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Wiesbadener Tagblatt
Samstag/Sonntag. 27./28. Juni 1942
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Ate veetße / VON HEINRICH LEIS
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die Strahe. da einer der Den bat. über die Neben«
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Aus der Tiefe steigen di« Befreier der Menschheit, wie die Quellen aus der Tiefe kommen, um das Land fruchtbar zu machen, so wird der Acker der Menschheit ewig aus der Tiefe erfrischt. Wilhelm Raabe
„Wir flnd Musikfreunde"
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Der Aemdglunker
VON HERMANN ERIS BUSSE
— de — ei — fried — Hann — bans
.L8o ist der Smuck? schreit Frau Benkiser ste durch den Lärm, an, denn soeben eilen eine Anzahl anderer Hotelgäste an ihnen vorüber auf die Strahe. da einer der Angestellten ihnen den Rat gegeben bat. über die Nebenireppe in die oberen Stockwerke zu gelangen und nach ihrem gefährdeten Eigentum in ihren Hotelzimmern zu sehen.
m Auflösung zum Kreuzwort-Rätsel „Allerlei!" in Nr. 142: Waagerecht: 1. Bach. 5. Ekel. 9. Aula. 10. Dari. 11. Uran, 12. Eder. 13. Mandoline, 15. SOS. 16. Leitstern, 22. Adda. 23. Erie, 24. Aden. 25. ängo, 26. Sand. 27. Nein. — Senkrecht' 1. Baum. 2. Aura. 3. Clan. 4. Handstand, 5. Edelstein. 6. Kadi, 7. Eren. 8. Lire, 14. Oos. 16. Laos, 17. Edda. 18. Iden. 19. Erne. 20. Rigi, 21. Neon.
3n zwei Sahen batte Hertha die Alte unterrichtet. Ihr Blick entdeckt, als sie ihr den mitgebrachten Mantel zum Schutz gegen die Nachtkälte überwirft, daß die Hände der Greisin ein weisses Etwas ständig umklammert halten. Sie erkennt es als das seidene Abendtäschchen wieder, das die fremde junge Dame am Nachbartisch beim Aufsteben vorhin verloren hat. Klaus Overbeck bat es abermals gefunden und der Ererstn mrt einem Triff auf die Knie unter die seidene
Aus vorstehenden Silben bilde man die Vornamen der nachfolgenden Künstler. Nach richtiger Lösung ergeben die Anfangsbuchstaben — von oben nach unten gelesen — den vollen Namen eines deutschen Komponisten (t 1897).
1. Vorname von Bach. 2. Komponist Nicolai, 3. Komponist Pfitzner, 4. Komponist Mozart (2. Vorname), 5. Geigenvirtuose Paganini, 6. Operettenkomponist Dostal, 7. Pianistin Ney, 8. Komponist Wagner. 9. Sänger Gigli. 10. Komponist Schumann. 11. Komponist Lortzing, 12. Komponist Marschner, 13. Komponist v. Schillings, 14. zweiter Vorname von Bach.
3m Hochsommer ist dem Veterinärrat, in Knitziugen kurz Bieh- doktor genannt, ein peinliches Mihgeschick zugestoßen. Es war eine schwule Nacht alles stöhnte unter der Hitze, wer konnte, machte es sich leicht m der Gewandung.
m l-.t 2chsle wohnte in einem der schönen, behäbigen P°^^L^h°user der alten Stadt gegenüber dem „Faulen Pelz", oder Posthof rote er tn alten Zeiten hieß. Es war das Haus, in Sem die Oberen verkehrten und auch zu guten Konzerten und Veranstaltungen kultureller Art oder zu den üblichen Bällen an« «[e$enM Bereute hingingen. Diesen Abend fand im groben Saal eine Wtrteversammlung statt, ein Fremdenverkehrsfachmann hielt etne einige Rede, die bis auf den stillen Platz heraus tönte, der unter der sommerlichen Schwüle förmlich dampfte.
Merkwürdigkeiten
Alexander bei Eiohe unterwarf Asien mit nur 40 000 Mann und Friedrich der Große eroberte Schlesien im ersten schlesischen Kriege mit nicht mehr als 20 000 Mann.
