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Seite 10 Nr. 124

Wiesbadener Tag blatt

Samstag Sonntag, 30./31. Mai 104!

Mr Sonntag

Beilage des wies b adener Tagblatts

Schon sprang der Fuchs mit einem mächtigen Satz an. „Falsch!" keuchte Serrahn. „Nicht nach Fnednchsmoor. Umdrehn.

Das war Frevel. Denn Hella -og bereits aus dem Weg. Sie umkreiste den Wankenden, raste gestreckten Galopp davon und tann,5cIIa -^“bat Serrahn ihr seinen Frevel ab. Dann schuppte er sich in den Weggraben. Dort hatte er nur noch so viel Kraft, beim Hinfallen zu verhüten, daß sein blutender Kopf nach unten 3“ ^In^Bahlenhüschen wollte ein Taglöhner der Stute in den

Sella /

— für Hella eigentlich eine überflüssige Erfindung, ein Schnalzen mit der Zunge, ein Kopfnicken — Hella

war

An einem fahlen Februarmorgen des Jahres 1787 fuhr der Schlächtermeister Serrahn aus Crivitz in Mecklenburg, wie tag­täglich, mit seinem gelbgestrichenen Einkaufswagen über Land. In der Deichsel des propperen Gefährtes lief Hella.

Das war eine siebenjährige Eoldfuchsstute. Die hatte der Eri> vitzer Schlächtermeister selber gezogen. Kopf und Fesseln adelig wie bei einem Vollblut. Wäre fie hinten nicht ein ganz klein wenig abgefallen, so wenig, daß nur gewiegte Kenner es gewahrten — Hella hätte als das Musterbild eines Pferdes gelten können. Zu­mal sie nicht eine beschränkte Schönheit war. Sondern klug wie keines der vielen hundert Pferde, die durch den Stall Serrahns gewechselt oder darin zu eigenem Gebrauch gestanden.hatten.'Zaum und Zügel — für Hella eigentlich eine überflüssige Erfindung. Ein Wort, ein Schnalzen mit der Zunge, ein Kopfnicken — Hella

Eitzes wieder zu.

In diesem Augenblick sah Hella nach ihrem Herrn um. Serrahn verstand und antwortete dem Blick des Pferdes mit Kopf­schütteln und Kopfnicken: „Keine Sorge, Hella! Ich patz schon aus!"

Dann öffnete der Schlächtermeister das Vorhängeschloß bes Deckelgatters über dem Kälberkasten, klappte den Hinterwagen aus, kommandierte: „Hopp!" und erstaunlich: Der müde Handwerks­bursche hatte im Nu das Innere des Wagens erklettert. Serrahn klappte das Deckelgatter über seinem Weggenossen zu und schob das Schloß sorgsam wieder durch die Krampe.

Der Handwerksbursche kümmerte sich nicht darum. Er schnallte sein blau^chwarzes Bündel vom Rücken und streckte alle Viere in das saubere Stroh des Wagens aus. Hat offenbar nur einen Wunsch: Ausschlafen! stellte Serrahn fest und steckte den Schlüssel in das Vorhängeschlotz, um den Kälberkaf sich aber im nächsten Augenblick: „Waso

Wunsch: Ausschlafen! stellte Serrahn fest und steckte den Schlüssel in das Vorhängeschlotz, um den Kälberkasten abzuschiietzcn. Schalt sich aber im nächsten Augenblick: „Waschweib! Vieh einschlietzen — ja! Einen Menschen, einen schlafenden Menschen, — nein!" Er zog also, ohne ihn umzudrehen, den Schlüsiel aus dem Schloß, steckte ihn in die Tasche, und weiter ging die Fahrt durch den Wald. _ „ ,

Immer wieder wollte Hella vom Trab in den Galopp hin­überspringen. Der Schlächtermeister mutzte sie zuletzt mit Gewalt zum Trab zurückreißen. „Ruhig, Hella!" mahnte er. „Beim Galopp kann selbst Der-da-hinten nicht schlafen!"

Einmal konnte der Jagende trotz seines erneuten: „Waschweib!" der Versuchung nicht widerstehen, nach dem im Stroh ausgestreckten umzublicken. Doch der offenbar Todmüde lag im Kälberkasten

und schlief. ,

Plötzlich aber — neben dem Eansacker, der ehedem freies Feld gewesen fein mochte, jetzt jedoch dicht bewaldet war wie der Wulfs-

den Forst und liefe Hella selbst im Friedrichsmoorer Forst nicht zum Schritt abstoppen. Denn er hatte noch eine weite Rundfahrt durch die Dörfer am Rande der Sewitz vor sich.

