Einzelbild herunterladen
 

Dienstag. 1. September 1942

Wiesbadener Tagblatt

Nr. 204 Seite 9

Mesbi^emr Nachrichten

Wechsel im städtischen Baudezernat Amtseinführung von Stadtrat Dr. Melsheimer Stadtbaurat Spieser mit Sonderausgaben betraut

Am Dienstagvormittag nahm in einer Sitzung der Dezernenten der Stadtverwaltung Wiesbaden Bürger­meister P i s k a r s k i die Amtseinführung und Verpflichtung des neuen Baudezernenten Stadtrat Dr.-Jng. Max Melsheimer vor. Er gab dabei einen Überblick über dis Aufgaben dieses wich­tigen Dezernates der Wiesbadener Stadtverwaltung. Bürger­meister P i s k a r s k i würdigte gleichzeitig die großen Verdienste, die sich Stadtbaurat Dipl.-Jng. Jakob Spieser um unsere Heimatstadt erworben hat. Etadtbaurat Spieser, am.26. Aug. 1874 in Mühlbach (Els.) geboren, studierte von 18911896 an der Technischen Hochschule in Karlsruhe, wo er auch die Diplom­prüfung für Maschinen-Jngnieure ablegte. Nachdem er von 1896 bis 1897 seiner Militärpflicht genügt hatte, wurde er Ingenieur in einer Maschinenfabrik und später Betriebs- und Bauingenieur der Eas- und Wasierwerke Heidelberg.. Am 1. November 1899 trat er bei der Stadt Wiesbaden als Ingenieur der Wasser- und Lichtwerke ein. 3m Jahre 1903 wurde er Vetriebsinspektor mit der Tätigkeit eines Abteilungsoorstande» der Wasier- und Licht­werke. 1906 erfolgte seine Ernennung zum Ober-Ingenieur. Von 1913 an war er auch Amtsvorstand der Allgemeinen Verwaltung der Wasier- und Lichtwerke. Den Krieg machte er von 19141918 als Adjutant, Kompanie- und Bataillonsfllhrer und zuletzt als Bataillonskommandeur an der Front beim Reserve-Jnfanterie- Regiment 80 bis zum Kriegsende mit. Er erhielt hohe Auszeich­nungen, das Eiserne Kreuz I. und n. Klasse, das Kreuz der Ritter des Königlichen Hausordens von Hohenzollern mit Schwertern. 3m Jahre 1920 wurde Stadtbaurat Spieser zum Bei­geordneten der Stadt Wiesbaden gewählt und nach Ablauf seiner Wahlperiode 1932 wiedergewählt. Neben verschiedenen technischen Aufgaben wurde ihm zunächst das Personaldezernat übertragen. Die Aufgaben des technischen Beigeordneten hat Dipl.-Jng. Spieser

seit 1922, also 21 Jahre hindurch, oft unter schwierigsten Verhält- nisien, in rastloser unermüdlicher Tätigkeit wahrgenommen. Als er wegen Überschreitung der Altersgrenze in den Ruhestand trat, stellte er seine nie erlahmende Arbeitskraft weiter zur Verfügung. Und auch jetzt, nach Übergabe seines Arbeitsgebietes an seinen Nachfolger, wird der nunmehr Achtundsechzigjährige sein reiches Wisien und seine große Erfahrung auch fernerhin der Stadtver­waltung in der Erledigung von Sonderausgaben widmen. Bürger­meister P i ö k a r s k i konnte mit Recht darauf verweisen, daß sich Etadtbaurat Spieser sowohl bei seinen Mitarbeitern als auch in weitesten Kreisen der Wiesbadener Bevölkerung größter Be­liebtheit und Wertschätzung erfreut. Er wird auch in Zukunft die Abteilungen Stadtplanung, Vermesiungsamt und städtische Luft- schutzanlegenheiten weiter bearbeiten

