifien, daß es in Deutschland zwölf Millionen Haus­halte gibt, in denen täglich zumeist mehrere Male gekocht wird. Wieviel Kohle wird nun wohl für die Kriegswirtschaft frei, wenn je Haushalt und Monat auch nur ein Kubikmeter Gas gespart wird von denen, die als Easverbraucher in Frage kommen? Es sind 288 000 000 Kilogramm. Um sich eine plastische Vorstellung zu machen: man kann damit nicht weniger als 20 000 Eisenbayn- waggons mit Kohlen voll beladen. Lohnt es sich also?

Aus der Praxis für die Praxis

^-Fürsorgeoftiziere besuchten das Kriegspersehrteuinternat der DAF.

Im Anschluß an eine Dienstbesprechung besuchte der Leiter des ft-Fünorge- und Versorgungsamtes, Düyeldorf, ff-«turm- bannführer Weigand t, mit seinem Stab und den ff-Fursorge- offizieren aus Frankfurt a. M., Düsseldorf, Hamburg, Jena, Kasiel, Rensburg, Saarbrücken und Wiesbaden die schon int ganzen Reich als beispielhaft anerkannte Einrichtung der Deutschen Arbeitsfront in Frankfurt a. M. zur beruflichen Betreuung, Ausbildung sowie Ein- und Umschulung der Versehrten des Krieges.

In einem einführenden Vortrag behandelte der Leiter der Kreishauptstelle Berufserziehung und Vetriebsführung, der zu­gleich das Kriegsversehrteninternat in Frankfurt a. M, betreut, die Bemühungen der DAF. um die berufliche Ertüchtigung aller Schaffenden überhaupt, um dann über das Beispiel der Reakti­vierung der Arbeits- und Unfallversehrten bei Kriegsbeginn am die jetzt in größtem Ausmaße durchgefiihrte Berufsförderung, Ein- unb Umschulung für Kriegsversehrte zu kommen. Auch von der Waffen-ft besuchen im Auftrage der Fürsorgeoftiziere sowie der Hauotfürsorgestellen für Kriegsbeschädigte und Kriegshinter­bliebenen eine große Anzahl Versehrter die Lehigemeinschaften für technische Angestellte der Berusshauvtgruvven Eisen, Metall und Bau, ferner Kausmannsgehilfen, Büro- und Behördenange­stellte. Für die Auswärtigen von ihnen, die »um Teil aus Darm­stadt, Kasiel, Saarbrücken und Wiesbaden kommen, wurde ein wohnliches Heim eingerichtet, das in Jnternatsform gestaltet «st und somit in weitestgehendem Maße allen die Häuslichkeit so gut als möglich ersetzt.

Der Vortragende erläuterte die Methoden der Erwachienen- berufserziehung, die einen wesentlichen Bestandteil des Berufs­erziehungswerkes barstellen In Abkehr von gewohnten schulischen Einrichtungen und Prinzipien kennt das Berufserziehungswerk für Erwachsene lediglich llbungsstätten, wo in Arbeitsgemeinschafts­form unter Anleitung erfahrener und im Berufsleben bewährter Praktiker (den Übungsleitern), von den Teilnehmern die, beruf­lichen Grundlagen bis zur vollendeten Beherrschung geübt und ihnen vermittelt werden.

Bei einem Rundgang durch die llbungsstätten konnten sich die mit der Betreuung versehrter Mäner der Waffen-ff beauftragten

Gefühlsduselei?

