Montag. 13. Oktober 1941
Wiesbadener Tagblatt
Nr.rio Seite 5
Das zweite Leben der MARIA HÖFT
Das Schicksal einer Frau von Friedr.Arenhövel
24. Fortsetzung
(Nachdruck verboten)
..Für Ihre Hilfe danke ich!"
..Schlimm für meine Simone", sagt er mit einem widerwärtig webleidigen Lächeln.
„Sie wissen, wo meine Mutter ist?"
„Ja", sagt er flüsterleise.
„Wo?"
Er zieht ein Panier aus der Tasche, breitet es auf den Tisch, holt einen Füllhalter hervor und fordert:
„Ihre Unterschrift. Fräulein Höft."
Maria liest. Es ist eine Verzichtserklärung aus ihre Rechte und Ansvrüche aus dem Erbe Hubertus Langes. — Er bringt den Halter zwischen Marias Augen und das Pavier.
„Nein."
„Augenblick, bitte. Ihrer Mutter geht es leider nicht besonders gut. Sie sollten lieber unterschreiben."
Da geschieht etwas Seltsames und Unerbörtes mit Maria. Einer vlötzlichen Eingebung folgend, beugt sie sich nieder und unterschreibt genau so. wie Lange es in diesem Augenblick anordnet: Maria Lange, genannt Maria Höft.
„So — danke — sehr."
Maria sinkt auf einen Stuhl nieder. Wie aus einer Verwirrung erwachend, fragt sie noch einmal:
„Wo ist meine Mutter?"
Er blickt sie mit kalten Augen an und erwidert sachlich:
„Würde ich — Ihre Unterschrift brauchen, wenn ich wüßte, daß meine Schwester lebt?"
Maria sinkt zusammen. Ihre Kräfte sind völlig erlchövst. Sie starrt ihm nach, starrt auf die Tür. durch oie er gegangen ist, und versucht zu ergrübeln, warum sie unterschrieben hat. Sie hat doch einen ganz folgerichtigen Ge- dankengang gehabt?
Nun kann sie überbauvt nicht denken. —
Am Abend muß sie auftreten. Es ist nur eine kleine Rolle, aber Maria muß bis zur Schlußszene bleiben. Noch immer in ihrem verworrenen Zustand, bittet sie den Intendanten wäbrend der großen Pause um Disvens von der morgigen Probe. Er gewährt ihn sofort und fragt:
„Sie sind ja so verstört?" —
„Sa, etwas, ich" —
„Zu Sause etwas?" —
„Meine Mutter" —
„Fräulein Höft, wenn die Zeit zu knavv ist. wird Fräulein Stettendorf Sie sicher morgen abend vertreten.
„Danke,- ja."
Verstört. Ja. das ist das richtige Wort. Maria erreicht den letzten Zug nach Plön in der allerletzten Sekunde. Immer noch, während der ganzen Fahrt, fällt ihr nicht ein. was sie zu dem Entschluß der Unterschrift gebracht hat. — Hat Lange sie etwa hypnotisiert? Ist das Langes Macht über Simone?
Plön liegt weiß da. Es sind inzwischen Monate verstrichen. Maria stapft durch den klebenden Schnee. Im Hotel ist noch Licht. — Zuerst ein Zimmer nehmen, dann Knudsen anrufen.
Auf dem Hotelflur ist niemand. Maria klinkt die East- zimmertür auf.
Da sitzt Knudsen mit einigen Herren, steht auf. tritt ihr entgegen, preßt ihre Hand und fragt:
„War er bei Ihnen?"
„Ja."
„Herr Ober, bitte mal Licht im Klubzimmer! — Meine Herren, entschuldigen Sie mich." Er öffnet Maria die Tür: „Wenn ich bitten darf."
Nun sitzt Maria da. — Ja, ein Glühwein könnte wirklich gut tun. — Er ordnet besorgt an: „Und bis dabin ruhen wir aus."
Maria trinkt. Dann erzählt sie mit einem Grauen vor der Stelle, an der sie gestehen muß. daß sie nicht mehr wisse, was sie sich bei der Unterschrift gedacht hat. Es macht ihr Mühe, die einfache Entwicklung des Gesprächs ;usammen- zuholen. Sie wird immer zögernder, je mehr sie sich der Leere ihres Gehirns nähert. Aber nun ist sie doch dort, und sie stammelt sich zurecht:
„Ihre Unterschrift" sagte er. Ich las es durch. Es war ein Verzicht auf die Erbrechte, und ich sagte nein dazu. Dann sagte er. es ginge meiner Mutter nicht gut. und ich könne sie mit der Unterschrift retten." — Nun ist es aus mit Maria.