Der neue Baudezernent. Stadtrat Dr.-Jng. Max Mels­heimer, ist am 21. Aug. 1890 in Bernkastel-Kues geboren. Er besuchte die Gymnasien in Traben-Trabach und in Mörs a. Rh. Am 1. 4. 1911 trat er bei dem Inf.-Regt. Nr. 161 in Trier ein und wurde nach dem Besuch der Kriegsschule in Danzig 1912 zum Leutnant befördert. Er nahm als Frontkämpfer im Weltkrieg an der Westfront teil, wurde zum Oberleutnant befördert und war zweimal verwundet. In den Jahren 1919 bis 1922 studierte er an der Technischen Hochschule in Darmstadt. Von 19221924 «ar er als Regierungsbauführer am Staatlichen Hochbauamt in Dieburg tätig 1924 unterzog er sich der Staatsprüfung für den höheren Dienst im Baufach und erlangte 1925 den akademischen Grad Dr.-Jng. In den Jahren 19251934 betätigte sich Dr. Mels­heimer als Architekt in Darmstadt. Er war in dieser Zeit u. a. Mitarbeiter bei der Domerneuerung in Mainz unb unterrichtete auch als Lehrer an der Staatlichen Baugewerkschule in Bingen. Ab Juli 1934 leitete er als städtischer Baurat das Stadtbauamt in Neuwied. Am gegenwärtigen Krieg nahm Dr. Mels­heimer zuerst als Kompanieführer in einem Landcsschützcn- bataillon, dann, zum Hauptmann befördert, als Führer der Pionierkompanie eines Inf.-Regis teil. Zuletzt erhielt 3)t. Mels­heimer Kommandierungen für höhere bautechnische Aufgaben bei der Wehrmacht und Bei dem Eeneralinspektor für das deutsche Straßenwesen.

Der neue Baudezeinent wurde am Dienstagmittag durch Bürgermeister Piökarski den Dienststellenleitern und Beamten des Baudezernates vorgestellt.

September

Ungestümes Aufbegehren, das der Märzwind durch die Lande fang, Übermaß von Sehnsucht, das der Sommer auf starken Händen in die Reife.trug, glüht im Erinnern noch einmal auf in den stillen, bunten Stunden, die wie milde Ampeln am Tor des Herbstes einen Weg erhellen, der sich müde im Schatten verliert.

Die Felder sind leer, wo das hohe, gelbe Korn stand, und über dem Wald hängt das zarte Gespinst von zauberischen Farben, wie kein Maler sie auf seiner Palette hat. Die Wolken wandern unruhig an einem Himmel, der den schillernden Glanz von Perl­mutter hat. Und der Mensch geht zögernd und besinnlich die Schritte durch den letzten Rausch, vom Erleben des Lichtes und der Sonne gezeichnet und erschauernd unter dem Griff der frühen Abendkühle. Noch einmal leuchtet alles tief von innen her, noch einmal Hingt alles silbern und geheimnisvoll wie im Märchen, denn die Sinne des Lebens sind üherwach wie «nie zuvor

Man weiß um einen Abschied und lächelt tapfer, man weiß um eine Wehmut, die man nicht glauben will; man steht erschrocken fast vor der überreifen Schönheit des Herbstes, die erschüttert, weil sie so zart und leise ist, so trunken von Erfüllung und so. schwer von Klang und Licht. Wer sprach das Wort: sterben? Noch brennen die Blumen und noch gaukeln Schmetter­linge darüber hin, wer will frühzeitig müde werden? A. PI.

Kriegserinnern in Stichworten. 1. September 1939: Rück­kehr Danzigs in das Deutsche Reich. Der Führer kündigt tm Reichstag den Beginn der militärischen Gegenmaßnahmen gegen Polen an. Neustifkung des Eisernen Kreuzes. Vermittlungs­vorschlag Mussolinis vorn Deutschen Reich und Frankreich ange­nommen, von England abgelehnt. Mobilmachung in England.

Der Rundfunk am Mittwoch bringt an bemerkenswerten Sendungen im Reichsprogramm: 15 Uhr BreslauerKonzert- sendung mit Werken von Flotow, Svendsen, Spohr und Koschinsky, 16 Uhr Farbige Klänge bekannter und unbekannter Unterhaltungskomponisten, 20.20 Uhr Eine unterhaltsame Stund« für Front und Heimat mit Musik und bekannten Sportlern, 22.40 Uhr Melodienreigen mit Barnabas von Geczq und Heinz Eoedecke. 3m Deutschlandsender: 20:15 Uhr Ausschnitte ausDer Wildschütz" undDie lustigen Weiber von Windsor, 21.15 Uhr Unterhaltsame kleine Stücke aus Klassik und Gegenwart.

