Seite 2 Nr. 252
Wiesbadener Tagblatt
Dienstag. 27. Oktober 1942
typenbildende Kraft der faichiltifchen Bewegung. Er will ein neues Geschleckt Ickafien und enthüllt uns seine Ideen
..Man muh in Italien ein neues Geschlecht aus dem Laboratorium erzeugen. ^>iveibunderttau>end führende Kövfe. Lehrer. Ingenieure. Bankfachleut«. Führer der Eroß- induftrie. fünftausend Offiziere, dreitausend Verwaltungsräte, zehntausend Beamte, .alles Leute, ersten Ranges, spezialisiert und mit organischem Technizismus bis auf die Knochen getränkt: das braucht Italien! Dreie muß rm für das Land präparieren. .Vierzig- bis funfzigtausend Mann, deren Räderwerk mit äußerster Vollkommenbeit funktioniert, ein Uhrwerk, das die Stunden der Grobe anzeigt. Es darf nicht vorkommen, daß man einen Ma,or des Heeres eigenhändig einen Kinderwagen schieben liebt. Die Tugenden eines guten Familienvaters und nicht die Tugenden eines Offiziers, dürfen es nicht ittn.
Diese Unbegreiflichkeiten, diese Vernachlässigungen, diese Art. die Dinge leicht zu nehmen — das alles muß verschwinden, sonst verschwindet Italien und wird ganz offen von irgendeiner fremden Macht aufgesaugt. Entweder wir erleben ein Jahrhundert der Grobe Italiens oder ein Italien, das zu einer Fremdenkoloni.e wird. Es darr keine Nachsicht geben: man mutz sich ent,cheiden und man mub das Werk der Auslese und der Charakterbildung schon in der Schule beginnen.-
Und er lebt Italien diese Haltung, vor: Jede Geste, knapp, klar, bestimmt. Er bekämpft die überschwengliche Rhetorik der Italiener, indem er nur ganz knapp spricht und schafft dabei die politische Sprache ganz neu: formelbait. prägnant, bildhaft, ausgemeitzelt wie eine Statue. Der Duce treibt iaft alle Sportarten, und als er Studenten m seinem Privathaus empfing, da gebt er mit Seinem Pferd über die Hürden, dann ergreift er Buch und Gewehr. Erne unvergebliche Erziehungsstunde für jeden.: obns Worte. Er prägt leinen raschen, energischen Schritt seinem Volke em und gibt ihm den PaHo romano. den langsamen Paradeschritt: die Erziehung zum Gleichschritt bedeutet in Italien eine Umwälzung alter Erziebungsgrundsähe. rr_ . f
Mussolini ist in jedem Augenblick .Erzieher und Vorbild, er wirkt in der Önentlichkeit wie eine Statue, . gestraffte Gestalt, beherrschtes Gesicht, rasche und knappe Gesten. Wer ibn aber sab. auch vor groben Maffen wenn ihm ein Kind gereicht wird, der erblickt das geloste Gesicht eines Vaters, die lachenden Augen des kinderliebenden Italieners und eine Zartheit der Geste, die fast frauenhaft wirkt: in diesem Augenblick versteht man seine Acklwort auf die Frage, welche Anrede er am mellten.liebt: ..$te der Kinder, die mich in ihren ungelenken Brieten Vater Mussolini nennen." , , . „ . * ,
Der Duce ist der Retter seines Volkes vor dem bolschewistischen Chaos, der Schöpfer der italienischen inneren Einheit, der Gestalter und Erzieher des lunaen Italieners. Er ist derVaterdesVaterlande s." Das italienische Volk wird nie seinen Vater verlassen, mag er auch das Schwerste von ihm fordern.
Druck und Bering: L ScheNenberg'lch« Buchdrucker«!,Wiesbadener Tugbintt,Wiesbaden Selamtieitungr Dr.phil. habil. Du stau Schellenberg und Otto Kaiser. Haupt. Ichriftleiter: Fritz Günther, tümtL in Wiesbaden Zur Zeit ist Preisliste Nr. ill gültig Die heutige Ausgabe umfaßt 8 Seiten
da seine Träger noch nicht einmal den Willen zur Macht hatten? m
Den unbändigen Willen zur Macht batte Mussolini. der Sohn des heibblütigen Schmiedes aus der Romagna, denn einmal sagte er von sich selbst:
..Ja. ich bin von dieser Sucht besessen. Sie brennt, sie zermürbt und verzehrt mich wie ein körperlicher Schmerz: einprägen. mit meinem Willen «invrägen will ich em Zeichen in die Zeit, wie ein Löwe mit seiner Pranke: So!
