Freitag. S. September 19H
Wiesbadener Tagblatt
Nr. 208 Seite 7
WERKMEISTER
BE|RT|HO|LD KRAMP
f Roman von RICHARD HOEPNER
78. Fortsetzung (Nachdruck verboten)
„Aber Herkommen, das darf ich doch. Schwester, zu Ihnen und mich nach ihm erkundigen?"
„Natürlich dürfen Sie das: und wenn Sie ihm etwas mitbringen wollen: er muh viel Obst- essen, alles andere bekommt er hier."
Während der nächsten zwei Wochen wurde Fränze Isens Geduld auf eine harte Probe gestellt. Wie lang ein Tag und eine Nacht sein konnten! Sie hätte die Zeit vorwärtsdrehen mögen. Jeden zweiten Tag fuhr sie zum Krankenhaus. Meistens stahl sie sich während Wullenbergs Tischzeit aus dem Werk.
Kurz vor dem Krankenhaus gab es ein Gemüsegeschäft. das durch sein sauber und appetitlich hergerichtetes Schaufenster jedem Vorübergehenden ausfallen muhte. Wenn der Inhaber den kleinen, grauen Wagen mit den roten Sitzen vor seiner Tür hatten sah, beeilte er sich hinaus zu seinen, Kiepen und Körben. Die junge Dame kaufte immer so viel gutes, teures Obst.
Bei ihrer Rückkehr wartete Borchert meistens in der Garage auf sie. Er brannte darauf, von Alfred Pätzolds
Zustand zu hören, und sie entledigte sich ihrer Berichte mit übersprudelnder Stimme. Ihre Augen strahlten dabei.
„Schwester Elisabeth sagt, er kommt wunderbar vorwärts."
„Herr Borchert, denken Sie. heute bat er zum erstenmal von selbst nach einem ordentlichen festen Essen verlangt, sagt Schwester Elisabeth."
Was Schwester Elisabeth gesagt hatte, war ein Vermächtnis: und Fränze Isen konnte zu Borchert und zu dessen Frau ohne jede Hemmungen darüber sprechen. Sie hatte das richtige Gefühl, dah die beiden längst wuhten, wie es in ihrem Inneren aussah. Sie empfand es als ein Glück, Borcherts zu haben.
Sie war ein Mensch, der sich aussprechen muhte. Je zufriedenstellender Schwester Elisabeths Auskünfte wurden, desto gröher wurde Fränze Isens innere Ungeduld. Sie ärgerte sich darüber, daß sich dieser Zustand auf ihre Arbeitsweise übertrug. Es geschah hin und wieder, dah sie Wullenberg aus irgendeine Frage eine völlig zerstreute Antwort gab. Wullenberg konnte rasend werden, wenn jemand seine kurzen, abgerissenen Sätze nicht sofort begriff. Dah die Isen plötzlich versagte, war etwas Unerhörtes.
Einmal, als sie vor ihm stand und auf eine Unterschrift wartete, unterbrach er plötzlich das Durchlesen ihres Schreibens und schlug unwirsch mit der Faust auf den Tisch.
„Das ist doch Quatsch. Isen! So habe ich Ihnen das im Leben nicht gesagt. Lesen Sie sich das nochmal durch."
Er reichte ihr das Papier ärgerlich zurück und musterte sie mit einem ungnädigen Kopfschütteln. „Sagen Sie mal.
was ist eigentlich in der letzten Zeit mit Ihnen los, Isen? Sind Sie verliebt oder so was Gutes?"
Ihr lächelndes Gesicht drückte eine komische Entrüstung aus. Wo werde ich so etwas Unerhörtes tun! schien es sagen zu wollen. Als Re schweigend ging, warf Wullenberg ihr einen grimmigen Blick nach. Natürlich steckte ein Kerl dahinter: irgendeiner von den jungen Windbunden.
Manchmal, wenn Fränze Isen der Zeit entgegensab. in der Re vor Alfred Pätzold stehen würde, überfiel Re eine leise Bangigkeit. Sie würde ihm nicht nachlaufen, wenn er sie nicht mochte: dennoch war Re entschlossen, ihn nicht kampflos aufzugeben. Sie wußte, wer sie war und wie sie aussah. Es waren gute, erlaubte Waffen, mit denen Re sich für diesen Kampf rüstete. Ihre Augen blickten sehnsüchtig in ein fernes, unerschlossenes Glücksland.
Das Ereignis, auf das ihr ganzes Denken hingezielt hatte, nahte sich schneller, als Re zu hoffen gewagt hatte. Sie durfte zu Alfred Pätzold gehen. Es war der bedeutungsvollste Tag in ihrem bisherigen Leben. Sie hatte Rch für die Stunde geschmückt wie ein Fest. Beide Arme vorsichtig um eine Anzahl Tüten und Päckchen haltend, stieg Re eilig die Steintreppe des Krankenhauses hinauf. Schwester Elisabeth erwartete sie am Ende des Ganges vor einer offenen Tür. Uber ihr rundes Gestcht ging ein gutmütiges Lächeln.
„O Gott, Kindchen, ich glaube. Sie haben wieder einen ganzen Obstladen leergekauft." Sie nahm ihr die Tüten ab und trug Re auf den Tisch in dem Wirtschaftsraum. FHnze Isen batte das größte Päckchen in der Hand behalten.
(Fortsetzung folgt.)
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