Die Elücksmänner kommen wieder. , 3m September be­ginnt wieder die Reichslotterie der NSDAP., die Glücksmänner und Elücksfrauen mit dem großen Loskasten kommen wieder. Zehn Reihen Lose mit sofortigem Eewinnentscheid, insgesamt 10 Mill. RM werden ausgespielt. Zieht man aber eine Riete, hat man immer noch die Möglichkeit mit dem Prämienschein zu gewinnen denn bei Verlosung der Prämien werden noch einmal 160 000 RM ausgespielt.

* Jede unterlassene Reise dient der Front. Auf einer Zu­sammenkunft können oft bei gutem Willen und geschickter Planung viele Fragen geklärt, viele Dinge erledigt werden, für die man früher besonders gereist ist. Jede unterlaßene Reise dient der Front. Daran muß jeder denken, denn: Räder müssen ro 11 e n für d en Sieg! _______,

Gefährliche Trophäenjagd

Fundstücke sofort an die Polizei abliesern

Als bk Flak zum ersten Male den feinblichen Fliegern ihre stählernen Gruße entgegen,anbtc unb bie Sprengstücke ber in bet Lust betonierten Geschosse da und dort in den Straßen zu finden waren, da machten unsere Jungen Jagd nach diesen scharf­kantigen Metallstücken. Der eine ober anbere Junge hatte balb eine richtige Sammlung solcher Trophäen, große unb kleine Stücke wechselten miteinanber, durch Tausch würbe versucht, die Samm­lung möglichst zu vervollständigen.

Heute hat eine andere Sammlerfreude unsere Jungen be- fallen und auch die Alten laßen sich zu gerne van ihr anstecken. Heute zielen diese Sammler nach Trophäen abgeschosiener eng­lischer Flugzeuge. Am liebsten würden sie natürlich so einen ganzen viermotorigen Kasten mit nach Hause nehmen, wenn das ginge. Aber diese Flugzeuge, bie bie Flak herunterholt, sehen übel aus, unb so muß sich ber Sammeleifer mit Einzelteilen be­gnügen, wie sie sich eben vorfinben. Aber nichts ist ba unbebcutenb genug unb nur wenige Dinge sinb zu groß, um nicht bet Trophäensammlung unserer Jungen cinoerleibt zu werben. So­gar ein komplettes Maschinengewehr wollte sich ein befonbcrs eifriger Sammler sichern. Das ging natürlich nicht, bavon mußte er sich überzeugen lassen. Alle Funbstücke von abgeschoßenen Feinbflugzeugen sollen sofort an bte Polizei abgeliefert werben. Außerdem birgt das Sammeln von Sprengstücken und geplatzten Motorenteilen ober sonstigen Flugzeugteilen eine große Gefahr in sich. An allen biefett Dingen können Phospharreste hängen, bie sich bekanntlich sehr leicht entzünden. Nur zu leicht also können

Aus dem Leben deutscher Gemeinden

Sippenforschung au» gemeindlichen Nkten

In einem Erlaß nimmt der Reichsminister des Innern zur Auswertung gemeindlicher Akten für bie im Interesse bet Volks- gesunbheit unb Volksktaft wichtigen Fragen bei Sippen-, Rassen- unb Erbforschung Stellung. In ben Akten gemeindlicher Be­hörden befinben sich häufig Schriftstücke, bie für die Sippen-, Raßen- unb Erbforschung, sowie für ben Abstammungsnachweis von SBebeutung sein können. Es ist etfotbetlich, solche Schrift­stücke von bet sonst üblichen Vernichtung bet Akten auszuschließen unb für bie künftige Auswertung durch Gesunbheits- unb Sippen­ämter aufzubewahren. Da kriegsbedingte Schwierigkeiten eine so­fortige Auswertung bes anfauenben Materials nicht gestatten, kann bie Verarbeitung erst nach Beenbigung des Krieges, nach Entlastung ber Eesunbheitsämter unb nach Einrichtung bei Sippenämter erfolgen.