Als Serrahn zum Wulfshorst kam, stand ein Handwerks­bursche in der linken Wagenspur. Der bat mit gezogenem Hui: „Bißchen mitfahren!" *

Serrahn sagte in solchem Fall niemals nein. Es war lang­weilig, Tag für Tag von früh bis spät allein auf dem Bock zu sitzen. Auch konnte man im Gespräch mit den Leuten vieles er­kunden, was'einem später zu Nutzen wurde. Besonders, wenn der Mitfahrende kein Mecklenburger war, sondern von weither seines Weges kam. An diesem Morgen aber schüttelte Serrahn den Kops, wollte Hella anrufen: „Rechts raus!", wollte das Radgeleise ver­lassen und weiterjagen.

Doch der Bettler trat zwischen die beiden Wagenspuren, stellte sich so unmittelbar vor die Diichsel hin, daß er von dem Schlächter­meister überfahren wäre, wenn Hella nicht, ehe ihr Herr an der Leine ruckte, aus eigenes Geheiß gestanden hätte „Übet mich weg!" lief der Handwerksbursche zum Vock hinauf: „Füße kaputt. Kann nicht mehr tippeln. Bißchen mitsahren!"

Serrahn dachte: „Peitsche quer durch die Fratze! Dann springt der krächzende Kerl schon beiseit'." Ader der Crrvitzer Schlächter­meister folgte nicht dieser Stimme seines Herzens, sondern dem Anruf seines Verstandes. Der höhnte: „Bist du ein altes Weib, das sich vor einem humpelnden Handwerksburschen fürchtet?" Er nickte also dem ums Mitfahren Bettelnden Gewähr zu.

Der Handwerksbursche wollte an Serrahn vorbeigehen, um hinten aufzusteigen.

„Hier!" rief der Schlächtermeister ihn an. Und er knöpfte seinem Fahrgast den Knieschlag des Wagensitzes auf. Denn so viele Wanderer Serrahn von der Landstraße aufsammelte und durch die meilenweiten Wälder mitsahren ließ — alle mußten neben ihm fitzen. Datz einer hinter ihm auf den Kälberkasten stieg dul­dete et um keinen Preis. War der Platz an seiner Seite besetzt, dann war er den Wegbettlern gegenüber ebenso hartherzig im Abweisen, wie andernfalls gutmütig im Jasagen.

Der Handwerksbursche begann von neuem ju bitten: „Jin Stroh liegen. Schlafen. Müde. Sehr müde. Sauber dahinten. Sauberer als manches Herbergsbett!"

Das stimmte. Jeden Abend wurde das Innere des Wagens gewaschen, daß nicht ein Krümel des Tierschmutzes zurückblieb. Jeden Morgen wurde ein frisches Bund Stroh auf seinem Boden ausgebreitet, als ob es Zweibeiner statt Vierbeiner einzukaufen gelte.

„Der arme Bursche hat recht!" dachte Serrahn. „Also denn in Gottes Namen hinten!" Er ries dem Handwerksburschen zu: „Einen Augenblick Geduld!" und knöpfte den Knieschlag seines

verstand ihren Herrn.

So spannte denn auch Serrahn allmorgendlich selber Hella vor den Wagen. Die andern Pferde mochten Geselle oder Lehr­ling aus dem Stall holen, in den Stall bringen und versorgen. Hella strängte Serrahn selber an und ab. Hella striegelte und wiemerle Serrahn selber. Hella matz Serrahn Hafer unb Heu unb Wasser selber zu. Er würbe das auch bann getan haben, wenn Hella nicht jeben anbern, bet sich ihi im Stall auf meht als Meterlänge zu nahen wagte, mit Keilen bebroht hätte. Sogar seinen Sohn und seine Tochter. Obwohl sie doch zu ihm fromm gleich einet Schnucke.

Wie ungezählte Tage votdem dutchjagte bet Schlachter- nreistet auch an bem gebachten Febtuatmorgen mit Hella ben Bahlenhüschener Forst, trabte an bet Rebenwiese, dem Hirschtanz, der Triangel, der Twehle vorüber, querte bei der Kreuzschleuse

VON HANS FRANCK

horst — plötzlich — der Handwerksbursche mutzte heimlich seine Finger durch das Gitter geschoben haben und das unverschlossene Vorhängeschlotz aus bei Krampe entfernt haben — plofclt<b klappte bet Deckel bes Kälbetkastens aus, unb ehe Serrahn sich berumreifecn, bie Peitsche zur Abwehr heben konnte, sauste ein Hammerschlag in seinen Schübel.