Die Engländer gaben 1653 die Belagerung von Granada nach 62tägiger Dauer wegen der unerträglichen Mückenplage auf; die Florentiner gaben die Belagerung von Ealdana auf, weil ihnen der Wein ausgegangen war.
Die ersten Geschütze auf europäischem Boden feuerten die Mauren 1340 in Südspanien ab.
Das Land, das die erste Euhstahlkanone bei Krupp bestellte, war Ägypten.
Macchiaoelli berichtet in seiner Florentiner Geschichte", dah in den damaligen Schlachten meist beide Teile verloren, dah in der Sehlacht bei Zagonar nur ein Mann den Tod gefunden hat, aber nicht durch Waffen, sondern durch Sturz vom Pferde.
3m bayerischen Erbfolgekriege 1778 zwischen Friedrich dem Erohen und Kaiser Joseph II. kam es zu keiner einzigen Schlacht, sondern nur zu einigen Vorpostengefechten.
1793 flog das Geschah einer preußischen Kanone in die Mündung einer französischen und brachte das darin steckende Geschah zur Entzündung.
Heute kehrt der Soldat, wenn et seine Zeit abgedient hat oder ein Krieg zu Ende ist, in der Heimat und zu seinem Berufe zurück. Früher war es schwer, die Soldaten nach Kriegsende wieder los« zuwerden, weil sie gewöhnlich noch alten Sold zu erhalten hatten.
Das Schrapnellgeschotz hetht im Japanischen, auf deutsch übersetzt, die „Kugel, die Kinder bekommt".
Vor 1793 gab es in der preußischen Armee keine Orden- und Ehrenzeichen für die Mannschaften.
Im Sezessionskriege — Krieg 1861 bis 1865 — gab es beim Heere der Nordstaaten ein „Tingeltangel-Regiment" aus den Leuten bet Singspielhallen, eine Kompanie von Perückenmachern und eine Hagestolzenkompanie.
Die erste Ballonaufnahme gelang dem Photographen Radar 1859 in der Schlacht bei Solferino. Er stieg auf Befehl Napoleons mit dem Luftschisfer Eodard auf, um die österreichischen Stellungen zu erkunden.
Decke gedrückt. Hertha beschließt, es nachher wieder an sich zu nehmen.
Es ist nicht ohne weiteres leicht, den Rollstuhl der etwas gelahmten Frau auf die Strahe und dann zum Nebenhaus in der Seitenstraße zu schieben. Jeder Schritt muß fast er« rammt werden in diesem Gewühl der Feuerwehrleute, der fluchtenden Gäste, von Zuschauern, die von dem eben aus- gebrochenen Brmidunglück mitten im Faschingsjubel in den benachbatten Vergnügungsstätten hörten und herbei- stromten —.
Man wundert sich in dieser Situation über nichts mehr. Man ist auch nicht erstaunt, daß ein schönes junges Mädchen, einen Kranz weißleuchtender Margueriien im Haar, einen Mantel über das rosa Seidenkleid geworfen, eine alte Dame tm Rollstuhl über die Straße schiebt--
..Gott, in ein Sinterzimmer bringen Sie mich!" ruft Frau Benkiser, als Hertha ihren Stuhl einen kleinen Gang hinabschlebt, nachdem ste ibn glücklich in den Hauseingang gebracht hat.
^.Anmaßend und.unzufrieden wie immer!" denkt Hertha empört, und ihre Hande zittern noch von der kaum bestandenen Aufregung. Sie sagt kleinlaut und eindringlich: „Seien wir froh, daß wir überhaupt gleich und so nahe eine Unterkunft gefunden haben!"
„Wo ist nun mein Schmuck?" platzte die Greisin sofort mit ihrem größten Anliegen heraus, nachdem sie einen Blick über das Zimmer geworfen bat, in dem ste nun wohnen soll. Es erscheint iür passabler, als es ibr nach dem Hauseingang zu sein versprach. Als Hertha ibr nun die Kassette aus dem Schrank reicht, ruft ste erbost: „Wie — und Sie baben den Schrank nicht einmal abgeschlossen?"
. . Kein Wort des Dankes, der geringsten Anerkennung, day ste dreien gefabrlichen Weg für Frau Benkiser eben unternommen bat! Rein, auch noch einen Vorwurf . . .