Gemeinden und Hitlerjugend

Zwischen Gemeinde und HI. gibt es zahlreiche Möglichkeiten ber Zusammenarbeit. Nach der Deutschen Gemeinde-Ordnung ge­hört die Errichtung von HJ.-Heimen, die Förderung des Jugend- herbergswesen u. a. zu dem gemeindlichen Aufgabenkreis. Die Notwendigkeit der Errichtung von HJ.-Heimen wird von den

Rufe an die Front

Segensreiches Wirken des Kameradschaftsdienstes des Rundfunks

Der Frühaufsteher unter den Rundfunkhöretn kann um 5 Uhr am Motzen eine interessante Sendung abhören, die eine enge Verbindung zwischen Heimat und Front darstellt: den Kameradschäftsdienst des grotzdeutschen Rundfunks. Seit feinem Bestehen wurden bisher 700 000 Sendungen gegeben, 700 OOOmal wurde also eine wichtige Nachricht an den Soldaten auf dem schnellstmöglichen Wege durchaesagt. Daß bie Durchgabe wichtig war, "ist erst durch den zuständigen H o h e 11 s t r a g e r der Partei geprüft worben. Ihm ist also eine große Derant- wortung übertragen; er muß bas Wichtige von bem vielleicht Un­wesentlichen scheiben. Von ber Ortsgruppe geht bie Nachricht auf bem schnellsten Wege zum Leiter ber Eauhauptstelle Runbzunk unb von hier aus zum Hauptamt Runbfunk, um bann [enbefertig zu sein. Bei allen Einheiten wirb dieser Kamerabschaftsbienst ab- gehört unb groß ist bie Freude bei den Soldaten, wenn zum Beispiel eine ber bisher burchgegebenen 272 000 Eeburtenmel- bungen gerube auf ihre Einheit entfällt. Aufmerksam lauschen pe aber auch ben ernsten Dingen, bie nun einmal im Kamerabschafts­bienst ebenfalls ihren Platz haben. E-" Front unb Heimat

begrüßter Mittler ist tiefer D--tit b-s Rundfunks, ber tm wahr­sten Sinne bes Wortes ber K a m e r a b s ch as t bient. P.

mit solchen Beutestücken unsere Jungen ben Branb ins Haus tragen.

Darum nochmals: Finger weg von Fundstücken und sofort bie Polizei verstiinbigen!

+

Achtet auf abgesprungene oder neigelanbete feindliche Flieger

Besatzungen feindlicher Flugzeuge, die bei Einflügen in das Reichsgebiet durch die deutsche Abwehr zum Absturz gebracht oder zur Notlandung gezwungen werden, versuchen vielfach, sich durch geschicktes Tarnen ober burch bie Flucht ber brohenden Kriegs­gefangenschaft zu entziehen. Derartige Versuche werden vor allem während der dunklen Nacht und beim Absprung der feindlichen Flieger über abgelegenen Gegenden begünstigt, weil Flugzeug­notlandungen und Fallschirmabsprünge dann nicht einwandfrei beobachtet werden können. Die deutsche Zivilbevölkerung wird deshalb zu tatkräftiger Mithilfe und größter Wachsamkeit auf­gefordert. Alle auch bie unscheinbarsten Wahrnehmungen können oft von unschätzbarem Wert für bie Lanbesverteibigung sein. Jeber, ber irgendwelche Beobachtungen über Notlandungen feindlicher Flugzeuge usw. macht, hat im Interesse der Landes­verteidigung den nächsterreichbaren Dienststellen der Wehrmacht, Polizei oder Gendarmerie sosort Mitteilung zu machen.

SA.-Berussschulungsstätten. Zur Zeit finden durch die Arbeitsämter Werbungen von Umschülern für die SA.-Beruss- schulungsstätten statt. Die SA.-Berufsschulungsstätten bilden un­gelernte Arbeiter kostenlos zu Facharbeitern für die in der Fertigung für die Kriegsmarine stehenden Werften aus, unb zwar für folgenbe Berufe: Schlosser, Dreher, Fräser, Schmiebe, Rohrschmiede, Feinblechner, Autogen- und Elektroschlosier, Fein- Mechaniker, Schiffsbauer und verwandte Berufe. Bevorzugt ein­gestellt werden gediente und von der Wehrmacht entlassene Männer die einen Beruf erlernen wollen. Anmeldungen werden durch bie Arbeitsämter unb beren Nebenstellen angenommen, bie auch jebe Auskunft erteilen.