„Ja? Weiter? Fräulein Höft!"
Maria richtet sich auf. Sie atmet tief und hat plötzlich das Gefühl, als hehe sich eine Last von ihrem Kopf. Nun weiß sie es mit einem Male und Re hastet es hervor, um es nicht wieder zu verlieren:
„Mir schoß es plötzlich durch den Kopf, wenn ich unterschreibe. muß er auch noch Simones Unterschrift bringen, wenn er zu seinem Ziel kommen will. So kann man Re finden. Und doch: Wenn ich verzichte, ist er der berechtigte Erbe. Daun kann er die Todeserklärung einreichen. Und wenn er das getan bat. dann kann ich es auf meinen Eid nehmen, daß er gedroht hat und Simone also leben muß. Und wenn es nötig ist. dachte ich. gilt meine Unterschrift nicht, weil Re unter Zwang war. Ja. das. nein ich Überlegte es nicht, es war alles nebeneinander da."
„Hm. Ja — und dann?"
„Als ich unterschrieben hatte, wußte ich nicht mehr, warum. Ich war völlig verstört, und in der Bahn fiel mir ein. vielleicht Hypnose —"
„Nein, Fräulein Höft, das glaub' ich nicht. Bei Ihnen war es ja das Gegenteil davon, eine allzu plötzliche Konzentration während eines Zustands stärkster Erregung. — Das gibt es. daß dadurch die Reaktion eines vorübergehenden Unvermögens des Gedächtnisses eintritt. Was Sie da nebeneinander gedacht haben, das war ja ausschließlich Ihre eigene Logik contra Lauge. Aber nicht umgekehrt.'
„Ja, jetzt seh' ich es auch", gibt Maria beschämt zu. Er hilft ihr mit den sachlichen Feststellungen:
„Mir scheint, Sie taten recht daran, zu unterschreiben, denn das dürfte stimmen, daß Lange die Absicht hat, etwas Neues zu unternehmen. Das könnte unter Umständen zu Aufschlüßen führen. — 3m übrigen aber würde er natürlich glatt bestreiten. —"
„Ich kann schwören!"
„Sie haben keinen Zeugen. Sie haben sich einfach verhört. Nein nein, so ist dem Herrn nicht beizukommen."
Maria blickt vor sich nieder. Da sitzt Re nun. Das hätte sich auch schriftlich erledigen laßen. Diese Flucht zu Knudsen ist nun entsetzlich peinlich, so Hals Über Kopf — mitten in der Nacht von Hamburg nach Plön.
Knudsen seufzt auf und sagt:
„Ich bin Ihnen dankbar oder den Umständen dankbar, die Sie bergeführt haben."
Eben diesen Dank wollte Maria nicht! Sie blickt ihn an und wird in ihrer Abwehr rot.
Er schaut weg und sagt zögernd und sehr behutsam:
„Mir ist es lieb, mit Ihnen sprechen zu können. Es ist etwas eingetreten, womit ick nicht gerechnet habe. — Er nimmt beide Hände vom Tisch und fährt nachdenklich fort: „Vor zwei Monaten erhielt ich aus Hamburg einen Brief von einem Agenten, der früher Vermittlungen für süd- amerikanische Kabaretts hatte. Ein gewißer Philipp Schwarz. — Der Mann schrieb mir auf eine angeblich von mir eingegangene Anfrage, fingiert natürlich, er habe einem Fräulein Simone Lange unter dem Künstlernamen Simone Andrea ein Engagement nach Buenos Aires vermittelt. Seitdem habe er aber von der Künstlerin nichts mehr gehört."
„Ja. das ist richtig" wirft Maria heftig ein. — „Das hab' ich schon längst in Erfahrung gebracht."
„Von dem Agenten?"
„Nein, von Bekannten meiner Mutter."
(Fortsetzung folgt.)