Aber wie oft bat ste in letzter Zeit in ähnlichen Anlassen über der Situation stehen — und schweigen müssen, als alles in ihr kochte---
(Fortsetzung folgt.)
. Sie traten neugierig herzu und schlossen sich in einem Halb- trets um ben Mann im Hemd, bei rasch sein Mißgeschick erzählte. Bloh um alles in bei Welt bas Fräulein Rosa, die Haushälterin, nicht wecken, ba ging sonst alle Achtung verloren.
„3o, welleweg, unb sonst noch was", lachte spöttisch bei lange (Enteniiatt; denn es war Stadtgespräch, daß bei Öchsle gern bas Fraulein Rosa, seine neue Huserin, geehelicht hätte, wenn bie sich ntd)t so herb zeigte trotz ihrer sanften, hübschen Äuherlichkeit.
„Im Hemblin, wie unkeusch", flüsterte bann bet Entenhart zart.
Doch bet Bürgeimeistei Regenolb verwies ihm die Spottsucht, er sagte bann leiser: „Schließt euch näher zusammen unb unterhaltet euch. Ich schau derweil, ob hinten ein Fenster offen ist."
Sie taten es. Hinten war ein Fenster offen. Der Bürgermeister kam an bie Haustür, öffnete unb lieh ben Hembigen ein, just als gerade dem Gewitter droben die Blase platzte und ein Regen mit Miefeniropfen nieberging. Der jagte die noch aus dem „Faulen Pelz hetausquellenden Gäste rasch wieder hinein oder im Sturmschritt an ben Häusern entlang heim.
Dem Doktor Öchsle ging aber bas Abenteuer zeitlebens nach. Er hieß seither bet Hemdglunker. Unb seine drei Buben, bie et spater mit bet angetrauten sanften Rosa hatte, hiehen ’s Hemd- glunfets ihri", wenn ein Streich von ihnen ruchbar wurde.
Hein — ja — - nie — no —
Hertha beißt die Zähne zusammen und versucht zu lächeln. Den Ellbogen hat ste sich gehörig am eisernen Geländer angeschlagen. Aber das läßt man sich nicht anmerken, sondern ste fragt in einem fast beglückten Tone zurück: „Gestoßen? O, ich glaube. Sie sind auch Hamburger und ein Landsmann von mir — oder aus Lübeck — oder aus Holstein?"
„Aus Hamburg! Richtig geraten! Ste auch? Eben traf ich in dem ersten Geiger der einen Tanzkapelle auch einen Hamburger--“
„Ja. der hiesige Ort ist als Ziel für die vergnügungsreisenden Hamburger sehr beliebt! Wir treffen hier immer Hamburger —
„Sie bleiben hier?"
„Nein. Hoffentlich nickt. Ick bin die Tochter des Oko- noms vom Sarvestebuder Klubhaus. Aber ich muß jetzt um Gottes Willen zu meiner Dame zurück, die halb gelähmt ist und im Vestibül sitzt!" ruft sie. den Rest der Treppe bereits binabeilend.
Er beugt sich über dar Geländer und ruft ibr nach: „Die Frau im Nebenbaus bat noch vermietbare Zimmer frei! Sickern Sie sich tato ein Obdach!"
Ibr „Danke!" ballt ibm noch nach, wäbrend er nach oben läuft und sie, die wertvolle Sckmuckkassette an sich gedrückt, überlegt: „Es wäre das beste. Dann hätte ick auch gleich einen Raum, um aufs neue diele Kassette abzusetzen und zu verschließen."
Deswegen eilt ste jetzt nicht gleich ins Hotel zurück, sondern betritt nochmals das Zimmer, das im Nebenhaus unmittelbar neben der Haustür liegt und in dem die <yrau mit kummervollem Ausdruck das immer noch bewußtlose junge Mädchen auf ihrer Chaiselongue betrachtet.