Als bcr Schlächtermeister roieber zu sehen vermochte, erkannte er: „Wagen noch auf bet Stelle, wo bet Halunke heimtückisch zu- geschlagen hat, Gelb fort.“

Ununterbrochen rann bas Blut, über sein Gesicht, seinen Hals, seine Eewanbung. ...

„Was tun?“ fragte bet Blutenbe sich. „Nach Crivitz zuruck- jagen? Ehe ich dort Bin ist's aus mit mir. Nach Friedrichsmoor roeitetjegen? Näher. ‘Xiel näher. Vielleicht erreich ichs noch lebend. "Aber selbst wenn ich atmend dort ankomm, verblut ich den Bauern unter den Händen! (Einen Doktor!“

Doch wie einen Arzt in ben Walb schassen?

Hella blickte unverwanbt ihren Herrn an.

„Ja, einen Doktor!" fuhr Serrahn in seinem Selbstgespräch fort. „Unb Ruhe! Ruh« bie einzige Rettung. Unb bcr Doktor!

Aber auf welche Weise einen Arzt wissen lassen: Im Fried­richsmoorer Forst, wenige Minuten hinter dem Wulfshorst, ist ein überfallener Mann am Verbluten!? Wer sollte dem Arzt sagen: Kommen, sonst stirbst der Schlächtermeister Serrahn?!

. „Wen schicken?“ sagte der überfallene laut.

Hella wieherte.

Unb Serrahn hörte bie Antwort auf feine Frage.

Er kletterte vom Wagen, zog ben blutbefubelten Mantel aus und legte ihn auf den Rücken des Pferdes. Damit der Mantel unterwegs nicht heruntersiele, schob er beit Ring, in welchem her Aufsatzzügel eingehakt war, durch eines der Knopflöcher. Dann wollte er die Hand erheben und, was er nach niemals Hella an­getan hatte, in diesem Augenblick doch tun: Der Stute einen Schlag hintendrauf klatschen. Aber dazu reichte die Kraft des Blutenden nicht mehr. Nur noch zum Wort langte es. Zum: „Galopp, Hella!

3U85efla‘Trife' ihn um, bafe er die Fäuste hinter ihr ballte unb, statt zum Holzschlagen in ben Walb zu gehen, nach Hause humpelte.

In Gohren lief ein halbes Dutzend Manner zusammen um bas Pferb, bas offenbar scheu geworben war unb seinen Herrn aus bem Wagen geworfen hatte, anzuhalten. •

Hella raste in bie Menschen hinein, datz sie sluchenb ausetn« anberstoben. .

In Settin schob man einen Mistwagen quer über die Straße unb brachte sich im letzten Augenblick hinter den Katen in Sicher-

Hella sprang über die Deichsel des Hindernisses. Der Schlachter­wagen zerschellte an dem klobigen Gutswagen. Aber ehe bte Leute herbeigelaufen kamen, war Hella aufgesprungen. Nur noch zwe: Deichselstümpfe hinter sich, rannte sie weiter. Rannte in einer halben Stunde die anderthalb Meilen bis Crivitz zurück. Vor dem Schlachterhaus stand Hella und wieherte, daß die Menschen aus den Häusern stürzten.

Die Frau des Schlächtermeisters erkannte an dem blutigen Mantel, was geschehen war. Sie spannte Hella vor einen anderen Wagen und jagte bald darauf — ben Arzt zur Seite — durch Settin, Göhren, Bahlenhüschen burch ben Bahlenhüschener Forst, an ber Rebsnwiese, bet Triangel, der TwMe vorbei, über die Kreuzschleuse in ben Friebrichsmoorer Forst. Nicht nötig, am Zügel zu rucken, mit der Zunge zu schnalzen. Hella rannte, was ihre Kräfte hergaben. Als man jenseits bes Wulfshorstes zu ber Stelle neben bem Eansacker gekommen war, wo bie Blutlache am Wege schrie: „Hier!", stand Hella ohne Anruf still.

Man fand Serrahn unter Gebüsch im Weggraben. Er war noch am Leben. Und der Arzt tat, was er tun konnte.

Oft unb oft hat der Crivitzer Doktor dem genesenen Crioitzer Schlächtermeister geschworen: „Zehn Minuten später, ein andre, Mensch als ein Arzt — vorbei für immer! Verblutet!"