Wir nennen es Verbrechen an der Gemeinschaft

Es mehren sich leider in letzter Zeit die Fälle, in Denent bi« Gerichte Volksgenossen aburteilen mufien, die in ^rem Umgang mit Kriegsgefangenen nicht die Wurde an öen Tag legen man von einem Deutschen erwarten muß. Die Strafen sind tn Den meisten Fällen hart aber gerecht, «ber de« unumgänglich not wendigen Verkehr am Arbeitsplatz hinaus, haben wir mit Krregs. gefangenen nichts zu schaffen. Ihr Arbeitsplatz macht es haufts notwendig, dab sie sich frei bewegen: ia, es ist sogar o°jsetommen, dab sie Lebensmittelgeschäfte aufsuchten, um etwas mm essen zu kaufen. Der pflichtgemäß hand»lnde Verkäufer lehnt «m W » Ansinnen ab, nicht nur deshalb, weil er sich dadurch strafbar macht sondern weil cs für jeden anständigen Deutschen em Gesetz des Herzens fein sollte, im Gedenken an den Opfertod nielcr prad} tiger deutscher Männer den notwendigen Abstand vor dem Gegner von gestern zu wahren. Der Kriegsgefangene bekommt sein Essen und wird auch so behandelt, dab sich keiner zu beklagen braucht- Leider lasien sich viele von einem Gefühl des ioaenannten Mit­leids bestimmen, die notwendigen Grenzen zu überschreiten die zwischen uns und den Menschen gezogen sind, die das Kriegs qm- al in unsere Hände gegeben hat und die nun abwarten muhen, bis der Führer ihre Entlastung aus der Kriegsgefangenschaft an. ordnet. Wir warnen jeden, sich von einem falschen Gefühl leiten zu lassen. Es ist ein Verbrechen an der Gemeinschaft, das nicht scharf genug geahndet werden kann. p-

Bilder aus Wiesbadens Vororten

Rückblick auf Schiersteins Entwicklung

99 Meter über dem Meer,rechts des Rheins", zwischwt Biebrich und Niederwalluf, liegt das seit 1926 in Wiesbaden auf- gegangene einstige Schiffer- und Winzerdors S chi e r ft etn. Wir wollen in unseren Zeilen einen kleinen Rückblick auf Schierstein halten. Der alte Büsching nennt es in seiner .'Erdbeschreibung (Hamburg, 1759)ein Kirchdorf am Rhein, woselbst sehr guter Wein wüchset". Vor rund hundert Jahren kündet man uns tn einem anderen geographischen Werke, dab Schierstein tn Ito Häusern schon 995 Einwohner und eine evangelische Pfarrkirche habe. Man nennt es an der gleichen Stelle einhübsches Dorf, und abschliebend lesen wir: 'Bei dem Dorfe ist ein schöner Garten, ehemals der Familie von Holzhausen zugehörig, und eine Muhle, die Schiersteiner Mühle." Um 1858 vermerkt man für unser Dorf mit Wein- und Obstbau", 1900 Einwohners um l868 liegtSchier- stein nach einer anderen Quelle5 bis 8 Meilen südwestlich von Wiesbaden", hat jetzt auch einen Bahnhof,ausgezeichneten Weinbau, Ziegeleien, einen über 100 Morgen groben vortrefflichen Winterhafen und nahebei die Hüttenwerke der Gesellschaft Rhem- hütte", wogegen Schierstein einige Jahre später kurz etnbe­rühmter Weinort" genannt wird.

1905 hatte sich Schierstein bis auf 4431 Bewohner aufse. chwungen, und 1912/13- werden auf einem Flächenmaß von 1189, Hektar 3339 Bewohner verzeichnet; davon waren 1519 Katholiken und 45 Juden. Als Gemeindevorsteher ist Bürgermeister Schmidt, genannt. Ferner werden zur gleichen Zeit die Post die Stratzen- 6ahn über Biebrich nach Wiesbaden ober Mainz, ber Floshafen, ber Schiffs-Labevlatz, bas Stanbesamt, bic evangelische unb bte katholische Pfarrkirche, bas Krankenhaus, bas Wasserwerk unb wirtschaftlich ber Krebitverein, ber Weinbau unb Wemhanbel, bie Fertigung von Chemikalien, Düngemitteln, Estig, Leim, pharma­zeutischen Präparaten unb Werkzeugen hervorgehoben. Außerdem vermerkt man noch bas Sägewerk, die Sektkellereien unb bte Ziegelindustrie. Für bas Jahr 1910 gibt bie gleiche Quelle einen Schiffverkehr von 750 Schiffen mit 61 853 Tonnen, unb Floße von 96121 Tonnen an. Als Ortsteile von Schierstein sind hier bas Ozon"-Wasterwerk Biebrich mit zehn, bas Schloß Freudenberg mit sechzehn, bie Eroroiher Mühle mit fünf unb bas Forsthaus Rheinblick ebenfalls mit fünf Einwohnern genannt. i