Im Flüsterton ist die Verhandlung in wenigen Sätzen au Ende geführt. Es fügt sich günstig, daß gleichfalls im Erdgeschoß zwei Zimmer, die an der Rückseite des Hauses
Der vorn Berns ermüdete Tierarzt lag bereits in seinem Zimmer zu ebener Erbe im Bett: er war Junggeselle, bewohnte «»er mit Bursche unb Haushälterin bas ganze Haus, bas er von feinem Vater, dem Malermeister Balthasar Öchsle geerbt hatte. Da er oft ein zünftiger Hocker hinlerm Schoppen war, wählte der Doktor bas praktische Zimmer m ebener Erbe als Schlafstube, ob- sihon es bem untertags lauten Platz zu lag. Er konnte aber so unhörbar ins Saus heimkehren. Die Freunde sagten, er brauche vom „Faulen Pelz" heraus nur dreimal umzufallen und sei zu Haus. Eie beneideten ihn bisweilen.
.. Diese Nacht nun war es so heiß in der Stube, daß der Doktor nicht schlafen konnte. Draußen plauderte der große Marktbrunnen fern Wasser ins große Becken, und auf einmal kam ben Doktor bas Gelüst an, dort rasch einen kühlen Trunk zu tun. Er kämpfte eine Weile dagegen; aber während ein Gewitter in der Ferne grollte und manchmal ein Lichtschein über die Giebel huschte vom fernen Wetterleuchten wurde es immer schwüler und der Wunsch nach Kühle umso dringlicher.
Da sprang bet Doktor in raschem Entschluß aus dem Bett, griff btaufjen tn der Diele nach dem Weinkrügle und gedachte, ohne lang zu fackeln so wie er war, im schlichten Nachthemd, hinaus- zueilen, um sich einen Krug voll des köstlichen Knitzinger Wassers zu holen. Drüben im „Faulen Pelz" waren die Gäste kurz vorher gegangen. Sie tranken sicher noch ein Bier auf den guten Eleven« beim Lrauerfelix in der unteren Laube, wie es der Brauch war.
Der Platz lag still, als Öchsle, unter der Saustüre verharrend, hinauslauschte. Das Gewitter schickte seinen Vorwind bereits herein. Er fuhr ihm übers Gesicht wie eine heiße Zunge. Der Doktor wollte gerade vollends aus der Tür treten, barfüßig und hemdig wie ein Mondsüchtiger, da gab es Durchzug und krach schlug die schwere Suustür zu.
Seiligs Gewitter, durchfuhr es den Ausgesperrten, jetzt hab ich keinen Schlüssel! Nicht genug des Mißgeschicks, sein weites Nachthemd hatte sich in die Türe geklemmt und zwar derart, daß er sich auch nicht umtebren könnte, die Glocke zu erreichen. Da stand er nun gefesselt, mit dem Krug in der Sand, ein Bild für Wilhelm Busch.
Während er noch überlegte, was am besten zu tun sei, und während er gerade erwog, aus dem Semd zu schlümen, um nackend hurtig sein Stubenfenster zu erklimmen unb noch lauschte, ob wohl niemand unterwegs sei ging im „Faulen Pelz" die Tür auf und eine große, beitete Gesellschaft trat heraus. Hoppla, da war doch noch männiglich eine Runde also hocken geblieben. Der Blick der vordersten Mannen fiel natürlich gleich auf das Gespenst an des Tierarztes Haustür, das erstarrt stand vor Schrecken. Erst als sich bie Knitzinger näherten, erkannte Öchsle seine Freunde: Bartlin, Regenold, den Bürgermeister, Sepp Entenhart ben Ratsherr, den Kaufmann Knöpfle, den Förster und den Apotheker und rief ihnen zu: „Schnell! Kommt her! Stehet vor mich! Mir is ebbis Dumm’s passiert!"
liegen, der im Gehen bebinderten Frau Benkiser und Hertha zur Verfügung stehen. Rasch nimmt sie die Gelegenheit wahr, die Schmuckkassette in einen Kleiderschrank zu schließen und den Schrankschlüssel zu sich zu nehmen, um dann nach Frau Benkiser zu sehen.
Im Vestibül berrsckt noch das größte Durcheinander. Die «xeuerwehr tit angerückt und bearbeitet bereits den Brandherd. Die Treppe zum ersten Stockwerk brennt. Der Pluschläufer bat unter der niederprasselnden Dekoration neuer gefangen — und so züngeln die Flammen die Stufen unaufhaltsam hinauf. Drunten stehen diejenigen Hotelgäste, die am Feste teilgenommen baben und sich von ihrem Eigentum .in beit oberen Stockwerken abgeschnitten sehen. Ganz tn einer Ecke sitzt, wie zu Stein erstarrt, Frau Benkiser.