Antragsfrist für die Ausbildungsbeihilfe. Mit dem neuen Schuljahr werden viele Schüler in bie mittleren unb höheren Schulen neu ausgenommen. Die Eltern usw., bie Anspruch auf Gewährung von Ausbilbungsbeihilfen haben, müßen fetzt ihren Antrag stellen. Die Antragsfrist läuft einen Monat nach Beginn bes Schuljahres ab. Ausbilbungsbeihilfe wirb Familien mit vier unb mehr Kinbern gewährt, ferner ohne Rücksicht auf bie Kinber- zahl alleinstehender Frauen und bestimmten Gruppen von Schwer­beschädigten und Versehrten. Begünstigt sind besonders bie Witwen von Gefallenen unb bie Schwerkriegsbeschädigten für ihre Kinder.

Gemeinden als dringlich erkannt, damit bie HI. in bet Lage ist, ihre Aufgaben zu erfüllen. Bei ben Sugenbämtern ist die Mög­lichkeit einer engen,, segensreichen Zusammenarbeit besonder» ge­geben. Eine weitere wichtige Aufgabe der Gemeinden ist die Er­richtung von Jugendwohnheimen für die Lehrlinge, die ihr Elternhaus außerhalb haben. Diese Heime sollen in enger Zu­sammenarbeit mit ber HI. errichtet werben, bemt bie erzieherische Betreuung in ben Lehrlingsheimen liegt in den Händen der HI. So gibt es für die Gemeinden viele Möglichkeiten um die HI. in ihrer Erziehungsarbeit zu unterstützen und sich einer ver­trauensvollen Zusammenarbeit mit der HI. zu befleißigen.

Preis für kommunale Forschung

Die Stadt Mülhausen im Elsaß hat der Universität Frei­burg zur Unterstützung wißenschaftlicher Forschungsarbeit einen Preis von 5000 RM für die beste Arbeit auf dem Gebiet der kommunalen Forschung ausgesetzt, deren Ergebnis für den kul­turellen unb wirtschaftlichen Aufbau unb für bie Entwicklung ber Stabt praktische Bedeutung hat. Der Preis führt den Namen Preis der Stadt Mülhausen" und wird alle zwei Jahre zu Be­ginn der Hochschulwoche der Universität Freiburg in Mülhausen verliehen.