Und welch unendlich schwere Aufgabe lag vor ihm.
Dem vom Bürgerkrieg zerrissenen Land, das er mit seiner Bewegung unter hohem Bluteinsatz vom Abgrund der Bolschewisierung zurückgerissen hatte. mu6te nun eine neue Ordnung gegeben werden. Italien war wohl seit 5v Jaoren äußerlich geeint, es galt ibm nun eine e i n b e l t 11 m.e Struktur zu geben. Denn zwischen Obetitalten und Sizilien klaffen kulturelle, wirtschaftliche und z.ivilimtorische Abgründe, die sich aus einer Entwicklungsverschiedenbeit von Jahrhunderten ergeben batte. Das größte Unglück der italienischen Geschichte ist darin zu suchen, daß Jahrhunderte hindurch der Kirchenstaat wie ein Sverrjegel zwlschwi Nord und Süd lag und darum Italien nie eine einheitliche tont= Wicklung ermöglichte. In Oberitalien fand der Duce bei der Übernahme die Macht eine durch die bolschewistiichcn Wirren gestörte, aber im Kern gesunde Landwittichait und Industrie, die durch ein dichtes Verkehrsnetz verbunden war. Schon Mittelitalien trug die Spuren ia6rbuhbertealter Mißwirtschaft: versumpftes Land, kranke Bevölkerung und rückständigmitielalterliche Anbaumetboden. Im Süden hungerte das Landvroletariat vor denloren der Latifundien und zog zu Hunderttaufenden über die Meere, um nck, dort Arbeit und Brot zu suchen.
Mit der Arbeitskraft eines Titanen ringt Mussolini um den inneren Ausgleich von Norden und Süden. Er sagt von sich selbst: .
„In den ersten fünf Jahren des faschistischen Regimes babe ick 60 000 Audienzen erteilt und mich für ,1887112 Vorschläge interessiert, die von Bürgern direkt bei meinem Privatsekretär eingereicht worden sind . . . Alle bezeichneten sich als dringlich, alle klopften und klopften um Einlaß in meinem Kopf zu finden. Manchmal wollte es mir fast scheinen, als müsse mir auch rem phuititfi der, Schädel zerspringen . . . Aber jetzt habe ich Italien ganz im Kopf wie eine große Landkarte, mit allen Knotenpunkten seiner Lebensprobleme: hier ist eine Straße nötig, dort eine Eisenbahn, da eine Brücke. Reuaufforftungen. Docks. Bodenverbesserungen, Eingemeindkingen. ein großer Bahnhof tut Mailand. Wohnhäuser für Rom. Wasserleitungen für Apulien. Wohnräume in Kalabrien und Messina. Automobilverbindungen und Straßen in Sizilien. Kampf gegen die Malaria in Sardinien . . . das sind alles Knoten, die gelöst werden müssen . . . Aushalten! Seht, darin liegt alles! Wer ausbarrt. bat zuletzt immer recht!
Leuchtet in uns Deutschen nicht das Bild Friedrichs, des großen Königs auf, der in derselben Kleinarbeit Preußen wieder aufbaute? Ist in Mussolini nicht der faustische Mensch in die Welt getreten, der „neues Land dem Sumpf entriß und der jährlich „auf freiem Grund mit freiem Volk die Ernte einbringt? über seinem Leben stevi Goethes ewig- gültiges Wort: „Das ist der Weisheit letzter Schluß: Nur der verdient sich Freiheit wie das Leden, der täglich ne erobern muß." „ .
Der Sohn des Schmiedes aus der Romagna wart Italien in das Feuer der Revolution und schmiedet es auf dem Amboß der Geschichte neu: dabei müssen barte Schlage fallen, die großen geschichtlichen Linien Roma. Rinascimenio. Risorgimento, Rom. Renaissance. Einigungsbewegung bruchlos ber- auszuarbeiten. Viele Vorurteile muiien beseilig t w e r d e n. um die Bahn für den Aufstieg freizümachen. So wie er in Rom ganze Stadtviertel niederlegt, um die Zeugen der großen Vergangenbeit in ihrer unvergänglichen Schönheit wieder herauszustellen. Häuserreihen wie ein Chirurg aufschneidet, um der Ewigen Stadt mit großen Straßenzügen Maß und Struktur.zu geben, io baut er den italienischen Staat von Grund auf neu und kann schon 1927 voll Stolz sagen:
Beträchtliche Angriffs-Erfolge am Terel
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Ao» dem Föhrerhooptquartier, 27. Okt. (Funkmeldung.) Das Lberkommanbo der Wehrmacht gibt bekannt:
3m Raum von Noworossijsk stürmten deutsche 3n- fanterieverbände nach erbitterten Kämpfen eine Panzergraben- st-llung der Sowjets. 3n den Gebirgskämpfen nordostwärts Tuapse wurde eine feindliche Höhenstellung genommen und dabei ein umschlossenes sowjetisches Regiment zum größten Teil vernichtet.