Sie ist allmählich so sehr vom Schrecken und der dohenden Gemhr. eingeschuchtert, day sie weder zu rufen noch zu lamentieren wagt. Sie blickt nur unausgesetzt auf die brennende Treppe zum ersten Stockwerk, über die Hertha vor wenigen Minuten verschwunden ist — und denkt mit keinem Gedanken daran, ob das junge Mädchen nicht auch einer Gefahr ausgesetzt ist. Rur ein einziges Gefühl kreist in ihr: wieder in den Besitz der unbeschädigten Schmuckkassette zu gelangen.
Run hörte sie sich angesprochen. Ja. Hertha ist zurück und hinter ibren Stuhl getreten.
Der Züchter in bet Laubenkolonie führte uns bie Reihen bet Hasenställe entlang, bie alte Mf das beste hergerichtet waren, sauber unb mit frischer Streu, darin bie kleinen Insassen eifrig murmelten ober bei unserem näherkommenben Schritt bie schnuppernden Wackelnäschen gegen bas Drahtgitter brückten. Mancherlei Arten waren vertreten, weiße, gescheckte unb solche mit silbrig schimmerndem Blaugrau. Winzige Junghasen kuschelten im Nest wer schmiegten sich schütz- unb wärmesuchend an den weichen Haarpelz der Mütter.
Eine zufällig hingeworfene Bemerkung übet dies Idyll der Hasenkinderstube, über die auch im Tierreich immer wieder so rührend bezeugte Mutterliebe, beschwor in dem Züchter eine alte Erinnerung und ließ ihn die eigenartige, nachdenkenswerte und fast tragikomische Geschichte von der weißen Hästn erzählen.
„Damals im Weltkrieg war es", begann er, „der Kompanieführer war auf den Gedanken gekommen, während feine Truppe im Stellungskrieg lange Zeit an einem verhältnismäßig ruhigen Frontabschnitt lag, die etwas knapp werdenden Fleischrationen durch planvolle Hasenzucht zu verbessern. Ein Feldwebel erhielt den Auftrag zur Durchführung, und gewissermaßen als Fachmann wurde ich mit den entsprechenden Zurichtungen betraut. Die Sache bewährte sich übrigens nicht und wurde auch bald wieder aufgegeben, denn wenn es wirklich einmal an die Verteilung gehen sollte, stellte sich heraus, daß für den Einzelnen doch nur wenig übrig blieb.
Unter den Zuchttieren befand fich auch eine starke weiße Häsin, und zur Paarung mit ihr wurde ein nicht weniger kräftiger und stattlicher mausgrauer Rammler ausersehen. Bon beiden versprachen wir uns besonders gute Nachzucht, aber wir rechneten nicht mit einem unverhofften Eigensinn der Tiere. Die Häsin behandelte ihren Freier mit eisiger Ablehnung, sie zeigte sogar einen deutlichen Widerwillen gegen ihn. Aber wie nun einmal ein militärischer Befehl keinen Einwand gelten läßt, mußte bie weiße
Lustige Ecke
Arzt und Patient
.Als der Berliner Arzt Dr. Heim sich zu Anfang des vorigen Jahrhunderts einen großen Namen erworben hatte, kamen auch viele Patienten zu ihm, für die es eine Mode- fache war. sich von ihm behandeln zu lassen. Da Heim einen guten Humor besaß, fertigte er derartige Ratsuckende meist kurz und schlagfertig ab.
„Ach. Herr Geheimrat", klagte ibm eine Dame ihr Leid, „mir ist ja so dumm im Kopfe . . ."
„Gegen die Krankheit kann ich allerdings nichts verordnen". entgegnete Heim, nahm seinen Hut und besuchte seine Kranken.
Oft geschah es, daß auf Gesellschaften dieser oder jener unter der • Hand einen Ratschlag von dem berühmten Arzt Dr. Heim haben wollte, anstatt in seine Sprechstunde zu gehen. So erzählte ibm einmal seine Tischdame hei einem Essen:
„Oft habe ich so große Schmerzen im kleinen Finger, daß ich schreien könnte. Was soll ich bloß tun?"
„Schreien!" lautete die kurze Verordnung des genußvoll kauenden Arztes.