Dienstag Berdunkelung von 21.186.09 Uhr

(Cembalo- imö Klavierabend von Albert Hofmann

Der beliebte Pianist gab im kleinen Kurhaussaal ein Konzert mit einer sorgfältig gewählten Vortragsfolge. Aus dem Cembalo brachte Hofmann das etwa 1735 geschriebene soge­nannte italienische Konzert von Joh. Seb. Bach zu Gehör, dessen erster Teil ein Thema aus Muffatsgiorilogirum frei verwertet. Er buchte die drei Sätze mit lockerem Handgelenk in ihrer ganzen kunstvollen Verästelung und Veräderung, sodaß wir in das Ge­zweigs eines vor unseren Augen emporwachsenden Wunderbaumes zu blicken glaubten. Dieselbe tadellose Sauberkeit kennzeichnete auch die als Zugaben gespendeten Vorträge aus der Barockzeit. Bei demKuckuck" von Daquin, der Gavotte mit Variationen von Couperin und einer Allemande von I. S. Bach wurde das silberne Gewebe ber oerschiebenen Stimmen in seiner ganzen zierlichen Klar­heit bloßgelegt. Die Klaviersonate in v-dur op. 10 Nr. 3 von L. van Beethoven gehört zu ben Frühwerken bes Meisters unb ist eine ber Wenigen, in benen bas Largo eine große Rolle spreit. Hofmann wußte bie tiefe Melancholie dieses Satzes innerlichst zu erfaßen unb ihm fast zu einer Totenklage zu gestalten. Die strenge Form ber älteren Sonate mit ihren vier Sätzen hat Beethoven noch gewahrt, wenn er sie auch gleich anfangs burch eine frei phanta- Rerenbe Art zu burchbrechen scheint. Die Wiebergabe be, spar­samster Benutzung bes Pedals war eine intime, bte Klang­wirkung beinahe gebe«. Das galt auch von ben brerInter- mezzi", bie zu ben schönsten Erfindungen von Johannes Brahms gehören. Sie sind von unsagbarem Wohlklang burchstromt unb er= forbern vom Spieler eine restlose seelische Einfühlung. Sffmann gelang es, ben Zauber ber kleinen Tongebichte, für sich sprechen zu laßen, unb Brahms, ber absolute Musiker, hat nur bem ersten dieser Intermezzi eine Art Motto beigegeben, nämlich den Text eines altschottischen Wiegenliedes, das er bei Herder fand Gerade dieses Stück ist in feiner schlichten Melodik von besonderer Innigkeit. Bei all diesen Vorträgen war es, als habe der Pianist seine Kräfte gespart, um sie bei Chopins vierBalladen hervor­brechen zu laßen. Chopin hat mit den Balladen, zu denen er nach feinen eigenen Äußerungen durch vier Gedichte von Avam Mickiewicz angeregt wurde, einen ganz neuen Typus der Kiavier- komposition geschaffen und kaum eine Nachfolge gefunden. Be­sonders stark wahrt die erste Ballade in s-moll den romantischen Stil Zögernd gleichsam rhapsodierend, setzt sie ein wie der Gesang eines Barden, der immer mächtiger, ja immer «über feine Harfe aufrauschen läßt. Wohl klingt ein zartes --eltenthema hinein, aber bas heroische Pathos überwiegt m bem dusteren Erdicht von Tod unb Vernichtung. Volkstümlich und emschmreg-

Dr. Goebbels auf der Internationalen Kunstausstellung in Venedig Reichsminister Dr. Goebbels setzte am Montag seine Arbeits­besprechungen mit dem italienischen Minister für Volkskultur Paoolini fort.

Die bereits bestehende enge deutsch-italienische Zusammen­arbeit aller Zweige der beiderseitigen Arbeitsbereiche erfuhr da­durch eine weitere Vertiefung.

In den Vormittagftunden sand ein gemeinsamer Besuch der beiden Minister in der Internationalen Kunstausstellung statt. Nachmittags empfing Dr. Goebbels die Vertreter der deutschen Preße in Rom und unterhielt sich mit ihnen längere Zeit über aktuelle Fragen.

Gemeinsam mit Minister Pasolini nahm Dr. Goebbels so­dann an der Gründung der Zweigstelle Venedig der Italienisch- Deutschen Gesellschaft im Palazzo Morofini teil. Abends wohnten die beiden Minister der Aufführung bes italienischen ©roßfilms Alpha Tau" bei.

» Professor Dr. Martin Kirschner (Heidelberg) gestorben. Am Sonntag starb der weit über Deutschlands Grenzen hinaus be­kannte Heidelberger Chirurg Profeßor Dr. Martin Kirschner im Alter von 63 Jahren. Pilgerten schon in Tübingen zahlreiche Chirurgen bes In- unb Auslandes zu Kirschner, um seine über­ragende Operationstechnik kennenzulernen, so wurde die Kirschnersche Klinik in Heidelberg ein bedeutsamer Anziehungs­punkt. Von seinen zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten befaßt sich ein großer Teil mit der Eliebmaßenchirurgie. Prof. Kirschner wurde 1934 von der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie zum Vorsitzenden gewählt Diele bedeutende wißenschaftliche Gesell­schaften des In- und Auslandes ernannten ihn zu ihrem Ehren­vorsitzenden.