3m Terek-Abschnitt haben deutsche und rumänische Truppen, unterstützt durch starke Verbände der Luftwaffe angegriffen und schon in den beiden ersten Tagen räumlich und taktisch bedeutende Erfolge erzielt.
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3n Stalingrad gehen die hartnäckigen Straßen- und Häuserkämpse erfolgreich weitet. Nördlich der Stadt erneuerte der Feind seine vergeblichen Entlastungsangrisse, bei denen er hohe blutige Verluste erlitt. Transportbewegungen der Sowzets auf Bahnen, Straßen und Wasserwegen wurden auch bei Nacht wirksam bombardiert. Mehrere Transportzüge wurden zerstört und im Westteil des Kaspischen Meeres ein Tanker und acht Handelsschiffe in Brand geworfen bzw. schwer beschädigt.
Am 26. Oktober verlor die S - w j e t l u s t w a s fe in heftigen Lufttampsen und durch Flak-Artillerie -er Luftwaffe 60 Flugzeuge; vier eigene Flugzeuge werden vermißt.
Die Schlacht in Ägypten nimmt mit unverminderter Heftigkeit ihren Fortgang. Unter Einsatz neuer starker Kräfte versuchte der Feind gestern vergeblich, die Stellung der deutsch-italienischen Panzerarmee zu durchbrechen. Er verlor wieder 111 Panzerkampswagen und 38 Panzerspähwagen. Deutsch-italienische Luststreitkräste griffen in immer stärker wiederholenden Einsätzen die feindlichen rückwärtigen Verbindungen an. 3n Luftkampfen schossen deutsche und italienische 3äger über Nordafrika und über dem Mittelmeer 14 feindliche Flugzeuge ab.
über Süden gl and führte di« deutsche Luftwaffe am gestrigen Tage ausgedehnte Angriffe gegen 3ndnstrie- und Werftanlagen.
„Der bisher schlimmste Angriff"
Stockholm, 28 Okt Die Stadt in den Midlands, die in der Nacht zum Sonntag von deutschen Flugzeugen bombardiert wurde, so berichtet Reuter, hatte ihren Jd; l tmmsten Angriff in diesem Kriege auszuhalten. „Verschiedene Hauser sind praktisch vollkommen zerstört und durch den Luftdruck wurde viel Schaden angerichtet.
„Wir haben den italienischen Einheitsstaat geschallen. Denkt daran, daß seit dem Imperium Italien kein Einheitsstaat mehr gewesen ist. Wir, bekräftigen hier feter- lichst unsere Lehre vom Staate: ich bekräftige hier nicht weniger energisch meinen Satz aus der Rede in der Scaia zu Mailand: „Alles fürden Staat. nid,ts gegen den Staat, nichts außerd.alb des Staates.
Mussolini hat Italien neu geschaffen und es vom geographischen Begriff durch die ZusammenschweiBung seiner Glieder zur europäischen Großmacht erhoben. Er. der große Kenner seines Volkes, der die feinsten Regungen der Volksseele registriert, weil er aus dem Volke kommt, mit dem Volk gehungert und mit ihm im Kriege geblutet hat weiß, daß damit nur der äußere Rabmen geschaffen ist. der Italien zusammenhält. Er kann das Wort d'Azeglros aus den 70er Jahren wieder aufnehmen: „Italien ist geschallen, es gut jetzt, den Italiener zu schaffen."
Wie tief gespalten war dieses Volk: zwischen Provinz und Provinz. Klasse und Klasse. Bildungsstufe und Btldungs- itufe erschienen unüberwindliche Schranken zu belieben. Mit seinem unübertrefflichen Realismus erkannte Mussolini, daß auch hier zuerst ein stählernes Gerippe eines neuen Menichen- typs eingezogen werden mußte. Dem weichen und bequemen Italiener des liberalen Zeitalters stellte er den Kampfer, dem skeptischen Advokaten den gläubigen, und dem autoritätsfeindlichen Intellektuellen den gehorchenden Soldaten gegenüber.