Vor dem Richter . ..
„Angeklagter, batten Sie bei der Tat einen Genossen?" „Nein, Herr Richter. Ich war ganz nüchtern."
Häsin unter menschlichem Eingreifen sich zu ungeliebter Hingabe entschließen. Als dann ihre Zeit kam, brachte sie sechs gesunde, dem elterlichen Erbe gemäß kräftig veranlagte Junge zur Welt, drei weiße und drei mausgraue.
Nun hätte man rechnen sollen, alles Weitere nähme seinen natürlichen Fortgang, die Jungen würden gesäugt, versorgt und bemuttert, wie es eben üblich ist. Doch da zeigte fich, daß die Häsin das vorhergegangene Erlebnis noch keineswegs vergessen hatte. Zwischen den weißen und den grauen Sprösslingen machte ihre Mutterliebe einen seltsamen Unterschied. Die Stallhasen pflegen für ihre Jungen aus Halmen und Gräsern, auch aus Flaum, den ste fich selbst aus dem Pelz zupfen, genau wie ihre Artgenossen in der Freiheit ein Nest zu bauern daß fich die Kleinen darin zusammenkuscheln. Unsere weiße Hästn. aber baute zwei Nester, mit denen sie von vornherein die weißen und die grauen Nachkommen deutlich voneinander schied. Den weißen galt ihre ganze Sorge und Zärtlichkeit, sie waren ihre Lieblingskinder. Gegenüber den anderen, den grauen, benahm sie sich nicht gerade feindselig, aber doch kühl und ablehnend, sie waren und blieben Stiefkinder, trugen sie doch in der Farbe schon das Erbe des unge» liebten Vaters. Und ebenso wie bie weißen verwöhnt und verhätschelt, wurden st« ganz offenkundig vernachlässigt.
Da griff wieder bie Menschenhand ein, sozusagen die nrtlv tärische Befehlsgewalt. Der Feldwebel höchsteigen, der das Spiel mißbilligend mitantoaute, zerstörte eines Tags die beiden Nester, raffte dafür ein einziges großes Nest zusammen und legte die sechs verschiedenartigen Jungbasen treu; und quer durcheinander. Und nun kam die größte Überraschung: Am anderen Morgen waren bie zwei ursprünglichen, getrennten Nester wieder ba, und in ihnen lagen, sauber getrennt, die weißen Und die grauen Sprösslinge. Man mag es für eine erfundene Fabel halten, aber es ist tatsächlich so geschehen. Es gab einen Punkt, wo bas Tier auf seinem Eigenrecht bestand und fick von den Menschen einfach nichts in seine Herzensangelegenheiten hineinreden ließ.
Der Versuch wurde übrigens noch mehrfach wiederholt, aber jedesmal vollzog die Häsin mit stillschweigender Beharrlichkeit aufs neue bie Trennung ber beiden Nester. Mutterliebe ist gewiß der stärkste Trieb tm Tier. Und wie ich beobachtet habe, daß selbst Raubzeug, Füchse oder Wiesel, wenn es um Ernährung ihrer Jungen ging, keine Gefahr scheuten und entgegen aller gewohnten Vorsicht oft geradezu in den Schuß hineinliefen, so ließ auch diese weiße Häsin fich ihr Gefühl mütterlicher Zuneigung weder durch List noch durch Gewalt umfälschen. Eie bestand darauf, daß nur die drei weißen Häslein ihre vollwettigen Kinder seien. Die grauen blieben im Wachstum zurück, zwei starben, ehe sie sich entwickeln konnten, nur das dritte, das zäheste wohl, kam durch, aber es blieb schwächlich und verkümmert gegenüber den kräftig gesunden weißen Geschwistern.
Ich sann nach dieser Geschichte über wunderliche Vorgänge in der Tierseele^ die eine Welt von unergründeten Beziehungen offenbart. Wie Tiere, ber Nachkommenschaft beraubt, Fremde, selbst eigentlich Todfeinde ihrer Art, als Stiefkinder liebend umhegen und großziehen, so trieb es aus tiefem Gefühl heraus, fast möchte man meinen aus beleidigtem Liebesstolz, bie weiße Häsin, Sprößlinge des eigenen Blutes als gleichgültige, unerfreuliche Fremdlinge zu behandeln.--