Rief ber Doktor ihn mit solchen Worten an, gebuchte Serrahn ohne Anruf bes tückischen Handwerksburschen, dessen man trotz allen Suchens nicht habhaft geworden war, bann trat er — gleichviel wo immer er sich befanb, im Stall, im Wald, auf der Landstraße, unter Menschen — zu Hella hin, legte sein Kopf an ihren Kopf und streichelte sie wie eine Geliebte.

Abenteurer der Keder

ZUM 70. TODESTAG FRIEDRICH GERSTÄCKERS AM 31. MAI

Außerhalb dessen, was man landläufig als ,,Literatur zu be­zeichnen pflegt, steht von jeher eine nicht germg zu schätzende Kategorie des Schrifttums, die, jenseits der Dichtung, manchmal sich ihr nähernd, in Einzelfällen in sie htueinreichend, den Seiet in fremde Länder führen, ihn durch Naturschilderungen unb Charakteristiken von Land unb Leuten belehren, burch farbige, buntgemischte, abenteuerliche Hanblunaen seine Phantasie anregen unb bem Drang zum Abenteuer bet tn jebem steckt, Genüge tun will. Ihre Verfasser sinb oft tm wahrsten Sinne „Schriftsteller des Volkes“: jede Generation kennt solche Lieblinge einer in die Hunberttausenve, wenn nicht in die Millionen gehenden Leserschaft.

Der bisher letzte dieser großen Abenteurer der Feder ist ber nun schon von zwei Generationen geliebte Karl May, bem bas letzte Jahrzehnt, wenn auch leider posthum, endlich die ihm ge­bührende Ehrenrettung gebracht hat. über der großen Wirkung seiner Reise- unb Abenteuer-Geschichten aber hat die deutsche Leier- schäft doch allzusehr die großen Vorläufer Old Shatterhands vergessen, die zu ihrer Zeit, wenn auch nicht den Weltxuhm des großen Volksschriftstellers des ausgehenden 19. Jahrhunderts, so doch, mit Maßstäben ihrer Generation gemessen für die Leserschaft ihrer Erfolgszeiten eine ähnliche Bedeutung hatten. Der größte unter ihnen — unb er allerdings bei aller Volkstümlichkeit letner Schreibweise zugleich ein wahres ja ein genialer Dichter — war ber geheimnisvolle Weltfahrer Charles Sealsftelb, ber in Wahr­heit Karl Post! hieß unb aus Deutsch-Mähren stammte. Zu seinen jüngeren Zeitgenossen gehörten bie vielgelesenen Schulderer bes „Wilden Westens“ Otto Ruppius unb Balbum Mollhausen. Die größte Popularität aber erreichte ber am 10. Mai 1816 in Ham­burg geborene Friebrich Eerstäcker, ber, Sohn eines tm ersten Viertel bes Jahrhunderts berühmten Bühnensängers, nach mttz- lungenen Versuchen im Kaufmannsberuf unb in der Landwirt­schaft 1837 nach Amerika auswanderte, dort nach echter Landes­sitte in den verschiedensten, darunter abenteuerlichen Berufen sein Glück versuchte, die Vereinigten Staaten in allen Richtungen durchstreifte unb nach seiner Rückkehr in bie Heimat eine ganze Bibliothek von Reiseschilberungen unb transatlantischen Romanen zu schreiben begann. Reiche Erfahrung oerbanb sich habet mit tusch geftaltenber Phantasie zu bunten Silbern, benen nte bte echte Lebensfülle fehlt. Die Naturhastigkeit unb Kraft seiner Gestalten, seine Anlehnung an bie große, unerschöpfliche Natur selbst waren ein wohltuenbes Element tm Schrifttum der Zeit, bas an epigonen­hafter Überfeinerung unb binnenlSnbisch-klemstSbtffcher Enge bes Gesichtskreises krankte.

In fünf großen Reisen hatte Friebrich Eerstäcker einen bebeu« tenben Teil der Welt kennengelernt. Dem mehrjährigen Jugend- aufenthalt in Amerika folgte 1849/52 eine Weltreise durch Sud- amerika, Kalifornien, bte Sandwich- unb bte Eesellschaftsinseln, bas süböstliche Australien unb Nieberländisch-Jnbien. Die britte Reise, 1860, hatte zum Hauptzweck ben Besuch ber deutschen Sieb« langen in Südamerika: 1861 kehrte Eerstäcker nach eingehender Be­reisung van Panama, Ecuador, Peru, Chile, Uruguay und Brasilien nach Deutschland zurück. Im folgenden Jahre begleitete er den Herzog Ernst von Koburg-Eotha nach Ägypten und Abessinien und 1867/68 besuchte er auf einer abermaligen trans­atlantischen Reffe Nordamerika, Mexiko, Ecuador, Venezuela und Westindien.