Glauben, gehorchen, kämpfen —> daszist die Parole des jungen Italien. In feiner Parteifuhrerfchaft schuf er den neuen Typus des p o 111 i l 6 en Sol bat e n. der einheitlich in der Haltung ist. ob er. nun die äußeren Merkmale des Sizilianers oder des Piemontesen nagt. Stellt den Sohn des ehemaligen demokratischen Abgeordneten, der heute faschistischer Führer ist neben seinen Vater, und ihr erkennt den tiefen Unterschied der Haltung und die
Wieder ein Schisfsverlust nach sechs Wochen zugegeben
Washingtsn meldet amtlich: Flugzeugträger »Wasp" »ou einem japanischen U-Boot versenkt
Stockholm, 27. Okt. (Funkmeldung.) 3n Washington wird amtlich der Berluft des Flugzeugträgers „W a I p “ zugegeben. Er sei am 15. 9. im südlichen Pazifik durch ein iapa- nischi » U-Boot versenkt worden. 3n dem Kommuniqus wird gesagt, das Schiff sei nach dem Angriff mit Schlagseite liegen geblieben und zu einer Zeit gesunken, als keine feindlichen Streitkräfte mehr in der Rahe waren. Aus diesem Erunde sei dre Bekanntgabe des Verlustes f- lange unterblieben, als die Möglichkeit bestand, daß der Feind von der Versenkung noch nichts wußte. , , . ,,
Daß sich das Marineminifteriüm Roosevelts zu solchen Ausflüchten genötigt sieht, ist bezeichnend. Hatte doch erst vor wenigen Tagen selbst die jüdische „New York Times" in einem Artikel „Kriegsberichterstattung" die Verzögerungstaktik des Ministers Knox scharf gegeißelt. Sie beanstandete, daß das Eingestammis der letzten Kreuzerverluste bei den Salomoninseln ganze 65 Tage auf sich warten ließ. Darüber hinaus aber führt das Blatt eine Reihe weiterer Schiffsverluste auf, die ebenfalls erst nach vielen Wochen
amtlich bestätigt wurden. Die der Roofevelt-Clique sehr nahestehende Zeitung betonte, „daß man allen Grund habe, daran zu zweifeln, ob derartige Verzögerungen in der Bekanntgabe amen- kanischer Verluste gerechtfertigt seien". Wenn so etwas dauernd geschehe, könne man eine solche Handlungsweise nur ichwer verteidigen. Die Herren Knox und Roosevelt haben sich diese Mahnung nicht sehr zu Herzen genommen. Auch das Eingeständnis des Verlustes der „Wasp" ließ sechs Wochen aus sich warten. Trotzdem aber kann man fest stellen, daß mit der Zeit doch eine recht atv sehnliche Flotte von USA.-Schiffen zustande kommt, die selbst nach den amtlichen Washingtoner Kommuniques auf dem Meeresgrund versammelt ist. , , , .
„Wasp" war erst im April 1939vomStapelgelausen. Der Flugzeugträger hatte 14 700 Tonnen Wasserverdrängung und konnte 80 bis 80 Flugzeuge an Bord nehmen. Seme Geschwindigkeit betrug 30 Knoten, die Besatzung belief sich auf 1173 Mann. Die Luftabwehr des Trägers bestand aus acht 12,7-Zenti- meter- und sechzehn 2,8-Zentimeter-EeschLtzen.