* Die Abendkonzerte des Sinfonie- und Kurorchesters der Stadt Wiesbaden beginnen ab Donnerstag, 3. Sept. 1942, um 19.30 Uhr.

iam beginnt die zweite Ballade in F.bur, einem keuschen Liebes­lied vergleichbar. Von großem Reiz ist weiterhin der Wechsel zwischen graziöser Melodie unb stürmischer Leibenschaft. Nr. 3 in As=bur zeichnet sich burch einen eigentümlichen Rhythmus aus. den man wohl mit bem Galopp eines Räßepferbes verglichen hat, und Nr. 4, die als Rondo bas Thema wieberholt, aber immer neu variiert, steigert sich in komplizierter Figuration zu ge­waltiger Tonfülle. Albert Hofmann gab hier fein Bestes nicht nur in ber Bewältigung ber unerhörten technischen Schwierig­keiten, sonbern auch in ber geistigen Durchdringung unb der Brillanz bes Vortrags, der dem ritterlichen Grundgedanken der Balladen angemeßen war. Dr. Wolfram Waldschmidt

^risdrich fjcbbol, Ccbcn unö Werk

Der Verlag der Wiener ZeitschriftDie Pause" gab in Gemeinschaft mit dem Verlag Bibliographisches Institut in Leipzig bie wertvolle Biographie eines ber größten beutschen Dichter her­aus, bie in Einzelbarstellungen bie kulturelle Bedeutung Hebbels würdigt, und da ber Dichter einen großen Teil seines Lebens in Wien verbrachte, ben geistigen Wechselbeziehungen zwischen dem beutslben Norben unb Silben nachspürt.Ein hohes Leben aus der liefe'* zieht an uns vorüber Wir lernen die weite Landschaft der Dithmarschen kennen, wo Hebbel in dem stillen Örtchen Wessel­buren 1813 geboren wurde, schon mit fünfzehn Jahren sich, als Schreiber sein Brot verdiente und eine harte Jugend durchwachte. Früh zeigten sich seine Charaktereigenschaften, die auch in seinen Werken zu uns sprechen. Herb, verschloßen, dabei stolz und leicht gereizt, geht er seine eigenen Wege, wie wir aus feinen Tage­büchern erfahren. Die Schriftstellerin Amalie Schoppe verschafft ihm die Mittel, um sich in Hamburg literarisch weiter zu bilden. Dann lernt er Elise Lensing kennen, die ihm in reiner, selbstloser Liebe zugetan war, ja ihr Vermögen für ihn opferte. Nachdem er in Heidelberg und München studiert hatte, reifte er mit einem Stipendium bes Königs von Dänemark nach Paris unb Italien. Schließlich kam er völlig mittellos in Wien an, wo er burch bie Ehe mit ber schönen Burgschauspielerin Christine Enghaus in georbnete Verhältnisse kam. In Wien ist er auch 1863 gestorben. Eindringlich wird Hebbels Weltanschauung nachgezeichnet. Sie steht im Kampf mit dem damaligen demokratisch-liberalistischen Geiste, dessen Gefahren Hebbel deutlich erkannte. Alle seine Dramen um« reißen gerade dieses Problem des Individualismus, derAb­schnürung des Lebens", statt den Einzelnen in das Ganze einzu- ordnen und einzugliedern. Nutzlos vergeudete Energien fuhren so zur Selbstzerstörung unb zum tragischen Ende ber vielen Kraft­naturen unter seinen Helben. Der Verfaßer tiefes Teils bes Buches, Franz Koch, weist auf bas Sonett HebbelsWelt unb ich" hin, tiefem Vergleich von dem großen, ungeheueren Ozean, dem ber einzelne Tropfen sich nicht verschließen kann,sonbern öffnen muß er sich, um im Leiden und Genießen sich mit allen Strömen zu mischen. Dann bient er sich unb bem höchsten Plane". Die Lanbschaft von Hebbels Heimat ist weiterhin Gegenstand einer feinsinnigen Studie. Die Marschbewohner, die Nachbarn der un­ruhigen Nordsee, sind ein Volk von Willenstärke und Beharrlichkeit, das sich seinen Boden geschaffen hat, wobei heroische Bauernkämpfe häufig genug ausgefochten werden mußten, von deren Tapferkeit die Dithmarscher Chronik zu berichten weiß, wie sie auch die Keuschheit der Frauen nicht vergißt. Unter rauher Außenseite verbirgt ber Mensch bes Narbens spröde und deutsche Gemüts-- Weichheit, übrigens tritt beides auch bei einem norddeutschen