Aus dem so erworbenen großen Fundus an Erfahrungen, Beobachtungen und Kenntnissen schöpfte Friedrich Eerstäcker nicht nur seine großen Romane, wie „Die Regulatoren in Arkansas, „Die Flußpiraten des Mi fisfippi" usw.> auf ihrer Grundlage ent­faltete er auch eine ausgedehnte publizistische Tätigkeit, bte u. a. in bcr Verteibigung der Interessen der deutschen Auswanderer unb Ansiebler in fernen Säubern, besonders in Südamerika unb in ber

immer roieberholten Betonung der Notwendigkeit fester national« Institutionen für die Vertretung der deutschen Interessen tn den außereuropäischen Ländern Ziele setzte unb Erfolge errang, die, besonders in den politisch schläfrigen Zeiten vor 1848 unb nach 1850, ben Dank bes beutschen Volkes nerbienten.

Als Friebrich Eerstäcker am 31. Mai 1872 aus bet Welt ging, bte für ihn bunter unb abenteuerreicher gewesen war als für die Mehrzahl feiner Zeitgenossen, konnte er auf ein gedrucktes Sehens­wert zurückblicken, aus dem Millionen Leser Freude, Selehnmj tn» Anregung geschöpft hatte. . Johannes Mou«.

Bunte Geschichten

VON HANS BETHGE

Ausgleich

Händels Oper „Rinaldo" war lange Zeit das Zugstück d« Oper in London, und der Verleger des Werkes, Walsh, verdiente über 1500 Pfund daran. Händel selbst hatte nur lehr mäßige Ein­nahmen durch das Werk, und als ihn Walsh eines Abends auf einer Gesellschaft fragte, ob er nicht eine neue Oper des Meisters erwarten dürfe, entgegnete Händel:

„Ein Vorschlag, mein Lieber. Damit ein Ausgleich zwischen uns zustande kommt, sollen Sie meine nächste Oper komponieren, und ich will sie verlegen!"

Der Herr Oberlehrer

Ein Oberlehrer sühlte sich berufen, die Briese Goethes an Frau von Stein herauszugeben natürlich mit einer Fülle von philosophischen Fußnoten. Einer ber ersten wiedergegebenen Briefe bes Dichters zeigt bie Anrebe „Liebe Frau!' Der nächste beginnt .Liebste Frau!'

Hinter .Liebste Frau' setzte der Oberlehrer ein Sternchen, und in der Fußnote bemerkte er: „Die Leidenschaft wächst".

Etwas von Bückingen

Als Peter der Große die Hansestadt Reval besuchte, gab der Senat dem hohen East ein Essen im Rathaus. Als Vorspeise wür­ben Bückinge gereicht. Der Zar kannte diese geräucherten Fische nicht, fie mundeten ihm vortrefflich, und er fragte den Bürger­meister, der an seiner Seite saß, was das denn sei.

Dem Bürgermeister schlug das Gewissen wegen dieser einfachen Vorspeise, und er entgegnete demütig:

„Maiestät, es sind knappe Tiden . . ."

Als Peter längst wieder in Petersburg war, kamen ihm eines Tages die wohlschmeckenden geräucherten Fische von Reval in den Sinn. Er schickte also einen Boren in die Hansestadt mit dem Ersuchen, man möchte ihm eine Tonne Knappetiden nach Peters­burg in die Schloßküche senden.

Die Senatoren waren ratlos, sie überlegten, was der Zar mit diesem sonderbaren Ausdruck meinen könnte, unb kein« vermochte bas Rätsel zu lösen. Enblich meldete sich der Rats- biener, ber den Zaren bei Tisch bedient hatte, und meinte lächelnd, der Herr Sünjermeifter habe ja dem Zaren auf seine Frage nach der Art der Fische entgegnet, es seien knappe Tiden.

Nun lachte man befreit auf unb wußte, um was es sich haiibelte. Es wurde eine Tonne der besten frischen Bückinge zy- rechtgemacht, und einige Tage später hatte der Zar zu seine« Wohlbehagen die guten „Knappetiden" auf bem Tisch.