Im Kurhaus:
ßarnabas von Gscrv spielt
Eigentlich ist jeder der neun Mann, die Eeczy um sich gruppiert, ein Solist. Man merkt cs bald, wenn man auf das Eich-Einfühlen der Instrumente, auf die Feinheiten der folistychen lurzen Stellen achtet. Das nuancierte, farbige Spiel, der immer neue Reiz selbst bekannter Stücke kommt daher. Zwei Quintette (Solocello, Viola, Oktavgeige. Cello und Baß) erwieien die Vortragenden als feinfühlige Melodiker, die in „Melodie von Chr. W. Gluck ein Kabinettstückchen leichter Kammermusik und im „Jäger aus Kurpfalz" Variationen des bekannten Volksliedes mit großer Reife und wie aus einem Instrument spielten. Ja |elb|t ihre eigenen Komponisten sind die Solisten um Eeczy. H. 8 J'B 1 steuerte zwei Orchesterstücke bei, das übermütige „Rost" und das exotisch-farbige „Bella Dolores", zwei raffiniert tnsttumentietle Wetkchen, die ganz auf Klangreiz zielten und sichtlich für bicfes Orchester geschrieben sind. Sie mußten wiederholt werden, so sehr hatten die Kameraden alles aufgeboten, sie wirksam zu machen. Auch der hervorragende Pianist des Ensembles, E. K aschubet, bat zwei Konzertstücke komponiert, eine Groteske und. „Optimist, zwei Charakterstücke, die vom Klavier her aufgebaut waren, und deren Solopartien der Komponist glänzend und perlend vortrug. Auch sie gefielen ungemein. Und doch überragt alle von Eeczy. Er dirigiert, indem er spielt, er reißt mit sich fort, indem er keinen anderen Ehrgeiz hat, als der Primgeiger zu sein, er holt das Äußerste an Klang, Reiz, Farbe, Ausdruck und Möglichkeit heraus, aus Stücken, die doch eigentlich bloß Unterhaltungsmusik sind und sein wollen. Manchmal bekommt das Zufammenfpiei eine Kraft, als höre man ein ganzes Orchester unb dann wieder bringt Eeczy, der einen bemerkenswert energischen Bogenstrich bat. Töne von einer einschmeichelnden Weichheit und betörenden Sage hervor. Ein andermal stampft wildes Temperament mitreißend, ja taumelnd aus den Instrumenten, die Lust an eigenartigen Rhythmen elektrisiert Ensemble und Zuhörer und dann ipurt man doch ein besonderes Element in der Persönlichkeit Geczys das ungarische Blut und die ferne Beziehung zur Zigeunernmstk. bte ja immer untere Großen angezogen hat. Die beiondere Gabe zu nuancieren, Kontraste anzubringen, die Meisterschaft im Ritar- dando und Accelerando machen alle Darbietungen, und jeien es selbst solche oft gehörter Stücke, zum Genuß, übrigens geht Eeczy bloß im ,,neiten Teil auf das eigentliche, ihm besonders liegende Gebiet der Nur-Unierhaltungsmusik ein. In einem ersten Teil bringt er anspruchsvolle, aber immer melodische Stucke: den rhytymusgeladenen, temperamentvollen spanischen Tanz voi» Escobar, die süße, idyllische Berceuse von Ianefeld, oder bte
wirbelnde, tänzerisch aufreizende Ballfzene von Hellmesberger. Man hörte noch den musikantifchen bekannten Walzer op 54 von Dvorak, das innige Ständchen von Schubert und ein tumultuoses virtuoses Stück Hejre Kati von Hubay. Und dazu all die einschmeichelnden Konzertstücke und Schlager, die das Publikum Nicht müde wurde1 zu hören und mit SeifdU zu fordern und die Barnabas von Geczy, liebenswürdig, unverdrosien und gerne spendete. Der große Kurhaussaal war ausverkauft — und heute abend spielen Eeczy und seine Solisten noch einmal.
Dr. Heinrich Reichert
* Abendmustk in der Ringkirche. Zum Gedächtnis an Pros. E. Schlosser veranstaltete man am Sonntag eine Weihestunde unter der Leitung von Kirchenmusikdirektor Kurt Utz. Schlesiers Verdienste um die evangelische Kirchenmusik vereinigen sich mit denen des Lhordirigenten Heinrich Würges, und der Dank für beide nunmehr entschlafene Männer sollte in dieser Veranstaltung abgeplattet werden Schlosser war seit 1927 Direktor der Hohen Schule in Herborn. Don Anfang an war ihm die „musica facta eine Herzenssache. Während seiner Studienzeit in Berlin und Leipzig konnte er sich ihr widmen. Er pflegte die Heimatkunde und die heimische Kirchengeschichte. Er wat es, der die beliebten Konzerte der Marktkirche ins Leben rief und die Pllege der Bach- schen Musik in allen nassauischen Orten förderte. Die Abendmufik stand fast ganz unter dem Zeichen Joh. Seb. Bachs. Von Kurt U tz meisterlich dirigiert, erklangen die Gesänge der Vereinigten Kirchenchore. Rach dem gewaltigen Bachschen Chor „O Ewigkeit, du Donnerwort", hörten wir von Adam EumpeIzhei m e r, der am Anfang des 17. Jahrhunderts wirkte, einen vierstimmigen Satz in strengen, fast altertümlichen Formen. Einem Gerneindegefang antwortete Juliane Alzen-Dureuil mit der Bachschen Arie „Gib dich zufrieden". Auch später kam ihr dunkel gefärbter Sopran, der an die Altregister reicht, bei dem schlichten Gott lebet noch" von Bach zu schönster Geltung. Wir hörten ferner eine Motette für A-capella-efjor von Gallus Drexler (18 Jahrhundert) das wundervolle ,L8enn ich einmal soll scheiden und — gleichfalls im Satze von Bach — den Choral „Wachet auf“. Der zweite Vers wurde von der Orgel in einer lieblichen, fast pastoralen Weife gebracht mit starkem Gegensatz von Baß und schalmeiartigem Diskant. Einen wesentlichen Anteil von Baß und Konzert hatte überhaupt die Orgel. Gustav Sieber fpielie u. a. den letzten Choral, den Bach auf dem Sterbebett feinem Sidwiegersohn Altnikol in die Feder diktierte, „Vor deinen Thron tret ich hiemit", ferner das berühmte Präludium mit folgender Fuge über drei Stimmen in Es=bur von Bach, ein auf ehernen gunbamenten errichtetes Monument in Tönen.