Wirtschaftsteil
Die Gesellschaft für Liude's Eismaschinen 81®., Wiesbaden, meldet für 1940, daß alle Abteilungen voll beschäftigt waren. Der Eefamtumfatz betrug rd. 70 Mill. RM. Der Jahresabschluß weist einen Gewinn von 1664 648 RM aus. Die Vorräte sind um rd. 3 Mill, höher als i. V. Auf das berichtigte AK. werden 5 % Dividende gezahlt, davon wird 1»/» als Treuhandvermögen angelegt. Über den Geschäftsgang der Abteilung A Wiesbaden heißt es u. a. in dem Bericht- Im Eroßkältemafchinengeschäft war der Auftragseingang ein wenig schwächer als i. V„ aber wiederum recht be» friedigend. Bemerkenswert ist der erhöht« Anteil des Auslandsgeschäftes. Die Kühlhäuser haben befriedigend gearbeitet. Der Absatz in den Eisfabriken ist etwas zurückgeblieben. Die Beteiligungen arbeiteten durchweg befriedigend. Auch im neuen Jahre ist die Leistungsfähigkeit aller Abteilungen voll in Anspruch genommen. Die vorliegenden Aufträge stchern gute Beschäftigung über das Jahresende hinaus.
Berliner Börse vom 13. Oktober. Bei verhältnismäßig kleinen Wertschwankungen hielten stch die Umsätze in engen Grenzen; Kurssteigerungen überwogen, zahlreiche Papiere erhielten eine Strichnotiz. Akku, Aschaffenburger, Feldmühle und Siemens gewannen je 2, Siemens-Vorzüge 2% %.
Frankfurter Börse vom 13. Oktober. Bei weiter freundlicher Haltung waren besonders Ehemiewerte bevorzugt. Scheideanstalt, Erdöl, Goldschmidt je 2 % fester. Farben gut gehalten, Stahlverein etwas freundlicher; Deutsches Linoleum gaben 2% % her; Renten unverändert freundlich; im Freiverkehr hörte man meist 2 % höhere Geldkurse, so Eeiling 125 (123), Dingler 148 (146); Tagesgeld 1% %.
Notierungen vom 11. Oktober. Berlin: Reichsaltbesitz 162%. — Vgt. Stahl 145%, Farben 197%. — Frankfurt: dement Heidelberg 218, Ilse Genuß 195V2, Daimler 177%, Holzmann 273, Zellstoff Aschaffenburg 149, Scheideanstalt 372, Lahmeyer 176%, VDM 317, Licht und Kraft 272, Rheinmetall 182%, Berger 216%, Buderus 1381/e, Farben 198%, Westd. Kaufhof 141%, Bemberg 160, Eß- linger Maschinen 154—155. — Am Rentenmarkt: Reichsaltbefitz 162%, Steuergutscheine I 104%. — Im Freiverkehr: Dingler 146.
| Wissen Sie schon...? |
. . . welche Aufgaben der Baupolizei zufallen? — Diese Polizei, deren Zweck der denkbar sozialste und selbstloseste ist, hat nicht etwa nur die Konstruttion und die technischen Berechnungen der Bauten zu prüfen, sondern auch alle rechtlichen Voraussetzungen. Sie beaufsichtigt die Einhaltung der Fluchtlinien, das Vorlie- gen der Ansiedlungsaenehmigungen, die Einfügung in die Straßenfronten usw. Die Baupolizei wacht darüber, daß den . . . , „ v Vorschriften des Dieijahresplanes Genüge aeleistet wird, daß Industrie- und Verkehrsbauten, Theater, Licht- plelhanfer, Eroßgaragen und Lager für alle Zwecke sich dem bau- Uchen Eesaintbild etnfugen und den zweckmäßigsten Platz erhalten. N°ch der Abnahme der Bauten erfolgt eine ständige Überwachung bie Schaden verhütet, Nachbarrechte berücksichtigt und die technische Ausführung von Umbauten oder Reparaturen beaufsichttgt Die Bauvolrze. hat schließlich die Pflicht, viele Tankend- vm EinU wünschen und Ernzelplanungen dem Eenerakb^auunan,la» äj dem Landschaftsbild sinnvoll einzuordnen. Auch Wvftlche ttttb Verlegungen fallen unter ihre Aufsicht.
(Zeichnung: Delks, MA
.-„-Daren in der Hoben Tatra. Auf dem Kritzna, einem 1575 m hohen Berge der Hohen Tatra, nordwestlrch Neusohl, drangen, wie aus Preßburg gemeldet wird, zwei Bären in eine Schafherde ern und zerrissen 13 Schafe. Man veranstaltet jetzt Treibjagden. um der Bären habhaft zu werden, damit sie nicht noch mehr Schaden anrichten körnten.
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