Seite I Nr. 184
Wier-Dadener Tagblatt
Freitag. 8. August 1941
WERKMEISTER
BERTIHOLD K|RAMlP
C Roman von RICHARD HOEPNER
54. Fortsetzung (Nachdruck verboten)
Es war, als hätten sie sich in jener Nacht losgelöst von der blutigen Leiche, um sich mit langen, unsichtbaren Fäden mr seine Fersen zu heften. Zum erstenmal überkam ihn die rorkenntms, dag er unterliegen werde. Er erschauerte unter ihrer Schonungslosigkeit.
. , Seine. Schritte wurden länger und kraftloser. Hilfe- suchend blickte er hinüber auf die andere Straßenseite. Ein "Zullendes Warnungssignal eines dicht an der Bordschwelle vorbeisturzenden Wagens vernahm er wie aus weiter Ferne.
.Als er zehn Minuten später durch das Friedhofstor schritt, stand er seinem eigenen Handeln gegenüber rote dem eines fremden Menschen. Er erschrak davor und begriff nicht, warum er es trotzdem geschehen ließ.
Der Anblick der gleichförmigen Rasenfläche, die sich neben bent grellen Sonnenlicht des Hauptweges entlangzog, wirkte irgendwie beruhigend auf ihn. Uber das niedere Buschwerk eines gewundenen Seitenpfades schoß ein Wasserstrahl durch bte heiße, flimmernde Luft und senkte sich in weitem Bogen in ein Eewoge von weißen und lila Blüten. Kramp war davor stehenaeblieben. Hinter dem sprühenden Sprengbogen tauchte ein breitrandiger, verschossener Strohhut auf. Das braune Männergesicht darunter war alt und ruhig. Es erweckte in Kramp ein Bild aus seiner Jugend. Sein Vater war Gärtner gewesen. „Ich hätte es auch werden sollen, ich wäre Ereininger nie begegnet..
Ein Stück hinter der Halle verließ er den Hauptweg. Sein Blick ging hinweg über die Denkmäler und Hügel, aber es war kein Suchen. Von weitem erkannte er jenen rötlichen Marmorstein, den er selbst nie zuvor gesehen hatte, von dem nur irgend jemand im Werk erzählt hatte. Wieder murmelte er vor sich hin: „Ich gehe wie auf Schienen."
Plötzlich drängte ihn eine wachsende Ungeduld, schneller an [ein Ziel zu kommen. Er nahm den kürzesten Weg. Mit rücksichtslosen Schritten zerriß er das Rankengewirr zusammengewucherter Gräber. Er stieg hinweg über halbverfallene Hügel.
In demselben Augenblick, in dem er vor Ereiningers Grab trat, wußte er, daß ihn seit Wochen etwas gequält hatte, davor jju stehen. Ein Karrenrad quietschte durch die Stille. Er hörte es nicht. Ein Arbeiter schob einen Berg trockener Kränze vorüber. Er warf einen halben Blick auf den hageren, weißhaarigen Alten zwischen den Gräbern.
Immer dasselbe Elend, einer bleibt immer - zuerst übrig, dachte er und rouchtete weiter an seiner rollenden Last.
Kramp sah sekundenlang unbeweglich hinunter auf den Hügel. Ein Vorübergehender hätte glauben können, er betete davor.
Dann schüttelte er rote in zorniger Abwehr den Kopf. „Nein!" Er wiederholte das Wort noch einmal. Es hatte heiser und fast drohend geklungen. Er wußte, daß er nie Neue über seine Tat empfinden können würde.
Die schwarzen Buchstaben auf dem hohen Stein formten sich vor seinen Augen zu einem schwarzen, scharfen Strich. Er sah Ereiningers aufgeschwemmtes, verlogenes Gesicht. Wie in höhnischem Triumph grinste es ihm entgegen. Er ballte die Fäuste, um es zu zerschmettern. Ein fürchterlicher Haß gegen den Toten erfüllte ihn ganz und gar. Erst nach und nach kam ihm wieder nur Ereiningers langer, schwarzer Name von der rötlichen gekörnten Fläche entgegen. Die Wut floh aus seinem Innern. Es gab keine Gespenster, es gab nur die Wirklichkeit.
Ein eisiger, brutaler Zug ließ sein Gesicht erstarren. Er wandte sich iah von dem Grab ab und verließ es. Es war gut, daß ich hier gewesen bin, dachte er und holte ein paarmal ruhig und tief Atem. Wieder unterlag er seiner Selbsttäuschung. Bin ich ein altes Weib, daß ich vor Schatten den Kopf verliere? Was war geschehen? Pätzold war verzogen, das wa^ alles. Morgen oder übermorgen würde ein Brief von dem Jungen da [ein.