1925 gibt ein anderes Buch 4896 Bewohner, darunter drei praktische Ärzte an. Um 1926 erfolgte bann bie Eingemeindung nach Wiesbaden. Dazu lesen wir an einer Stelle:Mit ber Ein­gemeindung von Schierstein und Biebrich ist Wiesbaden aus feinem warmen Kesiel auch an den Rhein gerückt, hat es teil an 'bent Strome, bet sein Lehen offenbar unb geheim schon lange mit« bestimmte und bergwärts hat bas Stadtgebiet die Hohe des Taunus erklommen, der nicht minder zu dem Weltbald gehört.^

Schierstein ist von einem Walde von Obstbäumen umgeben, steht in einem bekannten Reisebuche. Oder es heißt auch:Das alte Weindorf Schierstein liegt an der Eingangspforte des schonen Rheingaues. Alter geschichtlicher Boden ist es, auf dem das Dorf steht, und zahlreiche Altertumsfunde erinnern noch heute an bte Spuren ber Römer- unb Ftänkenzeft. In feiner heutigen (1927) Verfassung bilbet ber Oct ben bevorzugten Ausflugsort für die ihm benachbarten Ortschaften und Städte. Das Bild des Rheines, das sich hier an schönen Sonn- und Feiertagen entwickelt, ist em überaus lebhaftes und interessantes, gleichgültig, ob seine herrliche Wasserfläche wie im Sommer dem Ruder- und Segelsport dient, oder im Winter als konkurrenzloser Eissportvlatz benutzt wird. Gegenüber von Schierstein liegt mitten im Rhein die Rettbergs- aue, auf deren Spitze die Gemeinde dasStrandbad Schierstein" errichtet hat. Vollständig neuzeitlich hergerichtet und ausgestattet, stellt es das gröbte derartige Bad am Rhein bar unb lockt zur Saison Tausende von Badelustigen an feinen schönen natürlichen Strand. Der Blick von hier rheinab- wärts unb auf bte gegenüberliegenden Höhen bes Taunus ift em unvergleichlich schöner und rückt die wunderbaren Reize des Nasiauer Ländchens so recht ins richtige Licht. Hier wächst der guteSöllberger" unb basHimmelreich". Nach wie vor wirb in Schierstein ber jahrhundertealte Weinbau- unb Weinhandel gepflegt.

Schierstein hat auch etliche Beziehungen zur deutschen Literaturgeschichte und wir wollen in dieser Betrachtung nur daran erinnern, daß hier Wilhelm Wittgen feine ge­schichtlichen ErzählungenDie Salzburger" (Barmen, 1903) handeln läßt Ferner hat zu Schierstein bis zu seinem Tode der heute oergesiene Verfasier der 1765 erschienenenSinngedichte Friedrich August Cartheuser (17341796) aus Halle gelebt, der vorher Prosesior der Medizin zu Gießen war. fein Amt aber niederlegte unb danach zu Idstein, Schierstein unb Birkenbach zuletzt in Schierstein ansässig war.

Damit fei unser kleiner Rückblick auf bas freunbliche unb lieb­liche Wiesbaben-Schierstein beschlossen!_________________ K. D.

Kartoffeln r'ßaeHmaßuj, auslesen