Dr. Wolfram Walbfchmibt
Stampfer für Dolk unö Dolkstum
Wilhelm Stapel zum 60. Geburtstag am 27. Oktober
Jahrzehntelang gehört Wilhelm Stapel zu ben streitbarsten. Kämpfern für Volk unb Volkstum. In vielen Vorträgen und vor allem in feinen publizistischen sowie literarischen Arbeiten ist er nicht nur für die Idee des deutschen Volkstums eingetreten, sondern leistete auch wertvolle Vorarbeit zur Erweckung des Gefühls der Zugehörigkeit zum Volk.
Auf Umwegen erst ist Stapel zu feiner kulturpolitischen Tätigkeit gekommen. Er ging vom Gymnasium zum Buchhandel, holte dann das Studium nach, besuchte die Universitäten in Göttingen, München und Berlin und promovierte mit einer kunstgeschichtlichen Arbeit. Über die Tagespresse kam er zum Dürerbund, arbeitete unter Avenarius unb leitete seit 1919 bie Hamburger Zeitschrift „Deutsches Volkstum". All feinem Tun legt Stapel bas „Gefühl bei Verbunbenheit mit bem Volk" jugrunbe, doch das Volk ist ihm stets mehr gewesen als ein Begriff, er sieht das Volk als eine „sinnlich-geistige Realität"; so erstrebte er bereits vor einem Lierieljahrhundert das natürliche Gefühl einer kraftvollen, auf Verständnis unb Gerechtigkeit errichteten Volks- verbunbenheit. Aus ben mitten Erlebnissen bet Nachktiegsjahte lernte er unb otbnefe unser Meltbilb neu nach ben Gesetzen ber beutfdjen Volkheit: mit oft scharfer Klinge zog er ber bamaligen Form des Liberalismus, der von wahret Freiheit nur noch einen fremden Namen hatte, zu Leibe, bekämpfte leere Schlagwörter, hohle Verfassungen, unterhöhlte Systeme schlug brüchige Tafeln in Scherben und blieb trotz vieler Angriffe immer et selbst. Seine vielen Aussätze und besonders seine Büchet auf volkspolitischem Gebiete sind einmal mit Recht „Warnungen und R e i n ig u n g e n“ genannt worden; was sie ihrer Zeit bedeuteten, ersah man aus dem Staub, den sie allerorts aufroirbelten, man denke nur an seine „Fiktionen bet Weimarer Verfassung" ober an bie Schrift „Volksbürgerliche E t - z i e h u n g“. In mehreren Arbeiten stellte er bie heldische Ethik unserer Altvorderen heraus, et zeigte, daß alles Lehen ein unablässiger Kampf ist, aus dem die Germanen kein motgenländisches Kismet, sondern bie starken Begriffe Ruhm unb Schicksal gewannen; sie kannten keine Feinbesliebe, aber sie achteten im Gegner ben Mann, sie werteten bie Frau und erkannten als das Größte bie Treue zu ihrem aus bet Auslese der Tüchtigsten hetvorgegangenen Führer.
Neben diesen zeitwichtigen Arbeiten gab Stapel noch Puppenspiele. Tiergeschichten, deutsche Freiheitslieder und die Verse des niittelalterlichen Archipoeta heraus und sammelte altes Volksgut; durch diese Tätigkeit weckte er das Verständnis für eine deutsche Volkheit, die sich in unseren Tagen erfüllt. . Hans Sturm