Es war wieder das Bild des Kriminalrats, das sich hineinzwängte in seine Vorstellung. Sollte dieser Wahnsinn nie aufhören? Die Polizei hatte längst andere Aufgaben. Es gab keinen Mordfall Ereininger mehr für jenen Kriminalrat Wegener. Der Mörder Ereiningers hatte in Hamburg auf der Flucht vor der Festnahme Selbstmord verübt. So war es.
Kramp tastete nach feiner Brusttasche. Seit Wochen trug er die Zeitung mrit der kurzen, erlösenden Notiz bei sich. Er hatte den Wortlaut so oft gelesen, daß er ihn auswendig hersagen konnte, aber trotzdem mußte er ihn wieder lesen. „Es ist alles in Ordnung!"
Er hatte die Worte durch die aufeinanbergebiffenen Zähne gestoßen. Er steckte bas Papier an seinen Platz zurück. Mit kurzen, stampfenden Schritten ging er weiter. In ben nächsten Minuten schon fühlte er sich wieder zurückgeschoben in feine Lchnmächtigkeit. Er wagte es nicht, denselben Weg zu nehmen, den er gekommen war. Die Übersichtlichkeit des breiten, schnurgeraden Hauptweges barg plötzlich tausend Gefahren in sich. Er wich davor zurück hinter die Büsche und Hecken.
Er floh, von dem Friedhof wie aus einer sich öffnenden Umklammerung.
+
Ursula schwebte in keinem atemraubenden Glücksrausch. Sie erlebte das feste, klare Glück einer reifen Frau. Sie
hatte Jack Witherspoon herausgerisien aus seiner Derb iWerten Abgeschlossenheit. Darauf war sie stolz. Ihretwegen hätte er seine Kriegsverletzung nicht mit der schwarzen Seidenbinde verdecken zu brauchen, aber sie wußte seine Rücksichtnahme zu achten und verlor kein Wort darüber.
Jedes neugierige Anstarren, das sein halbverdecktes Gesicht traf, verkürzte sie mit ihrem kühlen, geraden Blick. Ihr abweisender Ausdruck konnte sich in solchen Momenten bis zur offenen Verachtung steigern.
Erst am sechsten Tage fuhren sie gemeinsam zu Ursulas Eltern. Sie hatten den Nachmittag an einem kleinen versteckten Märkischen See verbracht, den Ursula ausgekundschaftet hatte. Sie waren geschwommen unb hatten Hinterher im Grünen gelagert. Der Widerschein von Wasier unb Wald spiegelte sich auf ihren Gesichtern.
Es war zu der Zeit des Geschäftsschlusses, als sie in dem langen, flachen Zweisitzer wieder hinausglitten aus dem lärmenden Wirwarr der staubigen Innenstadt. Die Straße zeigte herabgelassene Rolläden und vergitterte Schaufenster und war vollgestopft mit heimwärtsstrebenden Menschen.
Es war kein gutes Fahren: aber Jack Witherspoon schien irgendwie daran Gefallen zu finden. Er saß seltsam entfvannt hinter dem Lenkrad und verfolgte mit heiterer Aufmerksamkeit das wechselnde Bild der übervölkerten Fahrbahn. Er liebte es nicht. Signal zu geben. Mitunter hatte Ursula bas Empfinden, als führe er um einzelne Fußgänger herum.
Es war ein gutes Gefühl, so neben Jack zu sitzen und sich von ihm fahren zu lasten. Sie schmiegte sich angenehm müde neben ihm in das tiefe Polster und sah seinen Hantierungen zu. Sie liebte seine schmalen, festen Hände. Ihre Griffe wären so sicher und zielbewußt wie Jacks Liebe zu ihr.
Jack war jünger als feine Jahre. Ursula dachte daran, wie er am Strand einigen Jungen geholfen hatte, eine Sandburg zu bauern unb wie er mit ihr hinter dem Ball hergelaufen war.
Sie griff nach den flatternden Enden ihres Schals unb ließ den seidigen Stoff durch die Finger gleiten.
Es war einer jener wenigen Augenblicke, in denen Jacks Reichtum sie ein wenig bedrückte. Sic hatte bisher darüber nicht zu ihm gefvrochen.
„Es ist komisch, Jack. Manchmal bedauere ich es, daß du kein Mann mit einem kleinen Gehalt bist. Ich könnte dir meine Liebe bester beweisen." Sie blickte auf sein unbewegliches Profil. Als er den Wagen aus der belebten Straßenkreuzung gefahren hatte, nahm er die eine Hand vom Lenkrad und umfaßte ihr Knie. Ursula spürte sein großes Vertrauen in diesem stummen Druck.
„Verzeih mir, es war so ein Sprung für mich, Jack."
Er lächelte vor sich hin. Was für ein sauberer, prachtvoller Mensch sie war.
[Fortsetzung folgt.)
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