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Wiesbadener Tagblatt

Montag, 58. April 1941

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Drei Vorstellungen täglich: aus Beseht des tnoiiDerneurs. j£t hatte den Zirkusdirektor kommen lassen und besohlen:tote müssen soviel Vorstellungen geben wie nur irgend möglich. Und zu ganz billigen Eintrittspreisen, damit die Bude voll wird. Die Leute müssen von der Straße weg! Und dabet soll mir der Zirkus helfen!"

Gestopft voll war jede Vorstellung, frenetisch begeisterte sich das Publikum, das Haus dampfte, Musik schrie und gellte, die Leute in der Manege arbeiteten wie in einem Taumel . .Nun - ist es nicht herrlich?" rief der Direk­tor dem jungen Rastelli zu, als er ihm hinter den Künsten in den Weg lief.

Schrecklich ist es!" rief Enrico zurück.

Sowie er eine freie halbe Stunde hatte, raste er zum Postamt, um Telegramme an die Clarots nach Petersburg aufzuqeben. Er fieberte nach einer Antwort, aber sie kam immer noch nicht. Waren die Elarots etwa tot? Stellas Verlobter war dem Wahnsinn nahe; er wäre ihm verfallen, hätte er nicht seine Arbeit gehabt. Er funktionierte nur noch wie ein Mechanismus, arbeitete in der Manege, probierte zwischen den Vorstellungen, lief auf das Telegraphenamt, in die ManegeDas hält der Junge nicht lange aus!* flüsterte Santuzza ihrem Manne zu.

Viele fremde Artisten kamen durch den Zirkus, auf der Mucht vertrieben von ihren Arbeitsstätten, aus Städten, in denen Aufruhr flammte und das Leben zu ersticken drohte.

Eines Tages war plötzlich der alte Clown Joco da. Fünfundsiebzigjährig, weißhaarig, abgemagert zum Schatten, zitternd an allen Gliedern, mit einer flackernden Angst in den großen Augen, berichtete er von den Schreckensszenen in Petersburg. . v

Durch einen Zufall war er mitten in die rebellierende Menge hineingeraten, war zwischen Toten und Blutenden niedergesunken, als die Salven gekracht hatten, hatte stunden­lang in einem Haufen zerfetzter Leiber gelegen.Raftellrs! Ich sage euch, euer Großvater Diddi hat recht getan! schloß er mit hohler Stimme.Er hat sich noch zur rechten Zeit von dieser schlechten Welt verdrückt. Mein lieber alter Freund Ich rate euch, rate euch eins, Rastellis: Macht, daß ihr aus diesem Rußland wegkommt! Es wird eine Hölle, die euch alle verschlingt!"

Joco übernachtete im Wagen des Ehepaars Rastelli Am nächsten Vormittag ließ er sich nicht mehr halten. Er müsse weiterwandern, erklärte er; aber wenn man ihn fragte, wo­hin, gab er keine Antwort ...

,Mr müssen ihn festhalten", sagte Umberto zu seiner Frau.Und sei es mit Gewalt . . ."

Aber der alte Joco paßte einen Moment ab, da er aus dem Wagen entschlüpfen konnte, und verschwand.

»Tausende von Kilometern ist Petersburg von Jekaterina- slaw entfernt; aber ein kleines, knapp achtzehnjähriges Mäd­chen legte in diesen stürmischen Märztagen 1917 den unge­heuren "Weg über vielfach verworrene Eisenbahnlinien zurück, und so erschien Stella Clarot eines Abends, während der Vorstellung, im Zirkus Truzzi zu Jekaterinoslaw!

Umberto Rastelli sah sie zuerst, wie sie mit einem schweren Handkoffer über den Zirkushof keuchte. Wie jäm- merlich sah sie aus! Mager und blaß, verfroren, verhungert, mit zerzottelten Haaren, geröteten Augen. Zehn Tage und Rächte war sie ganz allein durch die russische Revolution ge­fahren. (Fortsetzung folgt.)

An sich könnte ich hier noch ein paar neue Nummern brauchen, weil ich ja ungewöhnlich lange bleibe", meinte Direktor Truzzi.Aber Reisegeld ab Petersburg kann ich nicht zahlen und bloß eine kleine Gage. Clarot ist ein tüch­tiger Pferdemensch und seine Tochter eine gute Drahtseil­nummer. Weshalb also nicht?"

Enrico strahlte. Das hatte er sich fein ausgedacht! Natür­lich würde er den Clarots von seiner Gage zulegen . . .

Hören Sie noch mal, Rastelli!" rief ihm der Direktor nachSehr billig müssen die Leute aber sein sehr billig!"

Enrico verfertigte einen Brief an seine Verlobte: Sie solle ihren Vater inständigst bitten, zu Truzzi nach Jekaterinoslaw zu kommen, und gleichzeitig einen Brief an Monsieur Clarot: Truzzi wolle ihn und seine Tochter gern 8 Nachdem er diese beiden Briese zur Post gegeben hatte, verspürte der junge Rastelli endlich einmal wieder etwas von Seelenruhe und Lebensfreude.

Vier Tage später, am 12. März, als in der Abendvor­stellung gerade die Musikclowns auf ihren GlockenMein Hut, der hat drei Ecken" spielten, verbreitete sich hinter der Gardine, wo auch Enrico als japanischer Jongleur schon zum Auftritt bereitstand, ein aufregendes Gerücht: In Peters­burg seien Revolten ausgebrochen, Militär habe in die Menge geschossen, zahllose Menschen seien getötet und verletzt. Artisten, die lesen konnten, hatten sich um ein Zeitungsblatt geschart und lasen einzelne Zeilen laut vor. Derjapanische Jongleur Poshmva" hörte wie gebannt zu, das Blut schoß »hm zu Kopf, seine Beine zitterten, in seinem Gesicht zuckte es da schrillte die Pfeife des Regisseurs, die Gardine wurde auseinandergerissen, et mutzte in die Manege.