Vergeltung

HllllfflllllllllllllllllllllllllMIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIHIIIIlIHN ..........................................................................................................Illllllllllllllllllll

Lustige Ecke

Worauf es ankommt

..Diese Woche Babe ich dir eine andere Arznei verschrieben, Fritzchen", sagt oer Doktor. ..du bekommst letzt Tabletten anstatt Pillen." „Ich will aber Pillen baden. klagt „Aber Jungo» es ist ja gar Jein Unterschied zwischen beiden. „So? Haben Sie schon mlfi versucht. Tabletten durch eine Luftbüchse zu schießen?"

Mitgefühl , .

Schmidt saß abends gemütlich im Wirtsbaus als, em Nachbar gelaufen kam: „Komm' nur. i6 habe eben einen Einbrecher in dein Haus schleichen leben. . „Aw. der arme Kerl.", erwidert Schmidt gelassen. „Meine Frau wird denken, i ch bin's." .

Nickt auszudenken

Zwei Männer philosophieren über die, heutige Gene­ration. „Ja", sagt der eine, ..wir find „kluger als uniere Väter. Und die waren klüger als ihre Vater." Der andere blickt den Gefährten sinnend an. dann bricht er verwundert aus: „Menfckenskind. wie dumm muß da dein Großvater gewesen sein!"

Es dauert ihr zu lange

Glauben Sie nickt auch. Fräulein Elisabeth. daß die Eben im Himmel geschlossen werden? „Ganz sicher, wenn alle Män.ner so viel Zeit brauchen wie Sie. ehe sie einen Antrag machen."

Ser Philosoph unter den Sichtern

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3 3 5

2 12

5675859 = siehe Anmerkung

3 = Verwandler

= Stadt in Frankreich

5 = Hülienirucht

9 = Hausvorbau

3 = Naturerscheinung

3 = Handwerkszeug

= deutscher Fluß

.= javanische Münze

= altes Maß

12 = Kunststil.

Anmerkung: Die erste waagerechte Reibe und die An­fangsbuchstaben der Wörter von oben nach unten gelesen sind gleichlautend und ergeben nach richtiger Lösung einen zeit­genössischen deutschen Dichter.

Auflösung des Silben-Rätsels „Zwei streiten sich in Nr. 119: 1. Leber. 2. Ilse, 3. Eremit. 4. Bali. 5. Eberesche. 6. Unteroffizier. 7. Niedertracht. 8. Davos. 9. Vanille. 10. Enkel. 11. Richard. 12. Niere. 13. Uri. 14. Note. 15. Flotow. 16. Trapez. 17. Seebad. 18. Insulin. — „Liebe Und Vernunft sind zwei edle Streiter!"

Sokrates ging aus, um einen Freund zu besuchen. Der Freund lehnte in der Tur seines Hauses, Sokrates bemertte es aus der Ferne. Als aber der Freund den Philosophen sich nähern sah, trat er schnell in das Haus zurück und sprach zu seinem Diener:

„Wenn Sokrates kommt, so sage ihm, ich sei ausgegangen."

So geschah es. Sokrates war zwar verwundert über die Worte des Dieners, aber er machte keine Einwendungen, sondern schwieg und ging betrübt nach Hause.

Einige Tage später kam der Freund zu ihm. Sokrates öffnete selbst, sah den Freund mit bedauernder Miene an und sagte:

„Wie schade, daß du gerade jetzt kommst, wo ich ausgegangen bin."

„Du bist ausgegangen?" fragte der Freund verwirrt, „aber du stehst doch frisch und gesund vor meinen Augen!"

„Neulich war ich bei dir", erwiderte nun der Philosoph, „und du ließest dich durch deinen Diener verleugnen. Dennoch glaubte ich seinen Motten. Und den Motten deines Freundes willst du nicht glauben?“

Kalte Dusche

Nicht lange nachdem Gottfried Keller seinen „Grünen Heinrich" veröffentlicht patte, meldete sich ein begeisterter Mann in Kellers Stammkneipe und wollte durchaus den berühmten Dichter kennen­lernen. Als es ihm gelungen war, dem von Natur ziemlich mür­rischen Keller vorgestellt zu werden, sagte er zu ihm:

„Herr Staatsschreiber, Ihr Roman ist der tiefste und herr­lichste. den ich jemals gelesen habe. Sie müssen ihn mit Ihrem Herzblut geschrieben haben.“

Keller, ein Feind aller Phrasen, entgegnete trocken:

„Nein, mit Tinte."