Während die Bälle flogen und tanzten, hörte Enrico um sich immerfort ein leises Knistern, das ihn störte. Er konnte aber die Ursache nicht ergründen, bis ihm einfiel: Das war das Knistern jener Unglückszeitung hinter der Gardine! In demselben Auaeublick hatte er auch schon das Bild einer von Blut geröteten Stratze in sich. Es war zum Verrücktwerden! Er mutzte doch tadellos durcharbeiten! Das Publikum gab schon Beifall. Rur jetzt nicht patzen! Einer alten Lehre seines Erotzvaters Diddi gemäß suchte er sich einen festen Punkt im Publikum, eine rotblonde Frau in der Loge Num­mer 14. Auf sie heftete er nun seinen Blick ganz fest, und dieser Kunstgriff nützte: In tadelfreier Präzision führte der Japaner" seine Fangspiel zu Ende Als er wieder hinter der Gardine war, stürzte er sich gleich auf den Akrobaten, der die Zeitung in der Hand hielt:Was war in Petersburg? Lies vor!"

Was Enrico zu hören kriegte, war entsetzlich. Auf dem Newski-Prospekt in Petersburg hatte es wirklich ein Blut­bad gegeben; bann war Militär zu den Aufständischen über­gegangen, Tausende von Hungernden, Streikenden, Re­voltierenden durchzogen die Stadt, der Zar sollte abgesetzt werden, wilde Redner hetzten zu Plünderungen und Gewalt­

Fast dasselbe.

Nach allem, was ich Ihnen erzählt bade", sagt die un­glückliche Ehefrau zu dem Herrn Pastor, werden. Sie zu- geben, daß es bei diesen ständigen Grobheiten unmöglich ist. mit meinem Manne in Stieben zu leben. Was ich auch tue, et wirb eben boch nicht anbers. , , ,

e Der Pastor wiegt ben Kops: ..Haben Sie mal feurige Kohlen auf sein Haupt gesammelt?"..

Nein, aber ich habe es mit heißem Wasser versucht!

Der schwierige Name.

Herr Brenz kommt zur Behörde und beantragt bte Än­derung seines Namens. Als. ihm der Beamte erklärt, daß er keine Veranlassung sähe, diesen Namen andern zu lallen. nIlb.$a keine ^V?ranlallung? Ich habe mit diAffN°men die größten Schwierigkeiten. Wenn ick »um ®®}

Fernsprecher sage:Hier Brenz , dann kommt stets die Antwort Dann rufen Sie doch die Feuerwehr!

Zwischen Braten und Nachspeise.

ffir (vbilosophietend):Ja. ja. Gnädigste, auch mir geht es so wie jo manchem Eeistesmenschen: ie mehr Willen mit uns anzulesen meinen, um so weniger mwen wir

Sie (ungerührt):Mein Gott, muffen Sie aber schon viel gelesen haben!" ___

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taten, jede Ordnung schien aufgelöst, und die Deutschen sollten int Anmarsch sein!

Wie eine grausige Vision stand plötzlich Durows Prophe­zeiung vom Ende des Zarentums vor Enricos Augen. Jetzt war das Furchtbare Wirklichkeit geworden! . . . Unb mit einem Male schrie es in ihm auf, schrie er bem alten Akro­baten zu:Newski-Prospekt! Das ist ja gar nicht weit vom Zirkusgebäude Ciniselli! Hast bu Newski-Prospekt gesagt? War ein Blutbad auf bem Newski-Prospekt?"

Wie ein Irrsinniger raste Enrico davon, auf ben Hof, in seinen Wagen .. . Blutbab in ber Nähe von Ciniselli unb bei Ciniselli mar seine Stella Blutbab und seine Stella! Es sauste durch seinen Schädel, seine Glieder, daß er sich festhalten mutzte, um nicht tvehrrgeworfen zu werden. Was war zu tun was war zu tun?

Von vorn her dröhnte jetzt ber Marsch, mit bem die Zirkusvorstellung geschlossen würde. Enrico durfte also in die Stadt rennen, zum Telegraphenamt. Er gab ein Tele­gramm an Clarot, eins an Stella auf:Sofort kommen!"

Ob es ankommt, ob es zugestellt wird, weife natürlich fein Mensch!" sagte bet Beamte, während er die Wortzahl ausrechnete. c

An Schlaf war in dieser Nacht nicht zu denken. Die nächtliche Stadt war in einer seltsamen Spannung. Einzelne Häuser und Viertel waren ängstlich verdunkelt, verschlossen, und im grellen Gegensatz dazu stachen durch die Nacht er­leuchtete Strafeen. durch die lärmende Menschen zogen, Plätze, auf denen sich Maßen zusammenballten. Auch im Zirkus­gebäude waren die Menschen noch wach und besprachen auf­geregt die Schreckensnachrichten aus Petersburg, ereiferten sich in Vermutungen. Befürchtungen. Hoffnungen. Wer konnte wißen, ob diese Unruhe, die sich Gerüchten nach durch ganz Rußland ausbreitete, nicht das Ende aller Ver­gnügungen und Schaustellungen, also auch des Zirkus, herbei- führen würde? _ , . '

Am nächsten Morgen brachen auch in Jekaterinoslaw Krawalle und Revolten los . . . Aber ber Zirkus spielte!

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